Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 45 (5.11.1909)
- Date
- 1909-11-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 766 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 45 tums hochgehalteu bis uns die Arme schmerzten, wir sind auf allen Barrikaden des Freisinns gestanden, haben uns für alle Parteien, in denen wir waren, mit Fanatismus, mit großen finanziellen und geistigen Opfern eingesetzt. Haben cs doch nicht vereiteln können, daß eine Bande von gesinnungslosen Schmutzfinken die Instinkte der Masse zu wecken gewußt hat und stärker wurde als es sogar die Staatsarnndgesetze sind. Wir haben zu ihrer Bekämpfung das Dümmste getan, was nur überhaupt möglich war. Haben uns verleugnet, den Antisemitismus geleugnet, haben nichts sehen und hören wollen, sind in unserer Betäubung politisch dort stehen geblieben, wo wir standen, bis unsere Plattform von dem letzten unserer Freunde ganz verlassen war und wir vereinsamt den Massen unserer Gegner gegenüberstanden. Jetzt erst haben wir uns auf die primitivste Taktik der Gegenwehr besonnen, haben uns zusammengeschlossen und versuchen nun geeint wieder zu unseren verfassungsmäßigen Rechten vorzudringeu, nachdem wir als einzelne Schwächlinge so weit abgetrieben wurden. Leider ist nicht zu erwarten, daß die ungarischen Juden mit unserem Ende beginnen. Auch sie werden unseren ganzen Leidensweg zurücklegen, weil es ja ganz natürlich ist, daß niemand glauben will, er erhalte für seine treuen und guten Dienste Haß und Verachtung als Belohnung. Die Juden Ungarns werden auch, wie die in Oesterreich, von einer vorübergehenden Erscheinung sprechen, werden die Beleidigungen ertragen und die Fahnen ihrer Ueberzeugung unentwegt hoch halten, weil sie glauben, daß die Treue mit Treue vergolten werden müsse, bis ihnen die Ereignisse beweisen werden, was ihnen der Verstand und unser trauriges Beispiel schon in diesen Tagen sagen sollte. Mar Kiedcrmaun and Spinoza. Von Dr. Max Grunwald. Liebermann ist den Wienern nicht fremd. Seine „Schäferin" und seinen „Gerhart Hauptmann" besitzt Fürst Liechtenstein, das „Haus in Edam" die Moderne Galerie. Der Frühling 1900 brachte im Salon Pis ko eine Liebermann-Ausstellung. Daß sich im Wesen des Unermüdlichen seitdem nicht viel geändert hat, bewies die Ausstellung bei Heller im Herbst 1907. Nur die Versuche, dieser Sphinx ihr Rätsel abzulauschen, haben sich vervielfacht. Den Wienern erschien Liebermann vor acht Jahren als Maler des Volkes. Das klang schon ganz anders, als jenes gelinde Entsetzen, das seine „Gänserupferinnen", und die überlaute Entrüstung, das einst in München sein „Christus bei den Schriftgelehrten" hervorgerufen hatten. Ging doch der Eifer soweit, daß man den Prinzregenten ersuchte, das Aergernis aus der Ausstellung entfernen zu lassen. Das war weit mehr, als der landesübliche bairische Theologenzorn, wie er der „Jugend" und dem „Simplicissimus" so ausgiebige Beute liefert. Es sprach daraus ein Gutteil jenes urmünchener Widerwillens gegen alles, was die Marke „Berlin" trägt. So empörte sich wohl einst attisches Empfinden über die böotischen Rhyparographen, die „Apostel der Häßlichkeit". Daß hier aber durchaus nicht „Berliner Schnoddrigkeit" an ein Heiligtum tastete, daß .hinter dieser verblüffenden Form - vielmehr der Kunst ein neues Heiligtum erschlossen, daß hier eine neue Aesthetik geboren war, dazu sich zu bekehren, hat, man sollte es glauben, selbst dem hartnäckigsten Gegner noch das ausgehende Jahrhundert hinreichend Zeit gelassen. Jenes erste Wiener Urteil über Liebermann war nicht ohne Berechtigung. Es geht uns eigen mit ihm. Er steht im Vordertreffen der Modernen. Und doch ist es uns, als zählte er zu den alten Meistern. Er liegt uns im Blute. Wir sehen mit seinen Augen. Zitternde Lichter, die finkende Sonne um ferne Wiesensäume webt. Zwischen schattenden Baumreihen haschend leuchtende Flecke, spielende Kinder, zu bunten Knäueln geballt. Auf weitem Sandweg ein Punkt, der sich bei schärferem Zusehen als fahrender Karren entpuppt. Auf dunkler Scholle grabende Bauern. Auf endloser