Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 22 (28.5.1909)
- Date
- 1909-05-28
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seiie 394 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 23 Erzherzog Karl und die Jude«. Eine historische Reminiszenz von Paul Diamant (Wien). Die Zeiten der französischen Eroberungskriege waren ein Heldenzeitalter für Oesterreich. Der große Korse, der cäsarische Sohn der Revolution, führte seine für unüberwindlich geltenden Heere nach Oesterreich, um auch das ehrwürdige Habsburgerreich seiner Gewalt zu unterwerfen. Doch hier fand seine Macht zum ersten Male eine Grenze. Napoleon wurde bei Aspern von Erzherzog Karl in einer blutigen Schlacht geschlagen, der noch nie Besiegte unterlag dem habsburgischen Prinzen. In diesem Jahre feiert ganz Oesterreich diese Zeit und erinnert sich dankbar der ruhmreichen Taten der Vorfahren. Es waren ja alle Nationen unseres vielsprachigen Vaterlandes, die in der schweren Zeit der Gefahr einmütig zum angestammten Herrscherhause standen und Gut und Blut opferten. Auch wir Juden haben Grund, uns mit Stolz dieser Zeit zu erinnern, denn wir können mit berechtigtem Selbstbewußtsein darauf Hinweisen, daß unsere Vorfahren ihre Pflicht vollauf taten und sehr oft noch viel mehr. Wir wollen heute nicht die großen Opfer an Geld und Gut erwähnen, die damals von den Juden geleistet wurden, sondern darauf Hinweisen, daß in der österreichischen Armee in großer Anzahl sich jüdische Kämpfer befanden, sowohl in der Mannschaft als auch im Offizierskorps. Bekanntlich waren die Juden bis in die zweite Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts vom Militärdienst fast vollständig ausgeschlossen. Erst in den letzten Regierungsjahren des Kaiser Joseph wurden in Oesterreich die Juden der Militärkonskription unterzogen und bereits im Jahre 1789 dienten 2500 Juden im österreichischen Heere.*) Sicher hat ihre Zahl infolge der viel weiter gehenden Aushebungen der späteren Jahrzehnte bedeutend zugenommen, so daß man die Zahl der unter Habsburgs Fahnen gegen Napoleon kämpfenden jüdischen Soldaten mit viertausend nicht zu hoch ansetzt. In einer Zeit, in der uns die Schmach des „Herbstmanövers" angetan wird, muß besonders darauf hingewiesen werden, in welch tapferer Weise die Juden kämpften und dadurch aus'» Beste bewiesen, wie lächerlich und unwahr das Märchen von der minderen Militärtauglichkeit des jüdischen Volkes ist. Ja, es gelang sogar einem jüdischen Soldaten, Namens Hönig, dem ruhmreichen Feldherrn Erzherzog Karl am Schlachtfelde das Leben zu retten. Zum Dank für diese heroische Tat wurde Hönig im Jahre 1810 zum Leutnant befördert und avancierte späterhin noch bis zum Hauptmann.**) Doch damit waren die Beziehungen zwischen Erzherzog Karl und den Juden noch nicht erschöpft. Vor uns liegt ein vergilbtes Büchlein ***), ein fast vergessener Gelegenheitsdruck aus dem Jahre 1809, das uns ein deutliches Zeichen der begeisterten Stimmung unserer Vorfahren zur damaligen Zeit abgibt. Es ist eine Ode und ein Gebet zugleich, ein Schlachtgesang und ein inbrünstiges Flehen. Vor versammelter Gemeinde im Gotteshause wurde dieses Werk verlesen, hebräisch und deutsch. Es hat eine klare, eindringliche und schwungvolle Sprache, voll Freiheitsliebe und Vaterlandsgefühl; wahrlich Schiller, der unter den damaligen Juden meistgelesenste Dichter, hatte seinen „Tell" nicht umsonst geschrieben. Auch das Hebräische ist musterhaft, der Einfluß der Maskilim unverkennbar, vielleicht Ben-Seew der Uebersetzer. An den ewigen Schlachtenlenker, „an den großen Generalissimus dort oben", wie ein kühner Reitergeneral einst sagte, wendet sich die sonst so friedliche, jüdische Gemeinde und bittet, „segne unsere Waffen, verleihe Mut und Kraft unseren Helden, stärke unsere Krieger. Es sei ein gerechter Kampf, den