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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-01-15 · 3 (15.1.1904) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
3 (15.1.1904)
Date
1904-01-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 88 Dr. Llocb's MocbenscbrLtt. Nr. s Zeichen an ihrer Kleidung kenntlich gemacht werden sollen. Auf der Ofner Synode des Jahres 1279 wurde festgesetzt, daß alle Indes beiderlei Geschlechts auf der linken Seite, des Oberkleides einen roten Tuchring tragen müssen; wer dagegen verstößt, mit dem darf kein CHM ein Geschäft abschließen, er darf ihm weder Wasser noch Feuer geben. Im Jahre 1520 jedoch verständigte der Bischof Paul Vurday die Pozsonyer Bürgerschaft auf die Beschwerbe des Jüdenpräfecten Mendel, daß man die dortigen Juden zum Tragen des sogenannten Judenmantels (ein rother Mantel mit einem gelben Fleck) zwinge, daß die Juden in ganz Ungarn davon enthoben seien. (17. December 1520.) Aber auch ihres Besitzes waren die Juden nicht sicher. Königin Elisabeth, die Witwe des Königs Albert, richtet zum Beispiel an die Soproner Stadtbehörde den Auftrag, daß man jenen Christen, deren Häuser aus Befestigungsgründen nicdergeMen wurden, als Entschädigung sämmtliche Häuser der Soproner Juden übergeben solle. (8. December 1440.) Wenn der Haß so stets genährt, der Ungerechtigkeit und WMÜr gesetzliche Kraft verliehen, die Verachtung unaufhörlich gefördert wurde, dann konnte es nicht ausbleiben, daß es gewissenlosen Verhetzern leicht wurde, den Zorn des Volkes durch böswillig erfundene Anklagen, durch grundlose Beschuldigungen zu steigern. Man operirte auch in Ungarn mit dem albernen Blutmärchen; zur Steuer der Wahrheit fei es jedoch bemerkt, daß es keine rein ungarische Gegend war, wo die Blutbeschuldigung erhoben wurde. Allein es hat niemals an Männern ohne alle Voreingenommenheit gefehlt, zumal untere den nationalen Königen gab es mehrere, welche die Befchützung der Juden als ein Landesinteresse erkannten. Für all diese mit wenigen Strichen gezeichneten Verhältnisse bietet unser Urkundenbuch reichen Stoff und sichere Belege. Wir wünschen ihm viele Leser und daß sich ihm recht bald der zweite Band zugeselle, der uns den Weg durch die Finsterniß zum Hellen Tageslicht zeigen wird. Vielleicht gestatten es bis dahin die Verhältnisse, daß sämmtliche Urkunden zur Geschichte der Juden in Ungarn gesammelt und veröffentlicht werden. Ein Unternehmen dieser Art würde auch die Unterstützung von Seite des Staates oder anderer größerer wissenschaftlicher Corporationen verdienen, denn es fördert nicht in allerletzter Reihe die Kenntniß der Culturgeschichte Ungarns. The Jewish Encyclopedia. Wilhelm Goldbaum schreibt über den neuesten Band dieses Werkes im „P. L." unter der Ueberschrist: Glossen und Erinnerungen. Von jedem neuen Bande des monumentalen Werkes empfängt mau neue Anregungen. Mau liest sich durch diese mit reichstem Text und herrlichen Illustrationen angefüllten Bände großen Formats mit ernsten kritischen Absichten durch, und wenn man am Ende ist, stellt man das bereit gehaltene kritische Richtschwert still in die Ecke und zieht es vor, in der Fülle der. Erinnerungen zu schwelgen, welche durch dieLectüre geweckt sind. Ist das ein Lob oder ein Tadel? Gewiß, mit pedantischer Haarspalterei könnte man hier und dort eine kleine Lücke anmerken, einen nebensächlichen Jrrthum berichtigen, und es mag au Leuten nicht fehlen, welche sich vergnügt die Hände reiben, wenn sie ein winziges Pünktchen entdecken, an