Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 19 (7.5.1909)
- Date
- 1909-05-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 19 Dr. Vlochs Wochenschrift. Sette 331 Damals hat uns die Negierung eine Organisation aufgedrängt, wie sie vielleicht meiner Ansicht nach damals nicht ganz gehörig war und wie sie dem Judentume nicht entsprach. Denn den Rabbiner hat man immer den more de’assreh, den Herrn des Ortes, genannt, denjenigen, der in der religiösen Gemeinschaft wenigstens ein maßgebendes Votum abzugeben hat. Hier aber wurde die Leitung dem Vorstande allein überlassen. Zur Ehre des Vorstandes sei gesagt, wir kommen doch ganz gut aus, und ich erkläre, mit mir ist nicht immer gut Kirschen essen. Die unbedingte Nachgiebigkeit ist nicht meine Sache, das werden alle sagen, die mich kennen. Damals haben wir uns eine Organisation gefallen lassen müssen, die uns von auswärts aufgetragen wurde. Jetzt, wo es sich darum handelt, daß wir uns innerlich organisieren, daß wir überhaupt Ordnung machen, tritt von so vielen Seiten die Opposition auf. Ich kann es gar nicht fassen, daß gerade Galizien, dieser Herd unserer Religion, nicht damals eine oppositionelle Stellung eingenommen hat. Herr Hofbauer hat ganz richtig gesagt, der oberste Rat müßte aus lauter Zadikim und Chassidim bestehen, die den Schabbos halten und es mit den Gesetzen genau nehmen. Ich wäre der Erste, der sich freut, wenn es so wäre, und der sich selbst nicht mehr als ganz vollwertig anerkennen würde. Aber hat es Herr Hofbauer, seitdem wir uns kennen, zustande gebracht, daß die Judengemeinde eine andere geworden ist. hat der Vorsteher der Schiffschul bewirken können, daß der religiöse Sinn der Gemeinde sich gehoben hat? Aber verschlechtert hat er sich unter meiner Leitung doch gewiß nicht. Als der Ausschuß zusammeukam und die Galiziauer sich aus verschiedenen Gründen, politischen oder orthodoxen, gewehrt haben, mahnte ich doch gleich zur Eintracht. In keiner Religion wird der Friede so oft in den Mund genommen, wie bei uns, auch in unseren Gebeten. Und doch sind der Friede und die Einigkeit so selten vorhanden. Zwietracht ist unsere ererbte Untugend. Nun wird der Versuch unternommen, ein Versuch, der gewiß Mängel haben wird, der aber an sich schon eine'große Tat bedeutet, indem wir uns wenigstens der Regierung gegenüber als ein Ganzes nach außen repräsentieren. Der Herr Präsident hat Herrn Hofbauer schon an einige Ereignisse erinnert, bei denen sich das Bedürfnis nach repräsentativer Gemeinsamkeit herausgestellt hat. Ich selbst bin mit ihm zum Handelsminister gefahren, ich, der Rabbiner, den er gar nicht anerkennt. Warum soll ich, der Rabbiner dieser Gemeinde von 180.000 Seelen, von denen ich 120.000 zu fromm bin, warum sollte ich nicht den anderen fromm genug sein, um der Repräsentant der ganzen Körperschaft sein zu können. Vertragen wir uns, suche aber Jeder an seinem Teile seine Individualität geltend zu machen. Wenn Jeder sein Scherflein beiträgt, ich bin überzeugt, es kommt etwas heraus. Die Wiener Gemeinde macht doch nach außen den Eindruck der Einigkeit. Als vor 36 Jahren, ich muß schon sagen die Narrheit begangen wurde, daß auf der Synode in Leipzig einige Aenderm gen in unserem Kultus gemacht wurden, die der selige Mannheimer eingeführt hat, wurde von Seiten der Orthodoxen der Versuch gemacht, sich loszulösen. Sie sind aber schließlich im Rohmen der Gemeinde geblieben und bei den Beratungen waren es Hirschler und Hofbauer, die fragten, wozu man denn zwei Oberrabbiner brauche? Ich weiß nun nicht, wie lange ich es noch bin, aber wenn die Orthodoxen aus der Organisation draußen sind, werden sie in ihr gewiß keinen Einfluß haben. Den Sauerteig legt man in den Teig und dort wirkt er. Und so sollten es auch die Galiziauer machen. Ich habe in den jüdischen Zeitungen von einer Gefahr der Organisation gelesen, ich sehe diese Gefahr nicht, es wird sich lediglich darum handeln, daß Jeder seine Individualität geltend mache, wie es schon in dem Staatsgesetz vorgesehen ist. Erinnern