Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 41 (13.10.1905)
- Date
- 1905-10-13
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021602-3021644--14867-3039601- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 652 Dr. Llocb's MocbenscbrlN. Nr. 41 „Armer Moses," sagte der Bucklige. „Was für eine Schande, daß ich das Erbteil nach meinem Vater so leichtsinnig durchgebracht habe. Wie konnte ich es voraussehen, daß Ihr von einer so schweren Krankheit befallen sein werdet?" „Nein, nein, Du hast nichts zu bedauern," zitterte Moses. „Wir haben lustige Tage verbracht, solange das Geld gereicht hat. O, Ihr wäret mir ein guter Freund. Wenn ich Euch nie gekannt hätte, würde ich nie die Freuden des Trinkens und Schwärmens kennen gelernt haben. Ich habe wilde, wollüstige Augenblicke des Genusses gehabt. Keine Macht des Himmels und der Hölle kann die Vergangenheit verwischen. Und dann die süße Freiheit, tun und denken zu können, was man will, den Aberglauben überwunden zu haben, alles das verdanke ich Euch. Und seit ich krank bin, habet Ihr mich gepflegt — wie eine Frau." Seine Worte erstürben in Schluchzen und dann war es still, nur das Husten ließ nicht nach. Dann sagte Moses: „Wie ungerecht Rivkole zu Euch war. Einst sagte sie — hier lachte der Sprecher ein wenig — daß Ihr der Satan Mekatrig seid." „Die arme betrübte Frau!" sagte sein Freund mit mitleidigem Spott. Im 19. Jahrhundett, wo unter den Weisen der Glaube an die Götter längst ausgestorben ist, da leben immer noch Dumme, die an den Teufel glauben. Aber sie hat es ja nur vergleichsweise gemeint." Der kranke Mann schüttelte seinen Kopf. „Sie haßte Euer« schlechten Einfluß — ihr erschien er schlecht und böse — auf mich. Ja, meine Rivkole kannte nur ihr Gebetbuch. Rivkole." „Erwähne ihren Namen nicht mehr vor mir," unterbrach der Bucklige ihn barsch. „Eine Frau, die ihren Mann verläßt." „Sie legte einen Schwur ab, daß sie gehen werde, wenn ich das Jom Kippur-Licht auslösche, und ich tat es." „Eine Frau, die ihren Verstand verliert, weil ihr Mann aufgeklärt wird", höhnte der Andere. „Zweifellos hat ihr der Aberglaube allerlei vorgespiegelt. Uebrigens kann sie ohne Euch auch leben. Sicherlich hat sie jetzt einen frommeren Gatten, der mehr ihrem Geschmack entspricht". Moses wandte sich in konvulsivischen Zuckungen. „Sage das nicht"! rief er. „Meine Rivkole"! Dann erschütterte ihn heftiger Husten und Blut trat auf seine Lippen. Die kalten Augen des Buckligen blickten eigentümlich, als er das sah. „Sie kann und wird ihren Schwur nicht brechen und wird nie mehr zurückkehren". „Nein, nie mehr", stöhnte hoffnungslos der Kranke. „Aber es war grausam von mir, sie wegzujagen. Wollte G . . . . Der Bucklige legte seine Hand auf den Mund des Sprechers und wischte das Blut behutsam fort. „Wenn es mir besser geht", sagte Moses mit plötzlicher Entschlossenheit, „werde ich sie aufsuchen, am Ende geht es ihr nicht gut und sie hungert vielleicht". „Wie Ihr wollt. Ihr wißt es, sie verdient sich durch Nähereien das Brod. Aber Ihr feid Euer eigener Herr. Wenn Ihr wieder gesund seid, könnt Ihr sie aufsuchen und zurücknehmen". Seine Worte klangen boshaft. „Wie gut Ihr seid", sagte Moses, von Hoffnung neubelebt. Der Bucklige beugte sich tief über das Bett, bis sein mächtiger Kopf beinahe auf dem des Kranken lag und seine wundervollen Augen ttef in die des Andern blickten. „Und trotzdem wollt Ihr nicht Eure Genesung durch das Hilfsmittel beschleunigen, das ich Euch vorschlug". „Nein, nein", sagte Moses zitternd. „Was liegt daran, ob ich eine Woche weniger oder mehr darniederliege". „Hier liegen", höhnte der Freund. „In acht langen Tagen könnt Ihr verfautt liegen". Ein wilder Schrei löste sich von den blutigen Lippen. „Ich sterbe, noch nicht, nein, ich werde nicht sterben. Ihr sagtet selbst, daß es mir bald besser ergehen wird". „Ja, es wird Euch bald bester werden, aber nur wenn wir Geld haben. Ohne geeignete Nahrung, ohne einem Funken Feuer im Ofen, wie könnt