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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-03-24 · 12 (24.3.1905) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
12 (24.3.1905)
Date
1905-03-24
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 190 Vr. Blocb’s Mocbenscbrtft Nr. 12 ihren Seelenhirten verehrt. Der Geist, der in den jüdischen Kreisen Dijons waltet, ist nicht minder frei als jener der dortigen Christenheit. Die schöne Synagoge ist von Samstag abends bis Freitag abends geschloffen und auch der Sabbathgottesdienst erfreut sich keines Zuspruches. Das Zeremonielle ist ganz aus der Uebung gekommen, doch das jüdische Bekenntnis und Bewußtsein lebt ungetrübt in dem Gemüte aller Dijoner Juden. In einer hochmodernen Gemeinde dieser Art sind die seelenamtlichen Pflichten gar gering, und wenn ein Rabbiner Begabung und Schaffensfreude in sich verspürt, tut er gut, sich in sein stilles Forscherstübchen zurückzuziehen, um von dort durch eine literarische Wirksamkeit die Zahl seiner Gemeindemitglieoer mit der großen Summe seiner Leser zu vermehren. So handelt auch Herr Lsvy, einer der fleißigsten jungen französischen Rabbinen. Er ist der erste Mitarbeiter des in Paris erscheinenden „Univers." und hat auch sonst eine nennenswerte, schriftstellerische Tätigkeit hinter sich. Sein jüngstes Werk ist jenes Büchlein, dessen voller Titel eingangs zu finden ist. Es ist das philosophisch geläuterte Glaubensbekenntnis eines jüdischen Denkers, der die Errungenschaften der Wissenschaften hoch hält und dabei das ewige Ideal des Judentums nicht preisgcben will. Französisches Freidenkertum sucht sich darin jüdisch-historischer Gesinnung anzupassen uud aus dieser harmonischen Einheit erblüht der holde Zukunststraum des Verfaffers von dem siegreichen Vordringen jüdischer Ethik und von der Herrschaft des geistigen Israels in der Weltanschauung zukünftiger Geschlechter, wie Jesajas es verkündet. Kap. 2, Vers 2 und 3. Der erste große Abschnitt des Buches, der den Titel führt: „Eine vernunftmäßige und weltliche Religion" wird von dem Gedanken beherrscht, daß das Bedürfnis nach Religion ein ewig menschliches ist und daß wir der einzigen, untrüglichen, inneren Offenbarung vertrauungsvoll lauschen können, sollen und muffen, wert es keine Disziplin auf Erden gibt, die das Dasein Gottes als den wissenschaftlich erschlossenen Wahrheiten zuwiderlaufend darstellt. Die Wissenschaft weiß hier keinen Bescheid, sie schreitet scheu und frostig an dem Probleme des Ueberirdischcn vorbei, es gibt kein beweiskräftiges Ooutra und auch kein unumstößliches Lro und diese große Frage liegt jenseits der ernsten, zielbewußten, wiffenschaftlicben Erwägungen. Wir Sterbliche aber blicken zagend in die .unergründlichen Tiefen unseres Seelenlebens, wir suchen Erhebung und Erlösung, Festigkeit in dem ewigen Schwanken, wir ringen nach der Gottheit und was die Wissenschaft nicht gebietet und nicht versagt, das quillt urkräftig aus unserem Gemüte und unserem Gewissen - es ist der Glaube an ein höheres Wesen, das unsere Geschicke lenkt. Gewißheit können wir nie erlangen, aber alle Wahrscheinlichkeit verleiht uns Vertrauen zu diesem trostreichen Gedanken und wir können uns mit unendlicher Freudigkeit sagen, baß diese Welt kein Spiel blinder Klaft sei/ daß vielmehr ein höchster intellektueller Wille darin waltet und darüber schwebt. Ist nun einmal das höchste Prinzip gesunden und anerkannt, wirft sich