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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-11-24 · 47 (24.11.1905) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
47 (24.11.1905)
Date
1905-11-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 47 Dr Dlocb's MocbenscbrM< Seite 749 sondern auch durch seine praktische Beurteilung der Schwierigkeiten, welche sich ihm zur Erreichung seiner Zwecke in den Weg stellten. Seine Idee war damals, an das Nationalgefühl der Juden zu appellieren und eine große Niederlassung auf einem hinreichenden Territorium unter britischer Flagge zu organisieren mit Hilfe des Geldes, das den großen jüdischen Organisationen zur Verfügung stand, und unter einem System von Munizipalverwaltung, welche der jüdischen Eigenart freies Spiel lassen würde, ohne wirklich ein Imperium zu sein. Das sollte die jüdischen Flüchtlinge von Tyrannei und Verfolgungen befreien. Eine britische Kolonie sollte ihnen eine Heimstätte werden. Diese Idee des Dr. Herzl war mir überaus sympathisch, da es der erste Versuch zu sein schien, ein Problem zu lösen, dessen Existenz in seiner gegenwärtigen Form eine Schande und Gefahr für die europäische Zivilisation ist. Es tat mir sehr leid, als ich hörte, daß der Bericht des Komitees, welches hinausgesandt war, um das von der britischen Regierung angebotene Land zu prüfen, ungünstig ausfiel. Noch mehr bedauerte ich, daß der Baseler Zionistenkongreß nach Herzls Tode ein solches Projekt ganz und gar beiseite gelegt hatte. Jetzt sehe ich, daß Sie und Ihre Freunde entschlossen sind, den Versuch auf der von Dr. Herzl vorschlagenen Basis zu erneuern. Und obgleich die eingetretene Verzögerung die Schwierigkeiten vermehrt, so bin ich doch der Ansicht, daß die jüngst erfolgten Greueltaten die Notwendigkeit vergrößern, möglichst rasch Mittel zur Aenderung des augenblicklichen Zustandes zu finden, und daß die Verantwortlichkeit der christlichen Nationen in dieser Beziehung gewachsen ist. Ich würde mich deshalb freuen, meine Hilfe und meinen ganzen Einfluß jedem Plan zu gewähren, welcher von einer verantwortlichen Organisation der britischen Regierung unterbreitet wird und welcher auf den Ideen des Dr. Herzl basiert. Ich stelle Ihnen anheim, dieses Schreiben der Oeffentlichkeit zugänglich zu machen. Ihr sehr ergebener - Chamberlai n. Brief des Erzbischofs von Canterbnry an den Oberrabbiner Dr. Adler, London. l.amdetd?a1aee, 13. Nov. 1905. Werter Herr Oberrabbiner! Ich bin, wie Sie wissen, mit dem Metropoliten von Petersburg in Verbindung getreten, um unserem dringenden Wunsche Ausdruck zu geben, daß die Vertreter der christlichen Kirche sich gemeinsam bemühen sollten, die Wiederkehr solcher Tragödien und Untaten in irgend einem Teile der Welt unmöglich zu machen, wie sie kürzlich das Gewissen aller mit Entsetzen erfüllt, denen die Ehre des christlichen Namens und die Forderungen der Humanität ans Herz gewachsen sind. Ich habe auch den Wunsch, Ihnen und Ihren Glaubensgenossen das tiefe Mitgefühl auszudrücken, das, wie ich sicher bin, von allen englischen Christen denen entgegengebracht wird, die unter den entsetzlichen Greueln zu leiden hatten. Wir hatten gehofft, daß Greueltaten dieser Art in jeden: christlichen Lande unmöglich wären, obwohl ich annehme, daß die Chronik früherer Jahrhunderte kein Land aufweist, das von dem Makel solcher Grausamkeiten fern geblieben wäre. Und diese Erinnerungen sollten meiner Meinung nach unsere Verurteilungen anderer ein wenig einschränken. Ich bin jedoch überzeugt, daß wir jetzt von dem christlichen Ernst und der christlichen Ueberzeugung in den verschiedenen Ländern hoffen können, daß das Christentum von der Wiederkehr solcher Greueltaten verschont bleiben wird. Aber wir können nicht unterlassen, wenn wir auch mit den besten Wünschen in die Zukunft blicken, unseren Abscheu vor dem blinden und grausamen Geist anszudrücken, der aufgeregte Pöbelmassen zu solchen bestialischen Grausamkeiten geführt hat, und unsere tiefste Sympathie mit den Opfern