Ihr bei solchem Wetter noch eine Woche so elend verleben. Nein, anstatt daß Ihr vom Licht und Glück dieser Welt in die Trauer und Finsternis des Grabes hinübergehen solltet, wäre es besser, Ihr ließet Euch sofort taufen". „Ich mich schmaden lassen", rief der Kranke. „Niemals"! Ekel verursachte ihm dieses Wort. „Schaut, diese eisige Atmosphäre mahnt Euch. Ihr müßt christliches Gold nehmxn, sage ich Euch. Dann werdet Ihr Feuer im Ofen haben! Ihr seid ja nicht mehr gläubig. Nun, was ist also dran. Aber ihr seid kein richtiger Abtrünnling. So lange ihr davor zurückschreckt, Euch zu einer anderen Religion zu bekennen, so lange besitzt Ihr noch immer eine Religion. Euer Unglaube ist Wellenschaum auf dem Meere der Religion. Mit dem Mund seid ihr Freigeist, aber Euer Herz ist noch voll Aberglauben. Saget ja und ich hole einen Priester mit dem Kreuz und Weihwasser. Raffet Euch auf! Seid ein Mann und Ihr werdet aufleben"! „Nein, nein, Bruder, ich will ein Mann sein und sterben". „Narr", zischte der Bucklige. „Für einen, der monatelang vom Geld der Christen gelebt hat, ziemt es sich nicht, so zu reden". „Ihr lügt", ächzte Moses. „Während der sieben Monate, die wir zusammen verlebten, hat christliches Geld Euch genährt, gekleidet und erfreut und ist als Wein in Eure Adern geflossen. Woher denn nahm ich das Geld für Eure Vergnügungen?" „Von Eurem Vater sagtet Ihr mir". „Ja von meinem himmlischen Vater", lautete die grimmige Erwiderung. „Nein ich bin Christ geworden und dafür hat man mich ein Jahr lang erhalten. Jetzt bekomme ich nichts mehr, aber Ihr seid ein Neuer und wir würden beide gut belohnt werden. Statt kümmerlich von Milch und Brot zu leben, würdet Ihr Hühnersuppe und Champagner erhalten". Moses setzte sich auf und blickte wild auf den Verführer. Er schaute seine abgemagerten Arme an und erschauerte. Er fühlte die eisige Hand des Todes. Noch nicht alt sein und sterben müssen, das schien ihm hart. Mußte er schon in die ewige Finsternis hinab, während das warme Leben ihm seinen Busen zur Umarmung-bot. „Nein, Leben, Leben, beflecktes, geschändetes Leben, aber doch Leben, köstliches Leben". „Die stählernen Augen des Buckligen beobachteten ihn scharf. Plötzlich fiel Moses Grinwitz zurück. Das Zimmer schien sich mit einem unmerklichen, trüben Dunst zu füllen, als ob Nebel hineindringen würde. Der Bucklige haschte nach der Hand des Kranken, um seinen Puls zu fühlen. Seine Augen glühten mit schrecklichem, frohlockenden Ausdruck: „Nicht jetzt, nicht jetzt, Bruder Azrael", sagte er hohnvoll, „noch ist es nicht an der Zeit, zurück, zurück"! Der Dampf verdichtete sich. Minuten verstrichen. Der Bucklige guckte erwartungsvoll auf das leichenfahle Gesicht und auf den schmutzigen Polster. Endlich öffneten sich seine Augen .wieder. „Gott sei Dank, Rivkole", murmelten die sterbenden Lippen, „ich wußte ja, daß Du kommen wirst". „Als er so sprach, klopfte es ungeduldig an die Tür. Des Buckligen Gesicht erbleichte. „Nun beeile Dich, eile Dich, Bruder Azrael", schrie er. Der Dampf im Zimmer lichtete sich ein wenig. Moses Grinwitz schien sich wieder zu erholen. Sein Gesicht erhellte sich. „Oeffne die Tür, öffne", schrie er. „Es ist Rivkole, meine Rivkole"! Das vergebliche Klopfen an der Tür wurde immer heftiger. „Sei ruhig, liege still", sagte der Bucklige. „Du bildest es Dir nur ein. Trink lieber". Er reichte ihm den Krug, doch der Sterbende schob ihn zurück und das Gefäß fiel klirrend zu Boden. „Gib mir nichts, was mit dem christlichen Geld gekauft wurde", keuchte Moses heiser und sein Atem drang raffelnd aus seiner Kehle. „Nie will ich wissend durch meine Verneinung an Gottes Einigkeit gewinnen". „Dann stirb wie ein Hund", brüllte der Bucklige. Die Tür wurde immer heftiger gerüttelt. „Moses, Moses, kreischte die Stimme von draußen. Laß mich ein, ich bin es, deine Rivkole." Um Gotteswillen, laß mich ein. Ich bringe Dir eine kostbare Gabe. Oder bist Du tot? Warum o Gott ließest Du mich nicht wissen, daß er krank sei.