Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-12-15 · 50 (15.12.1911) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
50 (15.12.1911)
Date
1911-12-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021927-3021978--20733-3045789
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Sette 826 Dr. Blochs WochMfchrift Nr. 50 flammende Anklage gegen die Rathausgewaltigeu ist. Zn dieser Aufforderung an Silberer gibt sich derselbe Prinz Liechtenstein her, welcher es sich zur Aufgabe machte, die gehässigsten Angriffe gegen die Juden zu richten. Was die Durchlaucht vom blauen Luchsen über die Korruption der Juden in Versammlungen vorbrachte war nur die logische Begründung zu Schneiders Antrag auf Schußgeld gegen die Juden. Nun geht man bitte», daß mau über die christlichsoziale Korruption verschweige, was man über die jüdische gelogen hat. Aber es wird nichts mehr nützen. Wenn auch Silberer schweigt, so erheben sich die Ankläger gegen die Rathauswirtschaft von allen Seiten. Denn das ist ja das Zeichen der Verderbtheit, daß sich die Räuber immer neidig um die Beute streiten und einander ihre Meinung sagen. Bei dieser Gelegenheit wird man mit und ohne Silberer immer erfahren, wo die bitter erworbenen kommunalen Steuergulden im Rathaus hinkommen. Der christlichsoziale Sumpf ist schon zu groß und tief, als daß er mit dem Mantel der christlichen Nächstenliebe noch zugedeckt werden könnte, gegen soviel Tatbestand kann kein Vertuschungssystem mehr helfen. . Mn jüdischer Kaufmann *) Von Dr. Max Grunwald. „Es ist der Geist, der sich den Körper baut." Memoiren verzeiht man nur als Kunstwerk dem geborenen Dichter oder als Pikanterie der historischen Größe. Wer sonst sich vor der Welt abschildert, muß nicht nur glauben, daß er es wert ist. (Wie viel Narrentum tummelt sich auf diesem Freiplatz!) Was er erzählt, muß ihn und seine Spanne Menschheit überschatten so weit, daß er sich nahezu zum Typus auflöst. Erbauliche Familienvermächtnisse sind freilich auszuschalteu. Für die gilt kein kritisches Maß. Mit „Lebenseriuneruugen" tritt nun auch S i e g m u n d Mayer hervor. Ein Geburtstagsgeschenk. Aber eines, wie es nur bedeutende Geburtstagskinder lieben, am eigenen Jubeltage andere zu beschenken und ihre' Freude mitzugenießen. Diese Spende des nunmehr Achtzigjährigen erfreut sicher jeden, dem sie in die Hände fällt. Nicht von Lebensfahrteu und Fährnissen eines Einzelmenschen liest man da. Der verschwindet hinter den Ereignissen, erscheint höchstens, kaum merklich, als ihr Exponent. Und wir l e s e-u nicht, wie mit eigenem Leib durchleben wir vielmehr achtzig Jahre Judentum, mitten durch ein paar Jahrzehnte österreichische Wirtschaftsgeschichte und Wiener Volksbeglückung. Ja mehr als leibhaftig. Denn wer reicht uns für die lebendige Gegenwart die Wünschelrute, die uns die Quellen der Dinge und ihre Zusammenhänge aufspürt, wie es Sigmund Mayer für die V e r g a n g e n h e i t versteht. Diese Memoiren halten jedem Einwand stand. Hier spricht der berufene Historiker. Nicht nur als rückwärts gewandter Prophet. Man schüttelt oft den Kopf, wie sicher er den Gang der Entwicklung voraussagt, und daß automatisch genau alles so einschwenkt, wie sein Prophetenwort es kommandiert. Wie im Laboratorium exakt wird uns der Dinge Werden vorgeführt. Nicht nur die Fülle neuer Daten gibt diesem Buche Wert. Es ist eine Schule des Sehens und des Denkens; eine Anleitung, auch aus nichtigen Dingen, aus Tand und Trödel jene Töne zu erlauschen, die zur großen Symphonie des Lebens zusammenklingen. Die Historie der Haupt- und Staatsaktionen zeigte Welt und Menschheit, wie man vom Bergesgipfel ein Dorf betrachtet, hoch über grellen Farben, schrillen Tönen, fern allem, was die Sinne stört. Ein Deuter der Dinge vom *) ©in jüdischer Kaufmann 1831 b i s 1911. Lebeuserinnerungen von Sigmund Mayer, Leipzig 1811, Dancker u. Humblot. Schlage Sigmünd Mayers