dem sie mit ihrem vermeintlich Lberleaenen Einsprüche ansetzen können. Daß beispielsweise der Wiener Opernsänger Demuth in die „Jüdische Encyklopädie" geräth, obgleich er keinen Tropfen jüdischen Blutes in seinen Adern HU, und daß dagegen die große Schauspielerin Zerline Gabillon von der jüdischen Wallhalla ausgeschlossen ist, obgleich sie aus der gut jüdischen Familie Würzburg stammte und in Ludwig Hebest einen unvergleichlichen Biographen gefunden hat, ist ja allerdings sonderbar. Und eine Unterlassung ist es gewiß auch, daß in den Literaturnachweisen, die der Biographie des lewer so jung verstorbenen Emanuel Deutsch angefügt sind, die prächtige Charakteristik in Julius Rodenberg's schönen Jugenderinnerungen vermißt wird. Aber was bedeuten solche geringfügige Defecte gegenüber dieser erstaunlichen Universalität, mit welcher das gesummte Geschichts- und Kulturleben des JudenthumS zu allen Zeiten und in allen Regionen dargestellt und beleuchtet wird? Mir wenigstens — und ich denke, Zehntausenden mit mir — ist dieses große encyklopädische Wunderwerk ein ergreifendes persönliches Erlebniß, es setzt mich in bewußten Zusammenhang mit Allem, was den Inhalt, den Geist und die Geschichte des Judenthums seit Jahrtausenden ausmacht, ohne mir die Stätten, an denen ich jung war, oder die Quellen, aus denen ich auf deutschem Boden mein bürgerliches Zugehörigkeitsgefühl zu meinem Geburtslande schöpfte, zu entftemden. Das aber ist die große Sache. Jeder neue Band dieser „Juden- Encyklopädie" erinnert an die hübsche Geschichte von Themistokles und Ephialtes. Der greise Ephialtes begegnet in Athen den jungen, kühnen Neuerer Themistokles aus der Gasse und erhebt in seinem konservativen Zorn den Stock gegen ihn. Der Jüngere hält still und sagt nur: „Schlag' zu, aber höre!" Aus der Jewish Encyclopedia spricht das Judenthum zu seinen offenen und geheimen Widersachern: Schlag' zu, aber höre. Und nicht blos zu seinen Widersachern extra muros, sondern auch zu denen intra muros. So, meine ich, kann jeder orthodoxe, moderne und conbertirte Jude, aber auch jeder Antisemit, der nicht blos „des Fanatismus rauher Henkersknecht" sein will, Nutzbringendes aus dieser Encyklopädie erfahren. Das Judenthum ist eine große, unzerstörbare Völkerbrücke seit Tausenden von Jahren; auf dieser Lölkerbrücke ist die Weltgeschichte leuchtend, aber auch stampfend hin iuid her gewandert. Die Weltgeschichte und das Wissen der Welt, das so unendlich heilbringend sein kann und zugleich so unendlich grausam. Moses, Christus, Aristoteles, Spinoza, Mendelssohn. Das Judenthum ist eine Welt voll Heroismus und Demuth, voll Licht und Finsterniß. voll Freude und Qual. Eine Welt für sich und eine Welt für die Anderen. Es hat sogar noch im achtzehnten Jahrhundert seinen zweiten Uriel Acosta gehabt und das war der ungarische Rabbi Aron Chorin. Alles reicht bis in unsere unmittelbare Erinnerung herein; dem Juden ist, weil die Geschichte seines Stammes zuletzt zu ausschließlich innerer Geschichte sich verdichtete, Alles wie lebendige Gegenwart, vom feurigen Dornbusch bis Montefiore und Emin Pascha. Das ist's auch, warum jeder neue Band der Jewish Encyclopedia sich wie ein Mikrokosmus, wie ein Universum präsentirt, aus dem Jeder für sich Belehrung, aber auch freundliche oder wehmüthige Erinnerung schöpfen kann. In meine früheste Knabenzeit ragt die Gestalt des Rabbi Akiba Eger herein, der, ein Ungar von MeMt, aus Eisenstadt war und als Lehrhaupt in Posen starb. Der ^Mfte Band der Jewish Encyclopedia