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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-09-20 · 38 (20.9.1907) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
38 (20.9.1907)
Date
1907-09-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Se'u: 620 m. LLoLL^s WvchenrchrM» N . 38 Ansiedlungsrayons scheint irgendwo anders zu liegen, er wird offenbar aus der kurzen Bemerkung unter den großen Nachrichten: Der Zar hätte einen Beamten, der im Namen der Odessaer Juden fürbitten kam, mit dem Zeichen des Verbandes echt russischer Leute an der llnisorm empfangen. Dieses Zeichen an der Brust des Zaren sagt alles. Man hat dem Zaren, der über die Verhältnisse in seinem Reiche unterrichtet ist, wie etwa ein Afrikaforscher im dritte» Monate seiner Reise, die Juden als Staatsverbrecher hiuzustellen vermocht, nicht nur um einen Sündenbock für jede Verlegenheit zu haben, sondern auch, um sich reichbelohnte Verdienste als Staatsretter durch Vernichtung seiner jüdischen Feinde zu erwerben. So ist aus dem lorbeergeizigeu Begründer der Haager Friedenskonferenz der Protektor der Pogroms geworden, dieser Szenen endloser Feigheit und verkommenster Niedertracht. Der Zar stellt dem Verband schwere Summen zur Verfügung, er befördert seine Führer. Das verschärft die Lage und erschwert die Hilfe. Eine judenfeindliche Regierung müßte vielleicht finanziellen Verhältnissen oder der politischen Lage Rechnung tragen, würde vielleicht die Vorstellungen einer anderen Regierung beachten. Das ist jetzt nicht einmal nötig. Wenn dieser russische Ministerpräsident Stolypiu nicht der erbärmlichste Heuchler ist, so verabscheut er ja den Mord als Regierungsmittel. Aber über seine Ohnmacht hinweg diktiert die Großfürstenpartei Todesurteile für das Ghetto. Hier liegt der archimedische Punkt, wo man eine Aeuderung in Bewegung setzen könnte. Nicht der Weg von Regierung zu Regierung führt zum Ziele, sondern man müßte vom schlecht unterrichteten Zaren an den besser unterrichteten Zaren appellieren, damit er seine gefügigen Kreaturen aus dem Ansiedlungsrayon zurückzieht. Wie aber den dreifachen Kosakenkordon um Peterhof durchdringen, wie das freie und überzeugende Erlösungswort vor dem Manne anbringen, der das Ghetto ebenso glücklich machen könnte, als er es jetzt unglücklich macht? Das wäre eine Frage für eine neuerliche Vorstandskonferenz aller großen jüdischen Organisationen, wie sie schon getagt hat. Die Umstimmung des Zaren auf einem geeigneten Wege wäre für sie eine weltgeschichtliche Aufgabe mit allen Schwierigkeiten einer solchen. Vielleicht gelingt es der Konferenz, in ihrer Mitte den richtigen Abgesandten des jüdischen Volkes zu gewinnen, dessen Herzeuswärme und Klugheit das große Werk am Zarenhofe gelingt. Vielleicht wird eine mittelbare Arbeit nötig sein und man wird es von einem der europäischen Souveräne erbitten müssen, bei seinem russischen Vetter das Wort für die Juden zu führen. Auf dem dänischen, auf dem hessischen Throne sitzen Fürsten von hohem, inneren Adel, zu denen der russische Zar manchmal kommt, auch Eduard VII., der König der Gentlemune, wird sich vielleicht für eine große Tat der Menschlichkeit gewinnen lassen. Das wäre ein Problem für große jüdische Politiker, würdig für Ruhm und Dank, wenn das Zeichen des Verbandes von der Brust des Zaren abgenommen und vernichtet würde. Ob die Gnade kommt und wann sie eintritt — niemand weiß es. Und allem Zweifelhaften gegenüber bleibt die Notwendigkeit einer sicheren Hilfe, bleibt die Entschlossenheit von uns westlichen Juden, jüdischen Brüdern zur Flucht zu verhelfen, die um ihres Judentums willen unschuldig in einem furchtbaren Kerker schmachten, wo sie durch Hunger und Meuchelmord recheuweise fallen. Wir müssen jede Körperschaft unterstützen, welche der osteuropäischen Sklaverei und Barbarei entgegenwirkt. Das jüdische Bürgertum wird dabei gewiß den Ruf seines guten Herzens wahren, unsere Reichen bitten wir, einen größeren Teil von ihrem Luxus als bisher der höheren Sacke zu widmen. Seien wir nicht verdrießlich über die Opfer, die wir bringen müssen. Odessa lehrt uns wieder, daß sie das Lösegeld sind für jüdijche Brüder, die wir mit Stücken Metall vor einem elenden Tode bewahren können. I. Uprimny