Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 19 (10.5.1912)
- Date
- 1912-05-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 19 Dr. Blocks Wochenschrift Seite 315 stehen möge. Der Herr Präsident erklärte sich sofort bereit, in den nächsten Tagen unsere Bibelschule zu inspizieren und tatsächlich kam er am folgenden Tage in unsere Schule und wohnte dem Unterrichte in zwei Abteilungen bei. Er erklärte sich von den Unterrichtserfolgen sehr befriedigt, fand aber die Räumlichkeiten vollkommen ungeeignet und ermächtigte den Referenten als Obmann des Schulkomitees, ein geeignetes Objekt für die Unterbringung unserer Schule zu erwerben. Da ein im Bezirke zentral gelegener Bauplatz nicht um einen entsprechenden Preis zu haben war, richtete der Referent sein Augenmerk auf Erwerbung eines geeigneten Hauses, und es bot sich ein solches unter günstigen Bedingungen dar, wovon der Herr Präsident unter Mitteilung entsprechender Daten am I. April d. I. in Kenntnis gesetzt wurde. Aber erst am 18. desselben Monates erhielt der Referent eine Einladung zu einer Rücksprache mit dem Herrn Präsidenten. Bei derselben machte dieser die Zasage, von dem Kultusvorstande für den gedachten Zweck einen Beitrag von K 10.000.— bis K 15.000.— erwirken zu wollen. Vorher aber wünschte der Herr Präsident das in Aussicht genommene Haus zu besichtigen. Infolgedessen kam der Herr Präsident noch einmal in unseren Bezirk, besichtigte das in Rede stehende Gebäude und lud dann zwei Herren des Vorstandes für den folgenden Tag zu sich ins Bureau. Bei dieser Konferenz wurde zuerst die Angelegenheit dev Erwerbung dieses Hauses nach allen Richtungen besprochen. Gleichzeitig wurde aber auch dem Herrn Präsidenten Mitteilung gemacht, daß nach uns zugekommenen Nachrichten der Verkäufer uns nicht mehr im Worte stehen könne. Am Schlüsse der Besprechung sprach der Herr Präsident den Wunsch aus, mit den beiden Herren über die Rabbiner-Angelegenheit zu konferieren, worauf einer der Herren an den Herrn Präsidenten das Ersuchen richpte, uns entsprechende Vorschläge zu erstatten. Der Herr Präsident führte nun aus, daß es für unseren Bezirk keine andere Möglichkeit der Besetzung des Rabbinerpostens gebe, als die in Gemeinschaft mit dem III. Bezirke und zwar in der Art, daß der Herr Gemeinderabbiner und sein Vertreter alternierend den Dienst in beiden Gotteshäusern versehen, worauf einer der Delegierten in ruhiger Weise erwiderte, daß dies gänzlich ausgeschlossen sei. Diese Bemerkung erregte derart den Unwillen des Herrn Präsidenten, daß er sich rasch von seinem Sitze erhob, in dem Zimmer auf- und abschreiteud mit einer bezeichnenden Gelle und den Worten: „Ich verbiete mir nunmehr für die Zukunft jeden Besuch dieser Herren" der Besprechung ein Ende machte. - Diese zumindest unmotivierte Verabschiedung erregte bei unserem Vorstande, nachdem ihm diese Vorkommnisse zur Kenntnis gebracht worden waren, im Zusammenhalte mit der Tatsache, daß der Herr Präsident seine dem Ob.nann unseres Vereines, Herrn Dr. Rosenthal, gegebenen Zusagen nicht einlösen wollte, eine derartige Erbitterung, daß derselbe sich zu dem Beschluffe veranlaßt f.md, eine außerordentliche Generalversammlung zu dem Zwecke einzuberufen, um sich gegenüber diesem Vorgehen in die Oeffentlichkeit zu flüchten, um weiters auch den Kultusvorstand zu veranlassen, sich endlich in einer seiner Plenarversammlungen mit dieser Angelegenheit zu befassen und um ferner von den Vereinsmitgliedern eine Direktive für das weitere Verhalten des Vorstandes