die Frage auf, welcher Art wir aui besten unserem Verhältnisse zu Ihm gerecht werden, das heißt, welche Religion so vernunstmäßig und ethisch so vollendet ist, daß sie unseren naturwissenschaftlichen und philosophischen Anschauungen keine Gewalt antut und doch alles Schöne und Hohe, alle Tröstung und Erbauung in sich schließt? Diese Frage will der zweite Teil des Buches beantworten, der den Titel führt „Das Judentum vor den Bekräftigungen des modernen Gewiffens". Ein jüngst erschienenes Buch von Gabriel Söailles „Les affirmations de la consciencc moderne“ gab Anregung zu diesem Titel und der Verfaffer sucht stets die dort niedergelegten Gedanken in den Kreis seiner Betrachtungen zu ziehen. „Das Judentum", heißt es in diesem zweit n Teile, „wie wir französische Inden des XX. Jahrhunderts es auffaffen, widerspricht keiner einzigen der berechtigten Anforderungen des modernen Gewiffens". Das Judentum hat keine Dogmen, die es seinen Anhängern aufdrängen würde, gesunder Menschenverstand und die klare Stimme des Gewissens gebieten souverän in dieser Religion. Das Judentum und seine Lehre haben ihre Evolution durchgemacht und noch durchzumachen, die Bibel ist kein Werk eines emzigen Wurfes, sie ist vielmehr eine Schaffung verschiedener Epochen nnd aus der Vielfältigkeit der Gedanken und Lehren ragt ein einziger als erster und letzter empor, das ist der Glaube am einzig-einem Gott. Neben diesem machtvollen Prinzip gibt es keine anderen Glaubenssätze, das alles entspricht vollkommen den Anforderungen des modernen Gewiffens. Das Judentum — jenes der französischen Auffassung — kennt keinen Aberglauben, aber auch keine Wunder, gestattet keine Unduldsamkeit, so erheischt es das moderne Gewiffen. Die jüdische Ethik hat ihren Ursprung im pochenden Herzen, sie verpönt jede Weltflucht und jede vereinsamte Entsagung, sie wünscht Lebensfreude und Geselligkeit, sie steht im Dienste des sozialen Fortschrittes und nährt sich von dem großen Einheitsgedankcn der Menschheit, sie ist daher durchaus dazu angetan, dem modernen Gewiffen zu entsprechen. An diese Erkenntnis knüpft sich nun der hoffnungsfrohe Gedanke, daß jede zukünftige fortschrittliche Anschauung im Reiche jüdischer Ethik und jüdischer Ideale ihren Ausklang finden muß und diese Zukunft der Anerkennung, sie ist nicht allzu ferne. Der poetische Zug, der dieses Merkchen durchweht, ist echt französisch und dabei auch echt jüdisch. Von Bossuet. Pascal, Chateaubriand, Lamartine und Renan haben alle jungen Theologen die Gewandtheit erlauscht, ein religiöses Thema mit unsagbar graziöser Feinheit und seelenvoller Weihe vorzuttagen. Bei dem Verfaffer gesellt sich zu dieser sausten Trübseligkeit gallischer Sprachkunst ein lieblicher Wiederschein jener Beredtheit, die aus dem hebräischen Schrifttum so allgewaltig zu uns klingt. Alles ist schön, lehrreich und beherzigenswert, ein Wörtchen der Kritik läßt sich trotz alledem nicht unterdrücken. Dieses Judentum der französisäien Auffassung und Betätigung ist so farblos und entblättert. daß sein etwaiger zukünftiger Siegeszug durch die Geister einem schönen Teil der Inden nur wenig Freude bereiten würde. Der Verfasser verwirft vieles, das in weiten jüdischen Kreisen als wesentlich und unwandelbar dasteht, er hat aus Beflissenheit, der Wissenschaftlichkeit Rechnung zu tragen, das Judentum gar zu sehr ins-Ideelle verdünnnt und ist dadurä) bis hart an die Eissänle des freien Gedankens gelangt. Es ist wohl wahr, das Freidenkertum ist auch nicht das Schlimmste und Dümmste, aber mit einem positivem Glauben kann es kein Poet und kein Rabbi verquicken. Prof. Philipp Nasch, Zsolna (Sillein). Neue Bücher. Heinrich Dork Steiner, „Der Talmudbauer." Preis brosch. Mk. 3°75, geb. Mk. 5 25. Jüdischer Verlag Berlin—Charlotten bürg, Herderstr. 