Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 40 (4.10.1907)
- Date
- 1907-10-04
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 658 g>r. Llocv s MocbenscbrMi Nr. 40 Welt, nach 46jähriger akademischer Tätigkeit von seinem Lehramte Abschied nahm. Adam Politzer wurde im Jahre 1861 Dozent für Ohrenheilkunde. In dem Hörsaale, der mit den Porträts hervorragender Ohrenärzte, mit den künstlerisch vollendeten Abbildungen zur Anatomie des Ohres von Politzer und mit Blumen geschmückt war, versammelten sich vor Beginn der Feier das medizinische Wien und die Freunde Politzers. Unter den Anwesenden bemerkten wir: In Vertretung des Unterrichtsministeriums Dr. C w i k l i n s k i, Statthaltereirat Dr. Net olitzky, Ministerialsekretär Dr. Egon Zweig, Baurat Stiaßny, den Chef des Sanitätsdepartements o. Keller, den Rektor der Univerfität Hofrat v. E b n e r, Hosrat M u cha, den Dekan der medizinischen Fakultät Professor P a l t a u f, den Prodekan Professor Hans Horst-Meyer, die Hofräte Chrobak, Ludwig, v. Eiselsberg, Schnabel, Winternitz, den Nachfolger Politzers im Lehramte Professor U r b a n t s ch i tz, die Professoren Lang, Benedikt, Pal, Oberstabsarzt Pick, Ehrmann, Kovacs, Fraenkel, Pollak, Bing, zahlreiche Dozenten, Militärärzte, alle österreichischen und zahlreiche ausländische Schüler Politzers, sämtliche in Wien studierenden englischen und amerikanischen Aerzte. Hofrat Politzer wurde bei seinem Erscheinen mit langanhaltendem Beifall begrüßt. Im Namen des internationalen Komitees, das sich zur Veranstaltung einer Politzer-Feier gebildet hatte, überreichte Professor Pollak eine goldene Plakette, ein sehr schönes Werk des Bildhauers T e l c s. Professor Bing legte eine hübsche Adresse vor, welche aus dem Atelier P a p k e stammt. Tief gerührt nahm hierauf Hofrat Politzer das Wort, um in seiner Dankrede einen Rückblick auf die Geschichte der Wiener otiatrischen Klinik zu werfen. Er gedachte seiner Lehrer Rokitansky, Skoda, Oppolzer, Arlt, v. Braun, K o l i s k o, seines langjährigen Mitarbeiters G r u b e r, und tzob die gvötze Förderung hervor, die sie im Jahre 1862 durch den Bürgermeister Dr. Seiler erfahren hatte, der Politzer gestattete, seine Studien im städtischen Versorgungshause durchzuführen. An die jüngere Generation wendete sich der Redner mit folgenden Worten: Taler t und Begabung müssen durch Fleiß und Ausdauer unterstützt werden. Es sei die Ansicht nicht richtig, daß dem Praktiker ein geringeres Feld der Forschung geboten sei als dem Theoretiker, da ja die Arbeit am Krankenbette an und für sich ein großes Gebiet in sich schließe. Vorbedingung sei eine konsequente Zeiteinteilung, die es dem Praktiker gestatte, neben seinem Berufe seine Erfahrungen wissenschaftlich zu verarbeiten und dabei Zeit für den Genuß von Kunst- und Tonwerken zu finden. Hofrat Politzer schloß mit herzlichen Dankesworten an seine Gäste und Schüler, an die Unterrichtsbehörden und an Hofrat Mucha. Alle Teilnehmer an dieser denkwürdigen Feier erhielten Exemplare der Politzer-Plakette, und alle nahmen mit dem innigen Wunsche von Hofrat Politzer Abschied, daß es ihm gegönnt sein möge, noch viele Jahre seiner wissenschaftlichen und kurativen Tätigkeit widmen zu können. Füllet die Tempel. Von L. Riesenfeld, Oberlehrer i. R. Dr. Lueger hat einmal dem Klerus, den er für seine Pläne gefügig machen wollte, das stolze Wort zugerufen: Wir haben die Kirchen gefüllt. Dieses Wort fiel mir am Szukausfeste im neuen Tempel des 19. Bezirkes ein. Ein Tempel im 19. Wiener Bezirke, in der Gartenstadt mit den herrlichen Cottage-Villen, die viele Glaubensgenossen beherbergen, welche auf dem Gebiete des Handels, der Industrie, der Kunst und Wissenschaft hervorragen! Die „Wochenschrift" hat über die am 5. v. M. stattgefundene, solenne Einweihung berichtet. Der Gottesdienst am Neujahrs- und Bersöhnungstag war geradezu mustergiltig. Die Haltung des Publikums war würdevoll, vornehm, entsprechend der hohen - Kulturstufe desselben. Aber am Szukausfeste! Der Vorstand, der Prediger, der Kantor, alles war am Platze, jedoch das