Syrragogen-Girrweihung in Posen. Posen, 8. September. Am Donnerstag mittag um II V2 Uhr wurde die Einweihung der neuerbauten Synagoge in Gegenwart vieler Ehrengäste vollzogen. Der Abschiedsgottesdienst in der alten Synagoge hatte am Tag vorher stattgefunden und die Thorarollen waren in das neue Gotteshaus überführt worden. Unter den Ehrengästen befanden sich Oberpräsident von Waldow, Regierungspräsident Krahmer, Polizeipräsident v. Hellmann, Stadtkommandant v. Jssendorff, Oberbürgermeister Doktor Wilms und weitere Vertreter von Behörden, sowie die Stadtverordneten. Eine stattliche Zahl von jüdischen Gemeinden der Provinz hatte Abordnungen entsandt; die Nachbar-Rabbiner waren vollzählig erschienen. Schon lange vor der anberaumten Stunde war das Gotteshaus bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Ehrengäste wurden vor dem mit Lorbeer- und sonstigen Zierbäumen geschmückten Hauptportal empfangen. Der Architekt überreichte den Schlüssel dem Herrn Oberbürgermeister, der ihn mit einer Ansprache Herrn Oberrabbiner Dr. Feilchenfeld weitergab. Während die Pforte sich auftat, intonierte das aus den Hoboisten des 5. Fußartillerie- und des 47. Infanterie-Regiments gebildete Orchester, das auch sämtliche Gesänge begleitete, die Beethoven'sche Komposition des Psalm 19 („Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre"). Das von dem jüdischen Männergesangverein unter Leitung des Herrn I. Bergruen vorgetragene Na tauwa begrüßte die eintretenden Ehrengäste, deren Auge mitfichtlicher Bewunderung an dem herrlichen, von mächtigen Kuppeln überwölbten, durch massige Formengebung, wie durch die künstlerische Ausgestaltung gleich hervorragend wirkenden Prachtbau haftete. Eine kurze Weile feierliche Stille, dann stimmte Herr Oberkantor Leibvwitz, dessen meisterhafte Darbietungen ungeteiltes Entzücken weckten, mit dem Synagogen-Chor Ps. 118, B. 19—20 an und in feierlichem Zuge betraten die Träger der sechsundzwanzig Thorarollen, die Herren Oberrabbiner Dr. Feilchenfeld, Rabbiner Dr. Bloch, die Rabbinats-Assessoren, die Gemeinde- Vorsteher, die auswärtigen Rabbiner, die sämtlich im Ornat' erschienen waren, das Gotteshaus. Auf den Gesang des Ps. 118, V. 26—29 und den des Sch'ma Jisroel folgten mit der altüberlieferten Liturgie die Hakaphot und sodann das „Einheben" der 8ifre Thora. Die erste Einweihungsrede hielt Herr Oberrabbiner Dr. Feilchenfeld, welche mit einem Gebet schloß. Die von dem Männer-Gesängverein vorgetragenen Psalmen 24, V. 3 - 4 und 122, V. 1—9 leiteten zu dem von Herrn Doktor Feilchenfeld gesprochenen Gebet für den Landesherrn, für Stadt und Vaterland über. Nachdem hierauf Vorbeter und Chor Ps. 148, V. 21—25 alternierend vorgetragen, ergriff Se. Ehrwürden Herr Dr. Philipp Bloch, der Rabbiner der Brüdergemeinde, das Wort zu folgendem Gebet: Schlußgebet bei der Einweihung der neuen Synagoge zu Posen, am 5. September 1907, von Rabbiner Dr. Ph. Bloch. WT htos naw irwiw pan \-p „Es möge dem Herrn gefallen, daß er seine Gottheit, seinen Gnadenschein ruhen lasse auf dem Werk eurer Hände!" „Meine Andächtigen! Bei der Errichtung des ersten israelitischen Heiligtums, bei der Herstellung des Stiftszeltes in der Wüste der sinaitischen Halbinsel, so erzählt ein rabbinischer Spruch, da hatten die Künstler und Werkmeister alle ihre Werkstücke nach Vorschrift vollendet. Sie versuchten nun, das Tempelzelt aufzustellen, aber vergebens, das Zelt fiel immer wieder in sich zusammen. Da gingen sie zu Mose, berichteten, was geschehen, und fragten, ob denn nicht alle Werkstücke nach seinem Wort ausgeführt seien. Mose prüfte, fand alles in Ordnung und sprach: Wir erkennen dankbar an, daß ihr euch gewissenhaft an die göttlichen Weisungen gehalten; wir erkennen dankbar an, daß ihr mit liebevollem Eifer und mit kunstverständigem Sinn jedes einzelne Stück gestaltet habt. Aber ist euch nicht Herz und Sinn ganz aufgegangen in dem Werk eurer Hände? Habt ihr denn schon die Seele erhoben zu Gott, von dem allein alles Gelingen kommt? Habt ihr denn bekannt, daß „wo der Herr das Haus nicht baut, umsonst sich mühen, die daran bauen?" Er hob seine Stimme zu dem segnenden Wort: 03'T nwos nrsw mwi» pan w „Es möge dem Herrn ge-

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