Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 8 (22.2.1907)
- Date
- 1907-02-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 128 Nr. 8 Dr. Dlocb's MocbenscbrlN. Und selbst der „Judenstämmling", der Jude, der nicht an Taufwasserscheu leidet, findet da leicht Aufnahme und Förderung. — Die klugen Klerikalen wissen eben Talent und Kenntnisse zu schätzen und nehmen das Gute, das ihnen selbst fehlt, wo sie es finden. Anders die Deutschnationalen, die Nurdeutschen. Alldeutschen usw. Wer zählt die Namen der Parteien, von denen jede sich für die allein wahre, echte, reine deutsche Partei, ja beinahe für das ganze deutsche Volk hält. Diese Leute find noch intoleranter als die Klerikalen, fast mehr noch als gegen die Juden gegen die anderen Deutschen. Trotz ihrer Wotanverehrung, trotz ihrer Feindschaft gegen die Bibel scheinen fie fich doch die Taktik des Alten Testaments zum Muster genommen zu haben. Da wird im siebenten Kapitel des Buches der Richter erzählt: Gott sprach zu Gideon: „Zu viel ist des Volkes, das mit dir, als daß ich Midjan gebe in ihre Hand, es könnte Jisrael sich brüsten wider mich und sprechen: Meine Hand hat mir geholfen". So wurden denn die Furchtsamen, Untauglichen usw. aus dem Heere entfernt, so daß bei Gideon nur dreihundert Mann blieben. Mit diesen, welche nach dem ein paar tausend Jahre später von Moltke angenommenen Plane getrennt marschierten und vereint schlugen, hat er die Midjaniten besiegt. So scheinen die Alldeutschen ihren Stolz darein zu setzen, möglichst gering an Zahl zu sein. Ja, sie gehen noch weiter: Statt drei Haufen zu hundert Mann, werden ihrer bald hundert Parteichen zu drei Mann sein. Und damit sich nicht begnügend, finden sie den Kampf mit den anderen Nationalitäten nicht genug. — sie bekämpfen auch die Juden und machen fich mit ihrem „Los von Rom"-Geschrei auch die gemäßigten Katholiken zu Feinden. ’ Und gerade diese Leute find es, welche den extremen Klerikalismus in Oesterreich hervorgerufen haben, welche den christlichsozialen Demagogen die Leiter gehalten haben, auf denen fie zu Deputiertensitzen, Bürgermeisterstühlen und Landmarschallsauteuils emporgestiegen sind. Weil es dem Fürsten Bismarck einmal gepaßt hat, fich judenfeindlich zu zeigen, haben sie den Antisemitismus in Oesterreich eingeführt und halten an ihm fest, eben wie beschränkte Leute fich von einer Idee, in die sie sich einmal verrannt haben, nicht losmachen können. Dann haben fie durch ihr prononziert antidynastisches Auftreten das Mißtrauen und die Abneigung der höchsten Kreise, nicht bloß gegen fich, sondern zum Teil auch gegen die gemäßigten Deutschen, erregt. Da ergriffen Christlich-Soziale geschickt die Gelegenheit, um fich für die allein echten österreichischen Patrioten auszugeben, schminkten sich schwarz-gelb und heimsten für die gut gespielte Rolle wenn nicht Lorbeer, doch Aemter und Auszeichnungen ein. Wenn die Deutschen nicht bloß gegenüber den Klerikalen, sondern auch gegenüber den anderen Nationalitäten an Terrain verloren haben, so ist das auch zum großen Teil ihre eigene Schuld, und zwar nicht bloß der Extremen. Ich erinnere mich noch an die Zeit der ersten Wahlen in den Sechziger-Jahren, da die christlichen Deutschen in Lemberg ein Zusammengehen mit den Juden verweigerten und dadurch den Polen zum Siege verhalfen. In ähnlicher Weise gehen sie jetzt in der preußischen Provinz Posen vor, gerade als ob sie die Juden durchaus in die Arme der Polen treiben wollten. Jetzt werden in Oesterreich wieder viele Reden gehalten und viel Druckerschwärze verschwendet, um eine Einigung aller Deutschen, eine „Gemeinbürgschast" zustande zu bringen. Die extremen Deutschen' halten fich noch fern; aber wenn sie als Preis für ihren Beitritt die Opferung der Juden verlangen sollten — die sogenannten Liberalen werden fie ihnen „um des lieben Friedens willen" bringen. Es ist wirklich erstaunlich, was diese Alldeutschen mit ihrem Geschrei, denn wirkliche Macht haben fie ja nicht, erreichen können. Und nicht bloß in der Politik. So ist es ihnen z. B. bis jetzt gelungen, die Errichtung eines Heine-Denkmals zu verhindern. Sonst wird, wenn man jemanden ein Denkmal errichten will, ein