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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-10-04 · 40 (4.10.1907) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
40 (4.10.1907)
Date
1907-10-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 656 Dr. Lwcv s Mloevenscvrm. Sir. 40 Worten auf seinen Lippen: Hast du gemordet, um in Besitz zu nehmen?‘) In diesem Propheten erscheint nun zum erstenmal die Unerschrockenheit des sittlichen Mutes, wie er gegen Miffetat unwillkürlich sich aufbäumt, verkörpert. Ohne Zagen tritt er vor die gekrönten Uebeltater hin, ohne Zittern vor deren Krone, deren Purpurmantel und reißt ihnen die gleißnerische Maske vom Angesicht. Das ruchlose Beispiel des Königspaares hatte entsiitlichend auf das Volk gewirkt, deffen Urteil über Recht und Unrecht getrübt. Um nun dieses Urteil wieder zu läutern, wandte der Prophet seinen ganzen erzieherischen Einfluß auf das Gemüt des Volkes an. Den Abscheu vor der Gewalttat galt es dem Menschen wieder einzuflößen. Modern ausgedrückt, hieße dieses Wirken des Propheten ein sozial-ethisches, ein volkserzieherisches. Durch dasselbe öffnete er der Menge das Auge über die rohe Vergewaltigung derselben seitens der Großen, welche ihm im Zusammenhang schien mit — dem Götzendienst. Und darum ruhte der Prophet nicht, bis es ihm gelang, die 200 Baalspriester, welche Isebel einst berufen hatte und in denen er die Quelle aller Uebelstände erkannt zu haben glaubte, in offener Volksversammlung zu schänden zu machen. * Was nun die Schule betrifft, in welcher die Propheten ihr sittliches Empfinden herangebildet, so war es die drohende Gefahr seitens der assyrischen Macht. Diese begann beiläufig um die Mitte des achten Jahrhunderts v. d. g. Z. unter den assyrischen Königen Salmanassar IV. und S a r g o n ihren verderblichen Einfluß geltend zu machen, und mit ihr begann der sittliche Verfall nach innen. Es ist kein Zufall, daß das erste Auftreten der Propheten in Israel mit dem ersten Auftreten der Affyrer zusammenfällt. Die weltgeschichtlichen Katastrophen waren es, welche die Propheten erweckt, und man hat nicht mit Unrecht deren Kundgebungen — gesprochene Leitartikel genannt.') Die Quelle aber, aus welcher die Propheten ihr sittliches Empfinden geschöpft, es war ihre reine Gottesanschauung. Die Ethik der Propheten ist eigentlich nichts anderes als Religion. „Der Gott der Heiligkeit, er wird geheiligt durch Rechtschaffenheit" 3), so lautet es bei dem bedeutendsten aller Propheten, Jesajas (Kap. 5, 16). Aber die religiösen Anschauungen der Propheten, sie haben die Unsichtbarkeit des höchsten Wesens zur notwendigen Voraussetzung. Wo man das göttliche Wesen erfaßt zu haben glaubt, dort beginnt auch Hochmut und Gewalt gegen menschliche Wesen. Wer ein Patent auf Gott zu besitzen meint, der kann leicht in Versuchung geraten, dasselbe als Vorrecht gegen Seinesgleichen zu mißbrauchen. Darum erblickt der Prophet gerade in der Unvorstellbarkeit und Undarstellbarkeit Gottes einen Maßstab der Rechtlichkeit, einen Gradmesser der Sittlichkeit. Ihm ist der „König Israels", der zugleich deffen „erlösende, sittliche Macht" bildet, jener Gott, welcher von sich sagen lärm: „Ich bin der Erste «rd ich der Letzte und außer mir ist kein Gott."4) Aber bei all seiner Ueberzeugung von der Undefinierbarkeit Gottes ist der Prophet auch von dessen Walten durchdrungen. Der Prophet Jesajas, der um das Jahr 700 v. d. g. Z. wirkte, der hervorragendste Vertreter eines sittlich vertieften Göttesbegriffes, er ruft: „Fürwahr Du bist ein Dich verhüllender Gott, aber gleichwohl der Gott Israels und sein Erretter." 