Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 38 (20.9.1907)
- Date
- 1907-09-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 38 L)r. Lloev s Mococnscr?N7r. Seite 819 einst das französische, und daß bei dieser Gelegenheit die hamauitischen Bestien ihr wohlverdientes Schicksal finden würden, welche über den Ansiedlungsrayon eine unerhörte Sklaverei verhängten. Inzwischen hat Rußland unter Mithilfe schändlicher Juden, welche für geringen Schacherlohn den Mördern ihrer Brüder die Waffen kauften, seine Milliarden geborgt bekommen, und so viel Diebe auch ihre Taschen füllten, so blieb doch noch genug übrig, um im Volke die äußerste Verzweiflung zu dämpfen, welche zu Taten bereit ist. Die Duma hat sich in der Ableitung nihilistischer Blitze ausgezeichnet bewährt, und so ist für lange hinaus in Rußland keiner der Kriege um Brot und Menschenrechte zu erwarten, welche Revolution genannt werden und in denen nur der Henker unparteiisch zuwartet, welchen unterliegenden Teil man ihm zu gefälliger Amtshandlung übergeben wird. Was aber nützte es schon, wenn selbst die Kosaken rote Mützen tragen wollten und man alle Laternen in Rußland mit Tschinowniks verzieren würde? In der Verwirrung gesetzloser Zustände wären die russischen Juden gewiß die ersten Opfer und sie haben nichts derartiges zu wünschen. Ihre Tragödie hat sich zur Katastrophe gesteigert, seitdem es klar zutage liegt, daß die erbarmungslose Feindseligkeit gegen sie kein Alleinbesitz der hohen Beamten sei, denen durch die Erfindung der militärischen Disziplin übergroße Macht gegeben wardie aber doch durch tye Einsicht des Himmels oder des Zaren abberufen werden konnten. Man macht in jüngerer Zeit die Erfahrung, daß der russischen Regierung in ihrem grundlosen Vernichtungskampf gegen ihre Juden ein großer Teil des russischen Volkes zuhilfe gekommen sei. Die Einschätzung des Verbandes echt russischer Leute als einiger Rotten von Schlagetots, die aus ihren Spelunken von Polizisten in die Judengasse geführt werden und deren Taten d^^MWe Gesellschaft mit Schauder und Entrüstung gegenübersteht, hat sich als unrichtig erwiesen. Man muß klar erkennen, daß im Zeichen des Verbandes bereits halb Rußland steht, daß ihm nicht nur die einflußreichsten Personen, sondern auch ein großer Teil der Bürgerschaft angehört. Das ist auch die natürliche Entwicklung der Dinge. Die Menschen laufen einmal dem Erfolge nach und nach den schweren Niederlagen der in Kronstadt und Moskau kämpfenden Revolution pflanzten alle Liebhaber der eigenen Haut und des eigenen Vermögens ihren Weizen aus der Seite an, auf welche die zarische Gnadensonne hinscheint. Die Wenigen, die noch auf der Seite der Freiheit zurückgeblieben sind, können nichts mehr wagen, und wenn es auf die Juden ankommt, haben sie offenbar keine Lust dazu. In früheren Zeiten haben die Juden unter den russischen Christen Anwälte gehabt, in denen keine Drohung das Wort des Menschentums und der Gerechtigkeit zurückhalten konnte. Diese Stimmen sind selten geworden und leise und das Geschrei der Hooligans übertönt sie vollends. So jetzt in Odessa, das wieder zu einem Schlachthaus für Menschen geworden ist. Mit kühler Berechnung, mit geschäftsmäßigem Gehaben verfahren dort feige Mörder mit unseren wehrlos gemachten Brüdern wie ein Fleischer mit seinen Tieren. Zu einer bestimmten Stunde wird angefangen, zur vorgenommenen Zeit wird aufgehört. Man hat sorgfältig überlegte Pläne über die Zahl der Opfer, über die heimgesuchten Straßen, man macht an dem einen Tage einen kleinen Pogrom, am anderen einen großen. Das Judenmassakre ist eine der wenigen russischen Staatsangelegenheiten, bei denen alles in Ordnung verläuft — man mordet systematisch. Die Nachrichten darüber nehmen nur einen kleinen Teil der Zeitungen ein und nur einen kleinen Teil der Sorgen, die uns das eigene Leben aufzwingt. Das von Nietzsche behauptete Pathos der Distanz, der durch die Entfernung vergrößerte Eindruck, trifft beim Unglück nicht zu. Aber mit welchem Entsetzen müssen