Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 12 (24.3.1905)
- Date
- 1905-03-24
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 12 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 189 die das Kind zum Gotteshause brachten, in dasselbe, musizierten während der ganzen Zeremonie und begleiteten den Zug, dem die besonders festlich geschmückte Gevatterin mit dem Kinde voranging, wieder nach Hause Wir waren auch zu einer Beschneidungsfeier in einer aschkenasischen Familie geladen. Nachdem das Kind in feierlichem Zuge aus der Synagoge nach Hanse gebracht wurde, traten auch wir mit den Gästen ein. Die junge, etwa 18jährige Mutter war von Frauen umgeben, die sie heiter stimmten, während die Männer bei dem vorgeschriebenen Mahle „Thora" sagten und fromme, hebräische Lieder sangen Die besonders warme und aufrichtige Gastfreundschaft fiel uns hier auf. Tiefen Eindruck machte auf uns der Gottesdienst in der Synagoge des R. Juda-ha-Chasid, in der täglich ein besonderes Gebet für unsere außerhalb des Heiligen Landes .,chuzo lo-orez“ wohnenden Glaubensgenossen verrichtet wird. Am 18. August beflaggte die ganze österreichischungarische jüdische Kolonie zu Ehren unseres geliebten Kaisers Franz Josef I. die Häuser mit schwarz-gelben und rot-weißgrünen Fahnen, und wurden in den Gotteshäusern besondere Gebete für das Wohl unseres Monarchen verrichtet. Die Sabbathfei-r füllt in Jerusalem allgemein auf. Am Freitag-Abend, nach Schluß des Gottesdienstes, stehen in den sephardischeu Bethäusern 2 junge Leute bei der Türe, die den das Bethaus Verlassenden je eine riechende Frucht und einen Blumenstrauß zum Verrichten eines Segensspruches reichen und mit einem lauten „LabbaOi-sebalom" begrüßen. Einmal wohnten wir auch der Feeitagabeud-Audacht an der alten Tempelmauer, „Kaiisel marowis“, bei, die besonders ergreifend war. Beim Fortgehen küßt jeder andächtig die altersgraue Tempelwand. Der Morgengottesdienst beginnt für die Strengfrommen („Wosikim“) gleich beim ersten Morgengrauen. Die Kohanim -sprechen täglich, auch an Sabbatheu, morgens den Segen, der bei uns nur an den Feiertagen üblich ist; an Neumond und Sabbäth wird zweimal bei Schacharis und Mussaph „geduchent". Vor dem Betpult in der Synagoge brennen keine Kerzen, sondern immer 2 Oellampen und benützt man außer Olivenöl zur sonstigen Beleuchtung der Bethäuser auch Petroleum. Im Bethause der sehr arbeitssamen Jemeniter gibt es nur Bundeslade, Schulchan und Buna und keine Bank; die Andächtigen, wenn sie nicht stehen, sitzen auf Teppichen, die d.n ganzen Boden bedecken. Au einem Freitag-Nachmittag sahen wir einen Leicheuzug. Den Sargträgern, die im Laufschritte durch die Straßen zogen, folgten ebenso schnell die Leidtragenden zum Oelberg. Die besondere Eile wurde damit erklärt, daß die Teilnehmer am Leichenzuge noch vor Sabbatheingang von dem weit draußen liegenden Gräberfelde wieder zurück sein mußten. Man sagte uns, daß für solche außerordentliche Fälle immer offene Gräber am Oelberg bereitstehen. Wir sahen auch einmal, spät nachts, nach Sabbathausgang, ein Leichenbegängnis; jeder der zahlreichen Begleiter trug eine Laterne und wurde der Verstorbene noch nachts auf dem Oelberge beigesetzt. Den Tisclra be-Aw brachten wir auch in Jerusalem zu und bleibt uns der Besuch der Tempelmauer und die ergreifende Andacht daselbst unvergeßlich. Es war halb 12 Uhr nachts, als unser Minjan — wir waren gerade 10 — mit Laternen vor der heiligen Mauer anlangte. Wir mußten uns geradezu durch die den Platz dicht besetzenden Trauernden durchdrängen. Lautlos kamen immer neue Beter — alles ohne Lederschuhe, nur in Filz- oder Strohschuheu — und bei Laternenschein las man aus den mitgebrachten Andachtsbüchern. Die traurigen Melodien, das gedämpfte Jammern und Schluchzen, alle Besucher von inniger, aufrichtiger Trauer erfüllt, ergreifen jeden Besucher dieser Trauerstätte aufs tiefste. Hell flimmerten die Sterne über unserm Haupte, als würden sie uns zugerufen haben: „Dereinst erglänzt der heilige Bau, an dessen Trümmern Ihr jetzt trauert, von neuem und um vieles — nach des Propheten Jesaia Verheißung - noch herrlicher, als er einstens war." Mit solchen Wünschen schloß auch die uns alle tiefergreifende Andacht. Mitternacht war längst