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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-11-03 · 44 (3.11.1911) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
44 (3.11.1911)
Date
1911-11-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Helle 726 Nr. 44 Dr. Mochs Wochenschrift war also absolut nicht nötig, wieder einmal durch persönliche Ungeschicklichkeit den Antisemitismus in Deutschland zu nähren, wo das Zentrum erzklerikal ist und die anderen Parteien das Vordringen der Milchen Meinung nicht lieben. Die Tatsache steht ja fest, daß Juden zu katholischen Fragen überhaupt keine Stellung nehmen sollten. Das verbietet vor allem der politische Takt, dann aber auch die durch Erfahrung gewonnene Klugheit. Das muß man dem deutschen Rabbiner sagen und allen jenen Juden, welche aus der phantastischen Uebersiedlungssrage etwa ein dauerndes Diskussionsthema machen und die Judenfeindschaft der klerikalen Presse ganz unnötig aufachen wollten. D«m Kapitel „Wohnungsnot". Bekanntlich herrscht derzeit in Wien ein schreckliches Wohuungselend. Arme Familien mit zahlreichen Kindern müssen im Freien kampieren. Die Gemeinderatsmajorität „erkennt eine rechtliche Verpflichtung zur Unterbringung wohnungsloser Familien absolut nicht an" und erklärt weiters, „daß der Bau von Kleinwohnungen nicht in den Aufgaben- und Pflichtenkreis der Gemeinde fällt", weil erstens die „Höhe der finanziellen Kosten" und zweitens „das große Rifiko" und die überaus schwierige riskante Verwaltung der Notstandsbauten Bedenken erwecken. Um aber bei den himmelschreienden Mißständen doch etwas getan zu haben, widmete fie einer privaten, gemeinnützigen Gesellschaft m. b. H. für Notstandswohnungen in Wien einen Betrag von 200.000 Kronen. Da diese ganz unzulängliche Summe den weiteren Appell an das „goldene Wiener Herz", also an die private Wohltätigkeit notwendig machte, haben sich bereits einige menschenfreundliche Wiener zu einem Komitee. vereinigt, welches anonym die Notstandsaktion zu fördern sich zur Aufgabe macht. In Anbetracht dessen ist es gewiß intertssant, festzustellen, daß die Wohnungsfürsorge in vielen jüdischen Gemeinden seit langem einen wichtigen Teil der Wohlfahrtspflege gebildet hat. In dem im Verlage der historischen Abteilung der Internationalen Hygiene-Ausstellung, Dresden 1911 demnächst erscheinenden, von Dr. Max Grunwald, Wien, herausgegebenen Buche „Hygiene der Juden" habe ich in der von mir verfaßten sozial-hygienischen Studie „Ueber die Wohlfahrtspflege bei den Juden" folgende spezielle Daten beibringen können: „In Hamburg wurde im Jahre 1850 zum Gedächtnisse ihrer Emanzipation von den Juden Hamburgs ein „Schillings-Verein für Freiwohnungen" gegründet, welcher für 20.000 Mark ein Gebäude für Freiwohnungen, und zwar sechs für christliche und sechs für jüdische Familien errichtete: es trägt die Inschrift: „Stiftung zum Andenken an die bürgerliche Gleichstellung der Israeliten." Außerdem bestehen in Hamburg: 1. Die 1837 gegründete „Lazar Gumpel-Stiftung" mit einem Kapital von 132.000 Mark, außer dem Grundstücke. Ihr Zweck ist: „Die Verleihung der Wohnungen zur unentgeltlichen Benützung an hilfsbedürftige, rechtschaffene, nüchterne, friedlich lebende Israeliten, welche in ihren Vermözensverhältniffen zurückgekomme« find oder bei redlichem Fleiße doch ihre Miete nicht aufbringen können." Personen, welche regelmäßige Unterstützungen aus einer Armeukaffa erhalten, sollen weniger berücksichtigt werden, als solche, die sich noch einigermaßen selbst ernähren können und bei denen die Aufnahme in das Stift gerade einer Verarmung vorzubeugen bestimmt ist. Das Familienhaupt der aufzuuehmenden Familie muß in der Regel wenigstens 40 Jahre alt sein. 2. Hertz-Joseph Levy-Stistung, gegründet 1854: 19 Freiwohnungen, die wie 4) vergeben werden. Außerdem enthalten die Häuser noch mehrere zu vermietende Wohnungen. Der Ueberschnß der Einnahmen dient zur Ansammlung eines Sparfondes, aus dem in späterer Zeit weitere Freiwohnungen beschafft werden sollen. (Mieteinnahmen 9500 Mk., Berwaltungskosten 4500 Mk.) 3. David Kalker-Stistung, gegründet 1878: 4 Häuser mit je 12 Wohnungen (2 Häuser bringen 5500 Mk. Sffliete, in je 2 anderen wohnen 13 Familien umsonst.) 