Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 8 (25.2.1910)
- Date
- 1910-02-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021873-3021882--19075-3044037- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 8 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 141 »Zweitens erfordert dieses Werk gründliche Kenntnis der Beschaffenheit des Heiligen Landes nach jeder Beziehung und Richtung hin. Drittens kann eine solche Arbeit leisten, nur wer ein warmes Herz und aufrichtiges Gefühl für die Kolonisationsidee hegt. Es sei auch nicht zu unterschätzen, datz hier auch eine gründliche Vertrautheit mit dem alten und neuen Stoff guf diesem Gebiete die elementarste Vorbedingung ist. Der Plan der Anlage einer städtischen Kolonie in dieser Form und Ausdehnung, die Errichtung einer Stadt mit ihrem Gebiete, die fast gleichzeitige Erbauung eines städtischen Gemeindewesens mit einem Kranze von Land-Gemeinden, die mit ihm in geistiger und materieller Wechselwirkung stehen, ist meines Wissens ganz neu und nicht annäherungsweise in irgenÄ einem Orte der Welt zur Ausführung gelangt. Sollten sich einmal die Träume des Neualtlands, d. h. die sehnsüchtigsten Wünsche auch aller 'Kolonisationsfreunde erfüllen, werden sicherlich die Prinzipien Stiatznys grundlegend sein. Ich bin fest überzeugt, datz jeder Leser mit mir nur aufrichtigen Dank und ehrliche Hochachtung — ich könnte beinahe sagen, Ehrfurcht dem Verfasser zollen wird. T r i e st, 20. Februar 1910. Prof. Dr. Brettholz. Die „Tauffrage" in Berlin. Mit dem Thema der Iudentaufen beschäftigte sich am 9. d. M. der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" in einer von mehreren Tausend Personen besuchten Versammlung im Blüthnersaale, in der die Herren Rabbiner Dr. Werner-München, Gustav Lev in st ein und Professor Horovitz sprachen. Polizeiliches Eingreifen war notwendig, um den Zudrang der Einlatzbegehrenden abzuwehren. Es darf füglich behauptet werden, datz nie zuvor in der Reichshauptstadt für eine jüdische Versammlung ein gleiches Interesse sich bekundet hat, ein Beweis für das einmütige Zusammenstehen allerweitester Kreise gegen die Zeit-Krankheit, die das Thema des Abends bildete, zugleich aber auch ein Beweis, datz der „Zentralverein" sich durch die Veranstaltung ein dankenswertes Verdienst erworben hat und Mt daran tun würde, dieselbe in anderen Stadtgegenden zu wiederholen. > Der erste Redner proklamierte die Tauffrage als eine politische, die somit vor das Forum des Zentralvereins gehöre, dem sonach die Pflicht obliege, gegen die Taufe in jüdischen Kreisen aufzutreten. Die Grütze der Kalamität erhelle daraus, datz nach einer gewiß nicht zu hoch gegriffenen Schätzung, dem Judentum im 19. Jahrhundert 200.000 Seelen verloren gegangen seien, die sich dem Christentum zuwandten, in Preutzen allein 13.000. Besonders zahlreich seien die Uebertritte in den beiden Perioden 1798—1840, da sich der Kampf zweier Kulturen im Judentum nach dem Auftreten Mendelssohns vollzog. Im Berlin des Jahres 1840 waren von den 8000 Juden nicht weniger als 1000 Getaufte — und sodann seit 1880, als die antisemitische Hochflut einsetzte. Die statistische Angabe, datz auf je 1000 Juden nur 0,5 Getaufte entfielen, sei ungenau, da hierbei die erschreckend grotze Anzahl der Kindertaufen nicht eingerechnet sei. Der Vortragende ging dann die lange Reihe der Motive, die die Taufe veranlassen, durch und wies im einzelnen die Stich- und Haltlosigkeit derselben in den meisten Fallen nach. Not. vorgebliche Kultur- und nationale Rücksichten, ethische Gründe, angebliche Neigung zur freiheitlich-religiösen Richtung, respektive direkte Glaubenslosigkeit, Eitelkeit und Ehrgeiz, der Hunger und die Liebe, alle diese Triebe werden als Grunde der Taufe von den Täuflingen angeführt, keiner aber sei stichhaltig gegenüber der llnwahrhaftigkeit und dem inneren Zwiespalt, zu denen die Taufe in den meisten Fällen führt. Aber das Schlimmste seien die Kindertaufen. Der Redner hob sodann noch die schädlichen Wirkungen der Iudentaufen in unserem Kampfe um die Gleichberechtigung hervor und auch das Verhalten des Staates zu unseren Rechtsforderungen. Die Ueberläufer schwächen unsere Kampfposition und werden dadurch zu Helfershelfern unserer Feinde. An .positiven Forderungen stellte er: 1. die allgemeine Einführung der gesetzlichen Bestimmung, wie sie in