Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-07-20 · 29 (20.7.1906) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
29 (20.7.1906)
Date
1906-07-20
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021656-3021686--15592-3040366
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 492 L>r. VLocd's MlocvenscvrlN. Nr. 29 in sämtlichen Gemeinden Frankreichs aus Staatskosten affichiert werde. Nachdem Dreyfus Merhörten Qualen ausgesetzt worden war, nur deshalb, weil er das Verbrechen begangen hatte, Jude zu sein, endete am 12. Juli 1906 das Drama, das 12 Jahre gedauert hatte. Fast wie ein Märchen, wie die Geschichte der ausgleichenden Gerechtigkeit von Haman und Mordochai, liest man jetzt von der Rehabilitierung der Opfer und Märtyrer dieser Affäre, wenn auch die Bestrafung Hamans einstweilen nur in der allgemeinen Verachtung sich ausdrückt, welcher General Mercier jetzt ausgesetzt ist. Es mag ein erhebender Moment gewesen sein, als Senator Delpech in der denkwürdigen Sitzung vom 13. Juli unter dem lebhaften Beifalle der Linken dem General Mercier, der die Kühnheit hatte, dem Urteil des Kaffationhofcs mit Verdächtigungen zu begegnen, die Worte entgegenschleuderte: „Wenn es Einen gibt, der ins Bagno gehört an Stelle desjenigen, deffen Unschuld gestern proklamiert wurde, dann sind Sie es!" In derselben Sitzung wurde die Ernennung Dreyfus' zum Eskadronschef ausgesprochen und Oberst Picquart, einer der Ersten, der die Unschuld Dreyfus' erkannt und infolge dessen angeklagt und zur Abdankung gezwungen wurde, zum Brigadegeneral ernannt. Die Ueberreste Zolas werden ins Pantheon, der Ruhestätte der größten Männer Frankreichs, übertragen. Die Büsten Scheurer- Kestners und Trarieux' werden in den Wandelgängen des Senates aufgestellt. Außerdem wurde Dreyfus für die Ehrenlegion vorgeschlagen. Alle liberalen Blätter geben ihrer Freude über die Rechtsprechung lebhaften Ausdruck. Die „Aurore" ruft aus: „Endlich Gerechtigkeit! Welch ein Keulenschlag für die nationalistische und antisemitische Bande!" Die „Humanite" von Jaurös verlangt die Abschaffung der Kriegsgerichte und sagt mit Bezug auf dieselben folgendes: „Wie werden sie noch weiter bestehen können, wenn man jetzt in allen Gemeinden Frankreichs lesen wird, daß sie zweimal einen Menschen verurteilt haben, der kein Verbrechen begangen hat, während sie Eszterhazy sreigesprochen haben." In ihrem mit le Triomphe de la Justice überschriebenen Leitartikel sagt die „Action" : „Die Unterdrückung der Kriegsgerichte wird das Sühngeld sein für die Qualen des Gefangenen auf der Teufels-Insel", und der „Radical" führt aus: „Durch die Rehabilitierung des Kapitäns Dreyfus ist es nötig, es zu sagen — überliefert der Schmach diejenigen Männer und Parteien, die sich nicht scheuten, mit den infamsten Machinationen einen loyalen, tüchtigen und verwendbaren Soldaten verderben zu wollen, deffen einzige Schuld darin bestand, daß er einer einst vervehmten Religion angehört." Harduin, der Philosoph des „Matin", erzählt in seiner gemütvollen und gemütlichen Weise Intimes über Dreyfus: „Seit dem Prozeß von Rennes bin ich ihm oft begegnet. Trotz der ihn umgebenden Legende erscheint er mir als ein sympathischer, interessanter, gebildeter Mensch von hellem Verstand und Soldat trotz allem. So oft er der „Affäre" erwähnte, seiner Affäre, sprach er von ihr, als ob es sich um einen Anderen handelte. Nie kam eine Klage über seine Lippen, nie ein Fluch seinen Henkern. Nie fand ich, daß er sich selbst bemitleidet hatte. Er erzählte kleine Details über den furchtbaren Aufenthalt auf der Teufels-Insel, es sei denn, daß man es von ihm verlangte. Er lebte nur dem einen Gedanken, seine Unschuld anerkannt zu sehen, seiner selbst und seiner Kinder wegen. Vor einiger Zeit — er erwartete das Urteil — sagte er zu mir: „Nun find es schon 14 Tage, daß wir, meine Frau und ich, in solcher Aufregung leben, daß wir, ohne die Speisen berührt zu haben, vom Tische aufstehen." — „Und was werden Sie machen, wenn der Kassationshof auf Freisprechung, ohne Zuweisung an ein Kriegsgericht entscheidet?" — „Dann werde ich nicht mehr an die