vorüber, als wir uns ans den Heimweg machten; in den Straßen begegneten wir unzähligen Gruppen, die zur Tempelmauer, gleich uns, gingen, „um den Brand des Heiligtums zu beweinen". Betrübt hier lange weilen Israels Kinder heut'. Den Schmerz sie alle teilen In Glaubensinnigkeit, Gedenken fromm der Zeiten, Die langst entschwunden sind, An Zions Herrlichkeiten Mit Weh denkt Greis und Kind. Gedenken auch des Brandes, Der einst gewütet hat Im Herzen unsres Landes, In Gottes heil'ger Stadt. Zweimal verwüstet Feuer „Des Erdballs schönste Zier", Den Ort, der Juda teuer, Bewohnt jetzt wild Getier. Mit Jirmijah drum weinet Im Ab, am neunten Tag. Wo Trauer uns vereinet Und nichts uns trösten mag. — Gefallen sind die Helden, Sie liebten Zion sehr — Betrübt der Welt wir's melden: Tie Thora blieb — nichts mehr. Doch kommt dereinst sie wieder. Die freudenv lle Zeit, Dem Herrn zum Ruhme Lieder Man singt dann weit und breit. Auf heil'ger Erde wohnen In Frieden wir und Ehr' Gott wird inmitten thronen Und ist uns Schutz und Wehr. Den „Tempel" werden bauen Biel tausend Hände neu, Und Bölker werden schauen. Daß Gott wir blieben treu! Ein Frenndschaftsband umschlinget Tie Menschen alle dann, Ein Jubcllied erklinget, Gott dient dann jedermann. — So gehl es die ganze Nacht und den ganzen Tag, am 9. Ab, bis der große Trauertag vorüber ist und die Sterne von neuem am Himmel sichtbar werden, die unsrem Volke den verheißenen himmlischen Trost verkünden. Ich und mein Freund waren bis gegen Mittag in der Synagoge und begaben uns daun ans das von keinerlei Mauer umzäunte, große Gräberfeld am Fuße des Oelberges, das heute tagsüber von Besuchern dicht gefüllt war. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Was wolle» die 'Ant'feinite»? Von Dr. jur. phil. Leu - Ukra'iny. 128 Seinen, gr. 8". Rostock i. M. E. I. E. Bolckmann 1805. Preis Mk. 3. Antisemit ist ein niodernes Schlagwort, über dessen Bedeutung jeder Gebildete sich vollinhaltlich klar sein und sich Rechenschaft geben sollte. Der gelehrte Verfasser hat die Titelfrage vom ökonomischen, religiösen, historischen und staatsrechtlichen Gesichtspunkte aus in glänzender, allgemein verständlicher Diktion zu erörtern verstanden. Es ist erfreulich, wenn sich immer mehr vorurteilslose und kenntnisreiche Leute christlichen Glaubens und nichtjüdischer Herkunft in die Phalanx derer einreihen, welche in Wort und Schrift Front gegen den Antisemitismus machen, seine Natur und bewegenden Kräfte wissenschaftlich untersuchen und aufklären, das Verwerfliche seiner Agitation und das Verleumderische seiner Angriffe gegen die Juden an der Hand eines einwandfreien Beweismateriales kennzeichnen. Die schneidige Feder Ukraüiys hat sich nicht nur auf die Abwehr des Antisemitismus beschränkt, sie ist zum scharfen Angriff übergegangen und zeigt, daß die meisten der ungerechten Anschuldigungen, welche aus dem antisemitrschen Lager gegen die Juden erhoben werden, gerade nach nichtjüdischer eite hin mit größerer Berechtigung geltend gemacht werden müffen. Une religion rationelle et laigue. La religim du XX° siech. L o u i s - G e r m a i n L ö v y, dtabbiu de Dijon. Im verflossenen Sommer hat mich ein Ferialkurs für Ausländer nach dem Hauptorte des Burgunderlandes, nach Dijon, geführt. Es war eben zu jener Zeit, als der Erzbischof dieser Stadt, Mr. Nordez, seine Bußfahrt nach Rom angetr ten hatte, um sich ln freiwilliger und schmerzlicher Demut ans seinen heimatlichen Würden verbannen zu lassen. Nun verbringt er seine alten Tage im Vatikan und wandelt wie ein erlöschender Planet um seinen hohen Herrn und unerbittlichen Richter. Ten Tijonern war der Abschied bon dem arg verunglimpften Priester nicht gar schwer. Ten wenigen, strenggläubigen Katholiken war er nie genehm und die große Zahl der Freldenker und Sozialisten erwärmt sich kaum für die rein kirchlichen Ereignisse. Denn Dijon ist die Stadt der Aufklärung ur des Wortes kühnster Bedeulung, und es war ja jüngst in allen Blättern zu lesen, daß die sozialistischen Väter dieser Stadt den Beschluß faßten, ihre Gaffen nicht mehr nach Heiligen, sondern nach Gelehrten und Künstler zu benennen. In dieses entchristlichte Milieu ist eine kleine Judengemeinde gebettet, die in der Person des jungen Rabbi Louis-Germain Lävy