Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 52 (28.12.1906)
- Date
- 1906-12-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Sette 889 Nr. 52 Dr. Llocb's Mocbenscbritt. Juden billigen Przemislyden. Auch für das Judenlos bedeutete auf lange hinaus die Zeit König Ottokars Glück und Ende/ Und nun gar, als die Fürsten selbst den Juden den Frieden kündigten. So rühmt eine Grabschrift den „edlen Frommen, der nach Rom gereist ist, um des Kaisers Eidschwur durch den Papst lösen zu lassen". Der Papst ist Pius IV., der Kaiser Ferdinand I. „Aus beweglichen Ursachen," wie ein Jahrhundert später Maria Theresia, hatte er die Juden aus Böhmen vertrieben. Die Erzherzoge baten für die arg Bedrängten. Der Kaiser hielt eiu eidliches Gelöbnis entgegen. Da reiste jener „edle Fromme" im Namen der Gemeinde nach Rom, und wohl dank seinen Beziehungen als geborner Italiener erwirkte er vom Papste die Lösung des kaiserlichen Schwures. Mordechai, so hieß der Wackere gleich dem Retter der Juden zu Hamans Zeiten, Mordechai aus der berühmten Buchdruckerfamilie der Soncinos. Das Ghetto studierte und las ungeheuer eifrig, so viel, daß die italienische Firma in Prag eine Filiale errichten konnte. In diesen ältesten Prager Drucken erscheint der böhmisch frisierte Löwe und dementsprechend das jüdische Altertum in der Tracht Vaclavs und Vojtechs. Es war die Mode, nach der sich Böhmens Juden damals kleideten und nannten. Ein anderer -Italiener, dem die Judenschaft Prags ein dankbares Andenken bewahren darf, ist Jakob Bassevi „von Treuenberg", in deutschen Gauen der erste geadelte Jude. Seine Bedeutung als Anwalt der Genossen reicht jedoch nicht entfernt heran an die des Prager Rothschild Mordechai Meisel. Meisels Reichtum, nicht minder seine stete Hilfsbereitschaft gegen Christ wie Jud waren sprichwörtlich. So manches dem Ghetto auferlegte „freiwillige Geschenk", freiwillig im Sinne unserer „Einjährig-Freiwilligen", floß aus seinem Säckel. Rudolf II. ernannte ihn, so heißt es, zum kaiserlichen Rat. Bei seiner Beerdigung ließ sich der Kaiser vertreten, was ihn nicht hinderte, Meisels Hinterlassenschaft mit Beschlag zu belegen, Das war System. Es gehört zu den Wundern im Wirtschaftsleben der Ameise, daß sie sich sozusagen „Haustiere" hält. Wie Kühe auf die Weide, werden von diesem betriebsamen Tierchen Aphidien auf ein Blatt geführt und kaum daß sie sich vollgesogen, ausgepumpt. Das war die Stellung des Juden im Steuerwesen jener Fürsten. Und so ließ man in den Augen beschränkter Untertanen ihn schuldig werden. Wer von der Prager Judenstadt spricht, auf dessen Lippen drängt sich ganz von selbst der Name, der am zureichendsten den Genius des Ghettos deckt mit all seiner Demütigung und Dulderschaft, aber auch mit jener Geistesmacht, die zauberkräftig immer wieder der Vernichtung trotzt. Wer hätte nie von dem Meister hoher Künste, dem „hohen Rabbi Löw" gehört? Mit Meisels Gold im Bunde hat diese „Leuchte des Exils" die Gemeinde zu einer zweiten Glanzepoche geführt. Seit jenen Tagen lebt bis heut im Munde des Volkes das Wort: „Wo gibt es besseres Wohnen als in Prag?" Ein Strahlendiadem weltentrückender Apotheose schmiedete ihrem Liebling die dankbare Volksseele aus den schönsten der zahllosen Faust- und Albertus Magnus-Sagen. Die Welt, in der sich ein Goethe heimisch fühlte. Hier lebte auch sein „Zauberlehrling". Er ist der „Golem" des „hohen Rabbi Löw", die Tonpuppe, dem des Meisters Zauber Leben gibt und nimmt. Noch heute steht in Prag die damals schon altehrwürdige Altneuschul — „altneu", wie man etwa in Magdeburg von einer Altneustadt spricht. Auf dem Boden dieser Synagoge lagen bis auf die neueste Zeit die Trümmer des Golems. So versicherte in bestem Glauben vor einer Behörde der Diener, der sie begraben haben will. Auch ein Fall Kriminalpsychologie. Besonders liebevoll beschäftigt sich die Sage mit den Beziehungen Rabbi Löws zu Rudolf II., der statt mit dem Regieren sich lieber mit Alchymie und Astrologie, mit dem Suchen nach dem Stein