Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 18 (1.5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 18 Nr. JSlocü's Mocdenscbrm. Seite 327 werden könne, an den Verband heranireten und ihm nicht Wirkungsgebiete vorzeichnen, die in den Bereich schon bestehender Organisationen fallen und deren Durchführung diesen überlassen bleiben müsse. Abg. Stand polemisiert im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen gegen das Vorgehen einzelner galizischer Kultusgemeinden, welche die hebräischen Schulen in geringer Weise unterstützen und so deren Auflösung herbeiführen. Hier Wandel zu schaffen, wird Sache des Verbandes sein, in dem alle Parteien und Strömungen repräsentiert sein sollen und bei dessen Bildung vor allem auf die Vertreter der galizischen Bevölkerung Rücksicht zu nehmen sei. Redner wünscht, daß im Titel des Bundes das Wort „Israelitisch" durch „Jüdisch" ersetzt werde. Oberrabbiner Dr. Güdemann: Vergessen Sie nicht Herr Dr. Stand, daß das Christentum sich seit je das eigentliche Israel nennt. Sie können das in christlichen Kirchen von der Kanzel hören, daß die Christen das Volk Israel sind, und wenn Sie einmal nicht in der Kirche, sondern nur bei den „Hugenotten" gewesen sind, dann haben Sie das Lied des Marcel singen hören, der sich „einen I sr aeliten" nennt. Ich bin ein Jude und habe gar nichts dagegen, wenn sich der Bund „Jüdischer Bund" nennt. Wenn wir aber auf den Namen Israel verzichten, dann sind sie, die Christen, die rechtmäßige Fortsetzung des Alten Testamentes und wir sind nur der Stumpf, der eigentlich ausgerodet werden soll. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Abg. Stand schließt seine Rede mit dem Wunsche, daß sich der Bund zu einer echt jüdischen Körperschaft im modernsten Sinne ausbauen möge. (Lebhafter Beifall.) Professor Dr. Kisch (Prag) glaubt mit wenigen Worten eine Klärung in die Versammlung bringen zu können. Als man m einer Körperschaft, die Miturheberin der heutigen Versammlung ist, sich gegen die Rabbiner als Mitglieder wandte, hat nach der Sitzung einer der Herren gesagt: „Im Gegenteil, es sollen so viele Rabbiner hingehen wie möglich. Je mehr sie dort sprechen, desto unmöglicher werden sie sein." Ich möchte den Herren aus Galizien sagen: „Je mehr über verschiedene Richtungen gesprochen wird, desto unmöglicher ist die Einigkeit." In einem wunderbaren Expose wurde nicht nur dargestellt, was heute dringend not tut, sondern auch mit ergreifenden Worten an die Einigkeit appelliert. „Gibt es denn wirklich nichts Gemeinsames unter uns?" Ich glaube, daß in vielen von uns der Gedanke lebt, was hier debattiert wurde, gehört nicht hieher." (Lebhafte Zustimmung.) Hier soll doch eine Körperschaft geschaffen werden, die mit den Jnnenfragen des Judentums nichts zu tun hat, eine Organisation, die gegenüber der allmächtigen Feindschaft eine einige Macht sein soll, die hintritt vor dem Throne und für die Juden in ihrem Namen spricht. Das kann nur durch Bescheidung jedes Einzelnen geschehen. Jeder muß Mitwirken wollen, aber nicht Jeder muß darin sein wollen. Redner erinnert an die geschichtliche Tatsache, daß der Oberrabbiner von Prag, Ezechiel Landau, als Kaiser Josef II. ihn bei der Gründung der Organisation für die galizische Judenheit als Oberlandesrabbiner an die Spitze derselben stellen wollte, dies ablehnte und auch in Prag blieb. Abg. Dr. Straucher dankt zunächst der verehrlichen Leitung, die endlich Gelegenheit gegeben, über jüdische Angelegenheiten zu beraten, und erklärt, daß er allerdings den nationalen und zionistischen Standpunkt seiner eigenen Partei vollauf teile, daß er aber hierher gekommen sei, alles Trennende beiseite zu legen, in der Hoffnung, daß die Versammlung, die sich formell zusammengefunden habe, auch materiell zum Ziele kommen werde. Mit Bezugnahme auf die jetzige politische Lage, vor allem die jüngst gefaßte Resolution Schmid, die nur mit Hilfe der Deutschen zustande kommen konnte, sagt Redner, daß die jüdisch-nationale Partei im Gegensatz