Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 29 (20.7.1906)
- Date
- 1906-07-20
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29 Dr. Llocv's TOocbenscbnn. «eite 493 Abschiedsvorlesung des Prosessors Lieben. Der Professor der Chemie an der Wiener Universität Hofrat Dr. Adolf Lieben, der auf sein Ehrenjahr verzichtete und sich mit Ende dieses Semesters von seiner akademischen Lehrtätigkeit zurückzieht, hielt unlängst seine Abschiedsvorlesung, die von seinen Hörern in festlicher Weise begangen wurde. Als der Vortragende in dem mit Lorbeerbäumen und Palmen dekorierten Hörsaale erschien, wurde er mit minutenlangem Applaus begrüßt. Hofrat Lieben dankte für die ihm zugedachte Ehrung, indem er unter lebhafter Heiterkeit bemerkte, es freue ihn, den Hörsaal, der in den letzten Tagen schon ziemlich leer war, nun wieder so voll zu sehen, und er hoffe, daß der Ausdruck der Freude sich nicht darauf beziehe, daß er schon scheide, sondern seiner Person gelte. Hierauf ergriff Professor Dr. P o m e r a n z, ein Schüler Liebens, das Wort, um in einer Ansprache an die Studenten die Verdienste des gefeierten Professors zu würdigen, der mit seiner heutigen Vorlesung sein neunzigstes Semester akademischer Lehrtätigkeit schließe und auf ein halbes Jahrhundert wissenschaftlicher Arbeit zurückblicke. Fünf Jahrzehnte bedeuten einen großen Zeitraum in der Entwicklungsgeschichte der Naturwissenschaften, besonders aber in der Chemie, die im letzten Jahrhundert einen ungeheuren Aufschwung genommen hat. Diesen Aufschwung hat Lieben nicht nur miterlebt, sondern auch gefördert. Seine erste Publikation fällt in das Jahr 1 54, zu einer Zeit, da viele Elemente noch nicht entdeckt waren und nnt den primitivsten Einrichtungen, zum Beispiel mit Kohlenbecken, gearbeitet wurde. Professor Pomeranz gab hierauf eine interessante und klare Zusammenstellung der einzelnen Arbeiten Liebens, von denen besonders die Forschungen über Milchzucker, die Chlorierung der Alkohole und Aether, über Aldehyde und Säuren, sowie über Pyron und die Chelidonsäuren von großer Wichtigkeit sind. Auch mit einer physiologischen Frage hat sich Lieben beschäftigt, nämlich ob Alkohol den Körper unverändert passiert oder darin verbrannt wird, und gefunden, daß Alkohol teilweise in den Harn übergeht und darin nachgewiesen werden kann. „Sie sind mir, Kommilitonen", fuhr Profeffor Pomeranz fort, „auf meinem Rundzange durch fünf Jahrzehnte gefolgt und, wie es auf einem Rundgange möglich ist, konnte ich nur die wichtigsten Punkte berühren, denn um alles das, was unser verehrter Meister in nahezu hundert Arbeiten ausgeführt hat, zu behandeln, dazu würde man nicht Stunden, sondern Tage brauchen. Eines will ich noch erwähnen: Alle Arbeiten, die unser Lehrer veröffentlichte, zeichnen sich durch mustergiltige Sorgfalt aus, und so ist denn alles, was seine Werkstatt verließ, schlackenloses Edelmetall. Er sieht, wie alle Künstler, in Kunst und Wissenschaft unter jeder Bedingung nur das Ziel vor Augen, ohne Rücksicht auf Zeit und Mühe. Im kommenden Semester wird der Name Liebens im Lektionskatalog nicht mehr zu finden sein, in den Annalen der Wissenschaft hat er sich aber einen dauernden Namen erworben. Sich an Hofrat