Oesterreichs Heere führen, meint unser Dichter. „Nicht aus Mutwille er¬ *) Kalender und Jahrbuch für Israeliten für das Jahr 5615 (1.854—55). Herausxegeben von Joseph Wertheimer. Wien 1854. **) Wertheimer Jahrbuch 1854 bis 1855. ***) Ein überaus selten gewordener Druck; ein Exemplar brfindet sich im Besitze der Wiener jüdischen Gemeindebibliothek und wurde uns durch die Freundlichkeit des Herrn Dr. B. Wach stein zum Abdruck zur Verfügung gestellt. greifen wir das Schwert, nicht aus Frevel rüsten wir zum Kamps. . . . Wir wollen nur unserem teuren Vaterlande Schutz gewähren, das Eigentum der treuen Untertanen sicherstellen und dem Throne unseres gütigen Monarchen zur Stütze dienen." Wahrlich goldige Worte enthält dies Büchlein, wert, der Vergessenheit entrissen zu werden; doppelt erhebend in einer Zeit, in der unsere Feinde uns Mangel an Patriotismus vorwerfen und es in unserer Mitte manche — glücklicherweise nur vereinzelte — gibt, die einradikales Weltbürgertum einem gesunden Vaterlandsgefühl vorziehen. Wir wollen es uns daher nicht versagen, der heutigen Generation die Worte zu wiederholen, die vor 100 Jahren unsere Vorfahren in ihr Gebet einschalteten. *) Herr, Gott der Heerscharen! der du im Himmel thronest, und allein Herr aller Reiche der Erde bist, erhöre unser Flehen, unser Gebeth, für unseren Kaiser, seine Heere und seine Heerführer, die gegen unsere Feinde, heute zu Felde ziehen. Verleihe ihnen Kraft und Sieg, beuge ihre Feinde unter ihre gerechten Waffen, auf daß sie mit Sieg gekrönt aus dem Schlachtfelde wieder zurückkehren, und dir ob deiner Gnade und Huld danken mögen! Gott der Gerechtigkeit! segne unsere Waffen, verleihe Muth und Kraft unfern Helden, stärke unsere Krieger. Gestatte nicht, ewiger allmächtiger Gott! daß der Feind je wieder unsere Gränze überschreite. Zwar ist des Feindes Macht stark, seine Kraft groß, aber auch uns, allgütiger Gott! hast du nach deiner Gnade und Barmherzigkeit bedacht. Du hast uns mit einem Muthe, mit einem Geiste beseelt, der nichts, selbst den Tod nicht scheuet, der sich kühn einem Feinde entgegenstellet, welcher uns unaufhörlich höhnt und sagt: „wir wären gesunken." Nein, Karl lebt! unserHeld Karl, dessen Geschoß nie gefehlt, dessen Schwert ohne Rache nie in die Scheide kehrte. *6 witpp uns aus nnne lötp Sm mm *np imjo my ♦opn n. ab mm mm* .mior Unter seiner Fahne wollen wir siegen, und des Feindes Uebermuth demüthigen. Alles Volk von allen Enden ist versammelt, alles bewaffnet, alles von einem Geiste beseelt. Wir sprechen, wir wollen fechten und siegen, für unfern Kaiser, für unser Vaterland, für unsere Weiber und Kinder. Keiner trete zurück, keiner gestatte dem Feinde einen Fuß Raum in unserem Gebiethe. Aber, o Gott! Wir wissen, daß nicht durch Menschen Kraft der Krieger siegt; der König nicht durch Heeresmacht. Falsch ist unsere Kraft, wenn du uns verläßt, gering unsere Heereszahl, wenn du es nicht unterstützest. Auf dich, o Ewiger! beruhet unsere Zuversicht Gott rette uns! Gott stehe uns bei, Beglücke uns! Unsere Seele harret auf den Herrn, Er ist unser Schild, unsere Schutzwehr. Der Herr Zebaoth ist mit uns, Jakobs Gott ist unsere Feste. Heil dem, der ihm vertraut. Ewiger! Verleihe uns Sieg, König! erhöre, wenn wir flehen. Allwissender! Vor dir liegen alle Handlungen offen, dir ist unser Wille, jede Falte unseres Herzens bekannt. Nicht aus Muthwille ergreifen wir das Schwert, nicht aus Frevel rüsten wir uns zum Kampfe. Habsucht und Beute bewaffnet unseren Arm nicht. Wir wollen nur unserem teueren Vaterlande Schutz gewähren, das Eigentum der treuen Unterthanen sicherstellen, und dem Throne unseres gütigen Monarchen zur Stütze dienen. Haben wir diese heiligen Pflichten erfüllt, *) Vorher steht: Der Vorsänger hat in Gesellschaft seiner Gemeinde dieses Gebeth nach dem rrmv füiä» laut abzubeten.