Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 8 (25.2.1910)
- Date
- 1910-02-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 140 Nr. 8 Dr. Blochs Wochenschrift. zu erhallen. So löblich und so unbedingt notwendig das auch ist, und so dankbar wir dafür demjenigen Teile unserer Glaubensgenoffen sein muffen, der für diese Humanitären Institute materielle und persönliche Opfer bringt, so müffen wir doch erklären, daß damit allein der Notlage der österreichischen Judenschast nicht abgeholfen wird. Unsere führenden Kreise müßten, angeregt durch das Beispiel der Tschechen, Deutschen und anderen österreichischen Volksstämme, endlich zur Ucberzeugung gelangen, daß es nicht minder wichtig ist, bestehende Existenzen vor dem Untergang zu retten und das kann nur durch die Inauguration einer zielbewußten und vernünftigen Wirtschaftspolitik geschehen. Dadurch, daß man den Juden in ihren Existenzen behilflich ist, vermindert sich bei ihnen naturgemäß das Bedürfnis nach einer unentgeltlichen Spitalsbehandlung oder einer sonstigen Versorgung. Wohl existieren in Wien und in der Provinz schon seit Jahren jüdische Kreditinstitute, die aber alle infolge der zu geringen ihnen zur Verfügung stehenden Mittel und dadurch, daß die Großbanken ihnen nicht das genügende Entgegenkommen beweisen, nicht in der Lage sind, in ausreichendem Maße die berechtigten Wünsche der Kreditbewerber zu erfüllen. Ihre Leistungen sind ihrem Verhältnisse gemäß sehr anerkennenswert, jedoch den allgemeinen Bedürfnissen können sie infolge der angeführten Gründe nicht entsprechen. Die österreichische Judenschaft, die zu ihrem eigenen Schaden politisch nicht gemeinsam vorgeht, sollte wenigstens wirtschaftlich eine gemeinsame Plattform finden, zum Nutzen ihrer Glaubens- und Stammesgenoffen zu arbeiten. I. G r o b t u ch. vom Aabrmarkt des Lebens. Die Hygiene der Inden auf der Internationalen Hygieue-Ansftelluug in Dresden 1911. Die historische Abteilung der für das Jahr 1911 unter dem Protellorate des Königs von Sachsen geplanten Jnternatioualen Hygiene-Ausstellung in Dresden hat den Wiener Rabbiner Dr. Max Grunwald. Herausgeber der „Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde", mit der Ausgestaltung der Gruppe „Hygiene der Juden" betraut. Zu diesem Behufe wurde Dr. Grunwald in die zur Vorbereitung der Ausstellung eingesetzte internationale wiffenschaftliche Kommisfion als Mitglied berufen. Die Aufgabe, die Herrn Dr. Grunwald übertragen wurde, gewinnt an Bedeutung, wenn man bedenkt, daß fie von Sachsen ausgeht, das mü dem Feldzug gegen eines unserer wichtigsten hygienischen Gebote, das rituelle Schlachten, begonnen hat. Herr Dr. Grunwald wird demnächst an die kompetenten jüdischen Körperschaften und Privatpersonen ein Rundschreiben mit dem Ersuchen richten, durch Beschickung der Ausstellung eine tunlichst lückenlose Darstellung der Geschichte der Hygiene bei den Juden zu ermöglichen. Die Herrn Dr. Grunwald zugesandten Gegenstände werden bis zu deren Weiterbeförderung nach Dresden in diebes- und feuerficheren Aufbewahrungsräumen der israel. Kullusgemeinde Wien aufbewahrt. Wie aus dem Programme, das Herr Dr. Grunwald im Einverständnisse mit der historischen Abteilung der Ausstellung entworfen hat, hervorgeht, handelt es fich bei Ausgestaltung der Gruppe „Hygiene der Juden" darum, anschauliches Material über die die Hygiene im Judentum in den verschiedenen Zeitaltern berührenden Gefichtspunlle zu bieten. Hierher gehören plastische Darstellungen oder Bilder von Einrichtungen und Vorgängen seit den Zeiten der Bibel bis auf unsere Tage, die hygienischen Zwecken entsprochen haben oder noch heute dienen, dann um Abschriften oder Photographien einschlägiger Stellen aus der Heiligen Schrift oder sonstigen hierfür in Betracht kommenden Werken, wie Talmud, Decisoren, vor allem Maimonides, von rituellen Utensilien und dergleichen, vor allem um Darstellungen der vom Genuß ausgeschloffenen Tierteile und der „Terefa"-Zeichen, einer