Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 44 (3.11.1911)
- Date
- 1911-11-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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i.w'a«.' -7das2>x-^i»L- ^üs\a. Nr. 44 Dr. BSochs WochckHchrist Seite 727 an. a-^3 führer, die in Galizien jetzt mehr Landesals Palästina- Politik treiben, zur Einsicht gelangen, daß reale Landespolitik nicht bei Kommersen und ausschließlich mit studentischen Vereinigungen gemacht werden kann. Die zionistischen Führer zogen es aber vor, sich von den sehr jugendlichen Herren dirigieren zu lassen und das Resultat war, daß trotz des, wie die Herren sagten, zunehmenden jüdischen Volksbewnßtseins von den drei von ihnen bereits innegehabten Mandaten sie nicht einmal blos eines mehr behaupten konnten. Wohl werden uns die Herren zur Antwort geben, ob es denn uns ganz unbekannt sei, mit welchen Mitteln in Galizien Wahlen gemacht werden und insbesondere welcher Terror den Zionisten gegenüber angewendet wird und ob wir schon ganz die die gesamte österreichische Kultur schändenden blutigen Ereignisse von Drohobycz vergessen haben. All diese Vorgänge sind uns wohl im Gedächtnisse und auch wir haben das Bestreben, dazu beizutragen, daß es auch einmal in Galizien so zugeht wie in allen Kulturprovinzen. Das zu verwirklichen sind die galizischen Juden allein leider nicht imstande und deshalb müssen sie sich mit den andern fortschrittlichen und demokratischen Elementen des Landes verbinden. Gleich nach dem Ausgange der Juniwahlen erklärten die galizischen Zionisten und mit ihnen ihre Freunde außerhalb Galiziens, daß sie nur durch die Macht der Bajonette, denen sie übrigens ihre Brust entgegenstellten, gefallen sind; dieser Umstand wird sie nicht abhalten, auch fernerhin den von ihnen als politisch richtig anerkannten Weg weiter zu gehen. Nun aber erleben wir eine neue Ueberraschung! Die blutigen Ereignisse in Drohobycz veranlaßten den Dr. Löwenstein, die auf ihn gefallene Wahl nicht anzunehmen; in Zloczow wurde der Abgeordnete Breiter doppelt gewählt. In diesen beiden Wahlkreisen mit großer jüdischer Majorität finden deshalb demnächst Neuwahlen statt. Die galizischen Zionisten, die laut erklären, daß sie die wahren Repräsentanten des jüdischen Bolkswillens sind und daß nur sie mit Hilfe ihres Programmes die einzigen sind, die dem jüdischen Massenelend steuern können, verzichten auf einmal auch nur auf die Aufstellung eines eigenen Kandidaten. In Drohobycz unterstützen sie die Kandidatur eines gewissen Tr. Segall, der einmal, wie es auch so viele andere vor ihm, in der Jugend Zionist war und der es aber heute vorzieht, von seinem Zionismus keinen Gebrauch zu machen und sich lieber zu einem Bündnis mit dem Allpolen entschloß. Wo ist der Führer Gerson Zipper, der gewesene Kandidat? Zloczow, ein Wahlkreis, in dem der frühere Abgeordnete Stand schon viel Erfolg hatte, wird überhaupt preisgegeben. Zu den erfreulichsten Momenten des Wahlausganges in Galizien gehörte der starke Niedergang der allpolnischen Stimmen, denn die Allpolen sind, vom jüdischen Standpunkt betrachtet, die schädlichsten Elemente des Landes, ihr nationaler Chauvinismus und Antisemitismus hat viel Unheil angestiftet. Dem gegenwärtigen Obmanne des Polenklubs Herrn von Bilinski gebührt viel Dank dafür, daß er es war, der mit staatsmännischer Klugheit es verstand, diese Elemente zu eliminieren. Umso bedenklicher erscheint das Vorgehen der galizischen Zionisten, den gefährlichsten Feinden der Judenschaft, den Allpolen bei einer Wahlaktiou Gefolgschaft zu leisten. Mit der Bibel muß man da ausrufen: „Oiloch Erez Schemalkech Nuar"! (Traurig ist es um ein Land bestellt, dessen König jung und unerfahren ist.) I. Grobtuch. vom Aabrmarkl des Lebens. Hungernde jüdische Schulkinder. Geehrte Redaktion! In Nr. 43 Ihres gesch. Blattes führt die Leiterin der Sektion Verköstigung des Elternvereines „Pestalozzi" bittere Klage, daß die guten Abfichten des Vereines, - jüdische Schulkinder zu beköstigen, schnöde ignoriert werden. Trotz verlockenden Anerbietens von 100 Paar Würstel — bekanntlich Delikatessen für Kinder — wollen weder Religionslehrer noch Kinder anbeißen. Das ist sehr erklärlich. Gerade die Kinder der Aermsten halten mit bewunderungswerter Treue