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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-10-13 · 41 (13.10.1905) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
41 (13.10.1905)
Date
1905-10-13
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 4i Dr Llocb's TKHocbenscbrift Seite 653 „Ihr Mann liegt im Sterben", sagte der Bucklige. „Wenn er tot sein wird, werdet Ihr ihn anblicken. Aber er wird Euer Angesicht nicht mehr schauen, Ihr habt es geschworen." „Teufel", schrie die starke Stimme des Weibes. „Ich schwur es am Kol Nidre-Abend, da ich den Allmächtigen angefleht habe, mich von allen übereilten Schwüren loszusprechen. Laß mich hinein, ich sage es Dir!" „Ich will einen heiligen Schwur nicht so verstanden haben", sagte der Bucklige grausam. „Ich will Deine Seele vor der Sünde bewahren." „Verflucht seist Du in aller Ewigkeit!" erwiderte die Frau. „Bete, bete für Deine Seele, o Moses, denn Du liegst im Sterben." „Höre, o Israel, der Herr unser Gott, der Herr ist einzig!" wehklagte die Frau. Der Dunst ringsum schien sich zu verdichten und den Wiederklang ihrer heiligen Worte zu verstärken. Der Bucklige schwieg still. Die spöttischen Worte erstorben auf seinen Lippen, und als die Frau mit einem starken Schlag endlich die Tür aufriß, schien er wegzugleiten und sich im Dunkel über die Stiege zu verlieren. Rivkole beachtete nicht den verzerrten, bösartigen Gesichtsausdruck Moses. Sie flog geradeaus durch den schweren Dunst auf ihn zu, bückte sich und küßte ihn auf den Mund und las in dem Augenblick, daß der Tod für ihn beschlossen sei; dann legte sie etwas kleines, warmes in ihres Mannes kalte Arme. „Nimm es Moses", schrie sie und stärke Deine Seele im Sterben. Das ist Dein Kind, denn Gott hat uns einen Sohn geschenkt. In der Jom Kippur-Nacht, es find 6 Monate seither, hatte ich einen Traum, daß Gott Dir vergeben würde und ich war froh. Aber als ich d'ran dachte, am Abend zu Dir zurückzugehen, da hörte ich, daß Du Dich am Versöhnungstag mit Satan Mekatrig vergnügt hast und mein Mut sank mir, denn ich dachte, daß mein Traum nur vergebliches Sehnen und daß Deine schlechtgeleitete Seele nie mehr von der ewigen Rache befreit sein werde. Dann ging ich fort, weit fort von hier und plagte mich und lebte mühsam und allein; und ich dachte nicht an meinen Traum, dann betete ich für Deine Seele und bald hatte ich Antwort: ich hatte die Gewißheit, daß wir ein Kind haben werden und dann flehte ich, daß es ein Sohn sein möge, damit er für Dich bete und Dich zu Gott zurückführe und einstens das Kaddisch sagen möge, wenn der Tod kommt, obgleich ich nicht wußte, daß der Tod so nahe wäre. Einige Wochen später war der Barmherzige gütig und gnadenvoll und mein Wunsch war erfüllt." Sie unterbrach sich, ihr blasses Gesicht rötete sich. Der Schatten des Todes konnte ihren erhabenen Glauben nicht erkälten, noch ihre einfache vertrauungsvolle Hoffnung zerstören. Der Mann umarmte das schwach wimmernde Kind und hauchte leidenschaftliche Küsse auf seine zarten Wangen. Rivkole flüsterte er und die Tränen rannen über sein Gesicht. „Wie blaß und mager Du geworden bist. O Gott, meine Sünden find schwer gewesen." „Nein, nein!", rief sie, die geliebte Hand in der ihren haltend, „es war der Satan Mekatng, der Dich verführt hat. Ich bin gesund und stark und werde arbeiten für unser Kind und es erziehen, damit es für Dich betet und Dein Andenken ehrt. Ich habe es Jakob benannt, denn er soll kämpfen und siegen." Die Totenblässe vertiefte sich auf dem Gesichte des Moses Grinwitz. Aber göttliche Ruhe tronte darauf. „In der guten alten Zeit hatten wir das Cheder in Polen. Der Rabbi war manchmal böse, aber wir Kinder waren immer fröhlich. Und wenn die Feiertage kamen, war es für uns ein Spaß, die Kerzen, die in halben Aepfeln steckten, herumzutragen und an den Aepfeln zu