Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 47 (24.11.1905)
- Date
- 1905-11-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 750 Dr. JSlocb’s Mocbenscbrtkr. Nr. 47 Kommission zu entsenden, die die heimgesuchten Städte besuchen soll. Doch will ich mir erlauben, einige Gedanken den maßgebenden Kreisen zur Erwägung anheimzustellen. Als vor ungefähr 2 '/2 Jahren die Exzesse in Kischinew, Homel re. stattgefunden, hat man Tausende von Gulden nach Rußland geschickt, um die Not der Armen zu lindern und Vielen zu einer Existenz wieder zu verhelfen. All das gesammelte Geld, und manch blutiger Pfennig ist darunter, ist nach Rußland geschickt und richtig verteilt worden und nun ist all dieses Geld wieder in russische Henkershände gefallen. Es erinnert mich lebhaft ans Mittelalter, in dem die Juden nicht als ortsangehörige Bürger betrachtet wurden, sondern als aufenthaltsberechtigte fremde Kolonisten, die man so lange duldet, als es den „Herren" paßt und man nur darauf wartet, sich der Mittel zu bemächtigen, die sich die Juden in der Zwischenzeit der „Ruhe" erworben haben. Die reichen Juden sucht man aber mit gleißnerischer Freundlichkeit und ausgesuchtester Höflichkeit, mit nichtssagenden Phrasen abzuspeisen, es werden schon bessere Zeiten kommen. Vorläufig sollen nur alle Juden der zerstreuten Welt wieder ihre Notpfennige nach Rußland senden, um doch den hungernden Glaubensbrüdern „vorläufig" die erste Hilfe zu bringen. Was tut aber der russische Staat! Welche Bürgschaft haben wir für die nächsten Tage? Darum ftage ich, haben wir unseren Brüdern mit unseren Opfern geholfen? Im Gegenteile, die wilden Horden sind noch durch die armen Habseligkeiten der Aermsten angestachelt worden, das mörderische Handwerk in Angriff zu nehmen. Wer gibt die Garantie, daß von jetzt ab Ordnung und Gesittung im russischen Reiche einkehren wird? Das Zentralbureau der deutschen Juden leistet wirklich sehr viel, mit dem den deutschen Juden eigentümlichen Fleiß, mit aller Gewissenhaftigkeit und Pünktlichkeit erfüllt es die übernommenen Pflichten. Taten sprechen. Mit einer geradezu bewundernswerten Nachsicht und Geduld bringt das Zentralbureau die größten Opfer für alle unterdrückten Glaubensgenossen, scheut keine Mühe, keine Arbeit, kein Geld, keine Opfer, um nur hilfreich der Gesammtheit und dem Individuum zur Seite zu stehen. Was der verstorbene Bankier Dr. Heinrich M. Cohn (Justizrat) geleistet, kann ein Dutzend Briefe — an mich gerichtet — beweisen. Bei all dieser rückhaltslosen Anerkennung frage ich, was will und was kann das „Zentralburcau der deutschen Juden" bei der jetzigen Sachlage in Rußland ausrichten? Wie können drei Mitglieder all die heimgesuchten Städte aufsuchen? Deswegen gestatte ich mir folgenden Vorschlag: Die gesammelten Gelder sollen in eine Hand Zusammenkommen, aber in jede heimgesuchte Stadt soll ein Delegierter entsandt werden, und zwar einer, der schon die russischen Verhältnisse kennt und sich mit den russischen Glaubensgenossen leicht verständigen kann. Statt also drei Delegierte schlage ich vor fünfzig, und zwar soll noch jeder Delegierte die nächstgelegene Stadt des Anderen kontrollieren, und nachher soll die dreimitgliedrige Kommission all die Städte nochmals inspizieren. Die Summen sollen beiläufig je nach der Anzahl der Einwohner und je nach dem angerichteten Schaden vorher schon bestimmt werden, und dann soll jeder Delegierte seinen Bezirk — seine Stadt bedenken. Ich habe jedoch schon vorausgesetzt, daß es aber ein Unrecht wäre, die blutig gesammelten Gelder nach Rußland zu tragen. Ansgaben nur so viel als notwendig, um die notwendigste Hilfe zu bringen, den Rest für die Auswanderung — wohin — cura posterior. Zweitens es sollen Tausende von Waisen herumirren — diese Waisen in ein Land bringen, in dem noch nicht viel Juden sind und wo sie nicht ungern gesehen werden. Ich nehme an, wir reservieren einen Fonds von 20 Prozent vom gesammelten Gelde. Kann man nicht für dieses Geld in Florenz ein prachtvolles Waisenhaus schaffen, in dem die Kinder untergebracht