Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 19 (7.5.1909)
- Date
- 1909-05-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 330 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 19 Abgeordneter Stand: Ich mutz vor Eingehen in die Spezialdebatte gleichfalls meiner Verwunderung über die Zusammensetzung der Versammlung Ausdruck geben. Selbst wenn die heutige Versammlung nicht, wie College Dr. Gabel sagte, eine Fortsetzung der vorigen ist, so soll sie doch von dieser das Absolutorium bekommen und kann daher nicht willkürlich zusammengesetzt sein. Die Zionisten stehen auf dem Standpunkt, datz der Gemeindebund notwendig ist, in dem Vewutztsein, datz auch für uns die Zeit kommen wird, wo er auf unsere Wünsche hört. In den Rahmen der Organisation gehören jedoch autzer konfessionellen auch die Kulturfragen, so die Frage der hebräischen Sprache und des Unterrichtes in der jüdischen Geschichte. Die kulturelle Hebung der Jugend ist eine Vorbedingung der Erstarkung des Judentums. Die Organisation soll aber auch eine ökonomische sein. Die Ostjuden, also 4/5 der Judenschaft, weisen die traurigsten ökonomischen Verhältnisse auf. Eine Regelung ist für alle schon von praktischem Vorteil, denn die Brodlosen kommen ebenso nach Wien wie nach Prag. Statt durch milde Gaben mutz man organisatorisch eingreifen, durch Hilfs- und Darlehenskassen, Hausindustrien usw. Wenn aus Galizien jetzt Proteste kommen, so sehen sie aus dem Krakauer Briefe, warum. Der Krakauer Kultuspräsident denkt mit zwei Köpfen, mit dem Kopfe unserer polnischen Gegner, mit dem Kopfe der Regierung, nicht aber mit einem jüdischen Kopf. Der Selbsterhaltungstrieb aber gebietet uns die Organisation. (Zustimmung.) Wir wünschen aber gleichzeitig eine andere Zusammensetzung,- damit nähere ich mich dem Gedanken des allgemeinen Wahlrechtes, das allein Ihnen Autorität nach autzen, und Kraft nach innen verleihen kann. Durch dieses Wahlrecht soll entweder der oberste Judenrat selbst gewählt werden, oder er soll hervorgehen aus den auf Grund des allgemeinen Wahlrechtes gewählten Kultusvorstehungen. Ein weiterer Wunsch ist der nach grötzerer Öffentlichkeit. Ich habe nichts zu verheimlichen, ferner wünschen wir eine grötzere Vertretung des jüdischen Ostens. Die Zahl galizischer Delegierten steht in einem Mitzverhältnis zur Zahl der jüdischen Bevölkerung. Wir bitten Sie, unsere Wünsche zu berücksichtigen, ehe wir sie als Forderung in die Massen tragen. Dr. Körner, Göding, hält die Generaldebatte für notwendig, um die Direktive für die Organisation zu erlangen. Die gemeinsame Nor zwingt uns zur Organisation, denn alle Juden haben darunter zu leiden, datz das Staatsgrundgesetz nur auf dem Papier steht. In dem Entwurf, der eine sehr fleitzige Arbeit ist, fehlen die kulturellen Angelegenheiten, die allein die. Hauptaufgabe bilden. Wenn wir die religiösen Angelegenheiten betonen und so die Autonomie der Gemeinde tangieren, kommen wir zu keiner Organisation. Selbst die einheitliche Basis für den Religionsunterricht ist nicht möglich, man kann höchstens ein Minimum präzisieren, in dem allerdings auch die Pflege der hebräischen Sprache und Geschichte enthalten sein kann. Hauptzweck wird sein: Die Vertretung der Juden nach autzen, den Behörden gegenüber. Mein Antrag geht dahin, das endgiltige Votum einer auf allgemeinster Basis gewählten Vertretung der Juden zu überlassen und schon heute alles auszuscheiden, was die religiöse Autonomie der Gemeinden tangiert. (Zustimmung.) Abgeordneter Dr. Straucher: Die einheitliche Organisation des jüdischen Volkes ist eine historische Forderung. Sie kann eine religiöse