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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-02-22 · 8 (22.2.1907) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
8 (22.2.1907)
Date
1907-02-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 8 Dr. Vlocv's Mlocvenscbrm. Seite 129 den geeigneten Mann. Wenn du nichts dagegen hast, werde ich die Sache anregen." Mit dem hier erwähnten Eduard Lasker ist der berühmte Parlamentarier gemeint. Baerwald erzählt weiter: „Schon früher einmal, im Jahre 1860, waren auf Veranlassung meines Freundes Dr. Ludwig Gelsner mit mir Verhandlungen wegen Uebernahme der durch den Tod Jost's vakant gewordenen Lehrerstelle angeknüpft worden und dem Abschlüsse nahe, als ich durch das Eingreifen meiner Freunde Dr. Michael Sachs und Dr. David Rosin in meiner Berliner Lehrtätigkeit festgehalten wurde. . . . Jetzt aber ließ ich den Freund gewähren. Denn es war für mich die eventuelle Aussicht auf eine konzentrierte, einflußreiche Tätigkeit an einer höheren Schule anmutend. Eine direkte Bewerbung meinerseits unterblieb. Die Sache zog sich in die Länge. . . . Da erhielt ich ganz unerwartet vom Schulrat die Anzeige meiner Wahl zum Direktor des „Philantropins" (9. März 1869). Völlig anders, ats ich je gedacht, hatte sich mein Lebensweg gestaltet. Das Jahr 1848 mit seinen Problemen drängte mich zu Geschichlsstudien; damals knüpften sich meine freundschaftlichen Beziehungen zu Eduard Lasker. Als ich im Frühjahr 1850 die Universitätsstndien in Breslau begann, schwebte mir als praktisches Ziel die Laufbahn eines Gymnasiallehrers vor. Ich wurde Mitglied des von Gustav Adolf Stenzel geleiteten historischen Seminars . . . und konzentrierte schließlich, nachdem mir bei der Bewerbung um die von der philosophischen Fakultät gestellte Preisaufgabe über Rudolf von Habsburg der Preis zugefallen war, meine Studien auf das 13. Jahrhundert. An der Berliner Universität beteiligte ich mich an den von Leopold Ranke geleiteten historischen Uebungen und hörte alle seine Vorlesungen dis 1856. bestand dort 1855 das Doktorexamen und dann im August 1857 die Prüfung pro kaeultato äoeeuäl. Die Wogen der Reaktion gingen damals in Preußen so hoch, daß ich gar nicht erst den Versuch machte, mich zum Probejahr zu melden, sondern nach Wien ging, wo ich in voller Unabhängigkeit ein halbes Jahr lang meine Studien über Rudolf von Habsburg fortsetzte und dann eine Erzieherstelle im Hause des preußischen Konsuls Moritz Ritter von Goldschmidt annahm. Als der Prinz von Preußen die Regentschaft übernahm und eine neue Aera einleitete, meldete ick mich bei meinem früheren Rektor zu St. Elisabeth in Breslau zum Probejahr; seinen! wiederholten Anträge hat aber das königliche Provinzialschulkollegium »nach Lage der Gesetzgebung nicht stattgeben können" (9. April lo55). Ich hatte mich in dem mir durch lange Jahre gegönnten persönlichen Verkehr mit meinem Lehrer Ranke daran gewöhnt, die menschlichen Dinge in ihrem geschichtlichen Zusammenhänge zn sehen. Mich hat daher diese Ablehnung weder enttäuscht noch entmutigt. Ich sah in dem Bescheid der Behörde nur einen Rest jener mittelalterlichen Anschauungen, die soviele Martyrien herbeigeführt hatten. Wieviel glücklicher war ich doch als meme Vorfahren! Von ihnen aber bewahrte ich mir ein unvergleichliches Erbe: unerschütterliches Gottvertrauen. Ich riß mich von den mir teuer gewordenen Kreisen los und ging (Ende November 1859), einem Rufe meiner Freunde Sachs und Rosin folgend, nach Berlin, wo ich an der Religionsschnle der jüdischen Gemeinde und an der eben gegründeten jüdischen Lehrerbildungsansralt Beschäftigung erhielt. So wurde ich 1859 Religionslehrcr, obgleich mir eine ausreichende theologische Vorbildung fehlte, und Seminarlehrer, ohne daß ich je vorher Schulunterricht gegeben hatte, und nun