werden, um zu nützlichen Menschen erzogen zu werden. Es wäre eine Wohltat für die armen Waisen, eine Wohltat aber auch für die italienischen Juden, wenn ein gesunder Bluteinschlag dort seßhaft wird. Ein internationales Komitee würde die Aufgabe haben, darüber zu wachen und für die Erhaltung zu sorgen. Ich habe ja nur die Idee hingeworfen, bis zur Verwirklichung würde sie ja noch greifbarere und reifere Formen annehmen. Zum Schluffe erkläre ich mich bereit — so mein Vorschlag in Bezug auf die zu entsendenden Delegierten angenommen werden soll — eine auf mich zu fallende Wahl anzunehmen. Es klingt vielleicht unbescheiden — selbst auf die Gefahr — so ich weiß — ich kann meinen Brüdern helfen — da ich in Rußland des Oefteren während meiner Studienzeit war — tue ich es, und ich will hoffen, daß sich noch andere finden werden, die diesen notwendigen Dienst nicht versagen werden. Rabbiner Dr. Brettholz. Korrespondenzen. Ein Appell an die jüdischen Franen und Mädchen Wiens! Unter dem erschütternden Eindrücke, den die großartige, von Tausenden besuchte Trauerversammlung im Sofiensale auf mich machte, richte ich diese Zeilen an Sie, verehrter Herr Redakteur, mit der Bitte um Veröffentlichung derselben. — Ueber den Verlauf der erhebenden Feier und über die enthusiastisch begrüßten Redner wird Ihnen von berufener Seite Bericht erstattet werden. Ich möchte mir nur erlauben, an das Schlußwort der herzbewegenden Rede des Herrn kais. Rat Adolf Ruzieka anknüpfend: „Es tue Jeder seine Pflicht", zu fragen, wäre es nicht Pflicht der jüdischen Frauen und Mädchen, die hilfsbereiten Männer in diesenftraurigen Zeiten werktätig zu unterstützen? Man soll von den Frauen Israels nicht vermuten dürfen, daß ihr Herz solch furchtbaren Greueln kalt und teilnahmslos gegenüberstehe. Wäre es nicht Pflicht jener Frauen und Mädchen, die es sich zur Ehre anrechnen, alljährlich an der Seite der Fürstin X. und der Gräfin A. als Lady- Patroneffe für einen beliebigen' wohltätigen Zweck Zeit, Mühe und Geld zu opfern, auch einmal einen Gegendienst zu fordern und als Bittende bei den Damen der Aristokratie, der Laute finance und bei den Patrizierfamilien unserer Stadt zu erscheinen und um eine milde Gabe zu bitten für unschuldig gemordete oder beraubte und schändlich mißhandelte Menschen, ohne zu erröten darüber, daß diese Unglückseligen zufällig Juden sind? Ich glaube kaum, daß eine der vornehmen Frauen den Mut fände, angesichts solchen Elends Nein zu sagen; es müßten eben nur die jüdischen Frauen sich voll und ganz für die gute Sache einsetzen, wenn es diesmal auch nur für unsere unglücklichen Glaubensgenossen zu bitten gilt! Das Unglück ist interkonfessionell und international und alle Menschen sollten zusammenwirken, um so grenzenloses Elend ein wenig zu lindern. Auch wir andern arbeitenden, oft schwer um die eigene Existenz ringenden Frauen wollen sein: „Ein einig Volk von Schwestern" und gerne ein Scherflein dazu beitragen, um ein Meer von Tränen trocknen zu helfen. Hoffend, daß es nur einer Anregung bedarf, um Gutes zu fördern, danke ich Ihnen, verehrter Herr Redakteur, für die Aufnahme dieser Zeilen und zeichne hochachtungsvoll L. W., I., Schottenring 14. Ueber die Stellung der ungarischen Regierung zur Judenfrage äußerte sich der ungarische Kultusminister Georg Lukacs in seiner jüngsten Kandidatenrede wie folgt: „Die Israeliten, welche seit ihrer bürgerlichen und politischen Gleichstellung auch auf wirtschaftlichem- und kulturellem Gebiete eine anerkennenswerte Tätigkeit entfalten, müssen heute, da auch die staatsrechtliche Rezeption ihrer Konfession erfolgt ist, natürlich der Unterstützung von seiten des Staates ebenso teilhaftig werden, wie die übrigen rezipierten Konfessionen. Der § 2 des G.-A. 20, 1848, welcher „für alle in diesem Vaterlande gesetzlich rezipierten Konfessionen ohne Unterschied die vollkommene Gleichheit und Gegenseitigkeit" feststellt, wie auch 8 3 dieses Gesetzes, welcher „die Bedeckung der kirchlichen und Schulerfordernisse aller rezipierten Konfessionen im Wege der stäat-