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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1910-02-25 · 8 (25.2.1910) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
27 (1910)
Issue
8 (25.2.1910)
Date
1910-02-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 8 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 139 er das Schließen unseres jetzigen Zufluchtslandes hintanhält. sondern auch, weil er für unsere Brüder neue Zufluchtsstätten öffnet. Jedermann, der sich Galveston zuwendet und in der von unserem Komitee angewiesenen Stadt seiner Beschäftigung mit Erfolg nachgeht, vergrößert die jüdische Bevölkerung im betreffenden Orte und erleichtert den Weg für die Nachkommenden. Auf diese Weise schafft er auch ein Heim für unser Volk, wo es im Falle einer neuen Katastrophe einen sicheren Zufluchtsort finden kann. Dieses Heim ist ja auch dann noch unumgänglich notwendig, wenn wir sogar voraussetzen, daß Palästina oder ein anderes Land für jüdische Ansiedlung erworben werden könnte; denn auch der eifrigste Zionist wird wohl zugeben müssen, daß der breite Strom der jüdischen Emigranten aus Rußland, der mindestens 106.000 Seelen jährlich beträgt, nicht nach Palästina oder einem anderen Lande geleitet werden kann, ohne die fürchterlichsten ökonomischen Folgen nach sich zu ziehen. Nur so ein schon halbentwickeltes Land wie West-Amerika ist imstande, eine bedeutende Anzahl von Einwanderern aufzunehmen und ihnen — dank, der aufsteigenden Entwicklung der Eisenbahnen, der Städte und der Landwirtschaft — genügende Verdienstgelegenheit zu bieten. Ich kann bei dieser Gelegenheit nicht umhin, dem Gefühle tiefster Dankbarkeit Ausdruck zu geben, welches die Juden der ganzen Welt im allgemeinen und die russisch-jüdischen Emigranten im besonderen den ^russischen Mitgliedern des Emigrations-Regulierungs-Departements der Ito schulden, und zwar nicht nur solchen Männern wie meine Freunde: Dr. Mandelstamm, Advokat Iassinowskp und Dr. Iochelmann (unser unermüdlicher Direktor), die an der Spitze des Komitees stehen, sondern auch allen denjenigen über ganz Rußland verbreiteten Mitarbeitern, welche an der Organisierung dieser so unendlich nützlichen Aktion mithelfen. Es sei noch bemerkt, daß unsere Emigranten während ihrer Reise durch Deutschland auch von dem.„Hilfsverein der deutschen Juden" jede mögliche Unterstützung erfahren. Zum Schlüsse möchte ich noch den Wunsch ausdrücken, das soeben begonnene Jahr möge eine Verkleinerung der Emigration nach Newyork und eine Vergrößerung derselben nach Galveston bringen, da es nichts anderes bedeuten würde, als eine Abnahme von Armut und Elend und einen entsprechenden Zuwachs an Glück und Zufriedenheit. Der Emigrant darf freilich keine übertriebenen Hoffnungen auf die ersten paar Monate setzen: ist er aber tüchtig und arbeitswillig, so hält er sein Glück in seiner eigenen Hand. Jrn Zeichen Volkswirtschaftlicher Politik. Die radikal-nationale Politik, die fast zwei Jahrzehnte das öffentliche Leben dies- und jenseits der Leitha beherrschte, beginnt allmählich den Boden zu verlieren, an ihre Stelle tritt umso intensiver die Wirtschaftspolitik in den Vordergrund. In Ungarn wie bei uns in Oesterreich bricht sich die Erkenntnis in den öffentlichen Kreisen Bahn, daß das Volk, das stets auf die Verbesserung seines sozialen Wohlstandes angewiesen ist, nicht mit nationalen Schlagworten zu befriedigen ist. Die einzige Hauptgewähr für die Erhaltung und Fortentwicklung des Volkstums bildet unter allen Umständen seine soziale Wohlfahrt. Die Tschechen waren die ersten in Oesterreich, die das erkannten, und sie brachten es dahin, daß, wenn sie auch nicht über eine politische Macht wie beispielsweise der Polenklub im Parlamente verfügen, sie dennoch zu den ersten Faktoren des Reiches zu zählen sind. Während ein kleiner Teil unter der Führung des Klofac und Baxa radikalnationale und antisemitische Politik treibt, befaffen sich die einsichtigen Elemente unter den Tschechen damit, ihr Nationalvermögen zu stärken und durch gutgeleitete, nach den strengsten modernen Prinzipien der Volkswirtschaft geleitete Institute zu vermehren. Das in ihren Provinzsparkaffen angehäufte Kapital wird durch die tschechische Zentralsparkaffe