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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-10-04 · 40 (4.10.1907) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
40 (4.10.1907)
Date
1907-10-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 40 De. Llvcb's TOocbenscbrin. Seite 657 mit dieser moralischen Größe durften sie sich begnügen, denn sie haben gerade in derselben auch eine „schöpferische Kraft" bewährt. Und diese Kraft wirkt fort bis auf den heutigen Tag. Im Okloderheft der Zeitschrift „Deutsche Schule" 190rt schreibt Dr. Görland aus Hamburg über ein neuerschienenes Buch: „Luther und Kant" unter Anderem: „Wenn etwas das Christentum reformationsfahrg gehalten hat . . . so war es das Judentum im Christentum als dessen guter Geist, der gewaltige sittliche Rigorismus und der prophetische Idealismus, diese unverlierbare Grundlage der Autonomie humaner Sittlichkeit" . . . Und diese Propheten, bei denen diese sittliche Erleuchtung aus innerer religiöser Neberzeugung floß, sie sollen, wie behauptet wird, „Kein religiöses Verständnis" besessen haben? Allerdings, wenn religiöses Genie heißt den Mantel nach dem jeweilig günstigen Wind drehen, das Teuerste und Beste um Tand und Flitter oder um ein Linsengericht preisgeben, dann waren die Propheten keine religiösen Genies. Aber sie haben in Stunden der Entscheidung nicht erst gefragt, ob ihr Kampf für Recht und Wahrheit auch dem sogenannten modernen Empfinden genehm sein würde, ob es vom Standpunkt eines künstlerischen „Genies" ihnen gestattet sein würde, mannhaft aufzutreten gegen die Gewissenlosigkeit götzendienerischer Volksbedrücker. Und weil sie dies nicht kalt überlegten, sondern dem Impuls ihres fittlichen Empfindens Folge gaben, darum ist die menschliche Gesellschaft heute reicher um manch „positives, welterhaltendes, ethisches Moment." Man sieht, vor dem „jüdischen Einfluß" auf geistigem und kulturellem Gebiet, dem gewissen Kreise^! so ängstlich gegenüberstehen, vor ihm braucht niemandem bange zu werden, der nicht tatsächlich diesen Einfluß, so weit er wirklich und nicht bloß in der Phantasie existiert, zu scheuen alle Ursache hat. Nein, wir können nicht umhin, die Propheten als ethische Erzieher zu betrachten, weil sie an der Hand geläuterter Erkenntnis den Maßstab wahren sittlichen Mutes geboten haben. Und nur das höchste Ziel sittlicher Vollendung, das die Propheten künden, das im Leben stützt mw im Tode tröstet, nur das kann uns auch heute noch befriedigen. In diesem Sinne erweisen sich bis jetzt noch die Propheten als ethische Erzieher. (Fortsetzung folgt.) Korrespondenzen. „Auf blutigen Spuren." Nachträge zu dem Artikel des Herrn Dr. Max Grunwald in Nr. 38. Aus einem Schreiben der k. Direktion des Bayerischen Nationalmuseums in München vom 21. September über eine Darstellung angeblicher jüdischer Hostienschändung im dortigen Museum (Referent Dr. Ph. M. Hahn): „Es ist ein aus bunter Wolle gewirkter Bildteppich mit der Darstellung eines Hostienwunders. Auf hölzerner Brücke, welche beiderseits durch einen roten, von stilisiertem Laubwerk umwundenen Pfosten begrenzt wird, ist ein Priester mit einem Ciborium niedergestürzt. Die teils zu Boden, teils in den Fluß fallenden Hostien werden von herabschwebenden Engeln aufgefangen. Zur rechten Seite knien am Ufer ein Mann und eine Frau mit Wappen über ihren Häuptern, offenbar die Stifter des Bildteppichs, weiter rückwärts stehen verehrende Gestalten in bürgerlicher Tracht. Zur linken Seite nähern sich Frauen mit der Geberde des Staunens. Der dunkelblaue Himmel ist mit weißen Sternen und stilisierten Wolken besetzt. Den Rasen beleben verschiedene Tiere. Der Teppich gehört dem Ende des 15. Jahrhunderts an und stammt aus Regensburg. Nach Jänner, Geschichte der Bischöfe von Regensburg, II. (1884), S. 451, ereignete sich die Episode am 15. März 1255. Die Bürgerschaft erbaute an der betreffenden Stelle eine hölzerne Salvatorkapelle, die am 8. September des gleichen Jahres geweiht wurde. Mittelst der eingegangenen Opfer wurde nachträglich eine steinerne Kirche erbaut, die 1267 dem Eremitenorden des heiligen Augustin übergeben wurde. Vergl. auch in Hugo von Waldersdorff „Regensburg in seiner Vergangenheit und Gegenwart", 1896, die einschlägigen Stellen."