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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-11-05 · 45 (5.11.1909) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
45 (5.11.1909)
Date
1909-11-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr 45 Dr. Bloch’s Jahrgang IXTI Zentralorgan kür die gesamten linteressen des Zudentums. -rr :n- Wien, 5. November 1909 Lrscbelnt jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien, IX/i, Hahngasse 15. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. O(j~ - =0O p Bezugspreis für Vrflrrrrirtz: Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Dis 4malgespal» tene Petttzeils 24 Heller. C OQ - —Oo OG ft. Pofifparftaffenarnt Clearing stDerftebr Iftr. 810.976. Redattion und Administration: Vien IX/i, Hahngaffe Nr. 15. Telefon Nr. 14.847. \)C c oOiDo Inhalt: Leitartikel: Gründung einer christlichsozialen Partei in Ungarn. — Max Liebermann und Spinoza. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Der rote Schein. Judenstaat und Charter. Der Halley'sche Komet im Talmud. Die Juden Berlins. — Die jüdischen Märtyrer von Korueuburg (1302). — Korrespondenzen: Geschichten aus dem Eisenbabnministerium. Die Frage der jüdischen Nationalität vor dem Reichsgerichte. Die „Fremdenfrage^' in Rumänien. Generalversammlung der Filiale der Israelitischen Allianz in Krakau. Ein jüdisches Museum in Krakau. Societa Umanitaria. Das Einvernehmen zwischen der russischen und jüdischen Bevölkerung außerhalb des Anstedlungsrayons. Baron David Ginzburg gegen die Petersburger Reformgemeinde. Eine Enquete über die littauischen Juden. Die jüdischen Lehrer in Russisch-Polen — Vermischtes. — Feuilleton: Zwischen Vater und Mutter. — Literatur. — Briefkasten. — Notiz. — Inserate. Gründung rinrr christlichsozialen Partei i« Ungarn. Was kommen mußte, kam. Die übertriebeneu Anstrengungen der ungarischen Machthaber, dem Hochadel die Herrschaft zu erhalten und die Großmachtstellung der Monarchie zu zertrümmern, haben eine Gegenströmung hervorgerufen, deren Organisation mächtiger sein wird als die der ohnmächtigen Sozialdemokratie und die mit Gendarmen und behördlichen Maßnahmen niedergehaltenen Nationalitäten. Leider wurde die gute Gelegenheit von den Christlich-Sozialen ergriffen, deren Wirksamkeit ebenso flink als verderblich ist. 79 Vereine der grau-schwarzen Couleur gründeten in Budapest die christlich-soziale Partei mit dem Domherrn Doktor Gießwein als Präsidenten und dem Grafen Paul Szapary als Vizepräsidenten. Vor diesem Anfang brauchte man nach den ziffermäßigen Ausmaß nicht zu erschrecken. Aber da wir schon gesehen haben, wie lawinenartig diese Partei zu wachsen pflegt, da sie sich weder mit einem Programm, noch mit einer Gesinnung, noch mit Moral und anderen Hindernissen umzäunt, so dürfen wir bald mit einem kolossalen Umschwung der ungarischen Verhältnisse rechnen. Die große Calvinerpartei mit ihren freiheitlichen Traditionen wird sich zwar im eigenen Interesse lange und kräftig gegen jede religiöse Unduldsamkeit zur Wehre setzen. Aber sie wird den Schlagworten der neuen Partei auf die Dauer keinen Widerstand entgegensetzen können. Auch in Ungarn behaupten die Christlich-Sozialen, den Patriotismus gepachtet zu haben und werden deshalb jede mögliche Unterstützung seitens der Aemter und Behörden genießen, werden sie einen Masienzulauf aller jener haben, die ihren Weizen im Schatten der Regierungsgebäude am besten blühen sehen. Auch in Ungarn werden sich die Christlich-Sozialen der katholischen Geistlichkeit versichern und in jeder Kanzel eine Agitationstribüne besitzen. Auch jenseits der Leitha wird die reaktionäre Partei einen Maffenzulauf aus den Nationalitäten haben, gerade weil sie der nationalen Frage nicht näher tritt. Auch zwischen den rotweißgrünen PfMkN werden die neuen Retter des christlichen Volkes niemandem nach seiner Vergangenheit fragen und schon deshalb alle jene Agitatoren bekommen, die schon alle anderen Parteien verlassen mußten. Der Rassenhaß, stets unter der Aschendecke schlummernd, wird wieder in Flammen auischlagen und das Freudenfeuer geben für die Fortschritte einer Partei, von der die Juden alle Schrecken zu erwarten haben. Daß die Gründung der neuen Partei etwa nur einer- Regung des christlichen Gefühls und keiner Angriffslust zu verdanken ist, wäre eine lächerliche Annahme. Diesen Standpunkt einzunehmen, ist die Volkspartei des Grafen Zichy da» die ihren Antisemitismus noch ein bischen verbarg, den ungarischen Klerikalismus darstellt und die Christlich-Sozialen so verstärken wird wie bei uns der österreichische. Die neue Partei ist gegründet mit der deutlichen Absicht, das Hepp- Hepp als das billigste und wirksamste Agitationsmittel zu verwenden. Man kann die Verganis, Schneiders, Luegers, man kann eine Hilsneraffäre, eine antisemitische Schmutzpreffe, man kann die moralische und materielle Degradierung der ungarischen Juden mit Sicherheit erwarten. Daß man gegen letztere einen Akt der schwersten und krassesten Undankbarkeit begeht, braucht wohl der politischen Welt nicht erst gesagt zu werden. Solche Agitatoren und opferwillige Anhänger der Magyaren wie die ungarischen Juden, sind beispiellos in . der Geschichte jeder nationalen Entwicklung. Unter den Nationalitäten, in den kroatischen Provinzen, in Siebenbürgen und im Auslande, in der Publizistik und Politik, im Leben und Handeln war und ist der ungarische Jude ein so fanatischer, dabei mutiger Pionier und Vertreter des Magyarentums, daß ihm sein Chauvinismus den glühenden Haß seiner Gegner sicherte. Die Plünderungen und Morde der Dorfjuden in der Slowakei galten vor allem dem Magyaronen; wenn sich in den südungarisch-slawischen Ländern eine antisemitische Bewegung bilden konnte, so war sie vor allem durch magyarisierende Juden verschuldet. Den Ungarn aber ist das Ungartum nicht so wichtig wie der Antisemitismus, wie sich jetzt herausstellt und wie es bald noch viel stärker in Erscheinung treten wird. Eine nur geographisch, aber nicht politisch neue Erscheinung. Ins Deutsche übersetzt, haben wir den Parallelfall bei uns bereits gehabt und die ungarischen Juden können die bittere Lehre bereits benützen, die wir aus den Ereignissen und unserer Politik gezogen haben. Wir haben die Fahne des Deutsch-

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