Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 50 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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gSfe. XtSJO Dr. Blocks WochErift Seite 82sichtiger. Er läßt die Prozesse selbst vor dem Leser sich auf- und auseinanderrollen, läßt ihn selbst Schlüsse ziehen. Sombart hat diese Methode Mayers ausdrücklich für richtig und fruchtbar erklärt. Er für seinen Teil — befolgt sie nicht. Sein Buch hinterläßt deshalb, so glänzend es auf den ersten Blick auch wirkt, bei näherer Prüfung einen Zweifel an der Objektivität des Autors. -- „Ein jüdischer Kaufmann" betitelt sich unser Buch. Genau so benennt mau ein bekanntes Judenbild Rembrandts. Im Halbdunkel ein Greis mit geistbelebten Zügen, edel in Haltung, wirksam das Gewand. Von breitem Hut beschattet, fesselt uns ein ruhiger Blick ans klugem Auge. Auch aus diesem Buche spricht eine Mannesseele, gerade und treu, fröhlich ohne Ueberschwang, ruhig im Behagen an den wahren Werten eines talenfreudigen, vom Erfolg besonnten Lebens. Aus dem Halbdunkel der letzten Vergangenheit weist ein kluges Verstehen und ruhiges Wägen sicheren Blickes in die nächste Zukunft. „Ein jüdischer Kaufmann". Znm fünfzigsten Todestage eines Indenfeinde». In unserer Zeit der Jubiläen, Gedenktage, hundert- und fünfzigjährigen Geburts- und Todestage ist merkwürdigerweise der fünfzigjährige Todestag eines deutschen Gelehrten und Historikers ganz unbeachtet vorübergegangen. Ich habe in keiner Zeitung eine Notiz über ihn gefunden, und selbst die Blätter der Antisemiten, zu denen er doch nach Gesinnung und Tonart gehörte, scheinen den Toten noch toter geschwiegen zu haben. A. Fr. G für er, 1803 in Kalw im Württembelgischen geboren, Professor der Geschichte an der Universität Freiburg, im Jahre 1853 zum Katholizismus übergetreteK, ist am 6. Juli 1861, also vor fünfzig Jahren, in Karlsbad gestorben. Er hat viele historische Werke geschrieben, war ein fleißiger und gründlicher Arbeiter und auch verläßlich, wo sein religiöser und politischer Fanatismus ihn nicht irreführte. Unerträglich ist aber seine Geschwätzigkeit und Weitschweifigkeit, besonders in seinem Hauptwerke. Er glaubte alles Wiedergeben zu müssen, was er in Chroniken, Urkunden und Gesetzbüchern gelesen hat. Auch sein manchmal burschikoser, manchmal frömmelnder Stil läßt viel zu wünschen übrig. Ich will hier nicht das, was Andere unterlassen haben, nachholen und einen Nekrolog oder Feierartikel schreiben, auch keinen Kranz auf fein Grab legen: eine kleine Blütenlese aus den judenfeindlichen Stellen seines Hauptwerkes, das durch hunderte nicht zur Sache gehörende oder ganz nebensächliche Abschweifungen zum Riesenumfang von sieben starken Großoktavbänden aufgeblähten „Papst Gregor VII. und sein Zeitalter" (Schäffhausen, 1859—61) mag hier genügen: Im Jahre 1084 fand es der Bischof Hausmann von Speier für vorteilhaft, dort Juden anzusiedeln: „Ich glaubte den Ort nicht schneller zu reicher Blüte fördern zu können, als wenn ich Juden daselbst ansammle, und damit der Pöbel sie. nicht beschimpfen könne, umschloß ich das ihnen angewiesene Ouartier mit Mauern", erklärte er in der betreffenden Urkunde. Für die Bauplätze hatten die Juden einen mäßigen Zins zu zahlen, außerdem wurde ihnen ein Platz zu einem Friedhof „auf ewige Zeiten" überlassen. Freier Handel und Verkehr in der Stadt wurde ihnen gestattet, der Synagogenvorstand sollte bei Prozessen zwischen Juden und' wenn es sich um kleinere Beträge handelte, auch zwischen Juden und Christen richten, größere Sachen vor dem Bischof oder seinem Kämmerer