zu erbitten, da es, wenn wir zu einem uns durchaus nicht erwünschten Konflikte mit dem Präsidium des Kultusvorstandes gezwungen werden sollten, möglicherweise notwendig sein dürfte, daß wir an die Opferwilligkeit unserer Mitglieder appellieren. Nach diesen widerholt von beifälligen Kundgebungen der Mitglieder begleitenden Ausführungen erbat sich der Delegierte des Kultusvorstandes, Herr Dr. Heinrich Schreiber, das Wort. Kultusvorsteher Dr. Heinrich Schreiber trat in beredten Weise den gegen das Präsidium der Gemeinde erhobenen heftigen Anwürfen entgegen. Ec verwahrte vor allem das Präsidium gegen den Vorhalt, es habe nicht treu und verläßlich an dem gegebenen Worte festgehalten. Was die Gemeinde, die für den Verein seit jeher die förderlichsten Gesinnungen bekundet und alle seine Werke kräftigst unterstützt hat, und was ihre leitenden Männer versprochen haben, wollen und werden sie einhalten. Doch müsse die Gemeinde an Prinzipien festhalten, von denen sie bei der Lösung der Rabbinerfrage im wohlverstandenen Interesse der Allgemeinheit nicht abirren darf. Diese Grundsätze sind vorerst die Rücksicht, daß zum Schutze der Gemeindefinanzen und im Hinblicke auf sonstige Jnkonvenienzen und Begehrlichkeiten die Zahl der Gemeinderabbiner sich nicht vermehre und daß nach dem bewährten Vorbilde, wie es in jüngster Zeit in mehreren anderen Bezirken beobachtet wurde, eine tunlichste Zusammenlegung von Rabbinatsbezirken angestrebt werden muß. Demgemäß kann an dem bestehenden Turnusrabbinate zwischen den Bezirken Landstraße und Brigittenau, das sich vollkommen bewähre, zumal es mit einem glänzenden, gleichermaßen in Predigt wie im Schrifttum hervorragenden Repräsentanten besetzt sei, nichts geändert werden, unbeschadet der Absicht, diesem gemeinsamen Rabbiner zur Versehung der Kasualien einen gleichfalls bestqualifizierten Substituten zur Seite zu geben. Und was die Bibelschule anlangt, so hat der Präsident, da es gilt, dieser Institution eine neue geräumige und gesunde Unterkunft zu schaffen, nach persönlichem Augenschein auch nicht einen Augenblick gezögert, dem Vereine auch dabei mit einer recht ausgiebigen Beisteuer beizuspringen. An den Worten des Präsidenten solle man daher nicht leichtfertig deuteln, nicht an dem Ansehen eines Mannes zerren, der gerade in den letzten Tagen von neuem für die Gemeinde Unvergängliches erwirkt und geleistet hat. Und ihm sollte ein verletzendes Gehaben gegen die Abgesandten des Vereines zugemutet werden? Solche Zumutungen müffen an seinem Bewußtsein abprallen, stets auch süc den Brigittenauer Verein nur das Beste gewollt zu haben. Der ganze Streit dreht sich um ein Spiel mit Worten und Gebärden, um eine Nichtigkeit, die diesen Aufwand an Lärm und Pathos nicht rechtfertigt. Wenn aber der Verein und seine statutarische Repräsentanz, die sich erst jüngst erneuert HU. ihre Miffion und ihre sachliche Pflicht richtig erfassen, dann kann sie nur darin bestehen, das Einvernehmen mit der großen, einflußgebietenden Muttergemeinde ungetrübt zu bewahren, weil dies allein dem jüdischen Leben im Bezirke und seinen vielfach hilfsbedürftigen Interessen zum Wohle ausschlagen kann. (Große Bewegung.) Der Vorsitzende erklärte hierauf die Mitteilungen des Kultusgemeinde-Delegierten dahin, daß der Präsident rhm seinerzeit in der Rabbiner-Angelegenheit ganz andere Zusagen gemacht habe, als die, die heute als angeblich aufrechterhalten bezeichnet wurden, und belegte diese seine Behauptung durch Verlesung eines ihm von seiten eines zurückgetretenen