Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-10-15 · 42 (15.10.1909) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
42 (15.10.1909)
Date
1909-10-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021818-3021861--18705-3043648
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 42 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 717 Realenzyklopädie usw. hinwiesen. Das war eigentlich ein Zuviel, ließe sich jedoch noch immer mit einem Akt des Zuvorkommens gegen das Zeitungsblättchen rechtfertigen. Haben nun die Herren das getan, so wäre der bloße Hinweis genug gewesen. Sie haben sich aber auch veranlaßt gefühlt, zu bestätigen, daß die Uebersetzung Stracks richtig sei! Das ist das Zuviel nach der anderen Richtung. Die Arbeit eines Strack zensurieren, das steht nur einem Größeren oder mindestens einem Gleichen zu. Mit gewohnter Hochachtung Dr. A. K. Zur Propaganda des Blulaberglaubens. . Der berühmte deutsche Folklorist Professor Dr. Richard A n d r e e in München schreibt an den Herausgeber der „Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde", Rabbiner Dr. G r u n w a l d in Wien: München, 2. Oktober 1909 Friedrichstraße 9. Sehr geehrter Herr Doktor! Sie haben schon im Jahre 1906 in Ihrer Schrift „Zur Psychologie und Geschichte des Blutritualwahnes" die lügenhafte und nichtswürdige Geschichte vom heiligen Simon von Trient klargestellt, was vor Ihnen Chwolson in St. Petersburg 1901 in seiner Schrift (Uebersetzung) „Die Blutanklage" überzeugend getan hat. Leider wissen wir ja, wie dieser Wahnsinn scheinbar unausrottbar fortwuchert. Ich kann Ihnen jetzt ein Beispiel erzählen, welches beweist, daß noch immer die katholische Kirche daran mitschuldig ist, daß die Ansicht vom Ritualmorde der Juden nicht erlischt. Im Sommer befand ich mich im rebenumkränzten Eppan, unweit Bozen, wo die schöne gothische St. Paulskirche hoch in die herrliche Landschaft emporragt. Sie ist architektonisch sehenswert und birgt auch manches für die Trachtenkunde belangreiches Votivbild. Auffallend war mir gleich ein kleiner Sarkophag aus rotem Marmor, der an hervorragender Stelle an einem Pfeiler angebracht ist. Darüber befindet sich eine Tafel mit folgender Inschrift: „Begräbnisstätte des unschuldigen Knaben Franz Locherer, der am 9. August 1744 im Walde zu Montiggl nach Art des heil. Simon von Trient getötet gefunden wurde." Von Juden ist hier allerdings nicht die Rede, da aber Trient nicht allzuweit von Eppan entfernt ist, so hat sich dort die Tradition von dem 1475 von Juden „ermordeten" heiligen Simon erhalten, bezw. ist wieder aufgefrischt worden. Man wird aber darüber in der Kirche selbst noch weiter aufgeklärt, wenn man ein großes dort aufgehängtes Botivbild mit sehr langer Unterschrift betrachtet, das mit allen unbewiesenen Einzelheiten unmittelbar die Juden an dem Morde -des Franz Locherer schuldig erklärt. Das Bild, eine Waldlandschaft, ist stark nachgedunkelt und enthält alle Einzelheiten der Mordgeschichte. .Näheres besagt die Unterschrift, die nach der Buchstabenform dem 18. Jahrhundert entstammt. Wir erfahren da, daß der Mord an einem Samstag von einer „unchristlichen jüdischen Hand" ausgeführt worden sei. Der Hals des Knaben war von ihr durchstochen, sein „s. v. gemoch mit einem Strumpfband! fest gebunden". Der ganze Leib war mit Wunden bedeckt. Vielleicht handelt es sich um einen Lustmord. Wenn die Votivtafel von unwissenden Bauern, welche in der Mitte des 18. Jahrhunderts an den Ritualmord glaubten, gestiftet worden wäre, so fände man das -erklärlich. Aber der Stifter des Bildes ist ein ganz anderer, und zwar, wie die Unterschrift besagt, „der damalige Pfarrer". Auch ihm wollen wir die 160 Jahre, die seitdem vergangen find, noch gutschreiben. Schlimmer aber ist, daß, gleichfalls laut Inschrift, die Tafel von seiten der Kirche im Jahre 1855 renoviert wurde! Die Bauern, die aus der ganzen Umgebung in die Kirche strömen, lesen die greuliche Moritat und der alte blödsinnige Blutaberglaube wird auf diese Art von der Kirche wach erhalten. Ich denke, sehr geehrter Herr Doktor, die kleine Mitteilung ist für Sie von Belang. Wollen Sie sie etwa