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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-04-03 · 14 (3.4.1908) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
14 (3.4.1908)
Date
1908-04-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr- 14 Dr. Llocb's Mocdenscvrm. Seite 381 fand den Weg vom abgeschlossenen religiösen Judentum zur freien Luft der Wissenschaft, er wagte als Einziger den Sprung über die hohen Ghettomauern. Und wenn man die Stellung der Juden in damaliger Zeit kennt, so mag es seltsam und verwunderlich klingen, daß Männer wie Jean Baptiste de Bayer und Marquis d'Argens, der Verfasser der interessanten „iüottrss juivos", mit Liebe und Wertschätzung von ihm sprachen. Seine Persönlichkeit ist jedoch wohl am besten gewürdigt, wenn man in Erinnerung bringt, daß er die Anregung zu Lessings „Juden" gab und deren Hauptgestalt verkörpert. Trotzdem er fleißig schrieb, veröffentlichte er doch von den zahlreichen Arbeiten nur ein Werk, das ihm besonders am Herzen lag, den Kommentar „Megalleh Sod“. Die Nachkommen des unglücklichen Rüben Gomperz hatten sich in Breslau angesiedelt, wo es ihnen erst gut ging, als Friedrich der Große Schlesien in Besitz nahm. Sie bekamen eine Menge Erleichterungen und Zugeständnisse, so die Aufhebung des lästigen und ekelhaften Toleranz- Jmpostes. In Mitteldeutschland hatten die Gomperz eine weite Verbreitung gefunden. Sie lebten in Magdeburg und in Halle. Dort ereignete sich jene entsetzliche und bis heute unaufgeklärte Tat, daß Elias Rüben, ein hervorragender Talmudgelehrter in seinem eigenen Schlafgemach aufs bestialischeste ermordet aufgefunden wurde. Gomperz wohnten auch in Hannover, Braunschweig, Wolfenbüttel, Halberstadt und Dessau. In Frankfurt am Main lebte eine Reihe von Zweiglinien, die sich bis jetzt zum großen Teile erhalten haben. Aus ihrem Kreis ist auch Julie Beifuß, die Mutter des Ludwig B o e r n e, hervorgegangen. Aber auf ihrer Anwesenheit in Metz ruht ein düsterer Schatten. Dort spielte sich die Tragödie jenes Raphael Levy aus Boulay ab, der infolge einer wahnsinnigen Anklage wegen Ermordung eines Christenkindes verurteilt und verbrannt wurde. Dem'Metzer Kreis entstammt auch der nachmals in Danzig lebende Leon Gomperz, eine der glänzendsten, begabtesten, aber auch oberflächlichsten Erscheinungen aus dem Hause Gomperz. Nach dem Vorbild seines großen Verwandten Ahron Gumperz, dem er aber weit an Tiefe und Charakterfestigkeit nachstand, und unter dem Schutze des Moses Mendelssohn, der sich seiner annahm, widmete er sich dem Studium. Er war eine leichtherzige oberflächliche Natur, die es nie zu tiefem Ernst und gründlichen Wissen bringen konnte, der aber eine hervorragende Befähigung über alles hinweghulf. Leon Gomperz studierte auch eine Zeit lang bei K a n t, dem er aber seiner inneren Haltlosigkeit wegen nicht nahe zu kommen vermochte. Leon Gomperz ist der Verfasser der geistreichen Erwiderung aus Friedrich des Großen verächtlich gehaltene Abhandlung „äs la litterature allemande“. Sie trieft natürlich von Deutschtum, ist aber mit Geist und Verve geschrieben und erregte selbst die Anerkennung Friedrichs des Großen. Daran mag nicht geringen Anteil hgben der Umstand, daß die Streitschrift in vollendetem Französisch geschrieben war und — da sie anonym erschien — einen Franzosen als Verfasser vermuten ließ. Was der Charakter Leon Gomperz' seit langem ahnen ließ, geschah auch. Er ließ sich taufen. Mit seiner schöngeistigen Art war er dem Judentums immer fremder geworden und hatte jede Verbindung mit ihm verloren. Der Grund hiezu ist nicht nur in seiner Person zu suchen. Die Stellung der damaligen Juden überhaupt, ihre starre und verachtete Abgeschlossenheit erschwerte sehr eine Verständigung mit den freien Geistern, die ihren Weg verlassen