Lieben wendend, fuhr der Redner fort: „Ihr Rücktritt, Herr Hofrat. ist kein Anlaß für uns, von Ihnen Abschied zu nehmen, da das geistiae Band, welches Sie mit uns verbindet, dadurch nicht gelockert wird. Wir sagen Ihnen daher nicht Lebewohl, sondern wünschen, daß Sie uns und der Wissenschaft in körperlicher und geistiger Frische noch viele Jahre erhalten bleiben." Hofrat Lieben dankte bewegt und erwiderte, daß er stets vom Streben nach Wahrheit geleitet worden sei; dieses Streben nach Wahrheit sei in der Wissenschaft im vergangenen Jahrhundert mehr hervorgetreten, als es vorher der Fall war. Früher haben Vorurteile eine größere Rolle gespielt als jetzt, da die Naturwissenschaft einen solchen Aufschwung genommen habe. So sei denn heute das Streben nach Wahrheit intensiver als sonst. Da die Anzahl seiner Semester nahe an neunzig sei, glaube er ein Anrecht zu haben, sich zurückzuziehen und denen seine Stelle zu überlassen, die Anspruch auf dieselbe haben. Lebhafter Beifall folgten diesen Worten des Professors. Wien. Am 19. d. M. beendet Herr Jakob Suschitzky, seit 22 Jahren unser Abonnent, sein 70. Lebensjahr. Dieser alte Veteran hat im Jahre 1859 die Schlachten bei Magenta und Solferino als Unteroffizier bei der Artillerie mitgemacht, war im Feldzug 1866 der Besatzungsartillerie in Südtirol als Feuerwerker zugeteilt und hat den Gefechten gegen Garibaldi beigewohnt, nach 13jähriger ehrenvoller Dienstzeit und vierjähriger Zivilstaatsbedienstung war derselbe vom Jahre 1875 bis 1904, das sind 29 Jahre, bei der Firma I. Eisler & Co., k. u. k. Militär-Konservenfabrik zu Jnzersdorf bei Wien, als Fabriksoberbeamter in Stellung, welche er wegen eingetretener verminderter Sehkraft verlassen und in den wohlverdienten Ruhestand treten mußte. Seit längerer Zeit wohnt Herr Jakob Suschitzky, der verwitwet ist, in der Nähe seiner zwei Söhne, welche unter der protokollierten Firma Brüder Suschitzky eine Buchhandlung X., Kepplerplatz 4, führen, eine Tochter ist an den Besitzer der kommerziellen Buchdruckerei Ed. Weiß, V., Zentagasse 49, verheiratet. Möge die gütige Vorsehung den Siebzigjährigen noch weiterhin zur Freude all seiner Angehörigen die wohlverdiente Ruhe genießen lassen. Spenden zn Gunsten -er Opfer der Exzesse in Bialystok Wien: Mehrere Beamte des „Wiener Bankvereines" Kronen 85.—, Bernhard Sieben schein 10.—, Josef Herz 10.—, Felix Goldstein 4.—. Budapest: Bäläzsy Ziigmund 10.-. Mähr- Ostrau: T. A. 10.—. Prag: E. von K. durch E. L. 10.—, Dr. Schubert & Berger 10.—. Strusow: Sigmund Haber 5.-, Salomon Rokeach 5.—. T r o p p a u: Mosko Finzi 6.—. Hiezu die bere ts ansgewiesenen Kronen 2481-80, zusammen bis 18. Juli Kronen 2646-80. Weitere Spenden werden erbeten und dankend bestätigt im Bureau der „Israelitischen Allianz zu Wien", I., Weihbnrggasse io, zwischen 9—1 Uhr oder mittelst Postsparkaffenkonto 8152. Wien (Spenden.) Für die arme Mutter mit ihren sieben minderjährigen Kindern, deren Gatte, resp. Vater verschollen und die sich in drückendster Notlage befindet, sind uns laut Aufruf in Nummer 24 unseres Blattes von Herrn Adolf Grünbaum in Karolinental 5 Kronen, vom Herrn Rabbiner Dr. Lewin in Nikolsburg 5 Kronen zugegangen. Znaim. (Druckfehlerberichtigung.) In