Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 14 (3.4.1908)
- Date
- 1908-04-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 850 Dr. Bloch's WmtzsnjttzrM Nr. 14 Nun werden wohl wieder Pogrome und neue Ausnahmsgesetze den Aufwieglungsversuch von Sebastopol dem ganzen jüdischen Ghetto grausam heimzahleu. Als ob nicht die Schuldigen in Petersburg säßen, historische Massenmörder. Sie kennen nur zwei Maßnahmen gegen die Juden: Auswanderung und Hungertyphus und bleiven ungerührt, wenn das größere Elend noch ein paar tausend Opfer mehr hiurafft. Die russischen Juden brauchten gar kein Amerika. Großrußland mit seinen reichen Erwerbsmöglichkeiten, mit seinen unendlichen wirtschaftlichen Schätzen, die nur der Hebung und Erschließung warten, liegt jenseits der östlichen Grenze des Rayons. Aber über diese Grenze dürfen sie nicht. Sie müssen über die westliche. Und wenn sie nicht mehr können, so wie jetzt, daun beginnen die Verzweiflungskämpfe, nach welchen die Verbrecher ihre Opfer zu Tausenden an die Galgen hängen, die bekanntlich dazu da sind, um das beleidigte Recht fürchterlich zu rächen. Es bleibt nur eine karge Hoffnung, die auf die Regierungen der angelsächsischen Länder. Dort treibt man doch nicht die stupide Gewaltpolitik der absoluten Absperrung gegen Flüchtlinge und ist gewöhnt, den Dingen auf den Grund zu schauen. Wenn man von England und Amerika aus sehen wird, wie der russische Austedlungsrayon immer und immer noch ein verzehnfachtes, grausames Mazedonien bleibt, dann werden die Regierungen dieser Länder vielleicht mit größerem Nachdruck helfen, den russischen Juden den Rayon zu öffnen oder ein Asyl. Die Familie Gomperz. Man kann über die Bedeutung der Stammbäume verschiedener Ansicht sein. Tatsache ist aber, daß sie der beste Zeiger sind für die Eigenart von Generationen, in deren Adern dasselbe Blut kreist, und daß sie helfen, dem seltsamen Spiele einer Natur zu folgen, die die begrabenen und vergessenen Eigenschaften des Großvaters im Enkel wieder erstehen läßt. Dies allein wäre Grund genug, um dem Forscher derartige Studien verlockend zu machen. Bei jüdischen Stämmen knüpft sich jedoch auch ein starkes, kulturelles Interesse daran, da die Geschichte eines solchen Hauses immer in engster Verbindung mit der des ganzen Volkes steht. Im engen Kreise des jüdischen Volkes tangieren alle Interessen und die Entwicklung eines Stammes ist nahezu immer ein Abklatsch der großen geschichtlichen Ereignisse und ist ihren Konsequenzen unterworfen. Und hier bietet das Haus Gomperz reichliche Auslese. Eines der ältesten jüdischen Patrizierhäuser, hat es treulich Schritt gehalten mit der Geschichte der deutschen Juden seit dem 16. Jahrhundert. Der geniale David Kaufmann hat es unternommen, die Geschichte der Familie Gomperz, der er durch Heirat mit Irma Gomperz nahe stand, in einem Werke zu vereinigen und die durch den Tod des Verfassers jäh unterbrochene Arbeit vollendete — wenn man so jagen darf, da das Buch, wie die Vorrede zugibt, im Grunde doch nur ein Torso ist — der ebenso gelehrte als geistreiche Rabbiner Dr. Max Freudenthal.*) Es war gewiß eine schwere, aber auch lohnende Arbeit, den Stammbaum einer Familie festzustellen, deren nachweisbarer Anfang bis in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts reicht. Er führt weit hinein in jene bittere und beschämende Zeit, wo es für die deutschen Juden nur Mühsal und Pein und Bedrückung, höchstenfalls verächtliche Duldung gab. Die Geschichte empfangt die Gomperz dort, wo die beiden Stammväter Mordechai und Salomon, Vater und Sohn, sich in Emmerich uiederließen. *) Die Familie Gomperz von Prof. Dr. David Kaufmann s. A. und Dr. Max Freudenthal. Frankfurt am Main. Kommissionsverlag von I. Kauffmann. Damals gab es in Deutschland spärliche