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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-11-03 · 44 (3.11.1911) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
44 (3.11.1911)
Date
1911-11-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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-»-vscäaw^.? Nr. 44 Bloch’s Jahrgang XXVIII Zenttalorgan für die gesamten Unterdessen des Judentums. -m...□- Wien, 3. November 1911 Lrscbelnt jeden Fr et tag. Brief-Adreffe: Wien, IX/i, Hahugaffe 18. Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift, Wie«. Oo- — ■ ■■=00 p Vr;ugsprris für Srsterrrtth: Q Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4malgefpa!» 2 tene Petttzeile 24 Heller. C, OQ ■ — — Oo A. ft. Pnfisxarftalsrnanrk Slearlng-Verkebr Nr. S10.S76. Redaktion und Administration: wir« IX,i. Hahngaffe Nr. 15. Inhalt: Leitartikel: Der Papst in Jerusalem? — Zum Kapitel Wohnungsnot. — Zionisten-Politik in Galizien. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Hungernde jüdische Schulkinder. Der Papst in Jerusalem. Eine französische Stimme über die Zukunft der Juden in Rußland. Die jüdischen Ahnen europäischer Herrscher. Der jüdische Typus in Mischehen. Eine jüdische Musikerfamilie. Jüdische Adelige. — Die Beteiligung der Juden am Serischen Welthandel im Altertum. — Korrespondenzen: Graf Adalbert Sternberg im Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Eine Rede des Grafen Albert Apponyi am Sarge eines Juden. Leo Popper. Das neue Heim der orth.-isr. Bürgerschule in Pozsony. Die Kriegsleiden der Juden in Tripolis. Der Einfluß des türkisch-italienischen Krieges auf die Auswanderung nach Palästina. Die Judenfrage im türkischen Parlament. Die judenfeindliche Haltung der Londoner „Times". Die irische Homerule und die Juden. Der Bühnenerfolg eines Rabbiners. Auszeichnung jüdischer Kolonisten in Südamerika. — Vermischtes. — Feuilleton: Das erste Ghetto. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Der Papst i« Jerusalem? Der türkisch-italienische Kampf hat die merkwürdigsten Meldungen gezeitigt, welche sich von den Tatsachen weit entfernen. Darunter befindet sich auch die angebliche Aeußernng eines ans guten Gründen anonym gebliebenen Kardinals, welcher folgendes gesagt haben soll : „Geht die Türkei jetzt in Stücke, dann wird der Papst das Heilige Land mit dem Titel „König von Jerusalem" für sich beanspruchen. Erreicht er dieses Ziel, so würde er als Kompensation allen Ansprüchen auf die weltliche Herrschaft über Rom entsagen." Diese Nachricht war wohl geeignet, die Leserwelt in der Kampfpause anfzupulvern, in welcher die türkischen und italienischen Blätter den von Rußland erfundenen Zeitungskrieg führten und sich gegenseitig Lausende Tote des Feindes depeschieren ließen. Der findige Berichterstatter, der dem phantastischen Kardinal hinter den Kulissen die Geheimnisse seines Herzens abrang und die Kurie in die hohe Orientpolitik hineinbrachte, konnte allerdings mit Voraussetzungen rechnen, welche seinen Erfindungen einige Glaubhaftigkeit verliehen. Das war die überraschende Teilnahme der Geistlichkeit am Kriege, die Nahrung der Volksbegeisterung, die nationale Haltung. Alles zusammen sehr überraschend. Denn Vatikan und Quirinal in Rom leben doch in heftiger historischer Feindschaft gegeneinander. Erst heuer ist dieses Verhältnis zum Ausdruck gekommen, als die Kurie das Jubeljahr Italiens als Trauerjahr erklärte (siehe „Deutsches Volksblatt": „Die Vaterlandsliebe der Juden"). Und nun wünschte der Papst selbst den italienischen Waffen einen großen Erfolg, hohe Geistlichkeit segnete die Fahnen der ausziehenden Regimenter und von den Kanzeln herab wurde den Rekruten des Sprengels Aufopferung und Tapferkeit ans Herz gelegt. Das erweckt tatsächlich den Anschein, als ob der Papst und sein Hof von dem Ausgang des Krieges etwas zu erwarten hätten. Der nüchterne Beobachter wird jedoch mit kühlem Verstand die denkbar einfachsten Gründe für das Vorgehen der italienischen Geistlichkeit finden. Der Zug nach Tripolis war im apenninischen Königreich nicht bloß populär, er rief vielmehr die fanatische Begeisterung der Volksmaffen wach. Die klerikalen Kreise dürften es gar nicht wagen, sich dieser brausenden Stimmung entgetzenzusetzen und sie taten das umsoweniger, als sie aus der Not eine agitatorische Tugend machen konnten. Da sie nämlich zeigten, daß sie sich bei einem großen patriotischen Anlaß auf die Seite der sonst so bitter gehaßten Regierung stellen, mußte alles diesen Edelmut bewundern. So wurde aus dem Verhalten der Kurie Popularität. Aber einen Zweck darüber hinaus zu suchen, ist politischer Aberwitz. Der nichtkoloniale Besitz der Türkei wird nie zertrümmert werden, denn dazu ist die Eifersucht der Mächte und das Zweimillionenheer der Türkei selbst zu stark. Die Pforte wird sich auch so leichten Kaufes eine Provinz nicht wegnehmen lassen, welche der Anfang des Landweges nach Indien ist, vor den Toren Konstantinopels liegt und selbst durch die blutigen und Jahrhunderte langen Kceuzzüge nicht endgiltig erobert werden konnte. Aber selbst wenn diese politischen Unwahrscheinlichkeiten entfallen, so müßten alle Traditionen verkehrt werden, wenn der Papst aus Europa nach Asien übersiedeln wollte, mitten in das Herz des kriegerischen Islam hinein, aus einer Stadt weg, welche unter dem Papsttum mit Kulturwerken von Ewigkeitswert übersäet wurde. Bei dem Eifer weiters, mit welchem Pins X. den Ueberlieferungen seiner Vorgänger lebt, ist schwer anzunehmen, daß er den Anspruch auf den italienischen Kirchenstaat auch nur bedingungsweise aufgeben würde. Eine wichtige und notorische Tatsache liegt auch in den übereinstimmenden Erklärungen der Kabinette, daß nach der italienischen Tripolisexpedition der weitere Besitzstand der Türkei unangetastet bleiben sollte. Die Uebersiedlung des Papstes trägt also durchaus alle Kennzeichen des Reportecmärchens. Die „Bossische Zeitung" hat sich trotzdem den Spaß gemacht, die Meinung von Persönlichkeiten aus allen Lagern darüber abzunehmen. Leider hat sich auch ein Rabbiner bereit gefunden, feine Meinung abzugeben und zwar in gegnerischer Haltung. Er hat sich auf den Standpunkt gestellt, daß ihm der tolerante Türke in Palästina lieber wäre als der intolerante Klerikalismus. Es gehört eine herzliche Naivität dazu, sich so unumwunden auszudrücken in einer Frage, deren Lösung im griechischen Kalender angegeben ist. Wenn aber schon der Herr Rabbiner eine Ansicht hat, so wird er wohl begreifen, daß das Judentum schwächer ist als die Kurie und nichts verhindern könnte. Es

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