Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 28 (1911)
- Issue
- 17 (28.4.1911)
- Date
- 1911-04-28
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021927-3021945--20153-3045176- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 17 Dr. Blochs Wochenschrift Seite 279 das ewige Raunzen über die Gemeinde hören und gleichzeitig vernehmen würde, daß eine große Anzahl von Vereinen die schöne Namen, wie „Union", AchduS", „Achwa" oder „Unitas" und „Konkordia" — Sie verzeihen, daß ich auch halbjüdische Vereine „gemäßigter Israeliten" mit einbeziehe — auf ihre Fahne geschrieben — er würde vielleicht ein Wortspiel wie Chewros und Chawuros gebrauchen. Das Wort, welches im Hebräischen Verein bezeichnet, bedeutet zugleich auch offene Wunde und er würde klagend ausrufen: Ich sehe trotz der schönen Cliewros viele Chawuros und die Chewra bringt keine Hilfe gegen die Chawuro oder zu deutsch: Trotz aller Verbände kein Verband für die große Wunde, an der wir leiden, trotz aller Vereine kein einheitlicher Geist, trotz aller Korporationen ein Corpus ohne inneren Zusammenhalt, ohne ein eigentliches Innenleben. Es liegt daran, daß uns einZentrumzur Pflege sozialer Beziehungen mangelt, wo die Persönlichkeiten einander gemütlich nähertreten und sich gegenseitig verstehen lernen. Das soll die Chewra-Sude ersetzen. Das bildet ihr Tachlis. Das hat von altersher der Chewra-Sude im Gemeindeleben die besondere Wichtigkeit, Weihe und Würde verliehen. Und in allen Statuten der Chewra-Kadischa ohne Ausnahme ist wenigstens einmal im Jahr eine Chewra-Sude vorgesihen, sie gehöite zu den Pflichten und Funktionen, die jedes Mitglied genau so pünktlich zu erfüllen hatte, wie die traurigen, die der Chewra oblagen. Wer bei der Sude unentschuldigt fehlte, hatte 18 Groschen Strafe in die Chewrabüchie zu entrichten, genau so wie jeder, der nicht der Predigt des Chewrarabbiners beiwohnte. Ich muß gestehen, ich begreife unsere Chewra-Kadischa nicht, daß sie diese Einnahmsquelle hat versiegen lassen. Welche Gelder müßten ihr jährlich zugehen, wenn ihre Mitglieder für jede geschwänzte Predigt 18 Kreuzer zu zahlen hätten! Wer in die Chewra eintrat, der zählte noch lange nicht zu den B'äinrt, den Inkorporierten, 8 Jahre mußte er sich als Mitglied bis dahin bewährt haben, und p* vollgiltiger Cqewramann wurde er in Prag z. B. erst nach vollen 16 Jahren, wenn er bis dahin sich tadellos in der Chewra bewährt hatte, mußte er sich noch einem Examen unterziehen — nach 16 Jahren. Und da gab es keinen Unterschied des Standes und Besitzes. Demokratisch war das Prinzip der Chewra, sie lernte das von dem größten Demokraten, mit dem gerade sie so oft zu tun hatten, von dem düsteren Gesellen, von dem es heißt: ni.n src jnopi bna. Ihm gilt alles gleich, arm wie reich und hoch, wie niedrig. Der häufige Umgang mit dem Tod applanierte in dem Empfinden der Chewramänner die sozialen Unterschiede. Ein alter Schriftsteller hat auf eine Eigentümlichkeit der hebräischen Sprache hingewiesen, die einen weiten moralischen Ausblick gestattet. Die Konsonanten des Wortes Tote gestatten nämlich noch eine zweite Lesung. Wenn man die beiden Punkte, die das Zere der ersten Silbe bilden, nicht nebeneinander als Zere, sondern übereinander als Schewo setzt, so liest man D,i?f und das heißt bekanntlich Männer. Das Leben kennt freilich nur ein Ueber- und Untereinander der Stände und Personen, der Tod aber nur ein Nebeneinander; es kann keine wirksamere Predigt gegen Ueberhebung und f ü r brüderliches Zusammenhalten geben, als die Erinnerung, daß unser aller das gleiche Schicksal harrt. Die Chewra-Sude bildete zugleich die feierliche Einführung der neu aufgenommenen Mitglieder und war gewissermaßen auch ein Doktorschmaus. Und so lade ich Sie denn ein, auf diejenigen unter uns, denen nach dieser altjüdischen