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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-11-06 · 45 (6.11.1908) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
45 (6.11.1908)
Date
1908-11-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 782 Mk. Llocv's Mlocbenscbrltt. Nr. 45 lasten. Es ist also nicht nur eine Sache mit begrenztem Gebiet, die da in Frage k.mmt, sondern eine allgemeine jüdische Angelegenheit, deren Wichtigkeit und Bedeutung wohl auch den Gleichgültigsten packen muß. Mitgefühl und Aufregung heißen aber jetzt gar nichts, es handelt sich um große Energie und Eile. Denn in jedem Augenblick kann das Damoklesschwert herunterfallen, welches die Politischen Rechte der Juden im Okkupationsgebiete tötet, die uuserigen schwer verwundet. Da sind wir nun neugierig auf den Wert und die politische Wucht unserer b.rufenen Organisationen, welche unverzüglich eiuzugreifen haben. Der Gemeindebund, die Allianz, die Kuttusgemeinde haben sich unserer Ansicht nach unverzüglich um Bundesgenossen umzusehen, haben ihre ganze Macht und ihr Ansehen einzusetzen, um auf dem Wege politischer Kundgebungen, durch Schritte bei Hof und Regierung, durch Propaganda in Parlament und Volksversammlungen in letzter Minute eine politische Katastrophe der Juden im Okkupationsgebiet und in der ganzen Monarchie zu verhindern. Ein Machtwort des Kaisers, den sein ganzer majestätischer Adel von den Antisemiten trennt, wird allen Gehässigkeiten gegen die Juden eineu unübersteigbaren Damm entgegensetzen, wenn man nur das Ohr des Monarchen wird zu gewinnen wissen. Wäre nur das agile, großjüdische Zentral-Aktionskomitee schon da, das wir anstreben und jeden Schritt weit brauchen! Mögen wenigstens die vorhandenen Faktoren den Ernst der Lage erfassen, die Bedeutung der Tatsache, daß in unserer Monarchie Juden von „staats- und gesetzwegen" den anderen Bürgern hintangesetzt werden! Genug für den gegenwärtigen Moment von unseren Zänkereien und Froschmäusekriegen. Wir Juden töten einander und werden getötet. Es ist ein Augenblick zur Tat und Säumen wäre ein verhängnisvolles Versäumen!' Gustav Karpeles. Z u seinem 60. Geburtstag am 11. November Von Dr. Max Grunwald. Als hätte ich's erst gestern gelesen, so lebhaft gedenke ich meines Staunens, als ich einst irgendwo auf die Nachricht stieß: Karpeles wird fünfzig Jahr! Erst fünfzig Jahr? Er, der Allerwellbekannte! Hat es denn ein Judentum auch ohne Karpeles gegeben? Flattert nicht seit unvordenklichen Zeiten zum Sabbat pünktlich wie die „Ueberieele" in jedes deutsche Rabbinerheim das grüne Blättchen, das, wie „der Rambam", „der Meharscho" u. a m. — auctor pro aucto — kurzweg als „der Karpeles" zitiert, gelesen und diskutiert wird von Jung und Alt, soweit die deut'che Zange schallt? Gehört nicht in Kaftans Panoptikum — jetzt sagt man wohl: Barnum« dafür — der Jude, der von Karpeles! noch nichts gehört oder gelesen hat? Und ein Mann mit diesem unverwüstlichen Renommee in einer Zeit, da die Berühmtheiten wechseln wie die politischen Ueberzeuguugen hierzulande, er erst ein Fünfziger? Heute, nachdem ich Karpeles gesehen und g'sprachen, frage ich: Ist es möglich? Dieser Quecksilberne, unentwegt Liebenswürdige, unerniüdlich Reise, ästige, der heute in Pinne oder Nicolai über „Heinrich Heine", morgen in Merzig oder Gunzenhausen über „Humor bei den Juden" spricht, iu Wien und Prag so zuhause ist wie in Berlin uud Hamburg und Königsberg, er soll sich schon zur „Schischimssude" setzen? Verdient hat er's in Ehren. Was wir Juden von ihm besitzen uud was fortreisend zu tausendfältigem Segen seinen Namen über die Slntflut verg'ßlichen Undankes halten wird, das ist vor allem seine Schöpfung der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur, die wie heilverheißende Sterne über ganz Deutschland g«ffäet sind und die Zahl 200 längst überschritten haben. Wie die Durchäderung Deutschlands mit Bahn und