der Weisen und anderen Zauberspielereien beschäftigte, und in der Tat eines Tages den Judenrabbi zur Audienz ins Schloß befohlen hat. Einst sollten die Juden wieder einmal vertrieben werden. Alles bangte und bebte. Nur Rabbi Löw tritt in feierlicher Tracht dem Kaiser kühn in den Weg, da er mit schäumenden Rossen vom Hradschin in die Stadt hinabfährt. Auf sein dröhnendes „Halt!" stehen die feurigen Rosse zitternd da wie Lämmer. Das Volk aber ruft: „Steinigt ihn, den verruchten Juden, der es wagt, dem Kaiser den Weg zu sperren!" — und Kot und Steine umfausen des Rabbis ragende Gestalt. Doch wie sie ihn berühren, find es duftende Kirschen- und Apfelblüten. Quae nocent, docent — des Feindes Geschoß kann fich in duftende Blüten wandeln. Die Steinwürse des Pöbels waren für die Juden Böhmens wohl eine harte, aber eine gute Schule. Sie haben von ihrem hohen Rabbi Löw gelernt, wie man Geistesfinsternis mit Geisteshelle pariert. Die Fülle klangvoller Namen auf allen Gebieten geistigen Fortschrittes ist ein glänzendes Zeugnis. David Gans, den Freund Keplers und Tycho de Brahes und Mitarbeiter Johannes Müllers, Jonas und Ignaz Jeiteles, den Arzt und den Aesthetiker, Peter Beer, den mutigen und erfolgreichen Vorkämpfer für die Osfizierkarriöre der Juden im österreichischen Heere, Professor Wessely, die Dichter Arnold Hirsch, Michael Klapp, Moritz Hartmann, Siegfried Popper, Leopold Kompert, L. A. Frankl und der Lebenden so viele unter unseren Besten hat uns die Judenschaft Böhmens geschenkt. Still, wie sie ihre segensreiche Arbeit geleistet, feiert sie ihr erstes Millennium. Zur Frage des Armenwesens. Unter diesem Titel veröffentlichte der Leiter des Wohltätigkeitsamtes der israelitischen Kultusgemeinde, Herr Rudolf Kraus, in der Nummer 50 dieser Ze tschrift Vorschläge zur Reform des jüdischen Armenwesens, welche darin gipfeln, die Wohltätigkeitsvereine gleicher Tendenz in Verbände zu vereinigen und an Stelle der bisher geübten freiwilligen Recherche ausschließlich die berufliche, d. h. eine solche durch Beamte zu setzen, welche ihre Unterstützung durch rinen bei der Gemeinde geführten Zentralzettelkataster finden soll. Dieser Artikel wurde in der folgenden Nummer 51 in der Publikation „Die Zentralisation les Armenwesens" von Herrn kais. Rat Johann L i ch t e n st a d t und in einem den Verein für Krankenpflege und Unterstützung handluugsangehöriger Israeliten betreffenden „Eingesendet" unter der Chiffre,,— r. —n." zum Gegenstände kritischer Betrachtungen gemacht. Insofern Herr Kraus durch seine Veröffentlichung eine publizistische Diskussion über die hochwichtige Frage der Verbesserung der Armenpflege angeregt hat, begrüße ich das Erscheinen seines Artikels, ohne — gleich Herrn kais. Rat L i chtenstadt — über das „Wie" der Zentralisation mit ihm übereinzustimmen. Der Ruf nach einer Zentralisation der jüdischen Armenpflege ist nicht neu. Bereits im Jahre 1897 hat der politische Volksverein in Verbindung mit einem Spezialkomitee ein Memorandum ausgearbeitet und dem Kultusvorstande überreicht, in welchem Mittel zur Erreichnng dieses Zweckes in Vorschlag gebracht wurden. Da auch ich seit Jahren — wie Herrn Kraus aus seiner amtlichen Stellung wohl bekannt — mit der Reform des Armenwesens, allerdings nicht berufsmäßig, mich befasse, halte ich mich für verpflichtet, in diesen Blättern zu den Ausführungen des beruflichen Armenpflegers gleichfalls in sachlicher Weise Stellung zu nehmen. Ich fühle mich dazu umsomehr gedrängt, um in den beteiligten Kteisen der Wiener israelitischen Wohltätigkeits- und Humanitäts-Institutionen nicht die irrige Meinung aufkommen zu laffen, als ob die nach mehrjähriger Pause, d. i. seit der vom Kultusvorstande im Jahre 1897 abgehaltenen Enquete in Armensachen, welche über meine Anregung zur Aktivierung des Verbandes zur Unter st ü tz u n g armer Wöchnerinnen geführt hat, von mir im Jahre 1904 neuerdings eingeleitete Aktion betreffend die Reform der Wiener jüdischen Armenpflege etwa im Sande verlaufen wäre.