Tradition unser Brudermahl in erster Reihe gilt, auf die jüngsten Mitglieder der Chewra-Kadischa, ein Glas zu leeren und ein kräftiges Hoch auszubringen! (Lebh. Beifall.) Toast des Herrn S. Brod, Präsident des Vereines zur Hebung der Gewerbe, Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde. Ich wurde mit der mich ehrenden Mission betraut, im Namen der Mitgliedschaft des heiligen Vereines eine längstgehegte, ernste und wichtige Dankes- und Herzenspflicht zu erfüllen, an unser erstes religiöses Oberhaupt, an den ersten Seel'orger unserer großen Gemeinde seit 45 Jahren: Oberrabbiner Doktor Moriz Güdemann. Ich fühle mich selbstredend viel weniger als befähigt, ihn als Leuchte der Wissenschaft, als Schriftgelehrten, Forscher, Kanzelredner rc. zu feiern. Wofür ich mich aber für befähigt fühle, als schlichter Mann aus dem Volke, das ist, unseren Oberrabbiner als den mutigsten Mann in unserer ganzen Gemeinde zu beleuchten. Wer erinnert sich nicht, meine Herren, jenes bewegten Momentes, in welchem unser Seelenhirte hier in diesem großen Saale die Rednertribüne betrat, um vor tausenden und tausenden erregten Gemütern ein donnerndes Vernichtungsurteil ausznsprechen gegen jene Regierung des fernen Ostens, die Tod und Verderben unseren armen Brüdern und Schwestern daselbst ohne deren geringstes Verschulden verkündet und sie ihrer Heimat für immer beraubte. Wer erinnert sich nicht in tiefster W 'hmut jenes Momentes, in welchem in unserem eigenen Vaterlande der Bruderhaß in seiner Rücksichtslosigkeit sich so weit verg'siea konnte, unsere Religionsgenossenschaft einer gewissen Teilaavm' an einem Verbrechen, welches wir aus der T'.efe unseres Herzens perhorreszieren, zu verdächti en. Mir klingen noch immer d'e überzeug-nden Worte tiefster Entrüstung in den Oheen. die unser Oberrabbiner unter Anwesenheit Tausender, diesmal nicht blos unserer eigenen Glaubensgenossen, sondern auch Angehö^enkec anderer Religionsgenosse.Schäften aus'prach: „Ich selbst," sprach unser Oberrabbiner, die Hand gen Himmel erhebend, „würde nie und niemals einer Religionsgenossenschaft ang.bören, die in den verst cklesten Falten ihrer älbsten Religionsvorschriften auch nur die leiseste Andeutung zu einem so menschenunwürdigen Vergehen enthalten würde. In allen kritischen Momenten, in welchen sich unsere Gemeinde befunden, war es er, der immer unserer würdigen Gemeinde-Repräsentanz mit Rat und Tat zur Seite stand. Und so oft es galt, unserem allgeliebten Landesvater und Kaiser unsere Huldigung darzubringen, war es immer seine ehrwürdige Gestalt, die segnend die Hand auf das Haupt unseres Kaisers zu legen berufen war. Es wäre überflüssig, sich des weiteren zu ergehen, denn in der Hochachtung und Wertschätzung unseres gerstrzen Oberhauptes finden wir uns Mitglieder des heiligen Vereines alle eines Sinnes. So lade ich Sie denn ein, meine hochverehrten Herren und Damen sich von den Sitzen zu erheben und gleichzeitig das Glas und mit mir ein dreimaliges Hoch auszubringen auf das Wohl unseres geistigen Oberhauptes, „Se. Ehrwürden, Oberrabbiner Dr. Moriz Güdemann, er lebe hoch, hoch, hoch!" (Lebhafter Beifall und Händeklatschen). Kais. Rat Rnzicka toastierte sodann auf die Männer von der Presse, welche jahrein, jahraus überall eintreten und kämpfen, wo es gilt, Gleichheit und Recht zu wahren und Unrecht und Drangsalierungen entgegenzutreten. Schriftsteller Regierungsrat Dr. With. Reumann dankt namens der anwesenden Schriftsteller sowie der gesamten Preßkollegen für die freundlichen Worte des kais. Rates Ruzicka und dem Präsidenten Salo Cohn für seine Gastfreundschaft. Nachdem der Präsident Salo Cohn der Festversammlung für das zahlreiche Erscheinen, sowie den Festrednern und Künstlern für die ausgezeichneten Darbietungen den Dank aussprach, wurde die Tafel in später Stunde aufgehoben.