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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-12-16 · 51 (16.12.1904) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
51 (16.12.1904)
Date
1904-12-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 822 Dr. Vlocb s Wochenschrift. Nr. 51 nicht die Kunst Whistlers. Seine Pferde sind steif, seine Menschenfiguren eckig. — Ueber sein neuerlich eingereihtes Gemälde „Simson und Dalila", das vor zwei Jahren auf der Ausstellung der Berliner „Sezession" so viel Spektakel machte, ist eigentlich nur zu sagen, daß die Akte virtuos gemalt sind. In der Auffassung steht dieses Werk tief unter den früher geschilderten. Wenn man an den figurenreichsten Gemälden stets bewundern muß, wie natürlich, wie „ungestellt", unbeeinflußt durch die Gegenwart des Malers alle Dargestellten erscheinen, so erkennt man an dem letzteren Bilde deutlich, daß der Künstler nach längeren Versuchen seine Modelle gerade in diese Stellung gebracht hat. Die Beziehung zur biblischen Erzählung ist äußerlich aufgezwungen Das Ganze ist wohl auch nur ein gut gemalter Scherz des stets gutgelaunten Künstlers. Bon all den großen Modernen: Millet, Manet, Courbet, Leibl, Trübner rc., mit denen er ja in Auffaffung und Technik vielfach zusammenhangt, ist keiner so spezifisch modern, so nur unserer Zeit angehörend, wie Liebermann. Nur unmerkliche Fäden verbinden ihn mit der Tradition, mit der Vergangenheit; er steht breitbeinig und selbstbewußt in der Gegenwart. Mit zwei Worten läßt sich diese Erscheinung erklären: Er ist Jude, und er ist Berliner. Durch Hunderte von Jahren haben die Juden nicht künstlerisch produktiv werden dürfen, nicht können. Sie waren wie alte Leute, die, ins „Ausgeding" verstoßen, dem Treiben der Jugend skeptisch, kopfschüttelnd zusehen. Mythisches Zeitalter, Heroenzeit, politische Kämpfe und Staatenbildung — das alles hatten sie einstmals selbst mitgemacht und künstlerisch verarbeitet, im Exil noch hatten sie an der hohen geistigen Entwicklung der alexandrinischen Griechen und Römer teilgenommen und in Christus der Welt des zerfallenen Heidentums einen in die ferne Zukunft und ins Jenseits weisenden Führer gegeben. Was nachher kam: Barbarenkämpfe, neue Staatenbildungen, Kreuzzüge, Kirchenbau, Renaissance, das alles waren Entwicklungsstufen, in die sie nicht eintreten wollten und konnten. So versperrten sie sich in ihre alten Lehren und Legenden und bildeten ein fremdes, oft angefeindetes und feindliches Element, das sich im Wechsel stets gleich blieb. Erst in der Zeit eines Tolstoi, Nietzsche, Stirner war ein ..Ausgleich" möglich. — Wie Liebermann in Weimar, Paris, München, Holland sich allmählich zu dem großen, führenden Künstler entwickelte, aber von Anfang an instinktiv auf das Richtige losging, das kann man heute in so und so vielen Büchern und Zeitschriften Nachlesen. Cs gibt eine ganze Liebermann-Literatur, und es ist vielleicht manchem Leser angenehm, wenn ich ihn gelegentlich dieser Ausstellung im „Hagenbund" auf die wichtigsten Quellen Hinweise. Die erste eingehende Charakterisierung, die aber heute noch von großem Werte ist, unternahm. Hermann Helferich in der „Kunst für Alle" (II. Jahrgang, Heft 14 und 15, 1887). Jene prachtvolle Stelle, in der der Autor die Grundstimmung der Liebermann'schen Kunst schildert, mag weiter unten angeführt werden. Mnther hat dann