Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 49 (8.12.1905)
- Date
- 1905-12-08
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49 Dr. Mocb s Mocdens orM. Seite 787 in den Lichtkreis der Laternen gelangen, menschliche Umrisse annehmen. Warum eilen Netel und Joel nicht zurück in ihren Familienkreis, warum gehen sie so langsam, als ob ein unbestimmtes Etwas sie fortstoßen möchte von den Stätten, auf die sie zuschreiten, und sie festbannen an den Ort, den sie verlassen? Denn ihre Seele träumen noch von Gebet und Gesang, und sind auf eine kurze Weile der Erde, auf der sie dahinwelken, entrückt. Sie haben in der geheimsten Tiefe ihrer Geister einen Klang vernommen, der im gewöhnlichen Liede des täglichen Lebens sich gar nicht hören ließ, und in diesem Augenblick wünschen sie, daß dieser Ton nicht ersterbe, sondern andere, ebenso schöne herbeirufe. Darum eilen sie nicht mit der Heimkehr; sie gehen langsam und wählen den längsten Weg. Die Häuser, an denen sie vorübergehen, gleichen Bienenschwärmen, in deren Innerem ein Feuer lodert, dessen Schein durch die Fenster nach Außen dringt. Die zahlreichen, in ihnen eingeschloffeuen menschlichen Wesen verursachen ein Gesumme und einen Lärm, als wären sie eine Schar fürchterlich erschrockener Bienen, denen alle Ausgänge versperrt sind. An den Fenstern vorüberschreitend, hebt Joel sein Köpfchen in die Höhe, und neugierig sucht er die erschreckten kleinen Bienen, doch sicht er nur eine auf irgend einem Kopfe wackelnde Mütze, oder eine Haube, die selbst hin- und herzulaufen scheint, oder auch den Bruchteil eines Gegenstandes, dessen Ganzes schwer zu erraten ist. In dem Gesumme der Bienen greift Joel Worte eines Gebetes oder Gesanges auf, manchmal jedoch nur die Klänge von Zank, Streit oder einem lauten Gespräch. Es sind dies Strophen eines ihm wohlbekannten Liedes, das Joel, da er es täglich hört, bereits zu verstehen gelernt lat. Die Reihen der hellerleuchteten Häuser finden ihren Abschluß beim Eingang in die schmale und dunkle Gasse, welche Netel und Joel zur Holzbrücke führt. Unter der alten, morschen Brücke zieht das Eisband des kleinen Flusses dahin. An sein Ufer klammern sich hohe Bretterzäune, die, alt, schief und wackelig, sich zur Erde zu neigen scheinen; Häuser, deren Wände in verschiedene Richtungen auseinandergehen; eigenartige Gebäude, in Unordnung aneinander gedrängte Holzschuppen oder Speicher, die sich gegenseitig stützen und so über das Ufer neigen, daß es scheint, als ob sie jeden Augenblick stürzen und das Flüßchen mit ihren morschen Trümmern verschütten würden. Wie in einem Winkel vergessene Bretterhaufen, die, von der Zeit geschwärzt, langsam faulen, so warten diese dem Einsturz nahen Häuser, daß man sie aus dem Wege räume, und mittlerweile bilden sie einen Schlupfwinkel für mancherlei Elend. Jetzt, da es dämmert, tauchen feurige Ritzen in ihnen auf — es sind dies winzige, in rotem Licht strahlende Fenster — und sie erzählen von einem Menschenleben, das so arm ist, so dunkel, so vergessen, wie dieser sein Schlupfwinkel. . . . In den Fluß schüttet, wirft und stößt man alles, was nicht mal dem Elend nützen kann. Schwarze zusammengefrorene Hügel — Misthaufen — lagern auf der Eisdecke. Das Flüßchen verschwindet unter ihnen, sie saugen es auf; das Wasser reicht nicht hin, um sie zu ertränken, es gibt keine Strömung, die sie forttragen würde. Gleich den Häusern am Ufer, warten sie, bis man sie aus dem Wege räumt, und mittlerweile ragen sie empor und bilden immer höher auf einander getürmte Hügel; unförmlich, abgeflacht, machen sie den Eindruck von widerlichen Wesen, die sich dessen schämen, daß sie sich nicht verbergen können. Nur ein schmaler Eisstreifen ist frei und weicht mit launenhaften Windungen der Unreinlichkeit aus. Auch dieses Eis ist schmutzig, doch der Mond übersäet seine Oberfläche mit