Bayern eristiert, datz der Uebertretende seine Absicht vorher dem Rabbiner mitzuteilen, ihn gewisser» matzen zu befragen hat und 2. stolz zu sein gegenüber den Täuflingen, die in unserer Mitte erscheinen und sie als ungeeignet zu erachten für Ehrenstellen jeder Art. Nachdem dann die Herren Levinstein und Professor Horovitz ungemein interessante psychologische Analysen der Taufmotive gegeben und das Verwerfliche und vielfach Nutzlose dieser betrüblichen Erscheinungen der Iudentaufen unter lebhaftestem Beifall dargetan hatten, wurde die Versammlung ohne jede Debatte geschlossen. Ein Sendschreiben der Karaiten an die Falaschas. Beitrag am Geschichte beider Sekten. Vor ungefähr 18 Jahren — so erzählt Nachman Heller im „Jewish Comment" — erhielt das geistige Oberhaupt der karaitischen Gemeinde in St. Petersburg, Nissim ben David B o ck h i z o b, eine von der englischen Bibelgesellschaft herausgegebene Flugschrift zugeschickt Sie enthielt u. a. auch die Zahl der Sprachen und Dialekte, in welche die Bibel übersetzt wurde. Unter den ungefähr 320 angeführten Idiomen befand sich auch die Sprache der Falascha oder Kara, deren sich die abessynischen Juden bedienen. Der Name „Kara" mutete den Karaiten-Geistlichen wie etwas Verwandtes an und erweckte in ihm die Vermutung, daß er es hier mit einem den Karaiten verwandten Stamm zu tun habe. Er fetzte sich mit den übrigen Karaiten-Gemeinden ins Einvernehmen und es wurde beschlossen, den Versuch zu machen, mit den abessynischen Juden eine Korrespondenz anzuknüpfen. Auch die Unterstützung d-s Generals L e o n t i e f f wurde gesichert, der infolge seiner häufigen Expeditionen in die afrikanischen Kolonien einen persönlichen und politischen Einfluß auf Kaiser M e n e l i k besaß. Der Krieg zwischen den äthiopischen Stämmen und den italienischen Schntztruppen beeinträchtigten bald den russischen Einfluß in Aethiopien, so. daß man von einer Intervention Leontieffs Abstand nehmen mußte. Bockhizob hatte es sich jedoch in den Kopf gesetzt, eine Verbindung mit den Falaschas herzustellen und sandte eines Tages einen Brief an die Falaschas. Der Brief wurde an den damaligen französi'chen Generalkonsul in Abeffynien K. Mondo n-V e d i a u l l e x adressiert und dieser gebeten, das in hebräischer und französischer Sprache verfaßte Sendschreiben der Karaiten an das geistige »Oberhaupt der Falascha gelangen zu lassen. Das Sendschreiben hatte folgenden Wortlaut: „Mit Hilfe Gottes, im russischen Reiche, in der Hauptstadt St. Petersburg, Sonntag, den 21. Kislew »656. Friede sei mit Euch, liebe Brüder, Sohne Abrahams. Isaaks und Jakobs, möge euch der Gott Israels segnen. Amen! Wir haben gehört und in Büchern gelesen von unseren Brüdern in Abeffynien deren religiösen Prinzipien und Grundideen dem heiligen Gesetze Moses entnommen sind, die unseren Vätern am Berge Sinai von Moses, dem Diener Gottes gegeben wurden. Wir haben auch gehört, daß Ihr Euch „Falascha" oder „Kara" nennt, was uns vermuten läßt, daß Ihr bloß an das mosaische Gesetz glaubt, ohne dem mündlich überlieferten Gesetze, welches die große Masse der Juden gleichfalls als eine Emanation des Himmels ansteht, weshalb sie auch als Rabbiniten, d. h. Besolqer des rabbinischen Schrifttums, des Talmuds und der Mischna bekannt sind. — Glauben zu schenken. Wir wünschen Euch zu sagen, daß wir auch Juden sind, obgleich wir das ausschließliche Gewicht auf das geschriebene Gesetz legen, unter der Benennung „Karaiten" oder „B'nai Mikra" bekannt sind, da wir bloß Anhänger der Bibel, ohne jede Zugabe oder Erweterung sind. Wir zählen hier in Rußland ungefähr 10.000 Seelen. Unsere Ansiedlung in diesem Lande datiert auf 2000 Jahre, noch vor der Zerstörung des Tempels in der heiligen Stadt Jerusalem, zurück. Als unsere Vorfahren Palästina verließen — so leien wir in dokumentarischen Aufzeichnungen — wanderten sie über Persien und ließen sich in der Halbinsel Knm dauernd nieder. Damals waren die Chazaren der h rrschende Stamm. Ihre Vorherrschaft hielt nicht an. verschi dene Völkerschaften führten Kriege gegen sie, wurden schließlich niedergerungen und büßten ihre Unabhängigkeit ein. Natürlich haben die Verfolgungen, Unterdrückungen und Grausamkeiten, denen unsere Nachbarn ausgesetzt waren, auch auf unsere Vorfahren eine, wenn möglich, noch schärfere Rückwirkung geübt. In den letzten hundert Jahren, seitdem