enthält sein Bildniß und eine ausgezeichnete Beschreibung seines Lebens. Als ich zum ersten Male in meiner kleinen Heimatsstadt seinen Namen hörte, war er wohl schon seit mehr als anderthalb Jahrzehnten ein Gestorbener; aber Ehrfurcht umgab sei» Andenken, das fast schon Legende war. Ein kleiner, schwächlicher, runzliger Mann, aber ein Genie der Lehre und ein Held gütigen Menschenthums. Die Cholera hält zum ersten Male ihren Einzug in Europa; sie kommt von der asiatischen Steppe und ihr schauerlicher Weg führt über Posen. Man sieht plötzlich nur Leichenzüge auf den Gassen, vermummt gleiten die Aerzte wie Gespenster zwischen KtänkenlägetU hin und her. Auch den commandirenden General v. Grolmann sucht der schreckliche astatische Gast heim und legt sich zu ihm auf den Pfühl. Der General vertraut nur noch auf das Gebet des Rabbi Akiba Eger; zu diesem eilt ein Adjutant, um ihn zu beschwören, daß er für die Rettung des Generals ein Gebet verrichte. Nach dem Gebete weicht die Krankheit von dem General. Das Volk glaubt an ein Wunder. Zwischen dem General und dem Rabbi ist fortan unverbrüchliche Feundschaft, bis der Rabbi nach etlichen Jahren stirbt. Da schreitet der General mit seinen Adjutanten leidtragend hinter dem Leichenwagen, der die sterblichen Ueberreste des Rabbi zum Friedhof führt. Und noch eine andere ergreifende Geschichte erzählt man sich in meiner kleinen Heimatsgemeinde. Es ist der Vorabend des Versöhnungstages; Alles ist in der Synagoge zum Gottesdienst versammelt. Aber der Gottesdienst kann nicht beginnen, denn Rabbi Akiba läßt auf sich warten. Es vergehen Stunden, da finden ihn Leute, die ausgeschickt sind, ihn zu suchen, in einer entfernten Gasse am Krankenlager eines armen Hausirers. Und er antwortet auf ihre Fragen: „Ich habe gewußt, daß Alles in der Synagoge sein und der Kranke hilflos allein bleiben würde. Darum bin ich zu ihm gegangen, um bei ihm zu sein, denn Krankenpflege ist wichtiger als Gebet." Und während ich, solchen Erinnerungen hingegeben, weiter blättere in diesem fünften Bande der Jewish Encyclopedia, stoße ich ans Biographie und Bildniß des Rabbi Elija von Wilna, des „Wilner Gaon". Abermals umschweben mich Gedanken an meine Knabenzeit. Schon weit mehr als ein halbes Jahrhundert ist verflossen seit dem Tode des „Wilner Gaon", aber in der Talmudschule wirkt er noch fort wie ein Lebender. Ein Zauberer, ein Asket, in der Kabbala heimisch wie im Talmud. Und ein Feind der Chassidim, über die er den Bann verhängt. „Die Thora, nicht der Talmud", sagt er, „ist das wahre Leben des Judenthums", und dieser Grundsatz macht ihn zu einem der ältesten jüdischen Bibelkritiker. Die osteuropäischen Juden verehren ihn als Heiligen, zu den westeuropäischen dringt sein Ruhm und seine Lehre. Weiter blättere ich und aus einem Bildniß blickt mich ein unvergessenes Antlitz an. Das Antlitz Abraham Geiger's. Das heimische Leih Hamidrasch (Lehrhaus) liegt hinter mir; es ist abgelöst durch des katholische Mathias-Gymnasium in Breslau. Ich darf allwöchentlich an einem bestimmten Tage am Tische Geiger's als Mittagsgast, sagen wir als „Plettesser" sitzen/- Welcher Contrast! Daheim — nur zehn Meilen von Breslau — gilt Geiger bei den Orthodoxen als „Abgefallener"; sie wissen von dem großen Prediger und Gelehrten, nichts von seiner epochemachenden „Urschrift der Bibel" und seiner Preisschrist über Mohammed; sie wissen nur, daß er der Reformer des Judenthums ist, der Feind des Cheders und

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