Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 17 (28.4.1911)
- Date
- 1911-04-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 378 Dr. Blocks Wochenschrift. Nr. 17 reden kann und was Sie alle berührt: lieber das jüdische Familienleben und die Hausführung. Das zu besprechen halte ich mich befugt, denn ich habe ein Leben mit reichen Erfahrungen hinter mir, ich bin selbst im Ghetto 'aufgewachsen und habe dort das Leben und Wesen in den jüdischen Familien betrachtet und selbst mitgemacht. Das war allerdings etwas ganz anderes, als wir es heute bei uns finden. Aber warum soll es ein anderes sein? Vielleicht weil die Juden nicht mehr in den engen Gassen wohnen müssen und heute die Freizügigkeit haben? Das kann doch nicht der wahre Grund sein, er liegt vielmehr darin, daß wir selbst nicht mehr in unserer Familie, in unserem Heim das Glück suchen, vor allem sind wir aber — wir sind ja Männer unter uns (Heiterkeit) — gegenüber unseren Frauen zu nachfichtig. Wenn Sie heute nachhause in die Familie kommen, so finden Sie vielfach nicht mehr die alte Traulichkeit, Sie vermifien oft den richtigen Familiensinn. In früheren Zeiten ist der Jude die ganze Woche über außer dem Hause und oft weit weg von seinem Wohnsitz seinem Erwerb nachgegangen, aber wenn der Sabbat nahte, da kehrte er heim in sein trauliches Heim, in die Fcststube seiner Familie. Da stand der Tisch mit dcm frischen Tuch bedeckt und die Leuchter darauf, die Hausfrau hatte schon die besseren Kleider angetan, alles atmete schon die Sabbatfreude. Und welch eine tiefe Bedeutung liegt in dem Entzünden der Lichter! Licht bedeutet Klarheit und Wissenschaft, darauf ist im Judentume stets sehr viel gehalten worden. Warum soll heute das nicht so sein? Am Freitag abend kaun auch heute in jeder Familie die Heiligkeit des Sabbats einziehen. (Lebhafte Zustimmung.) Die Schule ist nicht schuld daran, wenn es nicht so ist, sondern das liegt am Elternhaus, wie man sich dort führt und wie es die Kinder vor sich sehen. Wo find aber die Mütter dieser Kinder? Man findet sie überall, nur nicht zuhause, das ist aber ein großes Unrecht von ihnen. Der Mann muß hinaus in die Oeffentlichkeit und sür den Unterhalt der Seinen das Nötige erwerben, die Frau gehört ins Haus, dort hat sie ihr Regiment, dort hat sie ihr Hauswesen in Ordnung zu halten und sich der Erziehung ihrer Kinder zu widmen, So war es früher ganz allgemein und in den jüdischen Häusern hat das Weib Zucht und Ordnung gehalten. Darum empfehle ich Ihnen dringend, daß Sie auf Ihre Frauen sehen. (Heiterkeit.) Sie find ja Ratschlagen zugänglich. Beherzigen Sie meine Worte, die aus dem Munde eines Mannes kommen, der es ehrlich meint und aus Lebenserfahrungen geschöpft hat. (Beifall.) Legeu Sie das Hauptgewicht auf die Behausung und trachten Sie, das ganze Glück und die Zufriedenheit in dem engen Raum der Familie zu suchen und zu finden. Darauf erhebe ich mein Glas. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Triukspruch auf die ueuaufgenommeneu Vereinsmitglieder von Rabbiner Dr. Max Grunwald. Redner erwidert zunächst auf die Ausführungen des Herr D. Ritter v. G u t m a n n, dankt dcm Vizepräsidenten der Chewra-Kadischa Dr. M. Spitzer sür seine an die Adresse der Rabbiner gerichteten Worte, bespricht sodann das neu in Umlauf gekommene Schlagwort Tachlis und fährt dann fort: „In einem jüngst erschienenen, sensationellen Werke über „Die Juden und das Wirtschaftsleben" von dem bekannten Professor Werner Sombart, einem Werke voll stupender Gelehrsamkeit und reicher Phantasie, heißt cs : „Der Jude fragt bei allem und jedem: was nützt's, was tragt's, was hat's für einen Zweck?" „Der Jude fragt immer nach dem Tachlis". „Tachlis ist dem Juden Inhalt der Welt," sagt Sombart. „Tachlisjude" und „Tachlisreligion" bilden seither bereits geflügelte Worte. Das darf nicht überraschen. Dem Volksstamm, dessen Söhne und Töchter durch zwei Jahrtausende alle Güter dieser Erde, das eigene Leben und das der Kinder geopfert haben, — lediglich für eine Idee — tausend und abertausendmal auf dem Scheiterhaufen die Feuerprobe bestanden haben, für einen hohen, edlen Gedanken, alle Höllenqualen, die nur die ungezügelte Phantasie wildesten Haffes