Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 51 (16.12.1904)
- Date
- 1904-12-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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'Jtr. 51 Dr. Llocb's MocbenscbrM Leite 83 l richtiger, wenn wir in Wien nicht unter Ausnahmszuständen, wie auf einer Insel unter ganz abnormen Verhältnissen lebten. So aber muß auch er ernst genommen werden, und ganz gewiß ist das Waschlappentum der konzilianten Gesinnung um jeden Preis einem Manne gegenüber nicht am Platze, der mit frivoler Leichtherzigkeit einer Bevölkerungsschichte den Fuß auf den Nacken setzt, die so gut Anspruch hätte auf seine Fürsorge, wie irgend eine andere. Der große Bann ist verhängt, eine Art Boxerbewegung verpflanzt an die schöne blaue Donau, in die Stadt „der harmlosen Lebensfreude und der Gemütlichkeit". So lautet ja die traditionelle Legende über Wien. Mit Kanonenkugeln, Gewehrsalven und Scheiterhaufen geht es doch nicht mehr recht, da wirds eben mit dem Aushungern versucht. Die Absicht ist recht löblich, aber schließlich — das Judentum wird auch den Doktor Lueger überdauern, und es kann — die Brandrede in allen ihr gebührenden Ehren — von sich sagen: et quondam majora tuli. Es hat schon Größeres ertragen und überdauert. Die Solidarität des Christentums wird aufgeboten, wie zur Zeit der Kreuzzüge wider das Heidentum, und wir sind zur Zeit durchaus nicht sicher, daß sich das ungeheuerliche Schauspiel des endemischen und epidemischen Wahnsinns nicht doch wiederholen kann, aber trotz aller krankhafter Erscheinungen und Hemmungen müssen sich die großen geschichtlichen Prozesse vollziehen, und die Akten in diesem Prozesse stehen nicht günstig für die grausamen Feinde des Judentums. Diese können und werden es zu Stande bringen, noch ein paar Dutzend oder ein paar hundert Juden mit Weib und Kind noch unglücklicher zu machen, als sie es so schon sind, sie noch mehr zu bedrücken, zu peinigen, als sie es bisher schon waren, sie ganz ins Elend zu jagen und zur Verzweiflung zu treiben, das wird aber auch ihr ganzer Triumph sein. Dem Judentum selbst können sie ebensowenig zu Leibe, wie sie es vermögen, das Licht der Freiheit und der Menschlichkeit auf die Dauer mit schwarzen Kutten zu verhängen und die treibenden Ideen der Aufklärung aus der Welt zu tilgen. Bei dem tückischen Boykottversuch ist Eines doch nicht bedacht worden — die natürliche Konfiguration unseres modernen Gesellschaftslebens. Die schönsten Rachegedanken Dr. Lueger's werden ihm insolange nichts nützen, als die Juden nicht aufhören werden, auf allen Tätigkeitsgebieten Tüchtiges zu leisten. Man hat auch bisher nicht von Juden gekauft oder von ihnen arbeiten lassen um ihrer schönen' Augen willen, sondern weil der Käufer oder der Besteller bei ihnen seine Rechnung gefunden hat. Der Jude ist nur dazu verurteilt, mehr leisten, Besseres bieten und größere Hindernisse überwinden zu müssen, um zu demselben materiellen Ergebnis zu gelangen, wie sein nichtjüdischer Mitbewerber, aber das ist er seit Langem schon gewohnt. So wird es auch in der Folge sein und daran wird auch der große Menschenfreund Dr. Lueger nichts ändern. Und wie haben sich die Vertreter des Freisinns verhalten dem frivolen Attentate gegenüber auf die vielberufene, staatsgrundsetzlich gewährleistete Gleichheit, die sich auf dem Papiere so wunderschön ausnimmt? Sie wünschen eine bessere Dotation für den armen Bürgermeister! In Gottesnamen denn! Darauf kommt es wahrhaftig nicht an, und ein Bürgermeister von Wien soll anständig bezahlt sein, aber im gegebenen Moment war es doch in aller Welt wichtiger, statt von der anständigen B ezahlung von der anständigen Behandlung zu reden, auf welche ein ansehnlicher Bruchteil der Wiener Bevölkerung vollberechtigten Anspruch hat. Schüchtern wird von liberaler Seite im Gemeinderate auch die Tragödie eiues jüdischen Beamten erwähnt, den sie'nun glücklich ins Grab gebettet haben, nachdem sie ihm ein ganzes Leben vergällt und verbittert haben durch fortgesetzte Zurücksetzung und Ungerechtigkeit, bloß weil er ein Jude war. Damit ward einer Pflicht kühl Genüge geleistet, aber für die Masten, gegen welche nun zur Ungerechtigkeit im großen Stile aufgefordert wurde, hatte keiner von ihnen ein Herz. Mae Keberrnarm. Ueber die Liebermann-Ausstellung im Hagenbund schreibt Herr Dr. Ludw. Abeles in der „Morgenzeitung": Für alle Freunde des „Hagenbundes" ist diese Ausstellung ein erfreuliches Sympton. An einem dünnen Faden hing das Vernichtungsschwert über dem Hause Der Bund, der so viele sympathische Talente umschließt und dessen Progranim den heimatlichen Bedürfnissen zu entsprechen schien, vermochte das Interesse des Publikums nicht dauernd zu fesseln, und ein zweites Jahr wie das letztvergangene hätte er wohl kaum überleben können. Die freiwillige Beschränkung auf österreichische Leistungen, auf „Heimatkunst", war in unserer international empfindenden Zeit verhängnisvoll, umsomehr, da