Kandidaten zugekommenen Schreibens. Im weiteren Verlaufe meldete sich Herr P l a s ch k e s zum Worte, der in längeren, temperamentvollen Ausführungen die Anwesenden zur Austragung dieser Sache mit dem Stimmzettel anläßlich der kommenden Wahlen in den Kultusvorstand einlud. Sodann sprach Herr M. Engel, der den Vereins-Vorstand ersuchte, diese Angelegenheit in möglichst friedlicher Weise zu finalisieren. Nachdem der Referent, Herr Josef K o h n, gegen einige Bemerkungen des Herrn Kultusgemeinde-Delegierten Stellung genommen hatte, wurde die von demselben zur Verlesung gebrachte Resolution, in welcher dem Vorstande des Vereines das vollste Vertrauen auch für die Zukunft und für den Fall, als es zu einem Konflikte mit dem Kultusvorstande kommen sollte, ausgesprochen wird, einhellig angenommen. Der Vorsitzende schloß in vorgerückter Stunde mit herzlichen Dankesworten an die Erschienenen die Versammlung, wobei er noch der Hoffnung Ausdruck gab, daß sich eine gütliche Austragung der schwebenden Angelegenheiten werde ermöglichen lassen. Die Juden in Karlsbad. Dr. S ü ß k i n d — Dr. Stark. Es ist jetzt etwas mehr als ein Jahr her, da fand man den Karlsbader Arzt Dr. Süßkind in seinem gerade vollendeten Neubau, einem Prachtgebäude, erhängt auf. Der junge, stark beschäftigte Arzt, nebenbei bemerkt ein wohlhabender Mann, hatte seinem Leben ein Ende gemacht, weil er Zerwürfniffe wegen seines Baues mit der Stadtgemeinde hatte. Er behauptete, man habe ihm fortwährende Schwierigkeiten in den Weg gelegt, die ihm das Leben verbitterten; in der Stadt hieß es aber, Dr. Süßkind habe sich Bauüberschreitungen zuschulden kommen lasten, welche die Stadtgemeinde nicht dulden konnte. Nunmehr erlebt man in Karlsbad nach einem weiteren Jahre ein ähnliches Schauspiel, welches hoffentlich nicht auch das Leben eines Arztes kosten wird, aber merkwürdig ist der Fall immerhin. Kaum dreißig Schritte von jenem Platze entfernt, an welchem das Gebäude von Dr. v. Süßkind steht, hat ein anderer jüdischer Arzt ebenfalls ein Haus gekauft, will bauen; abermals ist ein Streit entstanden, und soeben hat die Stadtgemeinde Karlsbad erwirkt, daß auf Kosten des Arztes die exekutive Abnahme der Baugerüste durch städtische Organe erfolgt ist, d. h. die Stadtgemeinde Karlsbad hat den Weg der ihr gesetzlich bewilligten Gewalt gewählt, um das Baugerüst vom Hause des jüdischen Arztes wegreißen zu lasten. Wieder heißt es in Karlsbad: der jüdische Arzt habe seine Baubefuguis überschritten, weshalb ein exekutives Vorgehen der Stadtgemeinde notwendig erschien. Wenn dies der Fall ist, dann ist dem Dr. Stark vollkommen Recht geschehen; man muß den behördlichen Vorschriften Folge leisten und darf sie nicht überschreiten. Allerdings ist seither etwas Merkwürdiges geschehen. Der böhmische Landesausschuß hat nämlich entschieden, daß die dem Dr. Stark vorgeschriebene Baulinie durch die Stadtgemeinde, wegen welcher er nicht bauen zu können behauptete, abgeändert werden müste, und da hat der Landesausschuß eigentlich dem Dr. Stark Recht gegeben und der Stadt Karlsbad Unrecht; aber schließt ch kann auch einmal eine Stadtgemeinde einen Rcchsstandpunkt unrichtig auffaffen; aber merkwürdig ist es, daß die Stadtgemeinde in einem Jahre zweimal Baustreitigkeiten hat und zufällig beide Male mit — jüdischen Aerzten. Man durfte ebensowig im vorigen Jahre dem Dr. Süßkind Recht geben, als gegenwärtig dem Dr. Stark, wenn auch im letzteren Falle die Entscheidung des Landesausschustes einen etwas deprimierenden Eindruck macht.