Komitee gebildet; jetzt soll in Deutschland, ein Unikum, ein Verein zur Verhinderung der Errichtung eines Denkmals für Heine gebildet werden. Als Hauptkämpe gegen den toten Dichter erscheint ein Herr Bartels. Verfasser einer Geschichte der deutschen Literatur, über deren größere oder geringere Wertlosigkeit die Meinungen der Kritiker geteilt sind. - Daß Heine ein großer Dichter war, kann selbst ein Antisemit nicht leugnen, und wenn für Lenau und Auersperg, ja für Lanner und Strauß Denkmäler errichtet wurden, wenn schon zu einem zweiten Denkmal für Stifter gesammelt wird, so. verdient der Verfasser des Buches der Lieder und des Romancero zum mindesten auch eins. Da man dem Dichter nichts anhaben kann, so nimmt der Antisemitismus die Maske des deutschen Patriotismus vor: Heine soll kein Denkmal bekommen, weil er ein Feind Deutschlands war, weil er die Deutschen geschmäht hat. Das kann nur Unverstand oder Verleumdung sagen; denn Patriotismus kann man Heine nicht absprechen. Nicht die Deutschen, sondern ihre schlechten Regierungen hat er geschmäht, das deutsche Volk wollte er aufrütteln, zur Wiedererlangung seiner Rechte ausmuntern, den deutschen Michel aus dem Schlafe wecken. Er bediente fich dabei des Spottes und der Satire, als der stärksten ihm zu Gebote stehenden Waffe. Viel schärfer hat Dante Volk und Herrscher Italiens angegriffen. Ganz Italien nannte er eine Sklavin. „Nicht Herrin der Provinzen mehr, nur Metze!" Pisa „Schandfleck des Volkes", die Bewohner des Casentinotales „wüste Schweine", die Sienesen, ein „höchst leichtsinniges Volk" usw. Furchtbar hat er den Klerus angegriffen, mehr als einen Papst verdammte er zur Hölle. Und das alles haben die Italiener ihm nicht nachgetragen, große Städte haben ihm Denkmäler errichtet, fromme Katholiken seine Werke kommentiert und der große Schulverein nennt sich nach ihm „Societa Dante Alighieri.“ Vornehme italienische Familien sind stolz darauf, wenn sie einen ihrer Ahnen, selbst gar nicht schmeichelhaft, in Dantes Göttlicher Komödie erwähnt finden, und im sechzehnten Jahrhundert pflegten Florentiner Patrizier zu sagen, sie hätten es sich gern ein schönes Stück Geld kosten lassen, um einen ihrer Ahnen in Dantes Dichtung erwähnt zu finden, selbst wenn er im tiefsten Abgrund der Hölle untergebracht worden wäre. Es kann mir natürlich nicht einfallen, Heine als Menschen und Dichter mit Dante zu vergleichen, nur das Nationalgefühl und den Patriotismus der Deutschen wollte ich mit dem der Italiener vergleichen. Beides im höchsten Maße zu besitzen, wird den Italienern selbst ihr ärgster Feind nicht bestreiten. Aber sie haben keine Antisemiten, nicht einmal einen Bartels. U. L. Direktor Dr. Hermann Kaermald. In „Dr. Bloch's Oesterreichischer Wochenschrift" vom 15. Februar l. I. wird in einer kurzen Notiz vom Ableben les ehemaligen Direktors der Realschule „Philantropin" in Frankfurt a. M., des Herrn Dr. Hermann Baerwald, Mitteilung gemacht Der Name des Dahingeschiedenen ist aber derart mit der Geschichte unseres Volkes verknüpft, daß seine Persönlichkeit in einem Blatte, das den jüdischen Interessen gewidmet ist, mehr gewürdigt zu werden verdient, und bitte ich daher die Redaktion, folgenden Ausführungen in ihrem geschätzten Blatte Raum geben zu wollen. Direktor Dr. H. Baerwald wurde am 7. November 1828 in Nackel a. Netze geboren. Er besuchte die Gymnasien zu Könitz und St. Elisabeth zu Breslau. Auf den Universitäten zu Breslau und Berlin studierte er Philologie und Geschichte. Doch lassen wir ihn selber über seinen Werdegang berichten und wir werden uns auch mit einem Stück der Geschichte unseres Volkes vertraut machen. Natürlich bringen wir seinen Bericht mit Kürzungen. Ueber seine Berufung als Direktor an das „Philantropin" in Frankfurt a. M. erzählt Dr. Baerwald: „Es war im Mai 1867. Ich saß in einem Freundeskreise, der sich am Sonntag Nachmittag zu versammeln pflegte, und es kam das Gespräch auf den von uns allen gekannten und sehr geschätzten jüngst verstorbenen Direktor Sigismund Stern in Frankfurt a. M. „Für die leergewordene Stelle" sagte der neben mir sitzende Eduard Laster, welcher die Frankfurter Schulverhältnisse kannte, „halte ich dich für