Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-05-16 · 20 (16.5.1913) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
20 (16.5.1913)
Date
1913-05-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3022035-3022056--22132-3047262
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Dr. Blochs Wochenschrift Sette 357 Nr. 20 dauern, daß bisher noch keine Volksausgabe des Werkes existiert. Ich habe das Werk*) in einem Atem gelesen und ich kann ruhig sagen, daß es mir in diesen paar Stunden mehr jüdisch - geschichtliches Wissen gab, als zahlreiche Predigten. Welch' mächtigen Eindruck ruft es in uns, den Nachgeborenen schwerer Zeiten, hervor, wenn man liest, daß 40.000 Juden aus Wien ausgewiesen wurden, ohne daß auch nur ein Einziger den Versuch machte, durch eine Taufe sein Bleiben zu erkaufen, wenn man von den einzelnen Rechtsakten liest, die gesetzt wurden, um für die Gemeinde und deren Mitglieder mit großen Opfern Rechtssubjektivität zu gewinnen, wenn man erfährt, wie reiche, wohlhabende, schon damals geadelte Juden Geld und Mühe opferten, ja oft sogar ihr Leben damit verbrachten, um den armen Mitgliedern ihrer Gemeinde das Recht auf Handel und die Schaffung einer Existenz zu erwirken. Die gewisse Resignation, die einen beim Anblick der allwöchentlichen Tauflisten erfaßt, weicht einem festen Vertrauen. Ein Volk, das auf solche Ahnen zurückölickt — kann nicht untergehen. Hiezu ist aber notwendig, daß derartige historische Ereignisse der Jugend und den Erwachsenen vermittelt werden. Die Lokalgeschichte der Wiener Juden des 17. Jahrhunderts beginnt gerade damit, daß Bürgermeister und Rat der Stadt Wien sämtlichen jüdischen Mietern kündigt, wie dann diese Mieter auf dem sogenannten „Untern Werd" verwiesen wurden, wo sie sofort einen Tempel errichteten, wie dieser Tempel später durch Intrigen konstsziert und in eine Kirche umgewandelt wird. Es ist dies die heutige Leopoldskirche und diejenige Stätte, an der im Sinne der Antragsteller der Niebauerplatz errichtet werden soll. Eine Planskizze gibt uns über das damalige Judenviertel Aufklärung. Einen Teil des „Unteren Werd" bildete auch die Große Schiffgasse, die sich knapp bis zur Ghettomauer hinzog. Hier war der Sitz der jüdischen Behörden — denen zu gewissen Zeiten Gerichtsbarkeit über die Juden eingeräumt war — und der diversesten jüdischen Institutionen. Sie bildete neben der Hauptzeile der Judenstadt eine Grenzgasse derselben, welche zur sogenannten, in die Stadt führenden Schlagbrücke führt. Wird nun der Name dieser Gasse wegradirt, dann verschwindet ein Denkmal jüdischer Erinnerung, jüdischer Geschichte, jüdischen Martyriums. Diese Gasse war ein Passionsweg für den in die Stadt wegen seiner Geschäfte wandernden Juden. Sie war aber auch die Gasse, in der jüdisches Wissen, jüdischer Geist, jüdisches Gemüt, jüdische Kultur zur höchsten Entfaltung gelangte, kurz das gesamte Leben der Juden konzentrierte sich in dieser Gasse. Hier wirkte der gelehrte Leo Lucerna, der bedeutende Secharia Halevy, die Jsak Or Serua und viele andere große und hervorragende Männer. Es gibt in Oesterreich, wie in vielen anderen Staaten, Vereinigungen, deren Aufgabe es ist, darüber zu wachen, daß geschichtliche Denkmäler nicht nur nicht beseitigt, sondern mit Liebe gepflegt und erhalten werden und daß alles vermieden wird, was die volle Wirkung eines solchen historischen Denkzeichens irgendwie behindert. Wir Juden fühlten erst kürzlich die Tätigkeit dieser Vereinigung am eigenen Leibe. Seit langem besteht ja, wie bekannt, das Bedürfnis, das Amtshaus der israelitischen Kultusgemeinde in der Inneren Stadt umzubauen. Da verlangt nämlich die Gesellschaft zur Erhaltung der Denkmäler, daß der Ruprechtsplatz mit der Ruprechtsstiege und der Kirche nicht nur nicht verbaut, sondern im Ausblick gefördert werden soll. Dies hätte einen *) Geschichte der Juden in Wien bis zum Jahre 1625. Von Dr. Ignaz Schwarz. Mit 9 Textfiguren