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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-05-10 · 19 (10.5.1912) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
19 (10.5.1912)
Date
1912-05-10
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 314 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 19 volle Mühe bei Beschaffung des reichen statistischen Materiales durch frenetischen Beifall. Als Vorsitzender fungierte der Schriftführer des Vereines Herr Oberinspektor F. R. Enge l, welcher die Versammlung mit nachstehenden Worten begrüßte, an welche Begrüßung sich sodann eine kurze Erklärung seitens des Dr. Grunwald anschloß. Herr Oberinspektor Engel führte aus: „8» Vertretung und im Aufträge des hochbetagten Präsidenten dieses Vereines, Herrn Dr. Szeberinyi, habe ich die angenehme Aufgabe, die verehrten Anwesenden herzlichst zu begrüßen. Bedauerlicherweise ist unser Vereiuspräsident durch ein leichtes Unwohlsein verhindert, der heutigen Versammlung beizuwohnen. Ehe ich jedoch Herrn Dr. Bloch bitte, seinen Vortrag zu halten, seien einige Worte gestattet. Wir alle stehen unter dem Eindruck der Wahlen, deren Resultat uns nicht befriedigt hat. Wir fragen uns: Hat denn die Bevölkerung aus den Kuliffengeschichten der Christlich-Sozialen, die absolut nicht mehr zu vertuschen waren, gar nichts gelernt? Wie immer in solchen Fällen hat wieder eine maßlose, verdammenswerte antisemitische Agitation eingesetzt und wir alle glauben, daß das unerfreuliche Resultat hauptsächlich diesem Umstände zuzuschreiben ist. Es bildet leider eine Tatsache, daß in dieser ganzen Kampagne das Aergste an Beschimpfung und Auflegelung der Juden, zugleich an rüder Verdrehung der Tatsachen geleistet worden ist, so daß wir vor Scham und Ekel uns Äwenden und beinahe die Hoffnung aufgeben müßten. Besonders die „Bezirkspresse" hat mit den skrupellosesten Mitteln agitiert, um die Urteils- und willenlose Masse zu bearbeiten, eine Menge, die ohnedies nur zu sehr zum Fanatismus neigt. Mit welch historischen Lügen da gearbeitet wurde, wird Herr Dr. Max Grunwald die Liebenswürdigkeit haben, uns zu zeigen. (Beifall.) Rabbiner Dr, Max Grunwald berichtet daraufhin über eine freche Fälschung der „Fünfhauser und anderer Bezirksnachrichten", welche unter dem Titel „Das Politische Programm der Juden" erschien. Er führt aus: „Die vor einigen Tagen unter dem Titel in einem christlichsozialen Hetzblättchen („Fünfhauser Bezirksnachrichten") erschienene angebliche „Rede eines englischen Rabbiners John Readcliff im Jahre 1880" habe ich umgehend in der „S onn- und Montagszeitung" in aller Form als „böswillige Erfindung ärgster Sorte" gekennzeichnet. Wie ich nun sehe, ist derselbe Leckerbissen auch anderen Bezirken aufgetischt worden. Ueberdies warnte die „Reichspost" letzthin vor den verlogenen Montagsblättern (!) der Börseaner und Rabbiners). . Ich halte deshalb folgende Aufklärung für geboten: Nie hat es einen „Rabbiner" des Namens „John Readcliff" gegeben und jene „Rede" ist nie gehalten worden. John Retcliff (sv zu schreiben, vergl. die Konversations- Lexika unter „Goedsche", — Readcliff scheint eine Rückübersetzung aus einem russischen Pogrompamphlet zu sein!), John Retcliff war kein „e n g l i s ch e r R a b b i n e r", sondern ein deutscher Antisemit, der einstige Redakteur der „Kreuz-Zeitung", Hermann G o e d s ch e, der im Jahre 1868 (nicht 1880) unter diesem Pseudonym einen Roman „Gaeta, Warschau, Düppel" veröffentlicht hat. Ein Kapitel des I. Bandes dieses Romanes enthält eine frei erfundene Schilderung eines mittelalterlichen Judeukonzils auf dem Prager jüdischen Friedhof. Aus dem, was Goedsche diesen Ausgeburten seiner Antisemiten-Phantasie in den Mund legt, hatten deutsche Antisemiten bereits vor 21 Jahren willkürlich diese „Rede" zusammeugestoppelt, die in Rußland als wirksamste Propaganda für Pogrome bereits 1906 sich glänzend bewährt hat. Daß aber in Wien der Stadtleituug nahestehende Kreise für ein solches Schandprodukt mit frischem Aufguß ihre Autorität in die Wagschale werfen und ein solches Machwerk giftigster und aufreizendster Verlogenheit gegen eine ganze Klasse der Bevölkerung auszuspielen kein Bedenken tragen, das verdient so niedrig gehängt zu werden, wie es der Geist ist, der aus dieser Fälschung und ihrer Wiederholung spricht." (Lebhafter Beifall). Hierauf begann, wärmstens akklamiert, Herr Dr. I. S. Bloch den angekündigten Vortrag, den wir in nächster Nummer bringen. Herr Prof. A n t s ch e r l nahm hierauf, nachdem der Vorsitzende dem aufrichtigen Danke Ausdruck namens des Vereins-Vorstandes verliehen hatte, das Wort, um auch namens der Zuhörer