3—4. Achad Häam, „Am Scheide w e g e", br. Mk. 5'—, geb. Mk. 6'—. Jüdischer Verlag Berli n—C harlottenburg, Herderstraße 3—4. I. L. Perez, „Erzählungen", br. Mk. 3.75, geb. Mk. 5 25. Jüdischer Verlag Berlin—Ch a rlottenburg, Herderstraße 3—4. David Pinski, „Eisik Scheftel", br. Mk. 2 —, geb. Mk. 3'—. Jüdischer Verlag Berli n—C h a rlotteuburg, Herderstraße 3—4. Dr. Caesar Seligmann, „Judentum und moderne Weltanschauung." Fünf Vorträge. Verlag von I. Kauffmann, Frankfurt a. M. 1905. Dr. I. Fromer (Elias Jakob), „Kulturprobleme der Gegenwart." Herausgegeben von Leo Berg. Zweite Serie: Band I. „Das Wesen des Jude ntums." Verlag von Hüpeden & Merzyn, Berlin, Leipzig, Paris, 1905. Briefkasten. E. Rosenzweig in L« Das Gewünschte erhalten Sie in der Buchhandlung Jos. Schlesinger in Wien, I., Seitenstettengasse 5. „Derganew." Das „Deutsche Volksblatt" ärgert sich, weil die Juden am Purim in Erinnerung, daß der „älteste Antisemit Haman gehenkt worden," ein Fest begehen. Haman war Wohl der erste Antisemit, der gehenkt worden, indeß nicht der einzige und nicht der letzte. Die Meisten endeten am Galgen und jeder Antisemit darf hoffen, dahin früher oder später zu gelangen. H. H. Die Huldigungsadreffen, welche die polnischen Studenten in Rußland und das jüdische Arbeiterkomitee in Rußland an das japanische Kriegsmimsterium abgesendet haben, gehören nicht in den Publikationskreis der „Oesterreichischen Wochenschrift". Indessen besten Dank für die Mitteilung. „Anonymus." Besten Dank und Gruß. S. K. Im Jahre 1903 betrug die Zahl der jüdischen Bevölkerung Großbritanniens *62.000. Davon lebten in England und Wales 232.000 (in London allein 148.000), in Schottland 26.000 und in Irland 4000. Die Zahl der jüdischen Eheschließungen betrug in ganz Britannien 1894, d. h. 12-88 pro Mille; da die Durchschnittszahl für die gesamte Bevölkerung 16 pro Mille betrug, so beweist die niedrige Ziffer der jüdischen Eheschließungen, daß sehr viele Juden in England sich nur standesamtlich trauen lassen. K. in Philippopel. Der Bericht über den Konflikt des Rabbiners Dr. Ehrenpreis mit der zionisttschen Partei soll nächstens publiziert werden. Dr. I. in ÜB. Die Theorien des Professors Fr. Delitzsch, der längst kein objektiver Forscher, sondern ein politischer Parteimann ist, haben wiederholt gründliche Widerlegung erfahren. K. F. Der russische Vergani, Herr Kruschewan, ist zu einem Monat und 10 Tagen Arrest wegen Verleumdung verurteilt worden Notiz. Union-Dank. Die XXXV. ordentliche Generalversammlung der Aktionäre der Union-Bank findet Donnerstag den 30. März 1905 um 11 Uhr vormittags in den Banklokalitäten, I., Renngaffe 1, statt. Tagesordnung: 1. Bericht des Verwaltungsrates und Vorlage des Bilanzabschluffes pro 1904. 2. Bericht des Revistonsausschuffes und Beschlußfassung hierüber. 3. Beschlußfassung über die Verwendung des Reingewinnes. 4. Wahlen in den Verwaltungsrat. 5. Wahl des Revisionsausschusses für das Jahr 1905. Die stimmberechtigten Herren Aktionäre, welche an der Generalversammlung teilzunehmen wünschen,

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