in seiner „Geschichte der Malerei im 19. Jahrhundert", III. Band, Seite 421 ff, des Künstlers Bedeutung im Zusammenhang der Kunstentwicklung, in ihrer Stellung zu Millet einerseits und zu Menzel andererseits gekennzeichnet und besonders das Monumentale in Liebermann's Werken hervorgehoben. Im Jahre 1900 erschien dann ungefähr gleichzeitig die gute Monographie Rosenhagens (bei Velhagen u. Klasing), die fast alle Werke in Abbildungen enthält, und die interessante Darstellung Gurlitts in seinem zu wenig gelesenen Werk „Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts" (Berlin, G.Bondi; Kapitel „Das Streben nach Wahrheit", S. 541). Endlich sei auf die überaus geistvolle Charakterisierung Liebermanns durch den ihm persönlich seit Jahren nahestehenden Meier-Graefe in dessen kürzlich erschienener „Entwicklungsgeschichte der modernen Kunst" hingewiesen. Helferich schildert das Wesen Liebermanns und verwandter Künstler in dem genannten Aufsatz: „Ihre Empfänglichkeit reizt die Monotonie des Flachlandes mit niedrigen einzeln stehenden Häusern, gedrückten Menschen, die in die Landstraße gemischt sind, Pfützen darin, die des Himmels Glanz schmutzig spiegeln. Wegen, die wie eine Schnur hindurchführen, in der Ferne sich verlierend, im Dunkel, im Ungewissen, vag, trübe, trostlos, unendlich ... Fern haben die Künstler sich gestellt den Wohnungen der Reichen und fern ihren Anschauungen, fern ihren Tapeten und fern der Möglichkeit, die Erzeugnisse ihrer Produktion jemals au den Wänden der Reichen aufgehängt zu sehen, es sei denn, daß diese Reichen nachgäben und dem neuen Geschmack sich unterwürfen und daß sie häßlichen und tristen Farben sich anbequemten, sie, die bisher nur angenehme und süße hatten gelten lassen. Was ist es aber nun — ist zu fragen — daß diese Etienne- und Suwarin-Typen (es war vorher von Zola's „Germinal" die Rede) und diese Künstler der neuen Epoche an Gemeinsamem haben? — Ueber sie gebreitet hat sich das Naturgefühl von trostlos Trostsuchenden. Die Götterlosigkeit ihrer Zett, die sie am schärfsten formulierten, die sie klar erkannten und mit dem Verstände vertreten, vermögen sie noch nicht zu ertragen. Ein Heimweh nach Früherem drückt sie nieder, nach den paradiesischen Epochen kindlicher und einfacher Zustände. Eine immense Traurigkeit hat sie überfallen, belastet sie. Sie stehen schwärmerisch auf Seiten der Armen und Elenden, gleich als ob die besser wären. Und wie die Armen malerischer find in ihren Lumpen, sehen jene etwas, das einem Ersatz gleichkommt für die entschwundenen Götter. Bei all ihrer Moderuttät stellen sie einen Anachronismus dar: sie sind wiedererstandene Mystiker. Wenn irgend wer, sind sie die Mystiker unseres Jahrhunderts; der kleinste Winkel, der kleinste Gegenstand gibt ihnen die Inspiration. Sie sind berauscht von der Schöpfung. Ein Trunkensein von dem All, eine anbetende Religiosität vor der Mutter Natur in ihren einfachsten Offenbarungen." Ueber das zweite Element des Liebermann'schen Wesens, sein Berlinertum, ist es interessant, einen Reichsdeutschen zu vernehmen, Meier-Graefe. „Liebermann symbolisiert Berlin. Das hat scheinbar so wenig mit seiner Malerei zu tun, wie daß er im Berliner Jargon spricht. Aber es ist nichtsdestoweniger das Treffendste, was man von ihm sagen kann, wenn man sich nicht lediglich an seine Rüben halten will. Nicht das Wesen Hollands hat er