und 9 Tafeln. VIII und 64 Seiten in Folioformat. — Preis K 15'—. Geschichte der Juden in Wien 1615—1740. Von Dr. Max Grunwald. Mit 12 Textillustrationen und 9 Tafeln. IV und 35 Seiten in Folioformat. — Preis K 10'—. Beide Publikationen des Wiener Altertumsvereines sind nur in einer ganz kleinen Auflage von je 175 Exemplaren ausgegeben worden und sind zu beziehen von Gilhofer&Ranschhurg, Wien, I., Bognergasse 2. Verlust an Areal von immensem Werte für die Gemeinde zur Folge. Auch Gassennämen, die historische Bedeutung haben, dürfen nicht geändert werden. Wir leider müssen es mit ansehen, daß gerade Juden in Unkenntnis der Geschichte ein Wahrzeichen jüdischer Vergangenheit gemütlos vernichten wollen. Es hätte aber auch eine derartige Umbenennung, vom jüdischen Standpunkte aus betrachtet, noch eine andere Folge: Jeder orthodoxe und konservative Jude, welcher, namentlich aus Ungarn oder Böhmen, nach Wien kommt, weiß von seinen Urvätern her, daß, wenn er „Jüdischkeit" suchen will, sein Weg in die Große Schiffgasse führen muß. Auf einmal soll diese Gasse „Niebauergaffe" heißen. Wir wollen die Verdienste Niebauers in keiner Weise schmälern. Er war einer jener wenigen Arier, welche zur Zeit des Verfalls des Freisinns sich von der liberalen Partei nicht losgesagt haben, er war kein liberaler Stürmer, aber ein ruhiger, bedachter und objektiver Verwalter. Ihm ist die Treue zur liberalen Sache umso höher anzurechnen, als er ja, wie allen Eingeweihten bekannt ist, vom Hofe abhängig war. (Pachtvertrag Augarten.) Der herrlichste Platz im II. Bezirke ist noch immer nicht gut genug, die Erinnerung an diesen ehrenhaften Politiker zu tragen. Allein man verunehrt seinen Namen, wenn man ihn mit einem so unerhörten Vandalismus an einen durch die Geschichte geheiligten jüdischen Denkzeichen verknüpft. Bevor die Herren Antragsteller gewählt worden sind, führte sie auch ihre Agitation in die Große Schiffgasse. Ihre Absichten mögen löblich sein, allein ich empfehle ihnen, bevor sie den Antrag aufrecht erhalten, sich die jüdische Lokalgeschichte Wiens gründlich durchzulesen und wenn sie noch einen Funken jüdischen Gefühls und Ehrfurcht vor den Leiden und Erlebnissen ihrer Väter besitzen, so müssen sie diesen Antrag so rasch als möglich zurückziehen. Juden dürfen nicht die Hand dazu bieten, ein jüdisches Denkmal zu vernichten. Eine solche Maßregel wäre von viel verheerenderer' Wirkung als noch so lange Tauflisten. Tauslisten wirken auf die Gesamtheit nur für den Moment, Beseitigung von Marksteinen für die Ewigkeit. __ (Dom Aabrmarlrl des Lebens. Ein jüdischer Staatssekretär im Ungar. Justizministerium. Wie bereits gemeldet, steht die Ernennung des Reichstagsabgeordneten der Nationalen Arbeitspartei, Dr. Vadaß, zum politischen Staatssekretär imJustziministerium bevor. Von ihm stammt das unter dem Namen Ler Vadaß bekannte Gesetz, das die strenge Hausordnung der Koalitionsregierung wieder herstellte. und Vadaß war es auch, der die endgiltige Hausordnung ausarbeitete. Dadatz ist Jude. Graf Tisza wurde im Abgeordnetenhause wegen dieser Ernennung mehrfach interpelliert. Er erwiderte einer Gruppe von Abgeordneten: Wir üben keine konfessionellen Rücksichten, wir beachten nur den Charakter und das Talent. * * * Der Redakteur der „Allgemeinen Jüdischen Zeitung" in Budapest hatte mit dem neuen Staatssekretär eine Unterredung, über welche das genannte Blatt nachstehendes berichtet: Auf eine Anfrage des Journalisten antwortete der Staatssekretär: „Ich bin weder darum ernannt worden. weil ich Jude bin, noch auch darum, trotzdem ich Jude bin. Ich wenigstens habe keine Kenntnis davon, daß meine Zugehörigkeit zum Judentum Gegenstand der Erwägung gebildet hätte. Dieses Moment ist meines Wissens im Laufe der Unterhandlung, die in Verbindung mit meiner Ernennung gepflogen wurde, gar nicht zur Sprache gekommen. Ich habe die Stelle nicht ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.