Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 29 (20.7.1906)
- Date
- 1906-07-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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k MM.' Nr. 29 Besitzer der Jubiläumsmedaille vom Jahre 1898. Im Jahre 1882 erhielt er das Ritterkreuz des Franz Joseph-Ordens und im Jahre 1888 den Orden der Eisernen Krone III. Klasse. Aus Anlaß der Publikation seines großen Regestenwerkes erhielt er von Sr. Majestät das Komturkreuz des Franz Joseph- Ordens mit dem Stern." Ans Böhmen. Leitomischl, am 15. Juli 1906. Das Schuljabr ist nun abgeschlossen und manch sorgsamer Vater wird sich die Frage vorlegen, wohin soll ich mein Söhnchen. das eben die Volksschule verlassen hat, geben. Soll ich es einer deutschen oder tschechischen Mittelschule zufiihren. Der praktische Vater wird sich gewiß sagen: Bei uns in Böhmen sind beide Landessprachen von besonderer Notwendigkeit. Aber nur selten gelingt es, beide Sprachen sich in gleichem Maße anzueignen. Denn gibt man das Kind in eine deutsche Schule, dann muß man eben ans die tschechische Sprache verzichten und umgekehrt, besucht das Kind die tschechische Schule, dann ist's mit der Kenntnis der deutschen Sprache schlimm bestellt. Diese Sprachen werden als unobligate Gegenstände in der einen wie in der anderen Lehranstalt stiefmütterlich behandelt. Für die jüdischen Eltern ergeben sich noch andere Bedenken, indem sie ihre Kinder von einer Schule, in der der antisemitische Geist vorherrscht, gerne fernhalten möchten, damit sie keinen Verfolgungen ausaesetzt sein sollen. Obschon das Gesetz jede politische Strömung in der Schule verbietet, so kann man dennoch getrost die Behauptung aussprecheu, daß die wenigsten Anstalten frei von antisemitischen Strömungen seien. Denn wo es sich um Juden handelt, da sind ja bekanntlich die Gesetze außer Kraft getreten und man macht sich daraus keine Sünde, selbst dem unschuldigen Schulkinds das Leben zu verbittern. Offen muß man es zugeben, daß in den tschechischen Schulen diese feindselige Erscheinung weniger intensiv hervortritt. Es wäre daher oen jüdischen Eltern zu empfehlen, daß sie ihre Kinder den tschechischen Mittelschulen zuwenden, weil es auch mit dem deutschen Unterrichte an diesen Schulen besser bestellt ist. als mit der tschechischen Sprache an den deutschen Schulen. Unsere Kinder müssen beiweitem vollkommener fürs Leben vorbereitet sein als die anderen, wenn sie auch nur in dritter Reihe Berücksichtigung finden sollen. Wir können es mit Genugtuung konstatieren, daß an unserem Gymnasium der antisemitische Geist noch keinen Eingang gefunden hat. Man läßt es unseren Kindern nicht empfinden, daß sie Juden seien. An unserm Gymnasium gilt einzig und allein nur die Leistung des Schülers, aber nicht dessen Glaubensbekenntnis. Dies alles haben wir dem biedern und rechtsliebenden Charakter des Herrn Direktors Emanuel Seifert zu verdanken, der den jugendlichen Eifer mancher Jngendbildner, die gerne ihre antisemitische Ueberzeugung in der Schule bekunden möchten, mit Nachdruck zu dämpfen versteht. Von der „Gerechtigkeit" der antisemitischen Lehrer mag nachfolgende Episode zeugen. In unserer Nachbarstadt besuchte ein jüdischer Schüler das Gymnasium. Und obschon er sich bemühte und seine geistige Veranlagung ibm wacker zur Seite stand, so konnte er dennoch nicht fortkommen, denn der Herr Professor hat es sich zum Vorsatz gemacht, den Juden zum Falle zu bringen. Mit dem Augenblicke, da der in Rede stehende Schüler unser Gymnasium betrat, wurde er Vorzugsschüler und maturierte auch daselbst mit Auszeichnung. Denn an unserer Schulewurden sein Fleiß und seine geistige Begabung anerkannt. Aus diesem Grunde erfreute sich unser Gymnasium von jeher einer besonderen Frequenz. Denn nicht nur der gediegene pädagogische Geist, der daselbst herrscht, sondern auch die billigen Subsistenzmittel machen unsere Stadt zu einem sehr beliebten Aufenthaltsorte unserer Studenten. Unseren jüdischen Studenten bietet sich aber auch die beste Gelegenheit, privatim die deutsche Sprache bei einer gediegenen Lehrkraft durch geringe Geldopfer zu erlernen. Besonders aber müssen wir hervorheben, daß unsere Jugend einen ausgezeichneten Religionslehrer in unserem Rabbiner besitzt, der es versteht, durch pädagogischen Takt und besonderen Eifer unsere Studenten für die Religion zu begeistern und sie zu wahren Juden heranzubilden. Aermere Studenten finden geistige und physische Förderung durch unseren Rabbiner Herrn Dr. I. Folkmann. Etwaige Anfragen über die hiesigen Verhältnisse erteilt bereitwilligst unser Herr Rabbiner. Für die Aufnahme voranstehender Zeilen in Ihrem vortrefflichen Blatte für jüdische Interessen bestens dankend, zeichne hochachtungsvoll Josef Danzer Vorstands-Mitglied. Budapest, 16. Juli. Auf