Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 14 (3.4.1908)
- Date
- 1908-04-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 14 Dl*a ßlOCfl’S XXV Istzrgsng Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Judentums. Wim, 3° April 1908. - LrscbeLnl jeden Freitag. Brief-Adreffe: MUen, IX/i, Dabngasse 15. Telegramm-Adresse: JSlodb’s MtocbenscbrlN» Mlien. mr. 810.976. Redalrton und Administration: Wir» IX/1. Dabngasse Vlr. 15. Telefon Nr. 14.847. TBL k. Postsparksisenamk DO . .—OO Vrrngsxrri» für Vrstrrrrirh: C Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzetle 24 Heller. Inhalt: Leitartikel: Die Revolution von Sebastopol. — Die Familie Gomperz. — Zionistische „Spezialitäten" des I. Oe. D. K. — Die Maturitätsprüfungsreformen und der jüdische Religionslebrer. — Jahrmarkt des Lebens: Der Pogrom von Jaffa. Zur Naturgeschichte der Rassen. Dr. Birnbaum beim Präsidenten der Vereinigten Staaten. Eine jüdische Erbschaft. Juden als Farmer. Die Erfolge David Lubins. Die Juden in Chile. — Korrespondenzen: Wien. HUfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien. Wien. Prag. Der Rabbmerverband in Böhmen. Lugos. Berlin. Aus der territorialistischen Bewegung. Berlin. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden rc. Zur Befreiung Hilsners. Wien. Jüdischer Wähierverein. Jüdische Toynbee-Halle, Othmargasse 46. Jüdische Toynbee-Halle. XV., Herklotzgasse 20. Verein „Tesftas Haneorim", Wien. Krankenunterstützungsverein „Liwias Chen". Austritte aus dem Judentum. Groß-Enzersdorf. Retz. Der Todestag des Landesrabbiners Markus Benedikt. Nagymibaly. Meran. Ungarisch-Brod. Berlin. Kiel. — Feuilleton: Ern odioser Heiratsvertrag. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Die Revolution non Sebastopol. Die Panzerschiffe der Schwarzen Meer-Flotte Rußlands haben ihre Granaten und Shrapnells in das Marinedepot von Sebastopol ausgeliefert. Aus einem sehr einleuchtenden Grunde. Man hat soeben die Entdeckung gemacht, daß die Affäre jenes Operettenschlffes, das vor zwei Jahren unter der Flagge der Revolution und dem Kommando seiner Matrosen auf dem Meere hinter den Dardanellen herumbummelte und die Rhede von Odessa ein bischen bombardierte, in verstärkter und vermehrter Besetzung wieder aufgeführt werden solle. Man kam einem Anschlag der Revolution auf die Spur, welche den Zaren mit seiner eigenen Flotte angreifen wollte — eine ganz hübsche Vorbereitung zu einem Zweikampf mit gleichen Waffen — und obwohl man genug Leute aus den Betten geholt hatte, um sie einem Peloton Soldaten oder dem Meister mit dem Seile zu überantworten, so konnte man doch nicht alle Matrosen gerichtsordnungsmäßig auf ihr Inneres untersuchen und man zog es vor, die Granaten säuberlich einzusperren, bevor sie in ein paar heimischen Hafenstädten krepierten. Eine Kriegsflotte, vor der sich das Vaterland fürchtet, ist entschieden ein grimmiger Spaß. Die russische Revolution ist wieder aktiv, das ist die Sache. Woher die Plötzlichkeit? Die Duma tagt ja in Petersburg, es werden nur wenig Strafexpeditionen ausgeschickt und der Henker macht nicht mehr Ueberstunden — das ist doch genug für die slavische Geduld, die doch sonst niemals in Verlust geriet unter so verhältnismäßig idyllischen Zuständen. Denn das braucht man ja nicht zu glauben, daß der idealste Revolutionär der Welt mit seinem Leben spielt, wenn ihm dieses Leben nur halbwegs gefällt. Revolutionäre Theorie ja, die wird immer gepflegt. Aber die wirkliche Revolution, die mit dem Bestienhunger nach Menschenfleisch, ist niemals in einer Gelehrtenstube entstanden, sondern immer vor einem Bäckerladen, immer wenn das Volk Hunger und Elend litt. In Sebastopol wurden die Matrosen aufgewiegelt, weil in Odessa Not eingetreten ist, die verzweifelten Gedanken sind wieder in ausgemergelteu Gestalten entstanden, wieder haben einige Gewalthaber nicht verstanden, welche gute Lehre für sie in dem Befehl des um seine Sicherheit besorgten Cäsar liegt: „Laßt dicke Männer um mich fein—" Man hat den Ansiedlungsrayon nicht geöffnet. Trotz der lügnerischen Ver'pr»chungen, die man wegen der Anleihen den jüdischen Bankiers in Westeuropa als Draufgabe zu den schönen Prozenten gab. Man sperrt weiter sechs Millionen Wuschen wie hungrige Ratten ohne Nahrung in einem Käfig ein. Und erpreßt von ihnen die Revolution. Man stelle sich nur vor, es gelänge einem der Sadisten aus der Luegerpartei, die jüdische Levpoldstadt in seine Gewalt zu bekommen und aus ihren Bürgern nicht nur moralische Sklaven zu machen, sondern ihnen auch jeden zureichenden Erwerb auf eine raffinierte Weife abzuschneiden. Sein Kopf würde nicht fester auf seinen Schultern sitzen als der Verstand in seinem Kopfe. Allerdings, vor allem würde man sein Heil in der Flucht suchen, in der Auswanderung. Wie aber, wenn der Weg dazu abgeschnitten wäre? Das ist jetzt im Ansiedlungsrayon eingetreten und deswegen ist mit einemmale die Revolution wieder aufgeflammt. Die Auswanderung ist ins Stocken geraten und da jeder im Lande gebliebene Mensch dort ein Stück Elend bedeutet, so ist es wieder zu einer Verzweiflungstat des Hungers gekommen, deren Ursachen wir aber zum größeren Teile in Amerika zu suchen haben. In den Vereinigten Staaten ist es in den letzten Tagen zu Massendemonstrationen Arbeitsloser gekommen. Amerika hat überschüssige Arbeitskräfte. Nach dem Bankenkrach ist es dort zu einem riesigen Zuwmmenbruch auf dem Jndustriemarkte gekommen, die Textilbranche ist für lauge Zeit ruiniert, im Eisengeschäfte herrscht eine chronische Krise. Amerika kann also eine neue Menscheneinfuhr nicht vertragen, es ist weniger durch Gesetze als durch die Not faktisch gesperrt und die Freiheitsgötttn im Hafen von New- Jork ist für die Ankömmlinge nicht mehr eine Göttin des Trostes, sondern ein Symbol neuer Sorge. In diesem Hafen aber landeten bis jetzt alljährlich 120.000 bis 130.000 flüchtende russische Juden, die nun keine Zuflucht mehr finden. Wie nun ein Entzündungsprozeß beginnt, wenn irgendwo im Kreislauf das Blut zum Stocken kommt, so ist die neue russische Revolutionspbase eine Folgeerscheinung der finanziellen Revolution in Amerika, welche dem russischen Ansiedlungsrayon noch einen neuen Riegel vorschod und neue Kämpfe der verzweifelten Eingeschloffenen hervorruft.