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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1911-09-22 · 38 (22.9.1911) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
28 (1911)
Issue
38 (22.9.1911)
Date
1911-09-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 38 Dr. Bkochs WochMfchrift Sette 629 Theater sich völlig sicher wähnte, wurde er durch die Browning- Pistole eines der zahllosen Detektivs niedergestreckt, die er selbst zur Wiederausrichtung des bureaukratischen Absolutismus gerufen hatte» Festgestellt ist, auf Grund amtlicher Mitteilungen, daß der Attentäter Bagrow Agent der Geheimpolizei gewesen sei. Der Chef der politischen Polizei von Kiew habe Bagrow von Petersburg zum Schutze des Ministerpräsidenten Stolypin herbeigerufen. Selbst die Waffe erhielt er amtlich von der Polizei. Bagrow galt als nützlicher Geheimagent, da alle seine Angaben bestätigt wurden. Dadurch hatte er sich das große Vertrauen des Chefs der Kiewer Geheimpolizei Kuljabko erworben. Der Vater des Attentäters Bagrow sagte einem Mitarbeiter des „Berliner Tageblatt": „Die Polizei, nur die Polizei kann ihn dazu getrieben haben, denn seine Angehörigen haben nichts von seinen Plänen geahnt." „Er kann nur ein Opfer der Polizei geworden sein, Polizeispitzel müssen ihn zur Tat veranlaßt haben." Die greise Mutter des Attentäters Bagrow, Frau Tatjana Bagrow, hat sich Montag nachmittag aus Schmerz über die von ihrem Sohne verübte Mordtat aus dem.Fenster ihres im dritten Stockwerk gelegenen Schlafzimmers auf das Straßenpflaster gestürzt und ist mit zerschmetterten Gliedern tot liegen geblieben. Frau Bagrow stand im 73. Lebensjahre. Seit dem Bestehen des russischen Reiches hat es für die Juden keine solch traurige Zeit gegeben als die unter der Herrschaft des ermordeten Ministerpräfidenten Stolypin. Nach zehntausenden zählen die Opfer der jüdischen Intelligenz, welche auf dem Schaffst endeten. Die Drangsale, die er über das russische Judentum verhängt, sind ohne Beispiel in der Geschichte der Grausamkeiten aller Zeiten. Dennoch ist es ein merkwürdiges Geschick, daß eines seiner eigenen Werkzeuge sich gegen ihn gekehrt hat. Russische Berichte melden : Der Rabbiner von Kiew sagte -aus, daß Bagrows Großvater den orthodoxen Glauben angenommen habe, daß aber Bagrows Vater wieder zum Judentum zurückgekehrt sei. Doch ist diese Nachricht mit Vorsicht aufzunehmen. Namensänderungen sind in Rußland nicht so leicht, und der Name Bagrow deutet nicht auf jüdischen Ursprung. In der Tat meldet man aus Kiew: Dimitri Grigorjewitsch Bagrow ist im Jahre 1884 in Kiew geboren. Der Vater des Attentäters, Grigori Bagrow, ist einer der angesehensten Kiewer Advokaten und bekleidet den Posten eines Rechtskonsulenten in der Kanzlei des Kiewer Generalgouvernats. Bagrow sen. genießt den Ruf eines großen Wohltäters, ist Mitglied des Kiewer Adelskasinos, kann also unmöglich Jude sein. Zur Naturgeschichte der rnffischen Gesellschaft. Bei dem Attentat auf Stolypin im Jahre 1906 auf der Apothekerinsel wurden ihm bekanntlich ein Paar B rill an tmanschettenknöpfe gestohlen. Bei dem Attentat wurde ihm seine wertvolle Taschenuhr nebst Kette gestohlen. Die Nationalisten halten allenthalben Versammlungen ab und beschließen schärfste Maßnahmen zur Austreibung der Juden. Stolypin äußerte sich am Krankenlager über den Attentäter, indem er sagte: „Das Jüdchen tat mir furchtbar leid, als es bleich und zusammengeknickt auf mich zukam." Für Sonntag und Montag werden in Kiew und Odessa Pogrome befürchtet. _ Beweis: Die Schönheit der Sprache. Merkwürdige Blüten zeitigt der fanatische Judenhaß der »Nowoje Wremja« in Petersburg. Auf den russischen Schiffen iw Schwarzen Meer ist ein Matrosenstreik ausgebrochen. Wer ist nun schuld daran. Etwa die russische Mißwirtschaft, die dort herrscht? Bewahre, die »Nowoie Wremja« weiß es besser! Schuld daran find die Juden. Dieses blutrünstige Blatt weiß es ganz genau, daß die Juden in. der ganzen Türkei türkisch und griechisch geschriebene Aufrufe verbreitet haben, daß niemand auf den russischen Schiffen Arbeit übernehme, sondern die russischen Matrosen in ihrem Streik unterstütze. Beweis hiefür — sagt die »Nowoje Wremja« — ist die elegante tadelose Sprache, in welcher die Aufrufe verfaßt find. Die Jude» in Agadir. In einem Artikel des ,,Berl. Lokalanzeiger" aus Agadir finden wir folgende Schilderung: