Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 22 (28.5.1909)
- Date
- 1909-05-28
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 22 Dr. Vlochs Wochenschrift. Seite 393 ihren Ernährer, ihren Hort viele Kilometer entfernt in kühler Erde gebettet wußten — hoffnungslos. Ein „Lebe wohl, Bruder!" erklang von der Höhe in das träumende Schweigen, ein letzter Abschiedsgruß eines guten Kameraden und polternd fielen die Erdschollen auf den schmucklosen Sarg. Unter den Offizieren und Mannschaften des Regimentes wurde sofort eine Sammlung eingeleitet, zu der die übrige Garnison beisteuerte und manch armer Teufel, der selbst Weib und Kind in kärglichsten Verhältnissen zu Hause gelassen hatte, trug sein Schärflein bei, so daß der Witwe ein namhafter Betrag übergeben werden konnte. Der Letzte einer ermordeten jüdische» Familie. Vorige Woche starb in Varpalota (Ungarn) der 25jährige Leopold Gold an Hirnschlag. Dieser Todesfall bringt die furchtbare Tragödie in Erinnerung, die sich vor 24 Jahren im Hause der Eltern des jetzt Verstorbenen abspielte. Eines Nachts drangen vermummte Räuber in das Haus des Gaspar Gold in Varpalota, ermordeten die Eltern, vier Kinder und den Dienstboten. Selbst den in der Wiege liegenden, damals einjährigen Leopold hatten die unmenschlichen Raubmörder nicht verschont. Während die übrigen sechs Opfer des Raubmordes tot aufgefunden wurden, fand man den kleinen Leopold mit blutendem Köpfchen noch lebend vor. Die Mörder wurden erwischt und zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt. Der eine, ein slovakischer Arbeiter, namens Philipp Hoßter, büßt jetzt noch seine Strafe in der Jllavaer Strafanstalt ab. Der kleine Leopold wurde wohl gerettet, konnte aber niemals ganz gesund werden. Vor einigen Wochen eröffnete er in seiner Geburtsstadt in der Nähe des Hauses, wo seine Familie vor 24 Jahren hingemordet wurde, ein Geschäft. Vorige Woche bediente er einen Kunden und sank plötzlich tot zusammen. Die Obduktion ergab einen Hirnschlag als Todesursache und daß der Tod des Leopold Gold mit den vor 24 Jahren erlittenen Verletzungen im engen Zusammenhänge stehe. Berlin. Wie uns aus dem Deutschen Bureau der „Alliance Jsraslite Universelle" mitgeteilt wird, hat sich in Aleppo ein Unterstützungskomitee gebildet für die Israeliten aus Anatolien, namentlich aus Adana, Antiochia, Marasch, Aintab, Van, die infolge der bekannten Ereignisse in großer Not find. Die „Alliance Jsraslite Universelle" hat dem Unterstützungskomitee telegraphisch 5000 Francs überwiesen. Feuilleton. Zur Charakteristik des Erzherzogs Karl. Von Dr. Max Grunwald. Ueber der militärischen Bedeutung des Helden, der am Pfingstsonntag 1809 seine Scharen zum Siege geführt hat, unterschätzt man leicht den merklichen Stimmungswandel, der sich unter dem Eindrücke seiner Persönlichkeit in weiten Kreisen Europas zu Oesterreichs Gunsten vollzogen hat. Durch den von Preußen und Frankreich herbeigeführten Mißerfolg des Vorgehens Josefs II. gegen das kleine Holland hatte das kaiserliche Ansehen eine Einbuße erlitten, die in dem folgenden, handschriftlich erhaltenen Spottlied bezeichnenden Ausdruck findet: Held Joseph. Ein schönes, neues Lied, im eigenen Ton gar lieblich zu fingen. Held Joseph stolz und hoch vermessen, Der wollte neulich Holland fressen. Ihm wässerte das Maul, ihm wackelte der Bart. Der Doktor Ludewig unverdrossen, Sprach: Laßt den Plunder ungenoffen! Der Käs, Herr Schwager, ist für eur'n Zahn zu hart. Held Joseph ließ fichs