Düne die flüchtige Silhouette eines Fischers, gegen den Horizont gehalten. So empfinden wir Liebermann. Das große ewige Werden, das dunkle Drängen zum Tage, das stille Aufatmen der Weltseele, die Lebenswelle, die uns alle trägt, in unser aller Herzen wogt, sie pulst, sie brandet in seinen Werken und zieht uns ohne Widerstand an. Heine, der Dichter des Ardinghello, glaubte vor Rubens' Schöpfungen diese Gestalten einzuatmen, sie zu „riechen". So wirkt Liebermann; nicht musikalisch, nicht dramatisch, nicht anekdotenhaft. Er wirkt, was vor ihm keine Farbe erreicht hat, nicht auf einen einzelnen Sinn. Er packt den ganzen Menschen. Wie die freie Natur, wie Meereswürze, mit Luft und Licht und Leben durchdringt er alle Poren, urkräftig und ursaftig. Er kopiert nicht Natur, er i st Natur. Man darf Liebermann, den Schüler Manets und Millets, mit Georg Melchior Kraus vergleichen, dem Goethe nachrühmt, daß er trotz Boucher und Watteau in Paris deutscher Künstler geblieben. Nicht umsonst hat Liebermann nach dem Eindruck des Strengenergischen, Kontrastreichen der Franzosen einen Israels auf sich wirken lassen. Der große Holländer hat ihm für das Tröstendversöhnende, Dämpfendmilde des umspielenden Lichtes das Auge geschärft. Unbeschadet beider klingt aber doch eine eigene, man sagt: eine deutsche Grundnote durch sein ganzes Werk. * Auch Millet, sein Muster, bietet die Illusion des Erdgeruches. Doch die Arme seiner Arbeiter recken sich wie Anklagen gegen den Himmel. Liebermann verklärt das Erdenleid durch Himmelsfrieden. Vor seinen Bildern ergreift uns eine Stimmung, in der wir auch das Reizloseste nicht unschön finden. Seine Kartoffelbuddler wie seine Tennisspieler, seine ruhenden Alten wie seine badenden Jungen, seine Schusterwerkstatt wie seine Reiter am Strande, überall Selbstgenügen. In Arbeit wie im Spiel Energie, Lebensbejahung, alles in Licht getaucht, von Licht beseelt. Dieselbe Spannkraft in Welle, Wind und Muskel. Nichts von der Mollstimmung Israels, dem Aufgehen in Wehmut. Alles Einzelschicksal mildert sich am Maßstab des großen Weltgeschehens. Jedes Erdendüster löst sich in Strömen flutenden Lichts auf. Die gebückte Haltung der „Kartoffelbuddler" zeigt mit fast absichtlicher Deutlichkeit dieses Zentripetale des Menschenloses. So auch die „Arbeiter im Rübenfeld". Als Folie steht links mit verschränkten Armen, kräftig auf ihre Schaufel gestützt, eine Frau mit geradem entschlossenem Blick, bodenfest und wurzelstark. So sind die Menschen Liebermanns. Sie kennen, wie es der alte Kaiser Wilhelm vor Auerbach bekannte, keinen Weltschmerz, zeigen keine Melancholie, kein Pathos. Man hat deshalb dem Künstler hier in Wien an beachtenswerter Stelle das deutsche Gemüt abgesprochen, ihm, den Richard Dehmel den deutschesten Künstler nennt. Es ist wahr, Liebermann malt nicht, wie gewisse Kreise es lieben, Gemüt, er gibt uns nicht sein Gemüt, sondern überläßt es dem unseren, die Dinge zu kolorieren, zu verarbeiten. Er bietet die Gegenstände und nicht ihre Wirkung auf sein Empfinden. Wie die Natur, ist er im besten Sinne naiv, nicht sentimental. Er unterstreicht nicht mit dem Rotstift des Regisseurs an der einen Stelle: Du sollst und mußt lachen! an der anderen, wie es in gewissen alten Andachtsbüchern zu lesen ist: „Hier greint man." Eine gewisse Wiener Kritik will ihn, den Avenarius, den ein Bode rückhaltlos anerkennen, überhaupt nicht als Maler gelten lassen. Mit demselben Recht kann man Immanuel Kant aus der Philosophie hinausweisen. Kant gehört, so kann man sagen, als Erkenntnistheoretiker eigentlich unter die Naturwissenschaftler. Wenn man nämlich unter Philosophie nur Metaphysik, Begriffsdichten, Errichten von Weltsystemen, poetisches Ergänzen des exakten Wissens versteht. So könnte man von Liebermann sagen: er ist kein Maler. Er schwelgt nicht in Oel und Stimmung, wie manche es lieben. Doch daß er ein Künstler, ein großer Künstler ist, wird kein Urteilsfähiger billig bestreiten. Im Uebrigen darf wohl daran erinnert werden, daß in die Urteile über Liebermann viel persönliche Stimmung und Verstimmung