ersinnen kann, erduldet haben, um an sich und ihrem Gewiffen nicht untreu zu werden — uns Juden haben schon in alter Zeit unsere Feinde, die unter fadenscheinigen Vorwänden religiösen Uebereifers und erheuchelter Unduldsamkeit unser Hab und Gut raubten, ein allzu praktisches Zielstreben und Vorteilberechnen mißbilligend vorgehalten. Eine andere Erscheinung fand Professor Sombart seiner Theorie einigermaßen widerstrebend: Die Tatsache, daß die jüdischen Dichter der jüngsten Epoche, wie Arthur Schnitzler, Georg Hirschfeld und Andere, auf jeder Seite gerade die sentimentalste Resignation, also das strikte Gegenteil dcs Tachlisfragens, vertreten. Indes der Herr Professor weiß sich zu helfen. Diese Sentimentalität, sagt er, die ist eben die Wehmut, die Klage darüber, daß die Welt ohne Tachlis ist: Dieses jüdische Genre in der modernen Kunst ist nichts als Tachlis mit umgekehrtem Vorzeichen. Sie sehen, meine Herren, nicht nur jüdische Worte, wie das gute alte Tachlis flüchten sich heute aus dem jüdischen Hause auf das arische Katheder, um dort der jüdischen Jugend geläufig zu werden, sondern auch der angebliche jüdische Dreh hat wissenschaftliche Approbation erfahren. (Zustimmung.) In der Frage nach dem Tachlis findet Professor Sombart ein Merkmal jüdischer Eigenart. Mir erscheint vielmehr die Chewra-Kadischa als dieses Merkmal. Sehen Sie, meine Herren! Die Tochterreligion hat ja dem Judentum so vieles, ja beinahe alles Schöne und Herrliche entlehnt: Das Sittengebot, die heiligen Schriften, den gesamten Fcstzyllus. In den Kirchen werden die Psalmen Davids gesungen, selbst die Tracht des hohen Klerus ist der altjüdischen Priestertracht nachgeahmt. Nur eines hat die Kirche vom Judentum zu übernehmen unterlassen, die Chewra-Kadischa. Sie, die Chewra- Kadischa, ist die ureigenste Offenbarung des jüdischen Herzens. (Lebh. Beifall.) Der Jude soll ein Tachlismensch sein? Folgt doch diesen kalten Verstandesjuden in seine Häuslichkeit, beobachtet ihn in seiner Sorge für Weib und Kind, belauscht ihn, wenn die Hilferufe Leidender an sein Ohr dringen, wenn es menschliches Weh zu lindern gilt, eine rettende Tat zu üben für Menschen in bitterer Not, und ihr werdet die große Offenbarung empfangen von dem jüdischen Herzen. Wenn sich auch die Religion Israels nicht die Religion der Liebe nennt, so ist sie doch durch und durch eine Religion unendlicher Barmherzigkeit, die mit pädagogischer Kunst der jüdischen Rasse das wunderbare jüdische Herz geschenkt hat. Seneka hat in seinen Schriften so prächtige ethische Grundsätze ausgesprochen, daß man sie mit denen des Apostels Paulus verglich. Sein Freund aber war Nero und sein zeitgenössisches Rom voll ethischer Ungeheuerlichkeiten. Dem Judentum hingegen ist es gelungen, einem ganzen Volke das echte jüdische Herz anzuerziehen, das leicht bewegt, gerührt, ergriffen wird von Mitleid und Erbarmen. Die Chewra-Kadischa, die den Tod mit einer verklärenden Weihe und versöhnenden Milde umgibt, sein Grauen und Schrecken durch die Gewalt der Liebe zu überwinden weiß, ist aber, wie Herr Dr. Spitzer so schön gesagt hat, die glänzendste Emanation der jüdischen Volksseele, des jüdischen Herzens. Das jüdische Grübeln über Tachlis entbehrt nicht vielerlei ideeller Elemente. Machen wir einmal die Probe auf das Exempel: Was ist Tachlis bei der Chewra-Sude? Gewiß das auch ist Tachlis, wenn man gut zu essen und zu trinken bekommt. Und doch, meine Herren, Tachlis dieser Chewra-Sude ist nicht das Essen und das Trinken, sondern Tachlis des heutigen Abends, das sind Sie, meine Herren, das sind wir Alle, die wir hier versammelt sind: os'-iowi 05*3pi asw Ba'twn Die Spitzen der Kultusgemeinde ihre Leiter und Blitzarbeiter, ihre Häupter und geistigen Führer, ihre vornehmsten Repräsentanten und Intelligenzen: Gelehrte, Künstler, Dichter und Schrifsteller, ein Bild unserer Wiener Judenschaft, so schön, so erhebend, wie es sonst bei keinem einzigen Anlässe geboten wird. Das ist Tachlis der Chewra-Sude, ein solches Bild uns wenigstens einmal schauen zu lassen. Meine Herrn! Wenn ein jüdischer Abraham a Sancta Clara unter uns weilte und unsere innere Zerrissenheit, unsere Parteiungen sehen, das Aechzen und Stöhnen der Zwietracht und