Wie in allen arabischen Städten, ist auch in Agadir den Juden ein besonderes Viertel zugewiesen, und, nach meiner Ansicht» sah es dort, wenn auch nicht viel, doch etwas sauberer aus. Wie die Juden einen besonderen Stadtteil haben, so haben auch sie eine andere Tracht. Meist sind ihre Kaftans schwarz oder dunkelblau und auf dem Kopfe tragen sie eine Art schwarze Kappe, während die Araber meist hell gekleidet find. Die jüdischen Frauen schmücken sich mit Hellen, oft grellbunten Gewändern und ihr Haar ist zu einem zierlichen Knoten gewunden. Sie verhüllen auch nicht ihr Gesicht, sondern zeigen offen und ehrlich, daß sie oft recht hübsche feine Gesichter haben, mit einem ganz eigenen Ausdruck darin. Es scheinen dort oben fast noch patriarchalische Sitten zu herrschen. Kinder und auch junge Männer küffen Greisen ehrerbietig die Hand, eine Huldigung, die uns übrigens zuteil wurde. Man konnte dort wirklich Typen studieren. Ich habe alte Juden gesehen, bei deren Anblick ich wirklich dachte, ich sei Jahrtausende zurückversetzt in das gelobte Land. So rein hat sich der Menschenschlag erhalten. Ehrwürdige Greise mit langen, schneeweißen Bärten und dunklen lebhaften Augen, der scharfgeschnittenen Nase und den schmalen Händen. Es gibt sonst nicht viel in Agadir zu sehen. Ein „Haus" sieht wie daS andere aus. Eins ist mir besonders aufgefallen: die hölzernen Türen trugen oft ganz eigenartige Schnitzereien, wie wir sie bei uns noch häufig an mittelalterlichen Möbeln sehen; sonst aber bildet der Baustil nur einen schwachen Abglanz maurischer Architektur. Die geheimnisvolle Unbekannte ans dem Dreyfns- Prozeß. Aus Paris wird uns berichtet: Die berühmte verschleierte Dame aus dem Dreyfus-Prozeß taucht wieder auf. Au» Lyon meldet der „Matin" die Verhaftung deS Polizisten Loubareffe wegen Aktendiebstahl. Es handelt sich um das Dossier der falschen Gräfin Jouffroy d'Abbans, derselben Dame, die in der Dreyfus-Affäre und später im Zola-Prozeß eine gewisse Rolle gespielt hat. Der Polizist soll mit der Gräfin in einem Lyoner Hotel eine Zusammenkunft gehabt haben, wo ihm diese die kompromittierenden Aktenstücke unter Zusicherung einer Belohnung abverlangt hätte. Der Polizist verantwortete sich vor Gericht damit, die Dame hätte ihn mit einem Revolver bedroht, um ihn zu der Herausgabe der Akten zu gewinnen. Loubareffe wurde in Haft genommen und auch gegen die falsche Gräfin wurde ein Haftbefehl erlassen. Madame Jouffcoy. genannt die „verschleierte Dame", hat seinerzeit bei einer nächtlichen Zusammenkunft dem Oberstleutnant Esterhazy das berühmt gewordene falsche Dokument zugesteckt. Damals protestierte sie in einem offenen Brief an den Papst gegen die Rolle, die man ihr zuschrieb. erklärte aber, die Persönlichkeit der geheimnisvollen Unbekannten zu kennen. Später wurde dieselbe Gräfin in einen aufsehenerregenden Erprefferprozeß verwickelt »nd verhaftet» und zwar auf Grund der Klage eines ehemaligen Offiziers, der sie heiraten wollte. Jüdische Grabsteine in Friesach. Von Dr. Max Grunwald. Von älteren jüdischen Ansiedelungen in Kärnten melden nur dürftige Daten. Sie weisen auf lebhaften Verkehr mit Venedig hin. Villach, Conegliano, Monselice, Udine, Stationen an der großen Handelsstraße, die Nord- und Wälschland verbindet, sind dem Kenner der jüdischen Geschichte geläufige Namen. Daß sich aus dem Kärnten des Mittelalters auch jüdische Denkmäler erhalten haben, ist der Forschung bisher entgangen. Es find dies vier jüdische Grabsteine, gegenwärtig im Besitz des Verschönerungsvereines in Friesach, einem von lieblichen, ruinengekrönten Hügeln umrahmten, einst verkehrsreichen, jetzt stillen Städtchen, daS auf eine weit mehr als tausendjährige Vergangenheit zurückblickt. In einem Winkel an offener Straße, allem Wind und Wetter schutzlos preisgegeben, liegt dort neben anderen Altertümern das Fragment eines jüdischen Grabsteines (A). Schiebt man die dichte Epheuumrankung beiseite, so entdeckt man einen weiteren (B) zur Linken und einen dritten (0) zur Rechten. Der vierte (D) ist in dem kleinen Museum im Gemeindehause untergebracht. Dieses Museum hat in der Hauptsache ein Friesacher Schuhmacher gesammelt, jene anderen drei Steine sind neben vielen anderen, seitdem achtlos zertrümmerten in Judendorf und anderen Dörfern in der Umgebung Friesachs gefunden und

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