dem Berichte der letzten Nummer über die erfolgte Neuwahl in die Vertretung der hiesigen Gemeinde hat sich in der diertletzten Zeile ein Druckfehler eingeschlichen. Es soll richtig heißen: „Herr W. verdankt seine „Wahl", nicht aber sein „Wohl", seinen Glaubensgenossen." Franzensbad. (Trauerkundgebung für Bialystok.) Sonntag den 22. d. M., halb 8 Uhr abends, findet in dem von der Stadtgemeinde für diesen Zweck bereitwilligst zur Verfügung gestellten Konversationssaale des Kurhauses eine von zahlreichen hiesigen Kurgästen angeregte Trauerkundgebung für die Opfer von Bialystok statt, bei welcher die Herren Siegfried Fleischer, Schriftsteller aus Wien, und JUDr. Emil Margulies aus Teplitz Ansprachen halten werden. Auch aus den Reihen des Kurpublikums in Marienbad und Karlsbad ist eine starke Beteiligung zu erwarten. Das Arrangement der Trauerfeier hat die „Oefterreichisch-Jsraelitische Union" gemeinsam mit dem Verein „Ahawath Zion" in Eger übernommen. Brody. Am 8. Juli gaben wir das letzte Geleite dem verstorbenen Lehrer der israelitischen Volksschule Michael Markstein, der nach schwerem Leiden im 64. Lebensjahre starb. Sein ganzes Leben hindurch kämpfte er schwer, er hatte nie Ruhe, denn um Brot für Frau und Kinder zu erringen, mußte er schwer arbeiten — schwer war sein Leben, auch schwer war sein Tod. Das einzige Glück und den Trost hatte der Verstorbene, daß er seine drei Kinder versorgt hinterließ. Das Leichenbegängnis, das zahlreich besucht war, wer ein Beweis der Anerkennung seiner mühsamen Arbeit um die Ausbildung der jüdischen Kinder, was am Grabe der Rabbiner Dr. Oetser emporgehoben hat. Klattau. Die hiesige israelitische mit dem Oeffentlichkeitsrechte versehene Volksschule wurde im verflossenen Schuljahre von 71 Zögliygen besucht. An der Anstalt wirkten fünf Lehrkräfte. Am 12. Juli fand um 9 Uhr ein festlicher Gottesdienst statt, an dem sämtliche Zöglinge und viele Eltern derselben, sowie der Ortsschulinspektor Herr lUvr. I. Steiner tetlnahmen. Herr Rabbiner Dr. S. Br et hielt eine treffliche Rede, in der er insbesondere die Wichtigkeit der jüdischen Schule beleuchtete und die Kinder zur Dankbarkeit gegen Gott, die Eltern und Lehrer aufforderte. Nach Absingung der Volkshymne erhalten die Zöglinge die Zeugnisse. Das neue Schuljahr beginnt am 1. September. — Das diesige k. k. Real- und Obergymnasium war von 24 israelitischen Schülern besucht, von denen 9 ein Vorzugszeugnis erhielten. New-Hork. Am 27. Juni starb hier nach längerem Leiden Herr Maurice T a u s s i g in seinem 66. Lebensjahre; sein Hinscheiden erregte schmerzliche Teilnahme in den weitesten Kreisen. Nachdem er im Jahre 1864 die technische Hochschule in Prag absolviert hatte, kam er nach New-Iork und widmete sich hier der Erziehung und dem Unterrichte der Jugend. Mit eifrigem Pflichtgefühl verband er ein warmes Herz für jüdische Interessen und bald war sein Name innig mit jenen Kreisen verknüpft, deren Hauptzweck es war, die Mühseligkeiten und Leiden der armen jüdischen Einwanderer zu mildern, die Intelligenz derselben zu fördern und deren Lage zu verbeffern. So stand er während seiner vierzigjährigen Anwesenheit hier vielen mit Rat und Tat zur Seite; er war Mitglied aller