Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 52 (28.12.1906)
- Date
- 1906-12-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 888 Dr. Dlocb s MocbenscbrlN. Nr. 52 find bereit Geld zu sammeln, wenn die wirklichen Verbrecher in Oesterreich bestraft werden und die Mittel des Staates dann nicht hinreichen werden, den größten Teil der christlichsozialen Partei statt Hilsner hinter Schloß und Riegel zu setzen. —y. In Folgendem geben wir die bedeutendsten Stellen aus Burckhards Arbeit wieder, die als Werk eines Hofrats am Verwaltuugsgerichtshofe das Gewissen der Formeljuristen denn doch endlich zu einer Tat aufrütteln sollte. Leopold Hilsner. Von Max Vurckhard. Die Schuld oder Unschuld eines Menschen, die Frage, ob er als Mörder des Todes schuldig ist oder nicht — als Parteifrage! Kann es etw'.s Ungeheuerlicheres geben als diese eine Tatsache, die den ganzen Prozeß Hilsner beherrscht? Ein Mensch, die Schuld eines Menschen, das Schicksal, die Freiheit, das Leben eines Menschen als Mittel im Kampfe der Parteien! Kann man fich etwas vorstellen, was in schreienderem Widerspruch mit dem innersten Wesen der Strafrechtspflege steht? Da haben wir einen Prozeß, ein staatliches Verfahren, das im Namen des Rechtes geführt wird, dessen Urteil im Namen des Staatshauptes gesprochen wird, das von seinen ersten Anfängen an bis weit hinaus über seinen formellen Abschluß getragen wird von den erregten Wogen der Partcileidenschaft, des Rassenhasses — und des borniertesten Aberglaubens. Wenn einer die Juden nicht leiden kann, wenn er sie „haßt", so ist das seine Sache; so lange er diesen Haß nicht dort betätigt, wo er ihn nicht betätigen d a rff, meinetwegen sein Recht. Wer aber irgend einen Haß, und sei es auch „nur" den Judenhaß in das Gebiet des Rechtes hineinträgt: der ist ein Lump, wer immer es sei. Aber das ist ja das Scheußliche, das Furchtbare bei solchen Hetzen, daß sie jede Regung der Menschlichkeit, des gesunden und natürlichen Sinnes übcrtäuben, aus Menschen, die anständige Menschen waren und es später vielleicht wieder sind, im Rausche des Augenblickes Bestien machen. Ich kann mir nicht helfen, aber ich glaube immer, wenn man einen einzelnen aus.der Masse herausfangen und ihm unter vier Augen vorstellen könnte, was er da eigentlich tut — jeder, und sei er auch einer der Hetzer und Führer, müßte die. Hände vor das Antlitz schlagen und vor Scham vergehen. Freilich, ich mag da wohl etwas optimistisch sein! Sieben Jahre sind vergangen, seit dem Urteile von Kuttenberg, sechs seit dem Urteile von Pisek — es wäre Zeit gewesen zur Einkehr. Wenn aber heute irgend eine Meldung auftaucht von einer Spur, einem Verdacht, die von Hilsner abführen, dann ertönt der Schlachtruf von neuem, und wenn die Spur erlischt, wenn, wie jüngst, einer, der vielleicht die Tat begangen haben könnte, statt vor den Richter gestellt zu werden, dem Jrrenhause überantwortet wird, dann lösen sich wieder Freudenschreie aus. Und trotzdem muß dieser Prozeß wieder aufgerollt werden. Und er wird wieder aufgerollt werden. Wer kann sagen, daß Leopold Hilsner schuldig ist? Nach d l e s e in Rechtsverfahren kein Mensch. Denn der Haß hat diesen Prozeß geboren, der Haß hat ihn gesäugt und der Haß hat ihn bis zum Ende geführt. Und Schlamperei, Aberglaube, Irrtum und Unwahrheit sind seine treuen Begleiter gewesen. Da kann mau wirklich nur mehr sagen, das ist ja zu dunim! Aber freilich, dem Staatsanwalt war es nicht zu dumm und dem Vorsitzenden nicht und den Geschwornen auch nicht. „Wenn auch die Aussage dieses Zeugen," hat der Staatsanwalt von der Aussage Längs gesagt, „nicht vollkommen zuverlässig erscheint, so muß doch auf dieselbe hingewiesen werden." Ist aber ein solcher „Hinweis" des Staatsanwaltes auch noch loyal? In dem Falle Klima steht die Schuldlosigkeit Hilsners fast außer Zweifel, in dem Falle Hruza fehlt jeder Schatten eines wirklichen Beweises gegen ihn. In beiden Fällen ist unerwiesen, wann das Mädchen, deren Leiche man gefunden hat, ermordet worden ist, ungewiß, w o es ermordet worden ist, ungewiß wie es ermordet worden ist, rätselhaft warum es ermordet worden ist. — Was tut das alles! Die Geschwornen brauchen ja nicht ihr Verdikt zu begründen, und so sagen sie ruhig: „Wir wissen zwar nicht wie, wann, wo warum sie ermordet worden ist, wir wissen aber doch, wer sie ermordet hat. Der Jude wird gehenkt!" ,, . .Da hört aber die Rechtsprechung auf, Rechtsprechung zu lein. Und Huldig der „Mitwirkung" an einem solchen Verdikt find nicht nur die, die untgeholfen, die gehetzt und geschürt haben, sondern auch bfle. dre em derartiges Urteil auf sich beruhen lassen, wenn auch nur ein Atom von Macht in ihren Händen ist, darauf hinzuarbeiten, daß es umgestoßen wird. Gm stilles Millennium. Von Dr. Max Grunwald, Wien.