sollte ich, ohne je an einer höheren Schule unterrichtet zu haben. Direktor einer Realschule und einer höheren Mädchenschule werden!" Nun berichtet Baerwald, wie er sich gebildet und zur Uebernahmc der Direktorstelle vorbereitet. Dann erzählt er, wie der landesherrlichen Bestätigung seiner Wahl ein colloquinm pro rectoratu voranzuqehen hatte. „Das Kolloquium", erzählt Baerwald zum Schluß seines Berichtes, hatte wohl über anderthalb Stunden gedauert, da ergriff der Herr Oberpräsident das Wort: „Sie sollen in der alten Reichsstadt ein wichtiges Amt übernehmen. Sie werden als Preuße Vorurteilen begegnen. Wie wollen Sie dieselben entkräften? Sie treten in ein Lehrerkollegium ein; da sind alte, in ihrem Beruf ergraute Lehrer, daneben auch jüngere, alle wohl kaum in der bei uns üblichen Disziplin. Was werden Sie zur Erlangung des unerläßlichen guten Willens und der freudigen Mitarbeit der Lehrer und zur Behauptung Ihrer Autorität tun? Wie werden Sie das Vertrauen und die Liebe namentlich der gereifteren Schüler gewinnen?" Ich erwiderte: „ Primum incipere a se ipso.“ Ich werde mich selbst in Zucht nehmen und jederzeit meine Pflicht und Schuldigkeit tun. Ich habe früh aus innerer Neigung den Lehrberuf ergriffen, ich liebe meine Schüler, mir ist jede Unterrichtsstunde eine Stunde der Weihe, des Gebens und Empfangens Mich erfüllt jede wahre Lehrerpersönlichkeit mit hoher Achtung. Von denen, die ich dort im Lehrerkollegium als solche erkenne, werde ich lernen, mit ihnen werde ich mich verbinden, allen aber möchte ich ein Beispiel werden treuer Pflichterfüllung. Ich bin entschlossen, mit aller Kraft und mit Einsetznng meiner ganzen Persönlichkeit der Schule zu dienen. So hoffe ich nach und nach aller Schwierigkeiten Herr zu werden. Was ich damals in Berlin dem Vertreter der Staatsregierung gesagt, das habe ich unter Gottes Beistand als Direktor der Realschule der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt a. M. von meinem vierzigsten bis einundsiebzigsten Lebensjahre in rastloser Arbeit nach dem Maße meiner Einsicht und Kraft erfüllt." Mit 71 Jahren also trat Dr. Baerwald in den Ruhestand und konnte noch acht Jahre der Ruhe genießen. Sämtliche Schreiben, mit welchen der ehrwürdige Mann mich je beehrt, liegen, da ich diese Zeilen schreibe, vor mir auSgebreitet und aus einem ist zu ersehen, wie er sich in seinem Ruhestand fühlte. Das Schreiben ist vom 6. November 1902 datiert. Es heißt in demselben: „Ich bin bei meinen 74 Jahren noch rüstig, aber doch fast arbeitsunfähig. An meinen neun Kindern habe ich gottlob viel Freude. Heute erwarte ich einen meiner Söhne zu Besuch aus New-Iork. Mein ältester Sohn ist hier Frauenarzt, zwei sind Kaufleute in New-Dork, der vierte hier Rechtsanwalt, der fünfte in einem hiesigen Geschäft Lehrling. Meine älteste Tochter ist in Leipzig an einen Rechtsanwalt verheiratet, drei Töchter sind noch unverheiratet, eine von ihnen ist hier Lehrerin. Fünf Enkelchen erfreuen mein Alter." Eine zahlreiche Familie betrauert also den Heimgang des edlen Mannes. Daß die Zahl der Schüler, die Tränen der Rührung dem väterlichen Freunde weihen, eine unermeßliche ist, versteht sich von selbst. Hervorgehoben soll aber auch werden, daß noch eine andere große Gemeinde um den Heimgang des Dr. Baerwald aufrichtig trauert. Es ist dies die Gemeinde der Hilfsbedürftigen, denen er entweder zeitweilig beigestanden oder sogar fürs ganze Leben geholfen, indem er es ihnen ermöglicht hat, einen Erwerb zu finden oder ihren Studien zu obliegen und so eine Lebensstellung zu erringen. Zu diesen letzteren gehöre auch ich. Man darf auch getrost behaupten, daß keine größere Aktion für unser Volk in dem letzten Halbjahrhundert unternommen wurde, an der nicht Baerwald sich irgendwie beteiligt hätte. Die Frankfurter Wohltätigkeit ist uralt und Baerwald