rituell geführten Küche, des Schächtens, einer Mikweh, von berühmten jüdischen Gräbern. Die Ausstellung soll folgende Gruppierung aufweisen: 1. Die biblische Zeit, 2. Die talmudische Zeit und 3. Die Nachtalm irdische Zeit. Dr. G r u n w a l d teilt die einzelnen Perioden in verschiedene Unterabteilungen. So z. B. die biblische Zeit: 1. Ernährung, 2. Kleidung, 3. Körperreinigung, 4. Körperkräftigung, 5. Arbeit, 6. Luft, 7. Licht, 8. Boden und Klima, 9. Wasser, 10. Behausung, 11. Ortschaften und Städte, 12. Verkehr, 13. Gesundheitliche Vorkehrungen für besondere Lebensverhältniffe (Mutterschutz, Kinderpflege, Fürsorge für Jugendliche rc.), 14. Krankheitsbekämpfung und -Verhütung, 15. Militärgesundheitspflege (Beseitigung des Auswurfes außerhalb des Lagers, Desinfektion der Kriegsbeute rc.), 16. Hygiene in den Beziehungen zwischen Mensch und Tier, 17. Gesundheitliche Sitten, Gebräuche und Gesetze (Sabbat, Beschneidung); ebenso reichhaltig sollen auch die anderen zwei Zeitabschnitte dargestellt werden. Auf Anregung des Dr. Grunwald wendet fich die Ausstellungskommisfion auch an Männer jüdischer Wissenschaft und die Gemeinden mit dem Ersuchen, die Ausstellung zu fördern. Es ist kein Zweifel, daß, wenn die jüdischen Organisationen und Privatpersonen, die im Besitze des einschlägigen Materials (z. B. von Modellen, von Synagogen, alten Judenhüusern, Friedhofshallen) sind, der Aufforderung Folge leisten und die Ausstellung beschicken, zum erstenmale eine Ausstellung zustande kommen wird, in welcher das öffentliche und Privatleben der Juden in allen Zeiten in übersichtlicher Weise veranschaulicht sein wird. Und das läge sowohl im Interesse der allgemeinen sowie vor allem der jüdischen Wissenschaft als auch der Erstarkung des jüdischen Lebens in Haus und Gemeinde im Besonderen. _ Das Projekt zur Anlage einer Kolonie im! Heiligen Lande oder in einem seiner Nebenländer. Vortrag, gehalten in einer Sitzung des Vorstandes des jüdischen Kolonisations-Vereines an seinen Präsidenten Wilhelm Stiaßny, k. k. Baurat, Gemeinderat der Stadl Wien. Wien 1908. Herr Baurat Stiaßny ersuchte zwar in einem Vorwort, von einer Besprechung, in der Oeffentlichkeit abzusehen, doch erachte ich es als Pflicht, die weitesten Kreise auf diese eigenartige literarisch-wissenschaftliche Abhandlung aufmerksam zu machen, schon im Interesse des jüdischen Kolonisationsbestrebens. Mag man Zionist oder Antizionist sein, wir alle — alle Juden haben ein warmes Interesse für das Heilige Land, dem wir Liebe entgegenbringen. Die Kolonisationsidee hat ja schon lange vor dem Zionismus in allen Landen — wo Juden wohnen — feste Wurzel gefaßt. Tatsache ist es, daß der Verein „Esra" in Deutschland schon in den 90 er Jahren Hunderte von Mitgliedern in verschiedenen Städten aufzuweisen hatte, denn dieser Idee standen Konservative und Liberale sympathisch gegenüber, und den Vorträgen von W. Bambus lauschte man mit Vergnügen, um sich über Palästina belehren zu lassen. Was uns aber Stiaßny geboten hat in feinem — nye er bescheiden sagt — nur kurz gehaltenen Vorträge, ist das wichtige und bedeutsame Ergebnis langjährigem Studiums und seiner überaus gründlichen und sachlichen Fachkenntnisse. Dieses überaus geistreiche, belehrende — ich kann's ruhig sagen — vorzügliche Werk konnte auch nur ein Mann — wie Stiaßny geschrieben haben. Erstens ist Baurat Stiaßny länger .als ein Menschenalter Gemeinderat der Metropole Oesterreichs, und zwar ein Gemeinderat, der den tätigsten Anteil aufopfernd stets genommen am inneren Ausbau und der Entwicklung der Millionenstadt Wien. Da hat Stiasny Gelegenheit gehabt, feine Erfahrung zu bereichern, seine Ideen praktisch durchgeführt zu. sehen. Seit den 70 er Jahren ist — wie gesagt — in Wien keine größere Arbeit ohne Stiaßnys Mitarbeit in Angriff genommen worden,, und in diesen 10 Lustren ist viel gelcU stet worden. Wie sehr sein Talent anerkannt wird, — beweist sogar die Haltung der antisemitischen Partei Stiaßny. gegenüber.