für Ihre Zeitschrift „Jüdische Volkskunde" weiter benützen, so habe ich dagegen nichts einzuwenden. Ich bitte Sie, nur zu bemerken, daß ich Protestant bin. Mit vorzüglicher Hochachtung Prof. Dr. Richard Andree. Anteil der Inden an der Polarforschung. Zur Ergänzung der Zusammenstellung auf S. 640 dieses Jahrganges sei noch der Astronom, Botaniker und Mathematiker Israel Lyons erwähnt, der — nicht von der englischen Regierung, wie Lewisohn, Geschichte und System des jüdischen Kalenderwesens, S. XI, schreibt, sondern — vom „Bureau de Longitudes", 1773, beauftragt wurde, den Kapitän Philips (später Lord Mulgrave) auf seiner Nordpolreise zu begleiten und den Schiffsalmanach zu berechnen. Lyons, der Sohn eines aus Polen nach Cambridge ausgewanderten jüdischen Gelehrten, von dem wir unter Anderem eine hebräische Grammatik besitzen (vgl. Monatsschrift Bd. 49, S. 737) schrieb (1757) „Treatise of Fluxions“ und über die Flora von Cambridge (1763). Er starb in London nicht lange nach seiner Rückkehr von jener Nordpolexpedition 1775. Ob der Bremer Rheder R o s e n t h a l, der 1869 zwei Schiffe zur Aufsuchung des sagenhaften, im Norden von Spitzbergen gelegenen Gillislandes entsandt hat, jüdischer Herkunft war, ist nicht gewiß. Wahrscheinlich war es Georg Herzberg aus Ostrowo, der als Matrose an Bord der „Germania" sich an der deutschen Expedition von 1869 beteiligt hat, und der unglückliche Fränkel, der 1897 mit August Andree verschollen ist. Noch vor kurzem gehörte auch dem Judentum Fritz Friedländer-Fould in Berlin an, Mitglied des Komitees, das gegenwärtig eine Zeppelinfahrt nach dem Nordpol vorbereitet. Dr. Max Grunwald. Etwas vom alten Fritz. Die Schwester Friedrich des Großen hatte einst eine jüdische Hochzeit mitgemacht und ihrem Bruder davon geschrieben: „Am meisten überraschte mich." so heißt es unter anderem in dem Briefe an den König, „die Erziehung, die das auserwählte Volk Gottes seinen Kindern gibt; ich glaubte wirklich mich in Gesellschaft von Personen von Rang und Stand zu befinden." Darauf antwortete ihr der König am 12. April 1722: „Ich gestehe Ihnen, liebe Schwester, daß ich nicht darauf gefaßt war, Sie bei einer jüdischen Hochzeit zu finden. Sie werden alle Kinder des Bundes durch Ihre Gegenwart erfreut haben, aber ich fürchte, daß die hebräische Musik Ihre Ohren zermartert haben wird. Die Berliner Juden find reich und gewöhnen sich seit einigen Jahren d-rran, ihren Kindern eine gute Erziehung zu geben in der Hoffnung, eines Tages werde Gott ein Auge auf sein Volk werfen und es zum Herrscher des Weltalls machen. Ich gestehe, daß ich nicht viel davon erwarte, aber nichts erhebt die Seele höher, als die Vorstellung bedeutsamer Geschicke, die uns verkündigt sind, und die Juden sind von einer solchen Vorstellung erfüllt." Medizin bei de» Inden. In einem Vortrag über Wesen und Wertschätzung der Medizin zu allen Zeiten schreibt Dr. G. Gruber-München: Egyptens Medizin, die wir erst in ueuester Zeit aus verschiedenen Papyrus genauer kennen lernen konnten, war bereits eine diagnostizierende; doch herrschte noch eine recht ausgesprochene blinde Polypragmasie — Vielgeschäftigkeit — im Heilungsbestreben. Nicht genug hervorgehoben werden kann aber die Hygiene, sowie eine Reihe prophylaktischer Einrichtungen, die wohl den Urgrund zu den sozialhygienischen Bestimmungen in den Büchern Moses der Juden abgaben. Beim jüdischen Volke war Religions- und Medizinalbehörde ebenfalls in denselben Händen. Allein die Leviten galten als Aerzte; so ist es uns vom A. T. überliefert, während der Talmud bereits den in den Zeiten der völligen Diaspora austretenden Einfluß der griechischen Wissenschaft, das „Freiwerden" der Medizin, wenn man so sagen will, zeigt. Jedoch schon zu der Zeit, als das abgeschloffene hebräische Volk mit den Fremden zusammengeriet, entstanden neben Priestern und Leviten eigene Tempel- und Wundärzte, die Jesus Sirach (Kap. 38, 1—4) sehr hoch schätzt, wenn er sagt: „Ehre den Arzt mit gebührlicher Verehrung, daß du ihn habest zur Not; denn der Herr hat ihn geschaffen, und die Arznei kommt von dem Höchsten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.