Judengemeinden und die bestehenden genossen zumeist keinerlei Schutz. Sie waren im gewissen Sinne vogelfrei und jeder Willkür ausgesetzt. Mordechai - und Salomon waren unter den ersten Juden, die sich in Emmerich ansiedelten, und Salomon erhielt sogar einen Schutz- und Niederlassungsbrief vom geisteskranken Herzog Johann Wilhelm und dessen Erben bestätigten sodann freiwillig „daß, Vorweiser Salomon Jud sambt Weib kindern und gesinde in der Statt Emrich sein Haussliche Niedersaß habe". Dort lebten nun die ersten, geschichtlich festgestellten Gomperz als kleine Handelsleute, die ihre hohe geistige und geschäftliche Regsamkeit brach liegen lassen mußten, weil sie froh waren, unbeanstandet leben zu dürfen, da ihnen das Niederlassungsrecht nur mit dem strengen Hinweis gewährt wurde, „daß vorgemelter Jud Zehen Jahr sich alda Heußlich unnd gleitlich aufgehalten, geringes vermügens uund seinem beruff nach der gestalt stil und Erbarlich bey der Gemeinde verhalte". Um diese Zeit zog der große Erbfolgestreit Leute aus aller Herren Länder in ihre Gegend und legte den Grund zu ihrem nachmaligen großen Vermögen. Und damit begannen sie auch eine führende Rolle in der Judengemeinde zu spielen. Damals erhielt auch der Sohn Salomons, ein Mordechai, den Namen Gumpel, der im Laufe der Begebenheiten vielfachen Veränderungen unterworfen war, um endgültig in Gompers und Gomperz zu enden. Wenn Salomon der Stammvater der Familie Gomperz überhaupt ist, so ist Mordechai der Vater der geistigen Linie in der Familie. Bei ihm zeigt sich bereits jener Ansatz zur Gelehrsamkeit, der sich bei fast allen Nachkommen deutlich und auffallend ausprägt. Er hatte schon die diplomatische Fähigkeit des späteren Rüben Gomperz, der so hoch kam und so unglücklich endete, und schon er verstand . gute, Beziehungen. zur kurfürstlichen Regierung anzuknüpfen. Unter dem genialen Friedrich Wilhelm I. erhebt sich auch die Familie Gomperz in ihrer Stellung nach außen hin. In Cleve haben die Gomperz mehr als ein Jahrhundert der Arbeit und des Erfolges gelebt. Sie waren in jeder Hinsicht befähigt. Zu Ende verfolgte sie das Unglück. Ihre Vermögensverhältnisse zerrütteten sich, es kam zu Taufen und Abfällen, überhaupt zu einem starken inneren Verfall. Von hier aus verbreiteten sich die Gomperz über Wesel und Cleve. Ihr Aufenthalt in Berlin gewinnt dadurch an Interesse, weil hier eine glänzende Rehabilitierung Rüben Gomperz', eines ihrer tüchtigsten Mitglieder, der aus Wesel kam und auf eine schmähliche Anklage hin Monare im Kerker zugebracht hatte, endlich erfolgte. Dieser Rüben Gomperz wurde zum ersten jüdischen Staatsbeamten Brandenburgs ernannt, fiel jedoch wieder in Ungnade und entging nur durch den Tod der zweiten Tortur eines willkürlichen Prozesses. In Berlin erfreuten sich die Gomperz der besonderen Gnade Wilhelm I., der sie zu großen Finanzoperationen heranzog. Es ist selbstverständlich, daß die hohe kaiserliche Huld sich von ihnen wandte, als ihre Spekulationen unglücklich ausfielen, und daß hierauf ihre Stellung sehr erschüttert wurde. In diese Zeit fällt das Leben jenes Mannes, der die hervorragendste und reinste Gestalt der Familie Gomperz bildet. Es ist dies Ahron Emmerich-Gumpertz, der Lehrer und Führer Moses Mendelssohns und selbst Schüler eines tiefen Gelehrten und Denkers, des Israel Samosz. Einem Gomperz blieb es Vorbehalten, der Lehrer eines der freiesten und mächtigsten Geister des Judentums zu werden und der Erreger jener Ideen zu sein, die eine Welt in Atem hielten. Die Behauptung, daß die ganze Mendelssohn'sche Kultur eigentlich die Kultur Ahron Gumpertz sei, ist wohl ein wenig gewagt. Festgestellt und sicher ist es aber, daß Ahron Gumpertz ein großer Anteil an Mendelssohns späterer Bedeutung gebührt. Und das ist nicht wenig. Ahron Gumpertz