nagen. Wann find die nächsten Feiertage?" „Ostern ist bald vorüber." „Pessach ist vorüber", sagte er traurig, „und ich erinnere mich nicht, den Seder gehalten zu haben. Warum hast Du mich nicht erinnert, Rivkole, das war unrecht von Dir. Du wußtest ja, wie sehr ich den Anblick der Tafel liebte. Die Engel schienen immer darüber zu schweben. Chad gadyah, Chad gadyah!", begann er heißer mit brechender Stimme zu fingen. Das Kind brach in Wehklagen aus. „Ruhig, ruhig, Jankele!", sagte die Mutter und legte es an ihre Brust. „A—a ch! Ein wilder Schrei brach von Moses Grin- Witz' Lippen. „Mein Kaddisch, mein Kaddisch, nimm mir meinen Kaddisch nicht fort!" Er setzte sich auf und tastete mit geisterhaftem, schweißbedeckten Gesicht um sich. Ein dünner Blutstrom floß aus seinem Munde. „Höre, Israel!", schrie das Weib und legte die Hand an seine Lippen, um das Blut zu hemmen. Er stieß sie fort. „Nicht Dich, Dich brauche ich nicht. Ich will meinen Kaddisch. Ich habe Gott gelästert. Gieb mir mein Kaddisch, mein Kaddisch." Sie legte das Kind in seine Arme und er umspannte es in Todesraserei. Als er die zarten Formen fühlte, beruhigte er sich wieder. Des Kindes Schreie waren in Furcht verstummt. Die Mutter blieb wie versteinert und bewegungslos. Plötzlich wurde die Ruhe von einem tiefen Raffeln unterbrochen. Moses Grinwitz' Kopf fiel zurück. Seine Arme lösten sich vom Kinde und die Mutter riß es mit einem wilden Schrei an sich. Die schwarzen Schatten hoben sich und zeigten die drei Gestalten dem traurigen, todesgepeinigten Augen des Buckligen, der in der geöffneten Türe stand. Neue Bücher. Im Verlag von Georg Reimer Berlin soeben erschienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: M. Friedländer : Die religiösen Bewegungen innerhalb des Judentums im Zeitalter Jesu. 412 Seiten stark. Dr. M. Brann. Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums. Begründet von Dr. Z. Frankel, Organ der Gesellschaft zur Förderung der Wiffenschaft des Judentums. Verlag von Wilh. Koebner, Breslau. Heft 7/8. Juli—August 1905. Inhalt: Julius Guttmann: Hermann Cohens Ethik. Sigmund Jampel: Esther, eine historisch-kritische Untersuchung. Hermann Vogelst e i n: Die Entstehung und Entwicklung des Apostolats im Judentum. I. S ch u l tz e: Geschichte der Familie Wallich (Fortsetzung.) Jakob Guttmann: Ueber Jean Bodin in seinen Beziehungen zum Judentum (Schluß). Moritz Steinschneider: Mathematik bei den Juden (1551—1840) (Fortsetzung). Besprechungen: Oskar Frankel: Der Jude in den deutschen Dichtungen des 15., 16. u. 17. Jahrhunderts. Von Adolf Lewin. I. Z. Lauterbach: Saadia al-Fajjumis, arabische Psalmenübersetzung und Kommentar. Von S. Eppenstein, Ludwig Levy: Kurze Mitteilungen. Protokoll über die Sitzung des Ausschusses der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. Bericht über die Sitzungen der Kommission zur Herausgabe der Germania Judaica. Preisausschreiben der Wormser israelitischen Gemeinde. Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden. Herausgegeben vom Bureau für Statistik der Juden, Berlin-Halensee, Westfälische Straße 46. Redaktion: Dr. Arthur Ruppin. I. Jahrgang. Heft 9. September 1905. Inhalt: I. Abhandlungen. Dr. I. Thon, Berlin: Die üdischen Gemeinden in Deutschland. M. Law in, St. Petersburg: Der Cheder-Unterricht in Rußland. Zum Stande der zionistischen Bewegung. Dr. A. Ruppin, Berlin: Die Juden auf den preußischen Universitäten. II. Statistisches Archiv. Ausgaben des ftanzöfischen Staates für jüdische Kultuszwecke. Dr. M. Marge!. Deutsch-Hebräisches Wörterbuch. Vollständig in 40 Heften, Heft 27 bis 30, Preis eines Heftes 50 Heller. Subskriptionspreis 15 Kronen — 15 Mark. Preis des vollständigen Werkes nach Erscheinen 20 Kronen — 20 Mark. Kommissionsverlag von Leopold Klein, Pozega 1904.

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