Publikum war nicht da. Unwillkürlich mußte man sich sagen: Ein so großer Apparat für eine Handvoll Leute! „Du sollst dich freuen an deinem Feste" gilt besonders vom Szukausfeste. Schmerzlich muß es empfunden werden, wenn man sich fragen muß: Warum finden sich diese zweifellos tüchtigen Glaubensgenossen nachmittags bei der Musik im Türkenschanzpark zusammen, warum fehlen sie am Vormittag bei dem herrlichen, andachl- und weihevollen Gottesdienste? „Die Ganz- und Halbgetauften", nannte die „Wochenschrift" unlängst viele Juden dieses Bezirkes. Sollte es denn nicht möglich sein, diese Versprengten und Verirrten wieder zu sammeln? Der Antisemitismus hat bereits gut vorgearbeitet. Er faßt die Getauften viel schärfer an als die Ungetauften, viele der Ersteren haben das Gefühl, zwischen zwei Stühlen auf der Erde zu sitzen und versuchen, wenn möglich, auf Umwegen, durch Verheiratung der Kinder, neben unsere Reihen zu kommen. Die Roheit des Antisemitismus wird solche Rückläufe in der Folge vermehren. Es hat bisher an einem Mittelpunkte gefehlt, es bestand gar keine Organisation, Niemand kümmerte sich um diese Reichen im Geiste. Mit der Errichtung eines Tempels ist ein großer Schritt getan worden, jüdisches Denken und Fühlen hier wieder zu beleben. Nun heißt es, den zweiten Schritt einleiten. „Füllet den Tempel" muß die Devise lauten. Ein leerer Tempel an Festtagen ist für alle tief beschämend. Das jüdische Gotteshaus war stets ein Sammelpunkt der Gemeinde, die einzelnen Glieder lernten sich hier kennen, Freud und Leid gemeinsam tragen. Die vertikale Gliederung der Gesellschaft bestand auch bei uns, den Bedeutenderen und Hervorragenderen wurde die Führung überlassen, den größeren Rechten wurden aber größere Pflichten gegenübergestellt. So muß es wieder bei uns werden. Füllet den Tempel! Zunächst muß das Augenmerk auf die Jugend gerichtet werden, die Alten kommen schon von selbst. Die Bibel gibt uns die Weisung: „Mit unseren Jungen und mit unseren Alten müssen wir gehen". Der Antisemitismus hat den größten Teil unserer Studenten national gemacht. An diese geht unsere Aufforderung. Mit Makkabäerfesten, nationalen Liedern, Farben rc. allein erzielt man keine Renaissance seines Volkes. Lernt von unseren Feinden, begeistert eure Kolleginnen an den Lyceen und Hochschulen, ziehet die Frauen zur nationalen Arbeit heran, lernet und lehret von der Größe und Herrlichkeit eures Volkes, berauschet euch an den idealen Zielen des Zionismus, verlieret aber die Gegenwart nicht aus den Augen. Leere Gotteshäuser an Festtagen muß euch Seelenschmerz bereiten und ihr müßt mit dem guten Beispiele voranleuchten. Stellet Euch einmal den Effekt vor. Beim Festgottesdienstc erscheinen ganze Studentenverbindungen und in der Frauenabteilung Mädchenvereine! Die Alten würden diese neue Erscheinung begreifen und willig eurem Beispiele folgen. Eine Gemeinde, die mehr als 100.000 Glaubensgenossen hat, sollte nicht im Stande sein, seine Tempel mit Andächtigen zu füllen? Studenten, eure Ehre ist engagiert, ihr habt das Verständnis, das gebildete Gefühl, ihr müßt euch um das innere Wesen eures Volkes kümmern und nicht nationalen Dunst für nationale Arbeit halten. Der Gottesdienst muß durch seine Harmonie erhebend wirken. Unsere uralten Melodien müssen ihren ganzen Zauber in den jugendlichen Herzen entfalten und das Wort des Predigers muß wieder einen fruchtbaren Boden finden. Dazu gehört aber Verständnis der Gebete. Ist es möglich, von Jemanden durch mehrere Stunden Andacht zu verlangen, wenn ihm die Gebete in einer ihm unbekannten Sprache vorgetragen werden? Wollen wir aus oft erörterten Gründen die hebräischen Gebete beibehalten, so müssen wir dafür sorgen, daß die Jugend dieselben gründlich versteht. Es ist ganz unmöglich, die Bitte des Vorstandes „um stille Andacht" zu beherzigen. Man kann weder „Stille" noch „Andacht" durch 5 Stunden z. B. am Roschhaschono haben, wenn man den Gottesdienst nicht versteht. Zum Gottesdienst gehört also der Unterricht. Ist der offizielle Religionsunterricht nicht im Stande, in zwei Stunden diese