nutzbringend verwertet. Mit einem Teile dieses Geldes und durch Hilfsbereitschaft einzelner Personen kamen sie in die Lage, Aktien-Banken zu gründen, die alle glänzend prosperieren. Ihre Filialen in Wien, die zur Zeit ihrer Gründung seitens der dominierenden hiesigen Banken vollkommen unbeachtet blieben, verstanden es in verhältnismäßig sehr kurzer Zeit, sich einen gewissen Rang zu erobern. Nicht nur der Wiener deutsche Industrielle und Kaufmann, sondern, was noch bezeichnender ist, der deutsche Spareinleger sucht gerne diese tschechischen Institute auf. Selbst der Staat bricht mit seiner alten Tradition und berücksichtigt bei Emissionen von neuen Anlehen diese Institute. In der Finanzierung von industriellen Betrieben erweisen sie sich viel geschickter als beispielsweise das erste und älteste Institut des Reiches, die Creditanstalt. Der Erfolg, den einzelne ihrer Institute bei der Vermehrung ihres Aktienkapitals aufzuweisen haben, bietet Zeugnis, daß sie heule zu den maßgebenden Faktoren im Wirtschaftsleben Oesterreichs gezählt zu werden verdienen. Indessen nicht allein für Industrie und Handel haben diese Institute Interesse, vielmehr erstreckt sich ihre Aufmerksamkeit auf die Lage des kleinen Gewerbetreibenden und Kaufmannes. In Wien selbst gründeten sie eine stattliche Zahl von Kreditgenossenschaften, die alle unter ihrer Leitung gedeihen und prosperieren. Mit der Gründung solcher Genossenschaften bewirken sie, daß es dem tschechischen Schuster, Schneider, Tischlermeister und sogar dem Hausbesorger leichter wird, den Existenzkampf in Wien zu führen. Diese wirtschaftlichen Organisationen verschaffen den Tschechen Wiens mehr Macht als die Sanktionierung der deutschen Schutzgesetze für Niederösterreich ihnen Schaden zufügt. Wenn die Tschechen auch in geschäftlicher Beziehung sich nicht von konfessionellen Momenten leiten lassen, — sie nehmen auch sehr gerne das Geld der jüdischen Spareinleger, gewähren in vielen Fällen sogar jüdischen Kreditinstituten und Kaufleuten Kredite — so darf ihnen der Vorwurf trotzdem nicht erspart bleiben, daß sie bei der Leitung ihrer Institute dem Antisemitismus Konzessionen machen. In ihren Zentralen in Prag und Brünn und in ihren Filialen im ganzen Reiche, sogar in Galizien, wird ein Jude prinzipiell nicht angestellt, mag sich der jüdische Bewerber um eine Anstellung noch so tschechisch geberden. Die Deutschen Oesterreichs, die eine Zeitlang der Entwicklung der tschechischen Kreditinstitute keine Aufmerksamkeit zuwendeten, find endlich zur Einsicht gelangt, daß man für die Dauer die Hände nicht verschränkt halten darf, und so gingen sie vor ungefähr einem Jahre daran, ebenfalls ein Kreditinstitut, das nationale Zwecke fördern soll, zu gründen. Der Aufruf, den sie erließen und der merkwürdigerweise nicht nur an die Stammesgenossen arischer Abkunft gerichtet war, hat den Zweck erreicht; statt der verlangten vier Millionen Kronen wurden fünf Millionen gezeichnet und vor kurzem fand die Konstituierung dieses Institutes unter dem Namen „Oesterreichische Industrie- und Handelsbank in Wien" statt. Die Personen, die in den Verwaltungsrat dieses Institutes berufen worden find, bürgen dafür, daß es das Bestreben dieses Institutes sein wird, christlichsozialen und alldeutschen Interessen zu dienen, was aber für viele unserer Glaubensgenossen kein Hindernis war, Aktien für dieses Institut zu zeichnen. Jedenfalls sehen wir, daß alle Volksstämme Oesterreichs nach Möglichkeit für das Wohlergehen ihrer Stammesgenoffen Sorge tragen und wir Juden, das Wirtschaftsvolk xar oxesUones, womit sorgen wir für unsere Erhaltung, wir, die keine Vertreter in der jeweiligen Regierung fitzen haben, die auf unsere Interessen bedacht wären, denen der Zutritt zu staatlichen Anstellungen in den meisten Fällen versperrt bleibt? Sollen wir nochmals daran erinnern, daß die Offerte jüdischer Lieferanten bei der Kommune Wien und ihren Großbetrieben nie berück« fichtigt werden, daß einem Juden auf den öffentlichen Wiener Marktplätzen ein Standplatz nie bewilligt wird. Wie sorgen wir für unsere wirtschaftliche Existenz? Wir verwenden unsere ganze Kraft, unsere Spitäler, Versorgungsanstalten und Waisenhaus

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