an den Satzungen der Religion fest und begnügen fich lieber mit einem Stück trockenen Brotes, ehe fie verbotene Speisen genießen. Diese Erfahrung hat den Wiener Kultusvorstand veranlaßt, vor 12 Jahren die Ausspeisung armer jüdischer Schulkinder in der Brigittenau selbst in die Hand zu nehmen. Mit 100 Kindern wurde der Anfang gemacht; im Jahre 1910, als der Gefertigte die Leitung der Schulküche in andere Hände legen mußte, war deren Zahl auf 260 gestiegen; seither ist deren Ziffer zweifellos überschritten worden. Leider reichen die Mittel nur zur Ausspeisung während der Wintermonate; sehr wünschenswert wäre es, den Beginn auf einen früheren Zeitpunkt zu verlegen. Während der restlichen Schulzeit sorgt für die allerdringlichsten Fälle (etwa 70) der Verein für Erhaltung von Jugendhorten. Günstiger liegen die Verhältniffe in der L e o p o l d st a d t, wo die Speiseanstalt (ein Tochterinstitut der Armenanfialt) nicht blos Hoch- und Mittelschüler, sondern auch Volks¬ und Bürgerschüler beköstigt; die Zahl derselben ist mir nicht bekannt. Außerdem nehmen fich mehrere Vereine hungernder Schulkinder an: der Theresien-Kreuzer-Verein beköstigt täglich 120 Kinder, die Talmud-Thora-Volksschule hat eine eigene Schulküche für 40—50 Kinder. In den westlichen Bezirken XIV.—XV., XVI. und XVII., wo fich seit einigen Jahren neue Zentren der Armut entwickelt haben, sorgen eigene Vereine in wohltätigster für arme jüdische Schulkinder; die letzten mir bekannten Ziffern schwanken zwischen 100 und 80; auch die Ziffern find zweifellos schon durch höhere überholt. Der ganze Umfang dieser Aktionen läßt fich nicht mit Genauigkeit feststellen, weil es an einer Statistik der Wohlfahrtspflege in der Wiener Kultusgemeinde fehlt. Vielleicht wird die Zentralstelle einmal diese Lücke ausfüllen. Jedenfalls kann man getrost behaupten, daß es an rührigen Organisationen nicht mangelt. Was Not tut, ist deren kräftigere Förderung. Hochachtungsvoll Baden, 29. Oktober 1911. Dr. Alfred Berger. * * * Verehrliche Redaktion! In der Nummer 43 Ihres hochgeschätzten Blattes vom 27. Oktober veröffentlicht Frau Rudolfine Koch, Leiterin der Sektion Verköstigung des Elternvereines „Pestalozzi", eine schwere Anklage gegen die Wiener Religionslehrer, die einer dringenden Richtigstellung bedarf. Vor allem ist es nicht richtig, daß an alle Religionslehrer des 2., 9. und 20. Bezirkes daS diesbezügliche Ansuchen gestellt wurde. Es mag wohl einigen die Aufforderung zugesendet worden sein, allen aber gewiß nicht. Ich habe keine erhalten und, wie ich nach Umfragen erfahren, auch viele meiner Kollegen nicht. So rühmenswert die segensreiche Tätigkeit des Vereines „Pestalozzi" fein mag, so möchte ich mir dennoch die Bemerkung ertauben, daß manches bei der Organisation der „W ür st e lv erteil u n g" einer Remedur bedürftig wäre. Ich möchte dies durch die Bemerkungen mancher Kinder und Mütter belegen. Ein Kind versichert, es mußte zwei Stunden, bis 5 Uhr abends, auf die „Würstel" warten und die Mutter erlaube ihr darum nicht mehr, an der Beteilung teilzunehmen. Eine Mutter, die aufgefordert wurde, ihr Kind für die „Würstel" vormerken zu lasten, äußerte: „Ich wohne in der Lesfinggasse. Mein Kind müßte, um in die Schiffgaffe zu gelangen, die Kaiser Josefstraße und Taborstraße überqueren. Ich kann fie nicht hinsühren und kann sonach die geraden Glieder des Kindes eines paar Würstels wegen nicht riskieren." Ein zehnjähriger Knabe versicherte dem Lehrer, der Vater erlaube ihm nicht, die „Würstel" zu esten, weil er nicht die Ueberzeugung habe, daß fie iso sind. Ein Mädchen durfte fich nicht beteiligen, weil die Mutter erklärte, sie dürfe nicht die Würstel, die ihr am Samstag verabreicht werden, annehmen, weil fie am N-V gekocht werden. ES mag ja sein, daß in gewissen Kreisen über derartige Religiosität gelächelt wird; uns Religionslehrer hingegen freut es, wenn wir in der Bevölkerung noch Eltern wiffen, die ihre Kinder im Sinne unserer altehrwürdigen Tradition erziehen. Ist es nicht wahrhaft rührend, wenn die Aermsten der Armen selbst auf eine Mahlzeit für ihre Kinder verzichten, ehe fie eine Gesetzesverletzung zulasten. Ich möchte nur noch der irrigen Behauptung entgegentreten, daß es Schulleiter geben sollte, die das Ansuchen der Vereinsleitung