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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1913-05-16 · 20 (16.5.1913) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
30 (1913)
Issue
20 (16.5.1913)
Date
1913-05-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 356 De. Vlochs Wochenschrift. Nr. 20 und pflanzen wir am Grabe die Hoffnung auf. Und gegenüber manchem leichtsinnigen Fant unserer Tage, der da glaubt, sich jenseits von Gut und Böse stellen und einfach die Wege der Sinnlichkeit wandeln zu dürfen, haben wir Respekt vor dem Gesetz in der eigenen Brust, vor dem kategorischen Imperativ der Pflicht, der da sagt: Du sollst! und: Du darfst nicht! Und ich habe den Mut, hinzuzufügen: Bleiben wir einig auch in der Liebe und Verehrung für den größten Sohn, den Ihr, das jüdische Volk, hervorgebracht habt. Ich gebe hier wieder, was einer der Ihren, Moritz Friedlaeuder hier in Wien, über Jesus geschrieben hat: , „Er war als luftreinigendes Meteor durch die Welt gezogen, und die zündenden und leuchtenden Strahlen, die von ihm ausgingen, konnten nicht mehr ausgelöscht werden. Er hatte das Licht, das er angezündet, nicht unter einen Scheffel, sondern auf .einen Leuchter gestellt, und so leuAtete es denn weithin: und wenn es auch in der Folge immer wieder durch kurzsichtige und finstere Pharisäer und durch verweltlichte Priester verhüllt wurde, es durchbrach und durchbricht doch stets von neuem die ausgenötigte fleischliche Hülle." Und so lange die jüdische und die christliche Gemeinde äußerliche getrennt ihren Weg ziehen, ziehen müssen, so lange werden die beiden und wir alle doch dreierlei beherzigen und nicht vergessen dürfen. Erstens: Wir sind alle, ganz abgesehen von der Konfession, Glieder eines Volkes, Sie des Ihren, ich des meinen, Söhne eines Vaterlandes, das wir lieben, für das wir zu Opfern bereit sind, wenn die Not der Zeit es erfordert. Zweitens: wir wollen weitherzig und warmherzig das Recht der bestehenden Religionen und Konfessionen anerkennen und daran arbeiten, daß zwischen allen Friede werde. Drittens: Ich sage mit dem edlen Dichter: Es eifre jeder seiner ünbestochenen, Von Vorurteilen freien Liebe nach, Es strebe von uns jeder um die Wette, Die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag Zu legen! Komme dieser Kraft mit Sanftmut, Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun, Mit innigster Ergebenheit in "Gott Zu Hülf'! Und wenn sich dann des Steines Kräfte Bei euren Kindes-Kindeskindern äußern, iSo lad ich über tausend tausend Jahre Sie wiederum vor diesen Stuhl — so sprach der weise Richter. Und mitten hinein in das Dichterwort erklingt die Verheißung des Propheten, daß ■ einst die Schwerter in Pflugscharen werden verwandelt werden. Meine verehrten Damen und Herren: Erscheint Ihnen das als bloßes Traumgesicht, als leerer Wahn, erzeugt im Gehirn des Toren? Nein, wir glauben an den Sieg, an den Fortschritt der Vernunft, der Gerechtigkeit, der Liebe. Wir glauben, daß die Völker der Erde noch höhere Aufgaben zu erfüllen haben, als in ewigem Wettrüsten ihre Kräfte zu erschöpfen oder in blutigem Ringen sich niederzuwerfen und Kultur zu Zerstören, nein, wir glauben, daß es die höchste Aufgabe der Menschen und der Völker ist, miteinander zu wetteifern in den Werken der Gesittung und der Gerechtigkeit. Wir lauschen immer wieder, wenn die Boten Gottes durch die heilige Nacht singen: Friede aus Erden, und wir wollen reden und handeln und streiten, daß dieser Sang Wahrheit werde! Ich schließe mit dem Worte des protestantischen Theologen Karl Heinrich Eornills: „Die Geschichte der gesamten Menschheit hat nichts hervorgebracht, was sich auch nur enffernt mit dem israelitischen Prophetismus vergleichen ließe: Durch seinen Prophetismus ist Israel der Prophet der Menschheit geworden." Frenetischer Beifall, der schon an manchen Stellen früher einsetzte, löste sich nach den Schlußworten von der Versammlung aus, die mit atemloser Spannung den vortrefflich vorgetragenen Worten des Redners gelauscht hatte. Hieran schloß sich! der innige Dank des Vorsitzenden, der darauf verwies, daß auch gegenwärtig noch ein fortwährendes Ringen stattfinde und in einem ganz speziellen, schmachvollen 'Falle , unausgesetzt alle idealen Kräfte in Anspruch nehmen müsse, daß