gebracht werden. Die Juden hatten nur die Mauern ihres Stadtviertels in gutem Zustande zu erhallen und zu bewachen. Es wurde ihnen gestattet, das nicht koschere Fleisch an Christen zu verkaufen, christliche Ammen und christliche Knechte zu halten usw. Diese letzte Konzession ärgerte den Herrn Professor sehr, „denn", sagt er mit seiner judenfeindlichen Phantasie, „der Jude wird, wenn die ^tadt von einem Feinde angegriffen wird, seinen Knecht (warum nicht auch die Amme?) hinstellen, damit dieser statt seiner erschossen werde, er selbst blieb im Trockenen, das heißt, er verbarg sich hinter der Mauer". Von einem solchen Stellvertretungsrecht kommt in der Konzessionsurkunde kein Wort vor. aber unser Judenfeind, der ungeheuer viel militärische Kenntnisse besaß. wenigstens glaubte er sie zu besitzen, stellte sich wohl vor, daß die Juden, wie der Feind vor den Toren erscheint, in die christlichen Stadtteile laufen werden, um Knechte zu mieten, „damit diese statt ihrer erschossen werden". Wahrscheinlich brauchten die Juden die Knechte für ihre Geschäfte und häuslichen Arbeiten, besonders am Samstag. Bei einer Belagerung der Stadt hätten diese eher die Christenstadt verteidigt und die Juden im Stiche gelassen. Dann bedauert Gfrörer, daß nichts für den Schutz der Religion dieser Knechte und Ammen vorgesehen wurde: „Mit der Urkunde des Bischofs in seiner Hand konnte der Jude zu seinem Knecht oder seiner Magd sagen: „Christenvieh, ich bin dein Herr und befehle dir, den Schabbes zu feiern und am Sonntag zu arbeiten." Hier scheint der gelehrte Mann die Juden mit den Kreuzfahrern verwechselt zu haben, welche mehrere Jahre später von den Juden in den Rheingegenden nicht verlangten, sie sollen am Samstag arbeiten, sondern sie totschlugen, wenn sie nicht zum Christentum übertraten und wenn sie sich taufen ließen, nur mit christlicher Liebe ihres Vermögens beraubten. Dann fährt Gfrörer fort: „Was der Bischof von Speier für diese Urkunde von der Iudenschaft erhielt, verschweigt er w 'hlweislich. Gleichwohl ist darüber, daß er bestochen ward, kaum ein Zweifel möglich. Denn nur für Judaslohn kann es geschehen sein, daß ein katholischer Bischof in solcher Weise der Pflichten gegen sein eigenes Volk vergaß." Daß der Bischof Geld bekommen hat, ist sehr wahrscheinlich: aber wo hat denn je ein Bischof ein großes Terrain zur Anlage eines Stadtviertels an Christen umsonst abgetreten? Uebrigens sagt Gfrörer von den Bischöfen, die, wie der von Speier, treue Anhänger des Kaisers Heinrich IV. waren und sich nicht an den von Gregor VII. gegen ihn angezettelten Aufständen und Empörungen beteiligten, „sie waren fast alle Simonisten, Lügner, Hurer. Unwürdige, ja Schelme." Gegen diese kaisertreuen Bischöfe, so wie überhaupt gegen alle Anhänger des Kaisers, richtet sich auch sonst sein ganzer Grimm: sie überschüttet er mit Tadel und Verleumdungen. Denn er war ein treuer Verehrer, ja man kann sagen. Anbeter Gregor VII, dieses Papstes, der alle Rebellen und Intriganten gegen den Kaiser entweder anstiftete oder wenigstens unterstützte, der zur Verlängerung des Bürgerkrieges in Deutschland beitrug, den Kaiser wiederholt in den Bann legte und verfluchte. Alles natürlich nur um dessen unsterbliche Seele zu retten, Ruhe und Ordnung im Deutschen Reiche herzustellen. Für Juden und Iudenseelen hat Gfrörer weniger Rücksicht. Erstaunt liest man seine Verdammung der von den Kreuzfahrern an den Juden begangenen Gräuel. Aber er bereut gleich diese humane Anwandlung und fügt hinzu: „Aber die Umstande waren derart, daß die Tat bis zu einem Grade entschuldbar erscheint: >