Brillanten. Netel und Joel halten auf der Brücke still. So oft sie des Abends hier vorübergehen, müssen sie wenigstens einen Augenblick auf das schwanke, .unter ihrem Drucke zitternde Holzgeländer sich stützen und rund umher schauen. Vielleicht ist es ein unendlich gutes und schönes, wenngleich unsichtbares Wesen, das ihnen so zu tun befiehlt. Und vielleicht ist es nur die Stille dieser Stätte und der Mond. Stille und Mond herrschen hier, obgleich es sonderbar scheinen muß, warum nicht Stöhnen und laute Klage, sondern Stille diese Ufer des Elends liebkost, warum nicht Finsternis sie umhüllt, sondern der Mond sie küßt. Die kleinen, niedrigen Häuser verdecken hier nicht die unermeßliche Himmelskuppel, an welcher die bleich schimmernde Kugel entlang strömt. Joel betrachtet diese runde Scheibe und die bodenlose, düstere Tiefe, in welcher sie dahinschwebt. Dort ist es still, und in den Häusern der Menschen ist solcher Lärm. Auch dort, wohin das Eisband strebt, ist es still. Dasselbe wendet sich bald rechts, bald links, dann rutscht es unter etwas Weißlichem, Undeutlichem durch, dann dringt es mitten in die Nebel hinein und verschwindet. Was ist dieser weiße Streifen? Joel kann sich nicht darauf besinnen. Leicht berührt er den auf das Brückengeländer gestützten Ellenbogen des Großvaters, und seine zweite Hand ausstreckend, fragt er. „Was ist das?" Lange sucht Netel den Gegenstand im weiten Raum. „Das ist eine Mauer. . . . Dort stand ein Haus, es ist schon niedergerissen." Eine Mauer. Joel sieht sie jetzt deutlich. Und er weiß, was jenseits der Mauer sich befindet. Dort ist keine Stadt mehr; auf den Feldern lagern Nebel und die mit Schnee bedeckten Hügel sind denjenigen, die man im Sommer sieht, ganz unähnlich. Netel denkt an keine Hügel. Sein Auge erblickt einen würzigen, auf einen Mist- und Kehrichthaufen fallenden Lichtstreifen, — der rote Schein einer Sabbathlampe, der, durch das kleine Fenster dringend, den Schmutz ohne Widerwillen berührt. Dieser Glanz beunruhigt den alten Juden und dann ruft er ein Gefühl der Rührung hervor. Netel betrachtet den vergoldeten Kehricht, die auf dem Eise umhergestreuten Brillanten und ihm scheint, daß dies das Werk Jehovahs, der so gut ist, daß Er nicht nur den Reichen und Vornehmen, sondern auch den Taglöhnern und ärmsten Knechten in der Synagoge zu beten gestattet. Netel möchte seinen Gedanken dem kleinen Enkel mitteilen, doch fehlt es ihm an Worten; so berührt er denn nur ganz leicht den Arm des Knaben und zeigt ihm Licht und Schalten auf der Eisdecke. Dann streichelt er des Kindes Arm, legt ihm die Hand auf den Kopf und liebkost ihn lange mit dem Blick. Und sie gehen fort. Und wieder schreiten sie so langsam dahin, als wenn es ihnen leid täte, Jemanden oder etwas zu verlassen, als hätten sie Angst vor dem, was sie zu sich zog. Was sie aber zu sich zog, das war die große, unwiderstehliche Strömung, welche Greise zu Grabe trägt, indem sie ihre Herzen mit Trauer füllt, und sanfte Kinderherzen in den Fluten von Haß und Eigenliebe ertränkt. * * Netel ist schon gestorben und der kleine Joel ist heute Jonas Baum, ein Wucherer. In seinem Blick ist noch immer dieselbe Sanftmut wie in den Augen Esther's, seine Seele jedoch ist voll von Verachtung für . . . welkes Laub! Er selbst ist ein kräftiges Blatt, das vor dem Eintritt des Winters nicht vom Baume fallen wird. Das alte Haus wurde niedergerissen. Nene Bücher. Hans Cscheldach, Der Volksverächter. Roman. Verlag von Albert Ahn, Berlin—Köln—Leipzig. Dr. Max Grunwald, Rabbiner und Prediger der israelitischen Kultusgemeinde Wien, Zum Raschi-Jubil ä u m. Etwas über Raschis Einfluß auf die spätere hebräische Literatur. Verlag von S. C a l v a r y & Co., Neue Wilhelmstraße 1. Berlin, 1905. Dr. Leopold Kahn, Hof- und Gerichts-Advokat, Wien. Warum?! Die alte Lehre im Lichte neuer Katastrophen. Juden erwachet!