unter den Bundesmitgliedern gerade einige der markantesten Heimatkünstler, Klimt, Moll, Engelhart, fehlen, durch die erste Sezeision vorweggenommen waren. Würden alle bedeutenderen Künstler Oesterreichs zu einem Bunde zusammentreten, dann vielleicht könnten sie dem eindringenden Auslande die Stirn bieten, könnten zeigen, daß wir in Wien durchaus nicht rückständig sind. Eine derartige „Wiener Ausstellung" einmal in Berlin oder München zu veranstalten, würde schon der Mühe lohnen. Aber außer der erforderlichen Mühe würde eine solche Veranstaltung auch Einigkeit voranssetzen, und an dieser mangelt es in den österreichischen Kunstkreisen, ebenso wie in den österreichischen Erblanden. Wer, wie ich, an einem umfassenden Werk über österreichische Kunst arbeitet, der hat unter diesem einheimischen Erbübel schwer zu leiden. In der alten „Hagen-Gesellschaft", die in den Neunziger-Jahren beim „Blauen Freihaus" des Gastwirtes Hangen und im Cafe Sperl zusammenkam, waren ja die heute widerstrebenden Elemente harmonisch vereint, in Ernst und Spaß zusammenwirkend. Die Fidel ist entzwei, an der ist nichts zu halten. Nun möge jeder „sehen, wo er bleibe, und wer steht, daß er nicht falle!" — Der „Hagenbund" hat, als ihm das Wasser schon bis zum Munde reichte, nach einem ausländischen Balken gegriffen; der ist ans recht festem Holze geschnitten und so dürste der Ertrinkende bald festen Boden unter den Füßen haben. Um jedoch unbildlich über diese Bilderangelegenheiten zu reden: Es war ein kluger Gedanke, Liebermann kollektiv auszustellen. Zwar kennt man ihn hier bereits; die Sezession hat vor zirka vier Jahren mehrere seiner Gemälde ausgestellt und im Kunstsalon Pisko gab es auch eine ziemlich große Auswahl. Aber diese hier ist bester, vereinigt mehr charakteristische Werke und ist vorteilhafter gehängt. Und dann: Liebermann ist ein ganzes Kapitel der Kunstgeschichte, er ist wie ein hoher Baum in weiter Ebene, richtunggebend für Wanderer. Ueber die „Häßlichkeit" der Liebermann'schen Bilder hat man denn auch anfangs weidlich geschimpft. Einen „Rhyparographen", einen „Apostel der Häßlichkeit" nannte man ihn. Aber dennoch fanden seine Werke Käustr. Von den im „Hagenbund" ausgestellten Gemälden sind der „Kartoffelacker", die ..Bleiche", die „Schusterwerkstatt" und die „Flachsscheuer in Laren" (die zwei letzteren ans dem Besitze der Berliner Nationalgalerie), dann der „Biergarten", der „Reiter am Strande" und endlich das vielumstrittene „Sinison und Dalila" markante Punkte des Entwicklungsweges. Wenn das erstgenannte noch die schwärzlichen Töne von Munkacsys Farbenmischung zeigt, so konnte über das 1861 entstandene Bild „Die Schusterwerkstatt" bereits von dem Pariser Kunstkritiker Hochede das schmeichelhafte Urteil gefällt werden: „Wenn Sie die Geheimnisse des Freilichtes gefunden haben, mein lieber Manet, Herr Liebermann versteht das Licht im Raume zu belauschen. Um sein kleines Bild zu besitzen, würde ich gern fünfhundert Quadratmeter Malerei im Salon hingeben." In dem 1883 entstandenen Bild „Die Bleiche" ist das Sonnenlicht, das über Laub, Wiese, Wäsche sich breitet, mit dem feinsten Gefühl wiedergegeben. Es bildete sich allmählich ein Schema der Anordnung heraus, das Liebermann für die Darstellung der Lichtwirkungen am geeignetsten schien. „Dies Schema erscheint als ein System, um die Lichtquellen, mit denen L. rechnete, zu kanalisieren. Wie Kanäle wirken die schönen Bilder um das Jahr 1880. Er nahm mit Vorliebe tiefe Laubgänge, wie in dem „Altmänperhaus", oder in dem „Hof des Waisenhauses in Amsterdam", wo die Sonne durch das Blattwerk auf eine Reihe von Männern, beziehungsweise Mädchen fällt, oder er setzte in den Schulbildern einen Haufen Kinder, in den „Konfituremacherinnen" einen Haufen Mädchen im geschlossenen Raum zu demselben Zweck zusammen. In der „Flachsscheuer" treibt er das Schema am weitesten; auf den Bänken, d>'N vier Fenstern des langen Raumes entlang, sitzen die arbeitenden Kinder, unzählige Rücken und Köpfe. Ueber sie hinweg laufen wie Sonnenfäden vom Fenster ins Innere die Flachsfäden, parallel mit den Balken der Decke und werden von den Frauen in ganzer Figur gehalten, die die Hauptfläche bewegen. Alle diese Männer, Frauen, Mädchen und Kinder auf den verschiedenen Bildern sind Gefäße für Licht und Farbe, so hingestellt, um den Reichtum, der in das Bild soll, gemächlich aufzufangen und zu verteilen. Sie empfangen das Licht aus den Lauböffnungen, aus der Tür, den F nstern und geben ihrerseits die Farben und Töne, die aus dieser Verwendung ihrer Kleider, ihrer Hände, ihrer Gesichter entstehen." So charakterisiert Meier-Graefe in treffender Weise die Malweise Liebermanns. In den Skizzen, deren ja auch zahlreiche ausgestellt find, zeigt sich Liebermanns Fähigkeit, Momentbilder zu geben, die Bewegung, die Färbung, die Stimmung des Augenblickes rasch festzuhalten. Doch erreicht er an Feinheit der Abtönung, etwa in den Pastcll.n, L’cm r.rrm