5) Und endlich als das wirksamste Mittel zur Wahrung dieses Bewußtseins von dem Höchsten erscheint dem Propheten der schlichte Sinn des Volkes, den dasselbe von der Allmacht hegt. An diesen Begriff knüpft der Prophet, an diesen appelliert er mit einem ihm eigentümlichen Behelf — mit dem Sarkasmus. Unerschöpflich ist die Phantasie des Propheten, um jene Versuche, Gott in Holz und Stein darzustellen, der Lächerlichkeit preiszugeben. Und den Gipfel erreicht jenes Bestreben, worin übrigens die Propheten allesamt unter gegenseitgem Einfluß stehen, in jener Schilderung des Jesajas von dem Götzenanbeter, wie er sein Idol verfertigt, „einen Baum fällt, ihn sägt und spaltet, eine Hälfte desselben verbrennt, sich dabei wärmt und sein — Mittagmahl kocht und aus der anderen Hälfte ein — Götzenbild schnitzt, es hobelt und mit Nägeln befestigt, es zusammensügt und niederkniet vor demselben und ausruft: „Rette mich, denn Du bist mein Gott." 6) Solchen traurigen Verirrungen des Menschengeistes gegenüber, das Volk zur Besinnung auf sein natürliches Empfinden von der Allmacht wachzurütteln, darin erblickt der Prophet ein vornehmliches Ziel seiner erziehlichen Aufgabe. Den lichten Funken der Gottesahnung, der in jedes Menschen Herz verborgen schlummert, zur lodernden Flamme der Begeisterung für Gott anzufachen, darauf ist unverwandt das Augenmerk des Propheten gerichtet. Denn er ist überzeugt, dieser Gott ist kein leeres Phantom; zwar unsichtbar, aber nicht ’) I. B. Kön. 21, 19. ') Vgl. C. H. Corni ll: Der israelitische Prophetismus. Straßburg 1696, S. 36. 3) Zu vergl. die Ausführungen über den Prophetismus bei Max Dunk er Gesch. d. Altettums, II, 227. *) Jesaja 44, 6; vgl. Jesaja 48, 12 und 41, 4. H Jesaja 45, 15. °) Jesaja 44, 13; vgl. Jes. 41, 6 F., Jes. 46, 6 F., Jerem. 10, 8. F. unfaßbar, kein „abstrakter Götze", wie man sich auszudrücken beliebt, nein, eine sittliche Macht, die in der G e s ch i ch t e, in den lebendigen Begebenheiten des Weltenlaufes sich offenbart. „Nicht im Verborgenen habe ich geredet" heißt es bei demselben Propheten Jesajas „an einem Ort finsteren Landes. Ich habe nicht gesprochen zu den Nachkommen Jakobs, suchet mich im Geheimnisvollen. Ich der Herr spreche Gerechtigkeit, verkünde Wahrheir." 7) Und diese sittliche Macht in der Geschichte, die einen bleibenden Zweck offenbart, sie ist es, die dem Menschen auch Vertrauen zu sich selbst einflößt, ihn lehrt den Glauben — an den Menschen. Das Vertrauen auf den höheren Zweck des Daseins heißt S e l b st vertrauen. Der wahre ethische Begriff ist auch die einzige Lebensfreude. Nur die Menschen, die an einem sittlichen Zweck des Daseins verzweifeln, nur sie haben die Freude au dem Dasein verloren. Die Sprache eines Volkes bildet gleichsam den Dolmetsch seines Charakters 8). So besitzen wir je ein Wort zweier Kulturvölker, das die ganze Eigenart derselben kennzeichnet: Das „Nirväna" der Buddhisten auf der einen, da? „Niösevo" der Slaven ans der anderen Seite. Das erstere die Bezeichnung des Erlöschens der vollständigen Seelenruhe, des Mangels jeglichen Gefühls vom Dasein, ein Zustand in dem aller Wille zum Leben, jede Lust, jedes Uebelwollen, jeder Schmerz erloschen ist 9); und das zweitgenannte, der Inbegriff des leeren, verzweifelnden „Nichts", beides Hoffnungslosigkeit, Resignation, die nichts mehr zu erwarten hat, Stumpfheit gegen die Freuden und gegen die Leiden des Daseins, ein steuerloses Werk auf offenem Meer, ein Bild der Degenerierung. Voll erschütternder Deutlichkeit