4. Marc. Nordheim-Stiftung, gegründet 1883: 27 Wohnungen mit 107 Insassen. 5. Sam. Levysohn-Stiftung, gegründet 1890: Kapital 102.000 Mk., außerdem Grundstück, in welchem 8 Familienwohnungen vorhanden find; außerdem vermietete Lokalitäten, die 1350 Mk. Miete einbringen, jährlich werden noch 3—400 Mk. Unterstützungen in bar gewährt. 6. Lazarus Sams. Cohn-Stiftung, gegründet 1870: 10 Wohnungen; aus dem vorhandenen Kapitale werden außerden Mietunterstützungen bis zu je 500 Mk. vergeben. 7. Heffe-Stiftung, gegründet 1903: 8 Wohnungen, Kapital 62.000 Mk. 8. Sam. Levy-Stistung: 25 Wohnungen, bestehend aus 2 Zimmer und 1 Küche, 22 Wohnungen, bestehend aus 1 Zimmer und 1 Küche, Kapital 274.000 Mk. 9. Oppenheimer-Stiftung, gegründet 1868. Kapital 93.000 Mk. 10. Louis Levy-Stistung, gegründet 1898. Kapital 245.000 Mk. In Dresden besteht das „Henriett-n-Stift, 1851 von Wilhelm Schic gegründet, 1904 umgebaut, zur Aufnahme von bedürftigen Gemeindeangehörigen, allein oder mit ihren Familienangehörigen. Haus-Verm. 200.000 Mk. In Frankfurt am Main unterstützt die Frh. Wilh. Carl v. Rotschild'sche Stiftung für wohltätige und gemeinnützige Zwecke u. a. 102 Familien mit Mietbeihilfen. In B e r l i n bestehen 2 Mietunterstützungsvereine. In Kopenhagen besteht der Verein „Kaerlig til naessen“ („Nächstenliebe") seit 1784, der nur für Hausmieteunterstützungen ein Etat von 1080 Kr. jährlich aufweist. In Paris gibt es ein israelitisches Nachtasyl mit Kinderkrippe (vom Alter von 14 Tagen bis 3 Jahren) und einem Arbeitsraum für junge Mütter; zum Zweck der zeitweisen Aufnahme der Pariser Straßenbettler und Versorgung derselben mit warmen Speisen, früh und abends; es werden zirka 45 Personen -pro Tag beherbergt. Dr. Heinrich H a a s e. Zisrnsten-PoUlik in Galizien. Unmittelbar nach der Auflösung des ersten österreichischen Volksparlamentes durch den damaligen Ministerpräsidenten Baron Bienerth veröffentlichten wir in der Nummer 14 vom 7. April d. I. dieses Blattes einen Artikel unter der Ueberschrift „Zu den bevorstehenden Reichsratswahlen", in welchem wir die Gründe anführten, weshalb die galizische Judenschaft im ersten Volksparlamente nicht die ihr durch die Wahlreform zugeteilte Anzahl von Mandaten erhielt. In diesem Artikel sagten wir dann weiter: „Vor dem Partei- und persönlichen Interesse stebt das Interesse von 80»000 Menschen, aber auch den Juden außerhalb Galiziens kann es nicht gleichgiltig sein, ob ein Jude mehr oder weniger ins Parlament entsendet wird. Der galizischen Judenschaft b eibt es Vorbehalten, dafür ut sorgen, durch ein gemeinsames Vorgehen aller politischen Elemente im Lande soviele jüdische Mandate als nur möglich zu erreichen. Bei den eigenartigen politischen Verhältnissen des Landes muß jeder ruhig und nüchtern denkende Politiker zugeben, daß vorläufig in Galizien nur mit Hilfe des Polenklubs Positives erreicht werden kann. Das allgemeine Wahlrecht hat die jüdischen Massen zum Selbstbewußtsein geweckt, mit welcher Tatsache der Polenklub ernstlich rechnet. Die Juden, die in denselben fünfzehn Mann stark eintreten würden, könnten nicht nur auf ihn, sondern in vielen Fällen auch auf die Regierung einen starken Einfluß ausüben. Möge man uns ja nicht mit der Phrase kommen, daß der Polenklub antisemitisch ist, er selbst hat gar kein Programm, und niemals haben seine Mitglieder einen antisemitischen Antrag im Hause eingebracht oder auch nur unterstützt. Mil dem Programm jüdischer Jnteresienpolitik und soviel jüdische Mandate als nur möglich, zu erreichen, sollen die Juden Galiziens in den Wahlkampf treten!" In ernster Erwägung der Verhältnisse haben wir damals diesen Artikel veröffentlicht, damit die Herren Zionisten-

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