die Betroffenen die Revolverschüsse der herankommenden Banden hören, die Schmerzen ihrer Liebsten sehen, die vielleicht noch jammervoller sind als die Schmerzen, mit denen entmenschte Ungeheuer ihre unglückseligen Opfer quälen! Wenn es nur bald vorüber wäre, wenn man nur einen Hoffnungsschimmer auf Rettung hätte! Aber aus dem Gvuverneurspalast, aus den Kasernen kommen nur lächelnde Zuschauer, die Folter dauert Tage und Nächte, niemand weiß, wem sie noch zugedacht ist und nicht nur durch Odessa allein, durch das ganze russische Ghetto geht das lähmende Zittern der Todesangst. Wo sind Schuld und Schuldige? Kein Christ kann es und wird es jemals glauben, daß das Rußland von heute noch das Rußland der Strelitzenmorde ist, daß man die Juden einfach hinmordet, weil sie von den Machthabern gehaßt werden. Jeder Unparteiische wird für glaubhaft finden, was die russische Regierung ihm vorsagt: Die Juden feien die Führer und die Mehrheit unter den Revolutionären, ihre harte Bestrafung daher ein Gebot der Notwehr und Gerechtigkeit. Nie ist eine ärgere Greueltat durch eine größere Lüge verursacht worden. In die russische Kriegsmarine, die sich so oft empörte, wird ein Jude überhaupt nicht ausgenommen; in Moskau, der Hauptstadt aller Aufstände, dürfen keine Juden wohnen; im aufrührerischen Finnland wohnen kaum wenige Hundert von ihnen. Wenn schon von den über alle Maßen entrechteten und geknechteten Juden sich junge Leute den Verzweifelten anreihten, welche die Anfänge einer Verfassung dem Hofe mit zahllosen Menschenleben abkauften, so ist das kein Grund, sich an ihren unschuldigen Eltern und Geschwistern zu rächen. Den Christen gegenüber war auch von einem derartigen Wahnwitz nicht die Rede. Die jüdischen Väter aber hätten ihre Söhne wohl an Ketten legen sollen, damit sie ihnen nicht zu den Revolutionären durchbreunen. Da sie es nicht taten, wurde der Staat zum Räuber und Mörder an ihnen, an seinen eigenen, ruhigen Bürgern, die ihm Steuern und Soldaten geben müssen. Für sein letztes Verbrechen aber hatte er auch nicht den Schatten einer Begründung. Denn seit Monaten geschah in Rußland so wenig Revolutionäres, daß sogar Großfürsten am hellichten Tage auf Reisen gingen. Warum also ein Staatsauftrag auf Judenköpfe? Wer Gründe sucht, findet sie vor allem in der Ueberlieferung eines blinden Judenhasses. Vor dreißig Jahren schon, als von einer Revolution noch keine Rede war, wollte die russische Regierung eine kleine Prämie auf die Auswanderung jedes Juden setzen. Auch ohne diese Prämie verlassen jetzt jedes Jahr hunderttausend russische Juden das Muster eines Vaterlandes und viel mehr noch würden dasselbe tun, wenn ihnen das große Los zufallen würde, das jedem Bewohner des Ansiedlungsrayons in seinen schönsten Träumen vorschwebt : die Fahrkarte über See. So aber reicht das Mittel nicht aus. Die Fruchtbarkeit des Ghetto, dem als einzige Freude die Liebe und das Familienglück übrig blieben, überwiegt den Abgang, immer noch bleiben fünf Millionen Juden in Rußland und im Unglück. An letzterem, wie es in Odessa sich ereignete und noch kein Ende gefunden hat, mißt man die Schuld auch den kommenden Dumawahlen zu. Der Zarismus, heißt es, der auf den eigenen Namen nichts mehr geliehen bekommt, möchte eine regierungsfreundliche dritte Duma sozusagen als Bürgen auf neuen Millionenwechseln haben. Das Ghetto soll nun eingeschüchtert werden, damit es nicht durch Entsendung oppositioneller Abgeordneter die finanziellen Absichten störe. Auch diese Begründung des letzten Pogroms räumt nicht den letzten Zweifel aus dem Wege. Die Beamten des Ansiedlungsrayons, von denen man regierungsfreundliche Volksboten verlangt, werden sich bei ihrer Uebung in Fälschungen und Gewalttätigkeiten gewiß nicht auf die Gefälligkeit der jüdischen Wähler verlassen. Man würde über ihre Unfähigkeit lachen, wenn sie zimperlicher wären als ein galizischer Bezirkshauptmann und von der Wirkung der Pogroms alles erwarten würden. Der wahre Grund der traurigen Zeitereignisse im Süden des