hat sie dort schon angetroffen; er aber hat sie — wenn ich mich so ausdrücken darf — noch vertieft und veredelt. Der Frankfurter Jude ist wohltätig, weil sein gutes Herz ihn dazu treibt und weil sein Gott es ihm geboten — Baerwald aber verstand es, in der Seele des Bittstellers zu lesen und behandelte ihn auch dementsprechend. Er verlor nie die Geduld den Glaubensbrüdern aus dem Osten gegenüber, weil er sich in ihre seelische Verfassung hineinversetzen konnte. So wurde er auch stets von diesen umlagert, und wenn schon gar nichts anderes, fand er doch für jeden wenigstens ein gutes, freundliches Wort. Ein Vorfall sei hier erzählt. Wie schon erwähnt, wurde mir durch Dr. Baerwalds Vermittlung und Fürsprache die Möglichkeit geboten, meinen Studien zu obliegen. Eines Tages, es dürfte dies im Jahre 1883 gewesen sein, kam ich zum Herrn Direktor Baerwald behufs Erneuerung eines Unterstützungsgesuches. Da bemerkte ich im Arbeitszimmer des Direktors auf dem Sofa ein Kind in Pölstern liegen. Der Direktor empfing den armen Studenten und befaßte sich mit ihm über zwei Stunden, nur von Zeit zu Zeit das kranke Kind liebkosend. War es mir schon aufgefallen, daß das Kind bei den großen Wohnräumlichkeiten des Direktors in seinem Arbeitszimmer ruhe, befremdete es mich noch mehr, daß der Direktor sehr zerstreut war. So zerriß er einigemale das angefangene Gesuch und begann, von neuem zu schreiben. Endlich erfuhr icb, daß eines seiner Kinder schwer krank sei und die Mutter bei ihm weile, und da das andere isoliert werden mußte und nicht zur Mutter durfte, übernahm der Vater die Wartung des Kindes. Hierauf begab ick mich zu dem leider so früh verstorbenen Rechtsanwalt und Notar Plotke. bei dem ich gerade den gegenwärtig als Oberlandesgerichtsrat in Kassel lebenden Dr. Siegfried Sommer — einen Freund und Studiengenossen des Kaisers Wilhelm Ü. — antraf. Ich erzählte mein Erlebnis bei dem Direktor. Da sprach Dr. Sommer, zu Plotke gewendet: „Siehst Du, Kollege, wir glauben schon, wenn wir die paar Akten durchstudieren, wunder, was wir leisten! Wir sollten vom Herrn Direktor Baerwald lernen, was Arbeit und Pflichterfüllung heißt! Einer solchen Anstalt vorstehen, so vielen Vereinen als tätiges Mitglied anzugehören, so vielen gesellschaftlichen Pflichten Nachkommen zu sollen, als zärtlicher Vater zwei kranke Kinder fiebernd zu wissen und trotzdem für einen armen Studenten Stunden Zeit zu finden, das will schon was heißen!" Wien behielt Direttor Baerwald in freundlicher Erinnerung. „Dankbar gedenke ich der glücklichen Tage im Goldschmidt'schen Hause und des anregenden Verkehrs in den Wiener Gelehrtenkreisen." Wer all die Männer waren, mit welchen er in Wien verkehrt, ist mir nicht bekannt. Von einigen weiß ich es. Er sprach mit Verehrung von Mannheimer, G. Wolf und zeigte mir gelegentlich mit Befriedigung ein Werk mit Widmung von Dr. H. Friedjung. Baerwald gehörte immer einer freieren religiösen Richtung an, doch verband ihn seine lautere Gesinnung auch mit Männern streng orthodoxer Anschauung: er achtete eben jede ehrliche Ueberzeugung. Eine außerordentliche Verehrung zollte er Michael Sachs, seinem Jugendfreunde, und schätzte sehr hoch den Gemeinderabbiner Doktor Horowitz in Frankfurt a. M., seinen wackeren Mitarbeiter auf dem Felde der Wohltätigkeit. Für mich sorgte Direktor Dr. H. Baerwald wie ein Vater und sagte gelegentlich von mir, ich verdiene es, weil ich ihm ein dankbarer Mensch zu sein scheine. Nun, ich hoffe, daß der Hingeschiedene sich in mir nicht getäuscht, und will ihm die Dankbarkeit bis zum eigenen Grabe bewahren und es sind gewiß noch viele, viele andere, in deren Herz Baerwalds Andenken verklärt fortleben wird. Mähr.-Weißkirchen, den 17. Februar 1907. Dr. I. Rabbinowicz, Bezirksrabbiner.

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