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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-12-15 · 50 (15.12.1911) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
50 (15.12.1911)
Date
1911-12-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Zentraloroan für die gesamten Unterdessen des Judentums. Jahrgang XXVIII Dr. Bloch’s Nr. 50 -n-—n- Wien, 15. Dezember 1911 Lrscbelnt jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien, IX/i, Hahugaffe 15. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wie«. Inhalt: Leitartikel: Christlichsosiales Bertuschungssyjtem. — Ein jüdischer Kaufmann. — Zum fünfzigsten Todestage eines Judenfeindes. — Russisch-jüdische Mönche in Jerusalem. — V om I a d r m a r kt des Lebens: Jüdische Grabsteine in Friesach. Jüdische Auswanderung im Monate Oktober. Die Huldigung der Juden vor dem polnischen König Kasimir. Jüdische Bibliotheken auf Auswandererschlffen. Die Geschichte der Juden in Kurland. Der Protest gegen die Ritualmordlüge. — Korrespendenzen: Zwei Juden, Träger des Nobel-Friedenspreises. Siegmund Mayers 8). Geburtstag. „Oesterreichisch-Jsraelitische Union". Die Emigrauten-Fürsorge der Israelitischen Allianz. Antisemitismus in der Prager Handelsakademie. Jüdische Eltern, die die Schule in Sachen der Religion ignorieren. Orthodoxe Landeskonferenz in Ungarn. Ein neuer jüdischer Richter am obersten Gerichtshöfe. Germanische Kultur. Bericht der Vereinigung der liberalen Rabbiner De tschlands über die Versammlung vom 6. November 1911. Professor Sombart über die „Judenpolitik". Große Spende eines indischen Juden. Die Zerstörung des alten Judenfriedhofes in Wüna. — Vermischtes. — Feuilleton: Die Versorgung jüdischer Mädchen. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. o o— p Vrxugsprri« für Oesterreich: Q Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 50 Heller'. Für'» On>,l-,nd: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig -0 Kronen. Anzeigen: Die 4malgespaltene Petitzeile 24 Heller. G oP - —Oe A. ft. Postlpark«stensmt ClcartnflsiDcrft ebr Mr. 810.976. Redattion und Administration. >- Wien IX/1. Hahngaffe Nr. 15. Telefon Nr. 14.847. ChristLichfojiales Uertuschungssystem. Der Landtagsabgeordnete Silberer leistet sich in seiner Sportzeitung einen ganz neuartigen Sport. Er schießt nämlich einen christlichsozialen Würdenträger nach dem anderen ab. Im rückwärtigen Teile des nun auch außerhalb der Freudenau gelesenen Organs kommen nach wie vor die Pferde zu Ehren, im vorderen aber verschiedene Helden aus dem christlichsozialen Lager. Die letzten Reichsratswahleu haben diese Aenderung vollbracht. Früher war Silberer selbst ein Rufer im Streite gegen den Judenliberalismus, aber im Juni hat rr erkannt, wer die Leute eigentlich waren, für welche er mit solcher Leidenschaftlichkeit kämpfte. An der städtischen Kr-ppe reich gewordene Streber drängten mit Macht zur Staatskrippe und drohten alles zu erschlagen, wenn man sie nicht in den Reichsrat schicke. Die nackte Gier nach dem Profit, von Lueger mühsam und ohne viel Erfolg niedergehalten, feierte nun Orgien und der Sumpf überwucherte und überschwemmte alle Gebiete des öffentlichen Lebens. In dieser Zit hat sich Viktor Silberer auf die Seite seines Freundes Hraba geschlagen und hat auch seinerseits mit den Anklagen begonnen. Auch aus den gleichen Gründen wie Hraba. Gekränkter, persönlicher Ehrgeiz und gekränktes Reinlichkecksgefühl. Da er nun schon am Aufwaschen war, so besorgte er das gründlich und es kam ein Sündenregister zum Vorschein, wie es der Verdacht auf Korruption nicht einmal erwartet hatte. Der eine Fall Hatzl war eine verschwindende Kleinigkeit. Es gibt solche Fälle ohne Zahl und der christlichsoziale Augiasstall entsendet betäubende Düfte. Natürlich erregt das Vorgehen Silberers in den Kreisen seiner politischen Freunde helles Entsetzen. Man möchte gegen ihn das gleiche Verfahren einschlagen wie das Luegers gegen Gregorig und wie es zuletzt noch mit dem kommunalen Exfinanzminister Hraba gelang. Im Rathaus, das schon so oft eine politische Hinrichtungsstätte gewesen ist, wurde schon wiederholt das Schaffot für Silberer aufgeschlagen und der Oberkurator Steiner krempelte bereits die Hemdärmel auf, um den Henker zu machen. Auch die Redner in mehreren christlichsozialen Versammlungen holten zu Todesstreichen aus. Aber sie hatten keinen Delinquenten. Gegenüber der moralischen Schwäche der Christlich-Sozialen blieb Silberer eine unangreifbare Macht und spottete seiner Gegner. Die Oeffentlichkeit glaubte trotz der jahrzehntelangen christlichsozialen Dressur und Verdummung nicht mehr jenen, welche Verräter! Verräter riefen, sondern ausschließlich den Anschuldigungen Silberers. Denn die Beweise für die Rede Hrabas sind so viele und so deutliche geworden, daß selbst der Mindergebildete begreifen muß. Da es also unmöglich erschien, Silberer politisch zu töten und auch seinem großen Vermögen gegenüber Schweiggeld und andere Besänftigung nicht aufzubringen war, so mußten sich die christlichsozialen Machthaber zu einem anderen Mittel entschließen. Das „Deutsche Volksblatt", das auch schon geschickt den Mantel nach einem anderen als dem Rathaüswinde gedreht hat und noch eine persönliche Rechnung Verganis bei der Partei ausgleichen will, brachte die unwidersprochene Meldung von einem modernen Gang nach Canossa. Der christlichsoziale Parteichef, der schwarze PrinzÄlois Liechtenstein soll sich persönlich zu Silberer begeben haben, um diesen zur Einstellung seiner Angriffe auf christlichsoziale Politiker zu bewegen. Persönlicher Einsiuß soll also wieder einmal decken, was die politische Korruption verschuldet hat. Zu solchen Mitteln muß eine Partei greifen, welche ausgezogen ist, um die unreelle Habsucht, den Geiz, den Egoismus und die Unmoral der Juden zu bekämpfen. Die Chronik der Tatsachen hat nun gezeigt, daß man mit offiziöser und offizieller Hilfe loyale, fleißige und anständige Staatsbürger einer Horde von Verbrechern ausgeliefert hat. Was durften sich nicht diese Lumpen und ihre Presse gegen die unschuldigen Juden an moralischen Beleidigungen und materieller Schädigung erlauben! Einer Partei, deren geistiger Führer der Stampiglius Schneider und der Baubankier Geßmann waren, hat man sogar ein Menschenleben ausgeliefert, das des unschuldigen Schustergesellen Hilsner, der heute noch wegen der Lüge des Ritualmordes im Kerker schmachtet. Und nun wallfahrten die Führer der christlichsozialen Partei mit Bitten zu einem Menschen, der über ihr Gefolge die Wahrheit weiß und sagt. Das ist nur ein Sprachausdruck „die Angriffe gegen die christlichsozialen Politiker einstellen". Viel richtiger wäre gesprochen, Silberer solle über die christlichsozialen Politiker die Wahrheit nicht sagen. Die Wahrheit will man unterdrücken, die reine Wahrheit, weil sie eine

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