schont keine undelikate Einzelheit. Er hält sie vor den Spiegel der Ewigkeit und deduziert aus ihr Gesetze. Das Buch erinnert an einiges, vielleicht das Beste von unserem Jellinek, .aus Tagen, als sein Augenlicht der Schonung bedurfte. Wenn sich das äußere Auge dem Umgang mit den Gedanken anderer versagt, dann entschleiern sich leichter hem inneren Blick Schätze eigener Gedanken. Als reife Frucht fällt vom Baume der Erkenntnis der Niederschlag der Seele, die es, von der Außenwelt abqeschlossen, zum Schaffen drängt. Hierzu kommt das Wiener Zigeunerleben mit seinem Sommer- und Winterdasein, bald hier, bald dort, durch Wochen, oft Monde fern vom Staub der Akten und Büchereien. In solcher Atmosphäre reifen Werke der Gedanken mehr als der Daten, mehr Leben als Literatur, die mau, wie diese Memoiren, in einem Zuge durchlieft, um sie dann immer und immer wieder nachzuschlagen, mit einem Wort „Bücher". Dem Buche gliedert sich ein Anhang an. Mit organischer Notwendigkeit. Wie der ferne Horizont seine Höhen in Wolken taucht, daß selbst dem schärfsten Blick die Konturen verschwimmen, so projiziert sich hier der Mckrokosmus des Einzelgeschickes in dem Werdegang des jüdischen Kaufmannes im Allgemeinen. Dieser Anhang über die Juden als Handelsvolk, schon vor einer Reihe von Jahren in diesen Spalten zum ersten Mal erschienen, liest sich jetzt nach dem Erscheinen von Sombarts Judenbuch als dessen vorausgenommene Widerlegung. Die Schlagkraft ist überraschend. Fehlgriffe Sombarts in Einzelheiten zu beleuchten, bietet sich hier nicht der Ort. Seine Zitate aus Bibel und Talmud erinnern an den ähnlichen Fall eines Professors an einer berühmten norddeutschen Universität, der ein Buch über die Medizin des Alten Testaments geschrieben hat, ohne die ausgehobenen Stellen im Urtext lesen zu könnend Die Folge waren Mißverständnisse von überwältigender Komik. Derselbe Gelehrte hat dann über die Medizin im Neuen Testament und im Talmud geschrieben und einen großen Teil dieses Buches mit Berichtigungen des ersten füllen müssen. Bei diesem zweiten war er aber gewitzigt genug, vorher auch seinen Fachmann zu Rate zu ziehen. Sein Beispiel sei Sombart für eine etwaige zweite Auflage seines Buches zur Nachahmung empfohlen. Diese Art, auf einem völlig fremden Gebiet mit der Miene apodiktischer Unfehlbarkeit als Usurpator aufzutreten, scheint als ein Freibrief gegen das Judentum, aber nur gegen dieses zu gelten. Das Judentum ist zum Tripolis der „Wissenschaft" geworden. Und wie soll man es fassen, daß Sombart der Entdeckung des Seeweges nach Ostindien keine umwälzende Bedeutung beimessen will. Der kleinste Kaufmann kann es ihm vorrechnen, was die Ersparnis direkter Güterbeförderung zur See bedeutet gegen den früheren Transport von Indien nach Alexandrien und von da nach Venedig mit dem mehrfachen Umladen, den zahlreichen Zwischenhändlern, Zöllen rc. Doch der Gegensatz zwischen Mayer und Sombart besteht vor allem in der Methode. Sombart tritt an sein Thema mit einer fertigen Meinung. Daß sie weder auf Wesen und ökonomische Bedeutung der Juden zutrifft, noch den Begriff des Kapitalismus, über dessen Geschichte Sauerland so aufschlußreiche Daten liefert, richtig faßt, das ist zum Teil an anderen Stellen betont worden. Für das im Voraus konstruierte System sucht Sombart daun erst Bausteine —, so weit sie ihm passen; er fängt den Bau mit dem Dache an. Er kombiniert die allerverschiedensten und aus den weitest auseinanderliegenden Jahrhunderten zusammengetragenen Tatsachen des Geschäftslebens, die ein Theoretiker zu würdigen nicht gut imstande ist, und zieht hieraus seine Schlüsse. Gerade den entgegengesetzten Weg schlägt Mayer ein. Er geht voraussetzungslos an seinen Gegenstand, zeigt in dem Schicksal des konkreten Individuums das der Allgemeinheit und macht dieses dadurch deutlicher und durch-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.