tritt tatsächlich dieses Bild in dem allmählichen Zersetzungsprozeß der indischen Volksrasse, in deren Mitte der Buddhismus das weitaus größte Kontingent besitzt, hervor; insbesondere in Tibet, dem klassischen Land des D a l a i Lama, mit seiner von Trunk- und Opiumsucht entnervten Bevölkerung "). Ein Seitenstück zu diesem düsteren Volksbilde erblicken wir gerade gegenwärtig in dem f a t a l i st i s ch e n, selbstentäußernden Grundzug, mit welchem ein slavischcs Volk des Ostens in unseren Tagen, zumindest in seinen unteren Schichten, dem Fortschritt der Zeit und dessen gebieterischen Forderungen gegenübersteht. Das Gegenteil eines solchen Geistes stumpfer Willenlosigkeit deuten doch offenbar die Worte des Propheten an: „Ich frohlocke im Herrn, meine Seele jubelt in Gott, denn er umkleidet mich mit dem Gewände des Heils, mit dem Mantel der Liebe umhüllt er mich." ") Mit lebendiger Klarheit erscheint nun diese unverwüstliche Lebensbejahung im 3. Kapitel des Buches H a b a k u k. Der Prophet gleichen Namens behandelt in demselben offensichtlich ein elementares Naturereignis, das in seinem Zeitalter verheerend gewirkt haben mag. Dies scheinen zu bestätigen Vers 3: „Er trat auf und die Erde erbebte, er sah hin und die Völker erzitterten, die hohen Berge zersplitterten, es sanken die Höhen der Urwelt." Vers 8: „Ist über Ströme der Herr entbrannt, über Ströme dein Zorn, über das Meer dein Groll?" Vers 10: „Die Berge erblickten dich und kreisten, die Wasserflut ergoß sich, der Abgrund ließ seine Stimme erschallen." Und all dieser gewaltige Aufruhr der Natur löst sich gewissermaßen sanft und verklärend in den unerschütterlichen Hoffnungsruf auf, mit welchem der Prophet seine Schilderung beschließt: „Ich aber jauchze in dem Herrn, juble in dem Gott meines Heils." (Vers 18.) Und die Lebensfreude, die den Propheten angesichts der erregten Natur beseelte, sie erfüllte ihn auch gegenüber den Schlägen des Mißgeschickes. Und in letzterer Hinsicht dankt er diese Lebensfreude gerade seinem kritischen Geist gegenüber den höchsten Fragen. An diesem Geist mußten sozusagen alle Pfeile des Schicksals wirkungslos abgleiten. Denn es ist nicht der zersetzende Geist, der alles mit dem Mehltau des Zweifels vergiftet, dem gar nichts mehr Achtung abgewinnen kann, nein, gewissermaßen der alles verneinende Geist, um eines Bestimmten willen, um des sittlichen Lebenszweckes. Es ist der kritische Sinn der reinen Vernunft sozusagen, der Sinn aller erleuchteten Denker, der Sinn, der die scharfe Sonde an alle sittliche Schäden der Zeit furchtlos anlegt. Und was nachmals alle Geisteshelden der Geschichte, einen Luther, einen Cromwell, einen Kant anfeuerte, den Kampf aufzunehmen gegen verjährten Wahn und Aberglauben, trotzend einer hundertfachen Uebermacht und mit heiligem Zorn sie umgürtete gegen Torheit und Verblendung, es war im Grunde genommen Geist vom Geiste unserer Propheten! * Allerdings wird heute geltend gemacht, daß es nur eine „moralische Größe" war, durch welche die Propheten groß waren.") Aber 7) Jesaja 45, 19. 8) lieber Volkssprache und Volkscharakter vgl. die Ausführungen Blochs in seiner Sammlung: „Aus der Vergangenheit für die Gegenwart", Wien 1886. S. 20. 9) Vgl. Sebhadra Phikschu, buddhistischer Katechismus 7. Auflage Leipzig S. 35, angeführt bei E. David, Jahrbuch für jüdische Gesch. u. Liter. Berlin 1907 S. 56. ") E. David a. a. O. S. 72. ") Jesaja 61. 10. ") H. St. Chamberlain. Die Grundlagen des XIX. Jahrhunderts, Volksausgabe I. S. 528.

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