und konfessionelle sein, die aber von der orthodoxen Majorität des Judentums perhorresziert wird. Sie kann aber auch eine nationale sein, und diese wünschen wir im Osten. Denn nehmen wir auch welche Maske immer vor, wir täuschen blos uns, nicht aber die anderen. Daher haben wir Ostjuden auch politische Organisationen auf Grund unseres jüdischen Volkstums gegründet. Allerdings bestehen Spuren hiervon auch in Mähren und Ungarn, und datz man sogar aus einer Kultusgemeinde eine nationale Organisation bilden kann, ohne Nachteil für die Religiosität, zeigt das Czernowitzer Beispiel. Ich kann aus meiner politischen Haut nicht heraus und übersehe nicht unsere politische und soziale Aufgabe, die Not unserer Tausenden von Luftmenschen. Ob heute freilich die geeignete Zeit ist für die Propagierung von Judengesetzen, besonders unter dem jetzigen Ministerium mit Weiskirchner und Dienerth, das ist noch die Frage. Es ist uns auch ein Unrecht geschehen bei der Verteilung der Mandate, drei Viertel der Juden haben ein Viertel der Delegierten, und die Bukowina mit 106.000 Juden soviel wie Schlesien mit 12.000. Damit drücken sie uns den Stempel der Minderwertigkeit auf, gar so sehr bevormunden lassen wir uns nicht. Ich werde auch einen Antrag auf eine Vergrötzerung einbringen, ebenso auch zum 8 7 einen Antrag auf Feststellung der Mittel, die den Geist der Zusammengehörigkeit im jüdischen Volke, sowie das jüdische Wissen, sowie die Wohlfahrt des jüdischen Volkes heben sollen. Von unseren beiden Rabbinern hat der fortschrittliche, Dr. Rosenfeld, befürwortet, die Frage zur öffentlichen Diskussion zu stellen, um über die Prinzipien klar zu werden. Die Orthodoxen aber haben sich prinzipiell gegen jede Organisation ausgesprochen. Vom Rabbiner W e i tz habe ich den Auftrag, Ihnen sein Separatvotüm vorzulegen. (Redner verliest die ausführliche ablehnende Aeutzerung des Rabbiners Weitz. Redner stimmt indes zum Schluffe für das Eingehen in die Spezialdebatte.) Oberrabbiuer Dr. Güdemann: Es muß auf jeden Freund des Judentums einen traurigen Eindruck machen, daß in dem Augenblicke, wo es sich um eine neue Ordnung handelt, aus verschiedenen Gründen wieder Einwände gegen diese Ordnung sich geltend machen. Ich spreche damit gegen gar keine Richtung. Für mich ist jeder ein Jude, der sagt, daß er ein Jude ist. Wenn Herr Hofbauer unter Hinweis auf die galizische Opposition gegen die jetzt versuchte Organisation opponiert, so muß ich, der ich ihn seit 43 Jahren kenne, seit ich in Wien lebe und vielleicht auch wirke, doch wohl sagen, daß er seine Rede 20 Jahre zu spät gehalten habe, denn 1890 wurde das Gesetz zur Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der Juden geschaffen. Da wurde uns die Ordnung vom Staate aufgedrängt, da hätten Sie gegen die Organisation sprechen können, besonders gegen den § 9, worin dem Vorstande die alleinige Leitung der Gemeinde überwiesen wurde. Da hat aber aus der ganzen Reihe der orthodoxen Rabbiner und Gemeinden niemand ein Wort der Auflehnung gesprochen. Ich war es, der dem Abgeordnetenhause eine Bittschrift (durch den damaligen Abgeordneten Dr. Bloch) überreichen ließ, in der ich für die Rechte der Rabbiner eingestanden bin, was mir von Seite des Vorstandes gerade keine Komplimente eingetragen hat. Der Vorstand hatte die Absicht, mich disziplinarisch zu behandeln, und Herr Dr. Stern, der damals erst in den Vorstand gewählt worden war, und ebenso der Herr Vizepräsident Dr. Kohn wissen sehr gut von dieser Affaire, in der ich auf den Kriegsfuß mit dem Vorstände war, oder der Vorstand mit mir, so daß ich mich mit ihm erst versöhnen mußte.