zu jenen Juden, welche „deutsch" wählen, nicht die Absicht habe, die ganze Menschheit glücklich zu machen, sondern nur das eine Ziel im Auge habe, die berechtigten Interessen des jüdischen Volkes zu wahren. Da der „Bund" in diesen Intentionen gegründet sei, sei es naturnotwendig, daß er mit der Zeit jüdischnational werde. Was die beklagten Mißstände in den jüdischen Schulen und namentlich die mangelnde religiöse Erziehung der jüdischen Jugend anbelangt, so erklärt Redner, daß seiner Ansicht nach nur eine jüdischnational erzogene Jugend jüdisch religiös sein könnte. Gegenüber Herrn Dr. Braude meint Redner, daß die Rabbiner in den Kultusgemeinden Platz genug haben, ihre segensreiche Tätigkeit zu entfalten. Redner beklagt nur den Mangel an Kenntnis der jüdischen Geschichte beim größten Teile der jüdischen Bevölkerung. Der demokratische Gedanke des Judentums muß sich bei der Zusammensetzung des Komitees darin zeigen, daß es hier aus dem Plenum der Versammlung gewählt wird. Kämpfen wir als ein einig Volk von Brüdern, schließt der Redner, gegen die großen Gefahren, um zu zeigen, daß sich Männer finden, welche in den jetzigen schwierigen Zeiten die Aufgabe übernehmen, an der Linderung des jüdischen Elends mitzuarbeiten. Del. Dr. Reich wünscht, daß der Bund nicht nur autoritativ nach außen, sondern auch erziehend nach innen wirken möge. Der Bund müsse auf den breiten Schichten des jüdischen Volkes basieren und deshalb sei es nötig, daß nicht nur die oberen Zehntausend der Kultusgemeinden das Recht haben, iu das Komitee entsendet zu werden. Del. Dr. Zweig (Gaya) spricht sich für den Antrag aus, daß ein 17 gliedriges Komitee aus dem Plenum gebildet und auf einzelne Strömungen Rücksicht genommen werde und schlägt einen Aufteilungsschlüssel hiefür vor. Del. M a r g u l i e s (Czortkow) polemisiert gegen die Ausführungen des Dr. Straucher und verlangt eine weitergehende Berücksichtigung der kleinen galizischen Gemeinden und der überwiegenden orthodoxen Majorität. Del. Rabb. Dr. L e v y (Brünn) verweist, anknüpfend an die Ausführungen des Herrn Dr. Feuchtwang, darauf, daß im deutschen Judentag, im Badischen Synagogenrat und in der französischen Konsistorialverfassung das rabbinische Element in entsprechender Weise vertreten ist. Es sei selbstverständlich, daß im Komitee die hauptsächlichsten Parteirichtungen und Strömungen ihre Vertretung finden. Redner wendet sich gegen die Ausschaltung aller religiösen Fragen aus dem Wirkungskreise des Zentralorganes, da gerade für die Ausgestaltung des inneren Lebens eine kompetente Leitung nottue. (Lebhafter Beifall.) Landesschulrat Dr. K o h n bemerkt, daß man vorläufig nur einen Organisationsentwurf schaffen wolle und es gleichgültig sei, in welcher Weise das Komitee zu dessen Ausarbeitung zusammengesetzt werde. Die Debatte wird hierauf geschloffen. Präsident erklärt in seinem Schlußworte, er halte es persönlich zwar für praktischer, dem Vorstande des Bundes den Auftrag zu erteilen, sich zu diesem Behufe durch Männer aus allen Parteilagern zu verstärken, erklärt sich aber mit Rücksicht auf die verschiedenen in dieser Richtung gemachten Einwände mit der Wahl eines Komitees durch die Versammlung einverstanden. (Beifall.) Er unterbricht behufs Einigung der Delegierten auf einen Wahlvorschlag die Sitzung auf kurze Zeit. Nach Wiederaufnahme der Sitzung wird zunächst die Resolution des Referenten Dr. Sonnenschein einstimmig angenommen, worauf Dr. Sonnenschein als Resultat der bezüglichen Besprechungen seinen Wahlvorschlag unterbreitet. In der sich hierüber entspinnenden Debatte fordert zunächst Dr. Feuchtwang nochmals zur Zuziehung eines Rabbiners in das Komitee auf. Del. Dr. Bloch spricht im Namen seiner Heimatsgemeinde Dukla mit einer vornehmlich orthodoxen jüdischen Bevölkerung sein Bedauern darüber aus, daß in den Vorschlägen zur Wahl in das Komitee die zwei Drittel der jüdischen Bewohner Galiziens umfassende orthodoxe Partei nicht einen einzigen Vertreter auf der Liste besitze, und fordert Remedur.