wir uns doch, daß bei Angriffen von außen her Unterschiede zwischen uns nicht gemacht würden. Die Herren von der Schiffschul wissen, daß ich oft auf ihrer Seite gestanden bin. Das Abwenden der Galiziauer von uns ist schon deshalb nicht gerechtfertigt, weil von Deutschland gar oft die Thora ausgegangen ist; ich erinnere an die Gelehrten von Magdeburg, an die Gelehrten von Stendal und auch an die Gelehrten von Wien und Oesterreich. Erst 1348 wurde durch unglückselige Schicksale die Gelehrsamkeit nach Polen gedrängt, die Provenienz der Thora in Polen ist aber aus Deutschland. Als ein alter Manu, der 43 Jahre im Dienste dieser Gemeinde hinter sich, werde ich mir auch von den Zeitungen nicht sagen lassen, daß in dem Zusammenwirken mit uns eine Gefahr liegt. Ich habe die Pflicht, zur Einigkeit zu mahnen, und ich weiß, Galizien wird uns Nachkommen, es ist noch immer nachgekommeu. Sie sind allerdings nicht immer zu den Rabbinern gekommen. Ich bitte nochmals, bleiben wir rinig und gehen wir in die Spezialdebatte ein. (Zustimmung.) Herr Wolf Pappenheim dankt zunächst dem Präsidium für die Uebertraguug der Mandate an die Vertreter der Orthodoxie. Der Oberrabbiner habe die galizischen Proteste irrtümlich beurteilt, da sie sich hauptsächlich gegen die Zurücksetzung der Rabbiner im Statut wendeten. Hirschler und Hofbauer hätten sich seinerzeit für die Rabbiner sehr eingesetzt, die nach dem Gesetze nur eine Art besserer Schames wären (Widerspruch), denn man kann ihn anhören, aber man muß nicht. Redner weist auf die Aeußeruugen hin, die im „Berliner Tageblatt" gelegentlich des Gemeindetages über Judentum und Rabbiner gemacht wurden, die er als schauderhaft bezeichnet. Bis vor einem Jahrhundert war das Judentum religiös einig. Aber auch autonom unabhängig, ohne Zwaugsorganisatiou. Er wolle nur betonen, daß es auch im äußersten Westen ebenso wie im Osten verschiedene Strömungen und Schattierungen gibt. Rabbiner und Vorstand sind konservativ, aber verschieden von uns. Man darf nicht glauben, daß das hier praktizierte Judentum das richtige ist. Die Zentralisationsbestrebungen im Juden-, tume haben ihren Anfang zur Zeit der Reform genommen In Frankreich, in Württemberg hat man der Orthodoxie den Maulkorb anzulegen begonnen, und in all diesen Ländern ist heute das Judentum so gut wie gestorben. Der berühmte Moses Sofer in Preßburg schrieb in einem Gutachten auf eine Anfrage aus Triest 1819: Wenn es an mir wäre, sie zu richten, würde ich sagen, daß wir sie hinausweisen aus unserer Gemeinschaft, daß wir unsere Kinder nicht verheiraten mit ihnen, damit sie sich nicht zu ihren verderblichen Ansichten bekennen. Wohin diese Strömung führt, hat man in Frankreich gesehen, wo vor einem Jahre 37 Rabbiner beschlossen haben, den Scheidebrief abzuschaffen; dort soll die jüdische Scheidung aushören, da die gerichtliche genügt. Das ist ein Hinwegräumen der Grundlagen des Judentums. In Frankreich hat es erst des Einschreitens des Baron Rothschild bedurft, um diese Maßregel hinsichtlich des Scheidebriefes hintanzuhalten. Das sind die Folgen der Konzentration Was speziell den Judenrat betrifft, den der Entwurf vorschlägt, so werden vier Fünftel von ihm aus Westösterreichern fortschrittlichster Richtung bestehen, und durch diese würde daun die Regierung autoritativ über jüdisch-rituelle Angelegenheiten informiert. Dieser Rat würde der Gemeinde vorschreiben, welcher Schächter ihr genügen soll, und das könnten auch Leute sein, die vielleicht Samstag rauchen oder selbst trefe essen. Man hat ja solche Beispiele und Sie werden uns zugeben, daß wir uns einem solchen Gutachten um keinen Preis fügen können. Die orthodoxen Juden haben sich auch gegen die Macht der Kultusgemeinde gewehrt, man kann aber immerhin heute noch zu. Gericht gehen und man findet dort oft eine gewisse Objektivität. Ich möchte an den Fall Wr.-Neustadt erinnern, bei dem ich selbst intervenierte, dorthin ist ein Mann mit einem Vermögen von vielleicht 20.000 Gulden gekommen und nachdem mau ihn nur aus dem Grunde, weil er