Affäre denken. Ich werde diesem niederdrückenden Gedanken fliehen, nichts mehr lesen, nicht mehr davon sprechen. Ich werde mit den Meinen nach der Schweiz flüchten, sobald ich es kann. Ich werde mich in einen Winkel vergraben und ausruhen, endlich ausruhen!" — Und mit dem erlösenden Gefühl, daß der Märtyrer der Teufels- Insel nun wirklich ausruhen kann, endet eines der denkwürdigsten Kapitel unserer Kulturgeschichte. Rosa Feigenbaum. Amsterdam. (Eine beabsichtigte antirussische Demonstration.) Der Minister des Aeußern hat der Zweiten Kammer einen Gesetzentwurf vorgelegt, der einen Kredit von 75.000 Gulden zum Empfang der Mitglieder der zweiten Friedenskonferenz im Haag fordert. Da inzwischen der Zusammentritt der Konferenz auf das nächste Jahr verschoben worden ist, so fand die Erörterung des Gesetzentwurfes bei der diesjährigen Budgetberatung nicht statt. Somit unterblieb auch eine interessante Interpellation, die die Regierung in mehr als einer Hinsicht in Verlegenheit gebracht hätte. Denn erstens war die Interpellation von einer Gruppe von konservativ- und unionsliberalen Kammermitgliedern beabsichtigt, also von Angehörigen der Regierungspartei selbst, und zweitens sollte sich die Interpellation gegen Rußland richten, eine „befreundete Nation", die zudem der holländischen Regierung das Programm überreicht hat, auf Grund dessen die Niederlande die Vertreter der Mächte zur zweiten Friedenskonferenz in die holländische Residenz einladen sollte. Die an die Regierung adressierte Interpellation sollte aber folgenden Wortlaut haben: „Die Kamnier nimmt mit Schmerz und Entrüstung Kenntnis von den blutigen Verfolgungen, denen ein Teil der Bevölkerung in einem befreundeten Lande ausgesetzt ist, die mit vielen unserer eigenen Bürger durch enge Bande vereint ist. Die Kammer erachtet, daß der weitere Ausbau von Theorien über Recht und Menschlichkeit unvereinbar ist mit der gesunden Vernunft, so lange in dem Reiche, das den Aufruf zur sogenannten Friedenskonferenz erließ, fortdauernd Greuel geschehen, die die ganze gebildete Welt entsetzen. Die Kammer ersucht daher die Regierung, die Uebermittlung der russischen Einladung zur Zusammenkunft der Friedensgesandten auf holländischem Boden so lange zu unterlassen, bis Garantien erhalten werden, daß derartige traurige Ereignisse sich nicht mehr wiederholen." Vermischtes. Zum Todestage Theodor Herzls. Donnerstag den 12. d. M. fand im Stadttempel Seitenstettengasse auf Veranlassung des innerösterreichischen Distriktskomitees ein Trauergottesdienst anläßlich des zweiten Todestages Theodor Herzls statt. Der schwarz dekorierte Tempel war in allen seinen Räumen von Trauergästen gefüllt. Man sah Vertretungen des Landes- und Distriktskomitees der meisten zionistischen Vereine und Verbindungen, sowie andere Korporationen. Auch der Kultusvorstand und das Sekretariat der Kultusgemeinde waren vertreten. Die Trauerpsalmen exekutierte Herr Oberkantor Singer, die Gedächtnisrede hielt Herr Rabbiner Dr. Max Grunwald. Sonntag den 15. d. M. versammelte sich trotz des schlechten Wetters eine bedeutende Anzahl von Zionisten auf dem Döblinger Friedhof am Grabe Herzls. Die Trauerpsalmen exekutierte Erster Kantor Don Fuchs mit Chorbegleitung. Der Obmann des Landeskomitees Herr Dr. S ch a l i t und der Führer der österreichischen Poale-Zion, Herr Kaplan- Kaplansky, hielten kurze Ansprachen. Ein armer Finder. Der Hausierer Samuel Guttmann, welcher sich unter den größten Entbehrungen fortbringt, fand am 12. Juli auf seinem Wege bei der Hietzinger Brücke eine schwarze Handtasche, die über 4000 Kronen bar und einen Depotschein über einen noch höheren Betrag enthielt. Er hinterlegte diese Sachen bei der Polizei und wird es von dem eventuellen Finderlohn abhängen, ob sein Elend auf kurze Zeit gelindert wird. Ein Posten, bei welchem unbedingte Ehrlichkeit und Verläßlichkeit Voraussetzung sind, wäre diesem wackeren Manne zu gönnen. Für Leute, die künftighin diesem armen, ehrlichen Menschen hilfreich zur Seite stehen könnten, erliegt seine Adresse in der Redaktion dieses Blattes.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.