Herrn Dr. Bloch besonders zu danken. Er benützte auch diesen Anlaß, um dem Verein zur Abwehr für dessen unausgesetztes Eintreten für die gute Sache herzlichst zu danken. In seinem Schlußworte appelliert Herr Oberinspektor Engel an die jüdischen Mitbürger, sich nicht zu zersplittern, und bittet sie, versichert zu sein, daß es unter der christlichen Bevölkerung auch hinlänglich freiheitliche Elemente gibt, welche die Judenhetze auf das Tiefste verurteilen und den ungeheueren Anteil der Juden an der kulturellen Entwicklung der Menschheit zu schätzen wissen. Außerordentliche Generalversammlung des Brigittenauer israelitischen Tempelvereines. Donnerstag den 2. Mai 1912 fand in den Sälen der Restauration Hermann Ko-hn eine außerordentliche Generalversammlung dieses Vereines statt, auf deren Tagesordnung der „Bericht des Vorstandes über die Rabbinerangelegenheit und Beschlußfassung über das weitere Verhalten in dieser Angelegenheit" stand. Nach Begrüßung der Versammlung durch den Vorsitzenden, Obmann Herrn Dr. Ernst R o s e n t h a l, und Vorstellung des Delegierten der Kultusgemeinde Herrn Dr. Heinrich Schreiber gedachte der Obmann mit warmen Dankesworten der Wirksamkeit des aus dem Vorstande ausgeschiedenen bisherigen Obmannes Herrn Hermann E l tbogen während seines 15jährigen Amtierens. Er widmete sodann dem Andenken der seit der letzten Generalversammlung verschiedenen Vereinsmitglieder, der Herren Leopold Beckmann, Siegmund Müller und Josef Wünsch, Worte des Gedenkens, welche Trauerkundgebung von der Versammlung stehend angehört wurde. Beide Kundgebungen wurden in das Protokoll ausgenommen. Zur Tagesordnung übergehend, erteilt er dem Referenten, Herrn Josef Kohn, das Wort. Derselbe führte aus, daß der neue Obmann Herr Dr. Rosenthal in der Rabbinerangelegenheit zunächst den Weg des Friedens beschreiten wollte und in Konsequenz dieser Absicht mit dem Präsidenten der Kultnsgemeinde Herrn Dr. Alfred Stern mehrfache Konferenzen pflog. Schon bei der ersten Zusammentretung, welche in der Wohnung des Herrn Kultuspräsidenten stattfand, erhielt er von demselben, welcher dringend wünschte, daß Herr Dr. Rosenthal die Obmannstelle des Vereines, dessen Obmannstellvertreter er bisher gewesen war, annehme, die Zusage, daß für unseren Bezirk ein ständiger Substitut des Gemeinderabbiners werde bestellt werden. Derselbe werde in unserem Bezirke oder in dessen unmittelbarer Nähe seine Wohnung nehmen, sich mit der Leitung der Vereins- Bibelschule befassen und alle Agenden eines Vereinsrabbiners versehen. Es wurden hiebei von dem Herrn Präsidenten vier Kandidaten namhaft gemacht, aus welchen unserem Vorstande nach Anhörung einer Probepredigt die Wahl freigestellt sein sollte. Einer der Kandidaten trat von der Bewerbung zurück, weil ihm von dem Herrn Präsidenten ein Honorar von nur K 1800 angeboten worden war, welches er mit dem ihm aus der Annahme dieser Stellung erwachsenden Entgange an Honorar als Mittelschullehrer als nicht im Einklang stehend finden mußte. Ein zweiter Kandidat kam nicht in Betracht, weil er die Bewerbung ablehnte; ein dritter hielt wohl eine Probcpredigt, während ein vierter trotz mehrfacher Urgenzen von dem Herrn Präsidenten aus Gründen, deren Erörterung hier unterbleiben soll, nicht zugelassen wurde. Trotz vielfacher Bemühungen gelang es nicht, vom Präsidenten eine schriftliche Erledigung zu erhalten, ja in der letzten im Monate März stattgehabten Konferenz erklärte der Herr Präsident, die oberwähnten Zusagen nicht erteilt zu haben. In dieser Konferenz kam auch die vom Verein erhaltene Bibelschule zur Sprache, welche im laufenden Schuljahre einen Schülerstand von 339 Kindern aufwies, und sich in dem Hildesheimer'schen Stiftungshause des israelitischen Volksküchenvereines befindet. Für dieselbe sind zwei Zimmer nebst einen! Vorraum gemietet. Wir hatten nun an die Leitung dieses unter dem Präsidium des Herrn Oberrabbiners Dr. M. G ü d e m a n n stehenden Vereines die Bitte gestellt, uns statt dieser Räumlichkeiten im I. Stockwerke größere im II. Stockwerke befindliche Wohnungen mietweise zu überlassen. Nach längerer Zeit, anfangs März, erhielten wir eine vom Vereinspräsidium gefertigte Zuschrift, in welcher uns mitgeteilt wurde, daß nicht nur auf unser Ansuchen nicht eingegangen werden könne, sondern daß sich die Hausinhabung vielmehr genötigt sehen werde, die von uns innegehabten Räume mit 1. Mai dieses Jahres gerichtlich zu kündigen. Wir wandten uns nun mit der Bitte an den Herrn Präsidenten, seinen Einfluß dahin geltend zu machen, daß die Leitung des genannten Vereines von dieser Maßnahme ab-

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