-— **) Chamberlain a. a. O. I. 545. Herr Profeffor Dr. Richard A n d r 6 e schreibt an Dr Grunwald: München 22. September 1907. In der Chronik von Egern am Tegernsee von Pfarrer Kisslinger (Oberbayerisches Archiv 1907, Band 52, Heft 3, Seite 143) liest man: „In der Verehrung der Reliquien wurde zu Zeiten nicht nur gegen die Regeln einer vernünftigen Kritik gefehlt, indem man die angeblichen Reliquien für echt hielt, sondern auch gegen den guten Geschmack. Da wurden unter anderem in einer Monstranze aufbewahrt . . . . das halbe Heft des Messers, damit die Juden zu Passau das heilige Sakrament gestochen." Hochachtungsvoll Dr. R. A n d r 6 e. Tolstoi über die Judenfrage. In den „Tulsk. Wed." werden Aeußerungen Leo Tolstois über die Judenfrage veröffentlicht. Es darf überhaupt, sagt der Graf, eine spezielle Judenfrage nicht geben. Was die Gleichberechtigung der Juden betrifft, so darf ihnen als Menschen keine Sonderstellunng eingeräumt werden. Sind sie im humanitären Sinne Brüder aller übrigen Nationalitäten, und eine Einschränkung ihrer Menschenrechte erscheint absolut unzuläffig. „Meiner Ansicht nach," fuhr der Graf fort, „ist eine Affimilierung der Juden mit den Christen nicht anzustreben. Denn sehen Sie, über dem Juden und Christen steht das allgemeine Menschheitsideal. Zu diesem Ideal müssen Juden und Christen in gleicher Weise streben, und dann kommt die Asfimilierung ganz von selbst. Das allgemeine Menschheitsideal besteht in der Vervollkommnung, im Neben des Guten, im wahren, das Leben erneuernden Glauben. Man muß nur den wahren Glauben von allem Aberglauben, von den Schlacken reinigen, die in das Judentum durch den Talmud hineingebracht worden find." Rücktritt des Hofrates Profeffors Politzer. Am 1. Oktober d. I. trat Profeffor Dr. Adam Politzer, der seit 34 Jahren als Chef der Univerfitäts-Ohrenklinik wirkte, mit Absolvierung des akademischen Ehrenjahres von der Lehrtätigkeit zurück und übergab seine Stelle dem Profeffor Viktor Urbantschitsch, bisherigem Leiter der Ohrenabteilung der Poliklinik. Mit Hofrat Politzer scheidet einer der verdienstvollsten Männer der Wissenschaft von der Universität. Ein Schüler Skodas, Rokitanskys, Oppolzers und C. Ludwigs, war es ihm gegönnt, die Wiener Universität in ihrer Glanzepoche zu frequentieren. Und als dann nach der Lernarbeit die Lehrarbeit kam, verpflanzte Politzer die große Denkungsart seiner Lehrer in seine eigene Disziplin: in die Ohrenheilkunde, die, als Politzer sich habilitierte, noch in ihren Anfängen stand. Politzer war auf seinem Gebiete ein hervorragender Lehrer und hochverdienter Forscher. Wenn die Ohrenheilkunde heute auf demselben hohen wissenschaftlichen Niveau steht, wie die übrigen klinischen Lehrgegenstände, so ist dies zu allererst dem scheidenden Meister zu verdanken. Sein Hauptwerk, das „Lehrbuch der Ohrenheilkunde", das in viele Sprachen übersetzt wurde, bildet einen eisernen Bestand des Lehrfaches. Seine Klinik wurde mit der Zeit ein Rendezvousort der Ohrenärzte aller Länder. Aus England und Deutschland, Frankreich und Italien, aus der Schweiz und den Vereinigten Staaten kamen Aerzte zum Studium. Auch die Privatpraxis Profeffor Politzers war eine sehr große. Dennoch hatte er für unbemittelte Kranke stets Zeit übrig, und so bekleidete er auch lange Zeit die Stelle eines Armen-Ohrenarztes der Stadt Wien. Auf der Klinik, die er nun verläßt, hat er für sich ein bleibendes Erinnerungszeichen geschaffen durch die von ihm angelegte, sehr reichhaltige Sammlung anatomischer und pathologisch-anatomischer Präparate des Gehörorganes. Zur Abschiedsvorlesuug hatte sich eine große Zahl von Ehrengästen ein gefunden, welche dabei sein wollten, da der berühmte Gelehrte, der Begründer der ersten Ohrenklinik der

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