gemalt, wie Jan Beth bewundernd hervorhebt — was interessiert uns die holländische Seele! — sondern Berlin, das Berlin, das noch keine Tradition, kaum eine Gegend hat, das mit seinen Kaiser, seinen Soldaten und seiner vielverschiedenen Bürgerschaft aus allen Ländern des Reiches ein formloser Körper erscheint und doch mächtig emporstrebt, von nichts als seiner Energie gehalten, einem wüsten Lebenstrieb, der nicht totzuschlagen ist und der jetzt anfängt, sich eine Sprache zu suchen. — Die Anschauung dieses Körpers, wie er einmal sein wird, gibt Liebermann. Er prägt den Reiz, den man schon heute unklar in Berlin ahnt, das Wohltuende eines Sachlichen, das sich eines Tages auch ohne Gardeschnarren, ohne freche Witze, ja unerhörterweise mit Grazie ausdrücken wird. — Die Generation der Königin Luise würde vor Schreck erstarren vor dieser Wüste von Unschönbeit. Noch heute wundert sich der Pariser und Wiener über unsere abnorme Häßlichkeit. Sie hat etwas Drastisches, die Leute ärgern sich darüber. Wir haben getan, was uns zu tun allein übrig blieb: unsere Häßlichkeit zu organisieren, und wenn sie den änderen Sterblichen noch nicht gerade die Seele erhebt: sie beginnt ihnen zu imponieren." Korrespondenzen. Aus der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom LI. Dezember 1904 unter dem Vorsitze des Präsidenten Herrn Dr. Alsred Stern. Beginn der Sitzung 10 Uhr Vormittags Im Präsidialberichte gibt der Vorsitzende das Ergebnis der am 27. November und 9. Dezember 1904 stattgehabten Wahlen in den Kultusvorstand und der Vertrauensmänner bekannt. - - - Die Agnoszierung derselben und die offizielle Verlautbarung wird nach Ablauf der statutarisch vorgeschriebenen Frist erfolgen. Wie alljährlich fand am 3. Dezember d. I. in der Versorgungsanstalt eine Chanukafeier statt, welche unter Beteiligung von Vorstands- und Gemeindemitgliedern einen würdigen Verlauf nahm. In Angelegenheit der Schaffung von Notausgängen im Leopoldstädter Tempel bringt der Präsident ein Schreiben des mit diesen Arbeiten betrauten Architekten Herrn Oskar Marmorek vom 18. November 1904 zur Verlesung, des Inhaltes, daß er (Marmorek) aus den Arbeiten für den Kultusvorstand Verdienst zu ziehen nicht gewillt sei, sondern sich nur darauf beschränken werde, am Schluffe der Arbeiten seine Barauslagen und Selbstkosten zu verrechnen. Wird mit Dank zur Kenntnis genommen. Aus der im Jahre 1901 gegründeten „Historischen Vorkommission" sind im Laufe der Zeit die Herren Abraham Epstein, Professor Dr. Adolf Büchler und Rektor Dr. Ad. Schwarz ausgetreten; wiederholte Bemühungen, die Herren von ihrem Entschlüsse abzubringen, blieben erfolglos. Die „Historische Vorkommission" schlägt zur Ergänzung die Berufung der Herren Markus Landau und Dr. Max Grunwald als Mitglieder vor. Die Berufungen werden xsr acclamationem beschlossen. Der Präsident gibt bekannt, daß im Jahre 1904 2210 bisher unbesteuerte Personen zur Kultussteuerzahlung herangezogen wurden und erstattet den finanziellen Bericht für die Zeit vom 1. Jänner 1904 bis 30. November 1904. Im Einlaufe werden bekanntgegeben: - Spenden: Legat des Herrn Moritz Ritter von Borkenau sel. A.: Für den Waisenverein.. .L 400.— „ die Armenanstalt.„ 1000. — „ „ Speiseanstalt.. 600.— „ das Taubstummen-Jnstitnt.„ 400.— „ den Mädchen-Unterstützungsverein . . . „ 600. - K 3000.—

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