jedoch das Judentum nicht die Hoffnung aufzugeben habe, da sich die Zahl derer, die Verständnis für die Aufgaben der Menschheit besitzen, wenn auch langsam, mehre. Mit dem Zitate Herders aus den „Briefen, das Studium der Theologie betreffend": „Wo ist ein so herrlich Volk, das so gerechte Sitten und Gebote hatte, wie diese Eottesgebote waren," verband er die Aufforderung an die Erschienenen, sich, selbst treu zu bleiben, in ihrem Kreise und jeder nach seinen Kräften dahin zu streben, daß die Austritte aus dem Judentum' möglichst verhindert werden. Langsam löste sich die Versammlung, die trotz des überaus schlechten Wetters eine, wie erwähnt, sehr ansehnliche war, und sich, aus den besten Schichten der Gesellschaft zusammengefunden hatte, hochbrfriedigt auf. Die „Große Schiffgassen". Von Dr. Carl Lifezis. Wie die Blätter berichten, stellten in der Bezirksvertretung des II. Bezirkes Herr Bezirksrat Bergl und seine Gesinnungsgenossen, zumeist jüdische Funktionäre, den Antrag, es möge der Platz vor der Leopoldskirche in „Niebauerplatz", und wenn dies nicht gehe, die Große Schiffgasse in „Niebauergaffe" „umgetauft" werden. Die Bemühungen um die Umbenennung der Großen Schiffgaffe spielen bereits seit einigen Jahren. In der Gaffe sind einige Umbauten erfolgt, es lebt Wohlstand neben Armut, reiche jüdische Familien hausen knapp neben proletarischen. Die wohlhabenden Juden nun haben teils ein finanzielles, teils ein soziales Interesse daran, daß die Benennung „Große Schiffgasse" verschwinde. Die Realitätenbesitzer bilden^ sich nämlich ein, daß durch die Aenderung des Gassenuamens der Wert ihrer Realität steigen müsse, weil eben ein Haus in einer andern Gasse mehr wert sei, als ein Haus in der Großen Schiffgaffe. Und so mancher jüdische Hausvater, der seine Tochter zu verheiraten hat, wünscht, daß seine französisch parlierende, klavierspielende und hochfeine Tochter auf dem Heiratsmarkte beileibe nicht in die Gefahr komme, als eine Jüdin aus der Schiffgaffe zu gelten. Unmittelbar vor Wahlen werden Kandidaten mit Anträgen, Interpellationen usw. von jüdischen Bewohnern — wohlgemerkt nicht von arischer Seite — bestürmt, daß die Gaffe einen anderen Namen bekommen möge. Noch unter der antisemitischen Bezirksvertretung wurde von einigen jüdischen Mitgliedern der damaligen freisinnigen Minorität der Antrag auf Umbesserung der,Großen Schiffgasse' gestellt,dies mit Umgehung desjenigen liberalen arischen Bezirksrates Heßenberger, dessen Rayon die Große Schiffgasie angehörte. Bezirksrat Heßenberger war über diesen Antrag empört und hat sich zum Entsetzen seiner liberalen Kollegen gegen denselben 'ausgesprochen. Herr Bezirksrat Heßenberger führte folgende Argumente ins Treffen: Es gehe nicht, sagte er, daß man diesem Anträge ein Mäntelchen umhänge, indem man ihn damit begründe, daß zwei Schiffgassen existieren, von denen eine zur Vermeidung von Postirrtümern in der Benennung abgeändert werden müsse. Da wäre es einfach Pflicht der Funktionäre, beim Stadtrat zu erwirken, daß alle gleichlautenden Gassen umbenannt werden. Aber gerade die Große Schiffgaffe herauszugreifen, ist eine antisemitische Maßregel. — Wiewohl diese Haltung des Herrn Heßenberger in den liberalen Korporationen als angeblicher Bruch der Solidarität Empörung hervorrief, mußte ihm jeder rechtlich denkende Mensch zustimmen. Nunmehr haben die jüdischen Mitglieder der liberalen Majorität in der Bezirksvertretung keine anderen Sorgen, als eben die Große Schiffgasse herauszugreifen und dieselbe zu „taufen". Humoristisch mutet die Formulierung des Antrages an: Geht es nicht vor der Leopoldskirche, dann vor der Schiffschul! Allein es ist ein eigentümlicher Zufall, daß, so komisch der Zusammenhang zwischen Leopoldskirche und Schiffschul auch wirkt, in der Geschichte der Juden in Wien ein Zusammenhang von furchtbarem Ernst besteht. Vor kurzem erschien im V. Bande der Geschichte der Stadt Wien, herausgegeben vom Altertumsvereine eine Geschichte der Wiener Juden des 17. und 18. Jahrhundertes von Doktor Max Grunwald. Dieses Werk bildet nicht nur eine Fundgruppe des Wissens für den jüdischen Historiker, sondern bedeutet auch ein hervorragendes Bildungsmittel für die jüdische Intelligenz und ist es nur zu be-

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