nicht sagen, Rief: Ich Hab einen guten Magen, Er baute Pohlen schon und fast halb Bayern mit. Ich wills euch, Schwager, nicht verhehlen, Es hungert mich bey meiner Seelen, Und schaut, wie ich, es wächst auch mein App'tit. Hier, sprach Ludewig. ist leicht zu rathen. Laßt euch ein Dutzend Klöster braten, Und esset Kirchengut in einer Fricassse. Held Joseph schrie: Was? Kirchengüter, Die esse ich und meine Brüder Schon ganze Jahre lang, ein Butterbrod zum Thee! Laßt mich nur essen, o mein Bester, Mein trauter Schwager! Meine Schwester Küßt euch dafür und ich laß euch des Käses Rind, Ich schwöre euch vor allen Dingen, Ich aß Elsaß und Lothringen, Zuletzt von Schlesien, und Bayern verdaut find. Der Doktor sprach: nun, wollt ihr essen, So esst! und ich beruf indessen Für euch ein Degestif von hunderttausend Mann. Und schaut: der Apotheker Fritze, Der rüstet dort auch seine Spritze Und setzt schon ein Klistier zu euren Besten an. Held Joseph hörts mit leidigen Ohren, Schon ist sein Appetit verlohren, Er stochert sich den Zahn, er räuspert sich den Schlund: Ihr habt bey Gott! recht, lieber Schwager, Der Käs taugt nichts, er ist zu mager, Schaut: Schimmre wächst darauf, er ist mir nicht gesund! Er sagt's, und in dem Augenblicke Fraß er St. Nepomuks Perücke, Von Gold ein Erzbisthum, der Klöster sieben paar, Und Deutschland rief, wie halb besessen: Held Joseph wollte Holland fressen. Er konnt's und that es nicht. O mächtigster Cäsar! Wenn Karl aber am 6. April 1809 in einem Armeebefehl seinen Tapferen zuruft: „Die Freiheit Europas hat sich unter eure Fahnen geflüchtet", so ist dieser stolze Ton nur ein Echo der Begeisterung, die selbst in Ländern, deren Herrscher zu Frankreich hielten, unverhohlen den jugendlichen Helden auf seiner Laufbahn begleitete. Was ihm die Herzen so vieler gewonnen hatte, war nicht zum wenigsten seine religiöse Duldsamkeit. Ihm war es zu danken, daß aus den österreichischen Militärpässen die Rubrik „Religion" verschwand. Sein Heer zählte etliche israelitische Offiziere, so drei in der 1809 gebildeten Freiwilligenlegion der Prager Studenten, ferner den 1847 in Wien verstorbenen Epp inger und dem später zum Hauptmann beförderten Hö nig, der dem Erzherzog das Leben gerettet hat und auf dem Schlachtfelde von ihm zum Leutnant ernannt worden war. Dieser edle Zug in Karls Charakter ist auch in, genauer: unter einem Bilde festgehalten worden. Auf der Rückkehr aus dem Feldzuge von 1799 hatte er in der Nähe des schweizerischen Städtchens Endingen sein Hauptquartier aufgeschlagen. In der Schweiz war damals für Oesterreich wenig Vorliebe zu spüren. Der zeitgenössische „aufrichtige und wohlerfahrene Schweizer Bote" (Aarau, Sauerländer) widmet dem Aufstand der Tiroler die gehässigsten Berichte. Andreas Hofer, der selbst in Italien Teilnahme und in dem Mailänder (jüdischen) Advokaten und juridischen Schriftsteller Giocchino Basevi einen mutigen öffentlichen Anwalt gefunden, erscheint in jener schweizerischen Zeitschrift als Zerrbild eines Bauerntölpels. Umso angenehmer berührte den Erzherzog die Aufnahme, die er in dem Hause eines Endinger Bürgers, Michael D r e y f u s, fand. Er wohnte der Sabbatfeier im Familienkreise seines Wirtes bei, und zum Andenken an das freundliche Erlebnis ließ er das Porträt seines Gastgebers malen, dem er die Unterschrift gab: Michael Dreyfus, die Religion in Person. Auch dieses Blatt in dem reichen Ruhmeskranze des Siegers von Aspern verdient es, vor Vergessenheit bewahrt zu bleiben.