zu äußern, welcher Nationalität und welchem Glauben sie auch angehören. Ich verbleibe mit tiefster Hochachtung Ihr sehr ergebener N a n d a l l C a n t u a r. Neue Exzesse. London. Der bekannte jüdische Schriftsteller und zionistische Führer Israel Zangwill erhielt eine Depesche aus Wolyson, worin gemeldet wird, daß dort eine neue schreckliche Judenhetze ausgebrochen sei. Der Pöbel plünderte sämtliche jüdischen Geschäfte sowie die Häuser, die von Juden bewohnt waren. Nachdem die Angreifer alles Wertvolle geplündert hatten, werbrannten sie die Ueberreste. Die jüdischen Einwohner find Bettler geworden. Sie lagern bei furchtbarer Kälte unter freiem Himmel und leiden Mangel am Notwendigsten. Lynchjustiz an einem Hetzer. L i b a u. Hier wurde ein Polizeibeamter namens Kluge, der nach durchzechter Nacht zu einer Judenhetze aufforderte, von einer Volksmenge vor ein improvisiertes Gericht gestellt und erschossen. Neuerliche Jndenexzeffe in Kischenew. Bukarest. Einer Jassyer Nachricht zufolge haben antisemitische Exzesse am letzten Samstag in Kischenew wieder begonnen. Die Hooligans griffen ein paar noch übriggebliebene jüdische Läden an, welche sie zerstörten und niederbrannten. Die israelitische Jugend, unterstützt von Studenten, setzte verzweifelten Widerstand entgegen. Es wurden dabei viele getötet und verwundet. Näheres liegt bis jetzt nicht vor. Die Teilnahme der Polizei an den Judenverfolgungen. Odessa. Der Polizeikommiffär Sischkin, von dem es erwiesen ist, daß er sich an den letzten Judenverfolgungen beteiligte, wird nach einem Beschluß der Stadtduma vor Gericht gezogen werden. — Einer jüdischen Deputation sagte der Stadthauptmann, es sei sein Wunsch, daß die vollständige Emanzipation der Juden durchgeführt werde. Die Judenmetzeleien in Bessarabien. Bukarest, 17. November. Aus Skuleni an der russischen Grenze wird gemeldet: Aus dem Pruth werden täglich Leichname von Juden ans Ufer gespült, welche Schnitte und Schießwunden aufweisen. Kosaken werfen erbarmungslos die Leichname wieder ins Wasser. Rumänische Bauern, von Juden unterstützt, fischen sie morgens auf, um sie zu bestatten. Aus Kischenew erfährt man: Zahlreiche Juden flüchteten während der letzten Schreckenstage nach dem alten Friedhof. Die Mörderbanden entdeckten die Unglücklichen, töteten sie größtenteils und warfen die Verwundeten lebendig in Gräber, die sie schändlich entweihten. Zur Hilfsaktion. Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Brettholz aus Triest schreibt uns: Die so warmen und zu Herzen gehenden Worte meines verehrten Kollegen Dr. Max Grunwald werden sicherlich ihren Eindruck auf die Leser dieses Blattes nicht verfehlt haben. Das Gefühl tiefer Trauer gibt sich in allen Schichten (auch bei den Großen) unseres Volkes kund, in allen Gemeinden werden Trauergottesdienste abgehalten und Geldsammlungen veranstaltet. Das so gerühmte und von gegnerischer Seite gerügte Solidaritätsgefühl unserer Nation verleugnet sich nicht, und es ist zu hoffen und zu wünschen, daß jeder nach seinen Kräften — ja noch mehr beitragen wird, das Elend unserer Brüder zu lindern. Ich habe in meinem kurzen Berichte „Hilfsaktion" schon angedeutet, ich will des näheren erörtern, wie und durch wen das Geld verteilt werden soll. So viel ist uns bekannt, daß mindestens 90 Städte unter dem Wüten des rohen Pöbels zu leiden hatten und noch leiden, 90 Städte, eine von der anderen so weit entfernt. Run sehe ich, daß in Wien die bewährten Institutionen die „Israelitische Allianz", die Delegationen der beiden „B'ne Brith-Logen", die zionistische Organisation, sowie der Vorstand der „Oesterr.-Jsrael. Union" sich vereinigt haben, die Hilfsaktion wirksamst zu fördern, ferner hat unter Vorsitz Lord Rotschild's eine Sitzung stattgefunden, an der Delegierte aus Paris. Berlin und Petersburg teilgenommen haben und die den Beschluß gefaßt haben, alle Geldsammlungen an Baron Günsburg zu überweisen und außerdem eine aus drei Mitgliedern bestehende

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