der Station des Wiener Schiffes nächst der Elisabethbrücke herrschte gestern nachmittags gegen 3 Uhr reges Leben. Der Dampfer „Szechenyi" hatte mit 118 russischen Flüchtlingen an Bord bei der Schiffsstation angelegt und von allen Seiten waren Mildherzige oder Neugierige herbeigeströmt, um die heimatlosen Juden zu unterstützen oder anzugaffen. Es war ein seltsam ergreifender und zugleich abstoßender Anblick, der sich dem Besucher des Verdecks darbot. Auf schmierigen Körben, zerschlissenen Reisetaschen und alten Koffern saß-n die Flüchtlinge da, alte gebrochene Männer mit Seite 491 mausgrauen Bärten, junge Frauen mit Säuglingen an der Brust, halbwüchsige Bursche, die verschüchtert dreinblickten, Kinder, die sich ängstlich an die Mutter oder die Schwester klammerten. Die Unglücklichen stiegen vom „Szechenyi" aus den Dampfer „Iris" um, der sie bis Wien weiterbefördert. Als das Umsteigen beendet war, strömten die mildherzigen Wohltäter aus das Deck. Hunderte Flaschen mit Milch, Hunderte Laib Brot, Käse, Salami, Butter wurde in großen Mengen herbeigeschleppt und unter den Flüchtlingen verteilt. Auch für Tabak, Zigaretten und Getränke war reichlich gesorgt. Das düstere Bild aus dem Verdeck gewann im Nu ein verändertes Aussehen. Ueber die kummervollen Züge huschte ein Strahl von freudiger Dankbarkeit ob der rührenden Hilfsbereitschaft, die sich in tausend Herzen offenbarte. Die Kinder stolzierten mit dicken Butterbemmen einher, die Burschen bliesen vergnügt den Rauch aus ihren Zigaretten und die Alten stärkten den Magen mit einem tüchtigen Schluck für die weite Reise. Die russischen Flüchtlinge stammen zum größten Teil aus Bessarabien, aus Odessa, aus Minsk und Ismail. Die Meisten sind Handwerker oder geben sich für solche aus, denn nur unter diesem Rechtstitel werden sie in Rußland geduldet. Der Führer der Auswanderer ist ein weißhaariger russischer Jude Namens Jchiel Awrom Edelstein. In seinem Kauderwelsch, einer Mischung von Jüdisch-Deutsch, Russisch und Hebräisch beklagt er in bitteren Worten das traurige Los seiner Truppe, der dritten Auswandererschar, die aus Rußland geflohen und donauaufwärts nach Wien und von dort über Altona nach Argentinien gereist war. Woher sie das Geld für die lange Reise genommen haben? Die Aermsten haben ihre letzte Habe verkauft und die „Alliance Jsraölite" hat ihnen große Fahrtbegünstigungen verschafft. Die Lage in der russischen Heimat war unerträglich geworden, täglich kamen Morde und Plünderungen vor und dabei fürchtete jeder den Ausbruch des allgemeinen Schlachtens, das allen Juden das Leben gekostet hätte. Deshalb gingen sie fort, weit fort über das große Wasser, einer ungewissen Zukunft entgegen. „Sehen Sie dort dieses junge Weib mit dem Kinde am Arme," sagte der Alte mit vor Rührung bebender Stimme, indem er auf eine ungefähr 19jährige Frau mit pechglänzenden Augen und edelgeformten, fast klassischen Zügen hinwies. Sie saß auf einem Schemel und blickte teilnahmslos in die bewegte Menge, ihren Kleinen an die Brust drückend. In ihren Zügen lag unsagbares Weh und die Spur unendlichen physischen und seelischen Leidens. „Sehen Sie dieses Weib." Hub der Alte von Neuem an, „die Frau des Gevrile Karpfenstein aus Ismail? Beim letzten Pogrom haben in Ismail die Hooligans ihren Vater, ihre Mutter und ihre sieben Geschwister ermordet. Und ihren Mann, den Gevrile — Gott möge ihm die ewige Ruhe schenken, denn er war ein braver und frommer Mensch — haben die Mörder in seinem Hause angebunden und angezündet. Haus und Hof und der arme Gevrile verbrannten. Ter Alte hielt inne, als wollte er nicht alles sagen, was er wußte. Dann senkte er schweigend das Haupt und war nicht mehr zum Sprechen zu bringen. Gegen sechs Uhr wurde zur Weiterfahrt gerüstet. Sämtliche Flüchtlinge standen am Verdeck, denn es ist ihnen verboten, das Schiff zu verlassen. Ein schriller Schrei der Dampfpfeife und die „Iris" setzte sich in Bewegung. Die Unglücklichen schwenkten Tücher und Hüte zum Abschiedsgruße und sandten laute Dankesworte und Lebewohl- Rufe an das Ufer. Die am Ufer Stehenden blickten den Heimatslosen lange nach, bis das Schiff endlich bei der Biegung des Stromes verschwand, die armen Flüchtlinge einem unbekannten Lose entgegenführend. Paris. (Das Ende der „Affäre".) Eine der furchtbarsten, erschütterndsten Tragödien unserer Zeit hat ihren Abschluß gefunden. Der letzte Akt wickelte sich knapp am Vorabende des 14. Juli, des größten Nationalsestes der Franzosen, ab. Und wieder wurde eine Bastille erstürmt, ein von hochstehenden Verbrechern anscheinend festgefügtes Gebäude niederträchtigster Verworfenheit ging in Trümmer und ein Menschenrecht wurde proklamiert. „Dreyfus ist unschuldig." So hat der Kassationshof geurteilt und zugleich angeordnet, daß das Urteil Dr. »locb's TMocbenscbrlN.