hatten. Die Gomperz gewannen eine immer weitere Ausdehnung. Sie kamen selbst bis nach London, wo sie einen groß angelegten Handelsbetrieb führten. Diesem Boden entstammt auch ein Odendichter, Isaak Gomperz, und Samuel Gomperz, der später als amerikanischer Arbeiterführer viel Bedeutung hatte. In Holland, speziell in Nymwegen, eine Stadt, die durch die Unduldsamkeit Karls V. durch mehr als ein Jahrhundert judenreiu gewesen war, brachten es Gomperz zu geachteten Stellungen» wurden Groß- und sogar Ehrenbürger Von Seiten Maria Theresias hatten die Gomperz, wie alle Juden, wenig Gutes erfahren. Es ist daher begreiflich, daß ihr Emporkommen in Oesterreich-Ungarn in eine spätere Zeit fällt. Hier haben sich die Gomperz bis auf den heutigen Tag in voller Blüte erhalten. Erst vor einiger Zeit starb Siegmund Gomperz, jener Talmud- und Bibelgekehrte, dem das vorliegende Werk gewidmet ist und der das Erscheinen desselben nicht mehr erlebte. Und gewiß der Hervorragendsten Einer ist Theodor Gomperz, der Wiener Hofrat und Universitätsprofessor, von dessen ganz bedeutenden Werken ich hier nur die „Herkulanischen Studien", die „Heriodotischeu Studien" und „Griechische Denker" nennen will. Die Gomperz haben die bösesten Zeiten des Mittelalters mitgemacht und haben uns treulich in die Neuzeit begleitet. Sie sind bereits Tradition geworden. Durch die Not der Jahrhunderte ragt ihr Stamm ausrecht wie das Judentum selbst und ebenso unerschütterlich. Durch mehr als vier Jahrhunderte haben sie es verstanden, auf der Höhe zu bleiben. Sie sind nicht nur ein Kaufmannsstamm, wie es die Fuggers waren, und keine Geldmacht, wie es die Rothschilds noch sind. Bei ihnen ist die Wissenschaft zu Hause. Ein kostbares Gemisch von hoher geistiger Regsamkeit und praktischem Verständnis, hatten sie stets einen ausgesprochenen Sinn für die exakten Wissenschaften. Seit der Zeit, da einer aus ihrem Hause die Schranke durchbrach und mit ungeheurer Energie als Erster von ihnen die Universität bezog, um Medizin zu studieren, hat es unter ihnen unzählige Aerzte gegeben. Aber selbst wenn sie sich den spekulativen Wissenschaften zuwandten, wobei schließlich auch die ganz hervorragenden Talmudgelehrten in Betracht kommen, so blieb ihr gemeinsames Merkmal ein hellsichtiger Blick und ein nüchterner klarer Verstand. Zur Poesie in ihrer ausgesprochenen reinen Kunstform fehlt ihnen der weiche Zug. Ich glaube nicht, daß außer diesem Londoner Odendichter Isaak Gomperz überhaupt ein Dichter in der Familie Gomperz zu finden ist. Und dieser selbst war nur ein Dichter der ernsthaften, pathetischen, aber meist wenig empfindungsreichen Ode. Es fehlt ihnen nicht der große historische Zug und jene Tradition, der der sogenannte Stammbaumstolz entspringt. Im Grunde ist dies kein übler Stolz. Denn ihre Geschichte führt sie durch einen langen Weg der Leiden und Demütigungen, aber auch der stolzesten Ehren. Sie haben sich mit der Zeit gemessen und sind Sieger geblieben. An ihr Haus rüttelten die schwersten Stürme, aber sie vermochten nicht, es zu stürzen. Wenn ein stolzes Adelsgeschlecht aufrecht unter der Last von Jahrhunderten steht, so ist das nicht sehr verwunderlich, denn die Zeit hat sie nicht mit Eisenfingern angefaßt. Aber die Gomperz waren selten auf Rosen gebettet. Es gab Zeilen, wo sie gleich fahrenden Bettlern um ein Handbreit Erde ringen mußten, damit sie ihr Haupt niederlegen konnten. Und es deutet auf eine große, herrliche Lebenskraft und Zähigkeit ihrer Art, wenn sie Zeit und Leiden überdauerten. Sie selbst aber mit ihren Schicksalen, Leiden und Freuden sind ein kleiner Spiegel, ein Miniaturabbild jener Geschichte, die die unsere und die eines ganzen, millionenreichen, ungebrochenen Volkes ist. Thekla Blech.

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