*) Ein Millennium auf österreichischem Boden. In diesen Wochen vollendet die Geschichte der Juden Böhmens ihr erstes Jahrtausend. Soweit datiert die Raffelstettener Zoll- und Schifffahrtsurkunde zurück, die älteste, die von Juden in böhmischen Landen meldet. Seit jener Zeit haben fast ununterbrochen bis auf diesen Tag, vor allem in der Hauptstadt Prag, Ost und West sich immer inniger zu einer eigenen Kulturwelt ineinander verwoben. Reste des Mittelalters, ehrwürdig ernst, von mystisch erbaulicher Sage umsponnen — heut umbraust von den grellen Geräuschen modernen Verkehrs. Neben blutigen Spuren eifernden Wahnes Zeugen hochherziger Menschlichkeit und Ueberzeugungstreue. Mit dem Todesröcheln der Opfer plündernder Kreuzfahrer mengt das Echo der Geschichte das Kampfgetöse der Hussiten, des dreißig- und des siebenjährigen Krieges. Weitgerühmte Meister der Kabbala und Finanzgrößen der alten Schule lösen Vertreter exakter Forschung, Fabrikanten von Weltruf ab. Die Sage freilich holt noch weiter aus und läßt diese Entwicklung mit dem ersten Hahnenschrei geschichtlichen Lebens auf böhmischem Boden beginnen. Ihre Säfte saugt sie zumeist aus den Bildern und Zeichen verwitterter Steine des alten Prager Judenfriedhofes. Ein Musterausschnitt mittelalterlicher Judenleiden liegt hier in einen Urwald duftenden Flieders gebettet. Längst ist es für jeden, der Prag besucht, zum Wallfahrtsziel geworden, dieses Fleckchen tränenreicher Ghettoromantik. Das österreichische Kaiserhaus zu beträchtlichem Teil, von auswärtigen Herrschern König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, den herrlichen Kaiser Friedrich III. mit Gemahlin und Sohn, den jetzigen deutschen Kaiser, Souveräne und Prinzen der verschiedensten Länder, die bekanntesten Forscher- und Künstlernamen finden wir in dem aufliegenden Gedenkbuch eingezeichnet. Wer Geschichte will wachsen und werden sehen, wie der Wellenschlag der Jahrhunderte Schicht auf Schicht ablagert, findet hier ein Troja auf heimischer Erde, in der Stätte des Todes das getreue Abbild des Lebens, des Ghettolebens. Wie die Wohnstätten dieser Armen, auf „die Gasse" beschränkt, statt in die Weite, mit gewagten Dachkammern und Giebeln in die Höhe wuchsen — 12.000 Menschen in 300 Häusern, Gassen, daß darin kein Wagen, Kammern, daß darin kein Bett sich wenden ließ, wahre Grüfte bei Lebzeiten —, so wurden auch die Gräber, sobald sie nebeneinander keinen Raum mehr fanden, stockwerkhoch übereinander gereiht, das neue Geschlecht buchstäblich auf den Schultern der Väter ruhend. Von den Taten der stillen Grabesbewohner melden die Denkmäler, verläßliche Meilensteine für einen Ausflug durch das nun abgeschlossene Jahrtausend. Auch von diesen Aufrechten hat so manchen der nivellierende Zug der Zeit gefällt. Darf man es Vandalismus schelten? Das Leben verdrängt den Tod, und „der Lebende hat recht". Doch selbst, was geblieben, redet erschütternd genug, um der dichtenden Deutung der Sage entraten zu können. Da nennt uns eine Grabschrift den Dichter eines düsteren Märtyrerliedes auf den blutigen Prager Pogrom am Ostersonntag 1389. Ein Priester hetzte gegen die Juden. Sie hätten eine Hostie beleidigt. Die Antwort waren Tausende verstümmelter Judenleichen und geschändete Gräber. Die Verfolgten wandten fich an König Wenzeslaus' glorreiche Majestät. Der gab natürlich den Juden bie Schuld, beschränkte sich im übrigen darauf, Hab und Gut der Erschlagenen einzuziehen. War es doch die Zeit, wo Könige ihre Schulden mit Anweisungen auf das nächste Judenschlachten bezahlten und Kaiser weniger anmutig als zutreffend die Juden Hühnern verglichen, die goldene Eier legten. Längst entschwunden war der Geist der hochfinnigen, gegen die *) Aus der „Mg. Ztg. d. Judentums"«