Telegraph das einst an seinen Grenzen üppig wuchernde Räuberunwesen in das Reich des Treppen- und Schauderromans verwiesen hat, so wird dieses immer weiter und tiefer ausgreifende Netz historischer Aufklärung über das Judentum in absehbarer Zeit die letzten Schatten beschämender Fremdheit auf einem für die Erneuerung unseres Stammes so keimkräftigen Boden scheuchen. Denn Karpeles leitet sein Reich nach der modern deutschen Regierungsmethode möglichster Allgegenwärtigkeit. Und wo sein Rattenfängerlocken sich hören läßt, da hilft kein Widerstreben. Das hat auch seine Schriften so rasch eingebürgert. Ein feiner Ton, jeder verletzenden Polemik abhold, ein Stil, geschliffen an Heine, seinem Alpha et Omega, eine Beredsamkeit, die sich ins Herz einschmeichelt. So hat er jene Kreise gewonnen, die gerade an der geschmacklosen Form sich stießen, in der bis dahin nur zu oft literarischer Zwischenhandel die Ergebnisse der jüdischen Wissenschaft dem Laien serviert hatte. Man hat gerade von dieser Seite den guten Karpeles mitunter der Flüchtigkeit geziehen. Aber wer selbst vom Bau ist, wird an unseres Daniel Spitzer Wahrspruch denken müssen: „Es erfordert viel Arbeit, damit man der Arbeit die Arbeit nicht anmerke." Wenn wir zum Schluffe daran erinnern, daß Karpeles diesseits der schwarzgelben Pfähle, in Eiwanowitz in Mähren, geboren ist, so spricht aus uns nicht Kirchturmpatriotismus, sondern die Genugtuung, daß er im Herzen seiner Heimat treu geblieben ist Wie er beteuert, fühlt er sich nirgends so wohl, wie bei uns in Wien. Karpeles hat freilich keinen Grund, mit den Wienern unzufrieden zu sein. Denn aus dem rauschenden, wohlverdienten Beifall nach seinen herrlichen Vorträgen wehten ihm, das konnte ihm nicht entgehen, noch einige Grade Herzenswärme mehr entgegen, als sie, bei aller bekannten Voitrefflichkeit der Behandlung und selbst bei aller Wiener Begrüßungsfreudigkeit der Gegenstand an sich entfesselt hätte. Sie galt dem Manne. Ihn wollte man ehren, ihm wollte man danken für all das Gute und Schöne, das im Laufe langer Jahre — seit 1868! — ganz besonders in der „Geschichte der jüdischen Literatur", seine Feder uns geboten hat. Ihm wollte man zeigen: Wir kennen Dich auch hier und wissen Dich zu schätzen und wollen Dir in freundlicher Erinnerung bleiben, so wie wir Dir sie bewahren werden! In launigem Kreise wurde einst die Etymologie des Namens Karpeles erörtert. Nicht übel scherzte der eine, dieser Name mit der hellenischen Endung sei auch im ersten Teil klassischen Gepräges und aus Polycarp „Früchtereich" entstanden. An Flüchten reich ist das Leben, auf das wir hier einen flüchtigen Rückbl'ck werfen. Möge es auch an Ehren und Freuden reich sich bewähren, bis die Ziffer, die wir heute feiern, sich verdoppelt! Ad meoh weesrim! Dr. Adolph Kohut Unseren Lesern ist dieser Name wohl bekannt, und zwar sowohl als Schriftsteller, wie als Vortragsmeister. Vor einigen Jahren erst haben wir aus der Feder Herzberg-Fränkels seinem ausgezeichneten zweibändigen illustrierten Prachtwerk „Berühmte israelitische Männer und Frauen in der Kulturgeschichte der Menschheit" einen längeren Leitartikel gewidmet. Ebenso hat er sich als ein meisterhafter Redner durch seinen im hiesigen „Politischen Volksverein" gehaltenen Vortrag über Friedrich den Großen und Kaiser Joseph II in ihren Beziehungen zu Juden und Judentum hervorgetan. Es erscheint uns als ein Akt der Pietät und zugleich der Gerechtigkeit gegen den verdienstvollen und hochbegabten Schriftsteller und Vortragskünstler, wenn wir an dieser Stelle anläßlich eines aktuellen Gedenktages eingehender seiner Erwähnung tun. Dr. Adolph Kohut begeht nämlich am 10. November 1908 seinen 60. Geburtstag und zugleich sein 40,ähriges Schriftstellerjubiläum und ein jüdisches Blatt kann sich nicht der Pflicht entziehen, dem Jubilar ein Wort der Erinnerung zu weihen.

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